Kino

Deutsches Kinohalbjahr: Die Lücke schließt sich (nur) langsam

Immerhin drei Neustarts des zweiten Quartals brachten es noch vor Ende des Halbjahres auf mehr als zwei Millionen Kinobesucher in Deutschland. Der prozentuale Abstand, den der Gesamtmarkt zu den Vergleichszahlen aus 2019 aufweist, ist aber weiterhin hoch - auch wenn er in den vergangenen drei Monaten verringert werden konnte.

04.07.2022 15:32 • von Marc Mensch
"Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse" ist der erfolgreichste Neustart des ersten Kinohalbjahres (Bild: Warner)

Das erste Kinohalbjahr endete in Deutschland mit einem weiteren Hitzewochenende - und erneut mit Gesamtzahlen, die nicht wirklich zum Jubeln animierten. Zwar kann sich das Debüt von Minions - Auf der Suche nach dem Mini-Boss" unter den gegebenen Umständen mehr als nur sehen lassen, schließlich war es der fünftbeste Start des Jahres und der mit Abstand stärkste Start eines Animationsfilms während der Pandemie. Aber die Zahlen aus den USA lassen doch etwas wehmütig über den großen Teich blicken, wo sich das Sequel anschickt, einen neuen Rekord für das verlängerte Wochenende des Unabhängigkeitstages aufzustellen. Auch in mehreren anderen Märkten war das Animationshighlight für All-Time-Rekorde gut.

Vor allem aber stand "Minions - Auf der Suche nach dem Mini-Boss" unter den Neustarts sehr, sehr alleine auf weiter Flur. Selbst die beiden "erfolgreichsten" unter den weiteren Neulingen (Der Beste Film aller Zeiten" und Wie im echten Leben") brachten es nur auf mittlere vierstellige Besucherzahlen; für sechs weitere Debütanten zählte Comscore nur dreistellige, für den letzten Eintrag in der "Top 10 - New Releases" nur zweistellige Besucherzahlen.

Da konnte auch die Tatsache nicht helfen, dass sich diverse Toptitel erfreulich gut hielten: "The Black Phone" baute gerade einmal um rund neun Prozent ab, bei dem seit Start sensationell stabilen Top Gun Maverick" waren es auch am sechsten Wochenende nur 15 Prozent und "Elvis" gab - leider nach enttäuschendem Start - nur 20 Prozent seiner Besuche ab. Auch die rund 27 Prozent von Die Geschichte der Menschheit - Leicht gekürzt" oder die 30 Prozent von Jurassic World: Ein neues Zeitalter" markieren eine solide Entwicklung, tatsächlich liegt der Dino-Kracher nur um etwa 200.000 Besuchern hinter dem Resultat des direkten Vorgängers nach gleicher Auswertungslänge. Klar von den Minions verdrängt wurde indes Lightyear", der nach schwachem Start nicht an Höhe gewinnen konnte und der an seinem dritten Auswertungswochenende rund zwei Drittel seiner Besucher abgab. Allerdings entspricht dieser Drop einer weltweit schlechten Performance. Nur in den USA (auf die über 56 Prozent des globalen Boxoffice für den Film entfallen) konnte er mit über 100 Mio. Dollar zumindest ein wenig zünden. Nicht unerwähnt bleiben sollen natürlich die gut 26 Prozent, um die Massive Talent" auf Rang 8 zulegte - und die knapp 60 Prozent, die Doctor Strange in the Multiverse of Madness" (der mittlerweile bei Disney+ abrufbar ist) nachgab.

Unter dem Strich sah das letzte Halbjahreswochenende zwar wieder mehr als eine Million Kinobesucher, zu einem "mittleren Wochenende" fehlten aber dennoch rund 36 Prozent - nicht unbedingt das Resultat, das man sich für ein Wochenende mit einem Top-Start wie dem Minions"-Sequel erhoffen würde. Besonders düster sah die Bilanz übrigens in den Stadtstaaten aus. In Berlin, Bremen und Hamburg fiel der Abstand zum schlechtesten Vor-Pandemie-Wochenende am geringsten aus, Schlusslicht war dabei klar die Hauptstadt. Durchaus ein Fingerzeig dahingehend, dass die hohen Corona-Inzidenzen massiv auf die Kinolust in Deutschland drücken.

