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Förderpreisgewinner: "Die Geschichte hat ein Eigenleben entwickelt"

Florian Plumeyer und Katharina Woll wurden für das Drehbuch zu ihrem Langfilmdebüt "Alle wollen geliebt werden" beim am Samstag zu Ende gegangenen Filmfest München mit dem Förderpreis Neues Deutsche Kino ausgezeichnet. Wir sprachen mit ihnen über die Bedeutung der Auszeichnung und ihre Pläne.

04.07.2022 12:04 • von Heike Angermaier
Florian Plumeyer und Katharina Woll mit Diana Iljine (Bild: Filmfest München)

Florian Plumeyer und Katharina Woll wurden für das Drehbuch zu ihrem Langfilmdebüt Alle wollen geliebt werden" beim am Samstag zu Ende gegangenen Filmfest München mit dem Förderpreis Neues Deutsche Kino ausgezeichnet. Wir sprachen mit ihnen über die Bedeutung der Auszeichnung und ihre Pläne.

"Alle wollen geliebt werden" ist Ihr Abschlussfilm an der DFFB. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino für das beste Drehbuch? Inwieweit wird der Preis für Ihre Karrieren hilfreich sein?

FLORIAN PLUMEYER: Also ich sehe den Preis erstmal als Kompliment an den Film und hoffe, dass er sein Publikum bekommt, was für einen Kinofilm dieser Größenordnung ja alles andere als selbstverständlich ist. Ich selber habe mich über die Anerkennung meiner Arbeit gefreut, die mit dem Preis ausgedrückt wird, also ganz einfach, dass meine Arbeit wahrgenommen wird. Ob der Preis hilfreich sein wird, fällt mir jetzt, so kurz nach der Verleihung, schwer, vorherzusagen, aber ja, das wäre schön.

KATHARINA WOLL: Ich hoffe erstmal, dass der