Wo aber steht der deutsche Markt nun nach sechs Monaten? Kurz gesagt: Nicht dort, wo man es nach den starken Zahlen aus dem Herbst 2021 hätte hoffen mögen. Laut der FilmSource-Auswertung von Comscore (die sich ohne Berücksichtigung von Previews versteht), wurden im laufenden Jahr bis einschließlich 3. Juli gut 31,8 Mio. Tickets verkauft. Gegenüber den (ebenfalls Preview-losen) rund 51,2 Mio. Besuchern aus 2019 klafft eine Lücke von rund 38 Prozent. Kleiner Trost: Beim Umsatz sind es "nur" knapp 33,5 Prozent; hier stehen 295,7 Mio. Euro aus dem laufenden Jahr rund 444,4 Mio. Euro aus dem ersten Halbjahr 2019 gegenüber. Immerhin aber konnte der Abstand, der nach Comscore-Zählung noch im ersten Quartal zu den Vergleichszahlen aus 2019 klaffte (satte 47 Prozent!) um knapp zehn Prozentpunkte verringert werden.

Während der Vergleich mit 2021 kaum von Belang ist, da im vergangenen Jahr nahezu alle Kinos über die ersten sechs Monate hinweg geschlossen waren, stellt man beim Blick auf 2020 fest, dass die aktuellen Halbjahresbesuche nur um rund 31 Prozent höher liegen - obwohl die Kinos Mitte März 2020 erst einmal in den Lockdown geschickt worden waren. Zwar waren Kinoöffnungen 2020 in den allermeisten Bundesländern nicht erst unmittelbar zum Halbjahreswechsel wieder möglich (Ausnahmen waren Niedersachsen und Berlin), aber abgesehen von den strikten Restriktionen, denen der Spielbetrieb dann unterlag, entschied sich das Gros der Betreiber ohnehin für die Öffnung (erst) Anfang Juli. Mit anderen Worten: Sechs Monate aus 2022 vergleichen sich im Prinzip mit zweieinhalb Monaten aus 2020 - was die 31 Prozent nicht gerade gut aussehen lässt, auch wenn man selbstverständlich bedenken muss, dass der relevante Zeitraum aus dem ersten Pandemiejahr noch ein reguläres Marktumfeld umfasste.

Von einer Filmschwemme konnte - zumindest verglichen mit dem letzten Jahr vor der Pandemie - in den vergangenen sechs Monaten übrigens nicht gerade die Rede sein. Inklusive des vergangenen Wochenendes zählte Comscore im laufenden Jahr 376 Neustarts, knapp 20 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2019 (466 Neustarts).

Eine erste "offizielle" Auswertung des Kino-Halbjahres ist für Ende der Woche zu erwarten, denn bekanntermaßen läuft die an vollen Spielwochen orientierte Comscore-Auswertung noch bis einschließlich Mittwoch. Worauf man sich aber einstellen muss, ist ein Marktanteil deutscher Produktionen, der gegenüber dem ersten Quartal - als mit Wunderschön" noch der bislang einzige Besuchermillionär unter den deutschen Neustarts 2022 angelaufen war - sogar noch gesunken sein könnte.

Zur Erinnerung: Im ersten Quartal belief sich der deutsche Marktanteil nach Comscore-Zählung bereits auf schwache 16,4 Prozent nach Besuchern - auch aufgrund mangelnden Angebots. Dass seitens der FFA (die keine Quartalsbilanz vorlegt und deren Halbjahresbilanz frühestens in einigen Wochen zu erwarten ist) in einzelnen Präsentationen ein stark nach oben abweichender Wert genannt wurde, liegt an deren Berücksichtigung minoritär deutscher Koproduktionen. So dürften Filme wie Matrix Resurrections" und Uncharted", die von Comscore nicht beim deutschen Marktanteil berücksichtigt werden, Teil der FFA-Zählung gewesen sein.

So bleibt "Wunderschön" auch zum Ende des ersten Halbjahres der mit weitem Abstand erfolgreichste deutsche Neustart in den hiesigen Kinos, zugleich stellt Warner auch den insgesamt stärksten Debütanten des bisherigen Jahres: Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse" steht nur rund 80.000 verkaufte Tickets vor der dritten Besuchermillion und damit einer Goldenen Leinwand. Mehr als zwei Mio. Besucher schafften auch "Doctor Strange in the Multiverse of Madness" und "Top Gun Maverick", für den die Goldene Leinwand durchaus denkbar wäre, sollte er so stabil weiterfliegen wie bislang.

Diese drei doppelten Besuchermillionäre (zu denen sich in den kommenden Wochen noch "Jurassic World: Ein neues Zeitalter" und "Minions - Auf der Suche nach dem Mini-Boss" gesellen sollten), sind übrigens alle im zweiten Quartal gestartet. Was ein weiteres Indiz dafür ist, dass der Anteil von Filmen jenseits der US-Produktionen im zweiten Quartal nicht gerade übermäßig groß ausgefallen ist. Was wiederum ganz der Beobachtung entspricht: Mit dem jüngeren Publikum hat der Markt aktuell die geringsten Probleme...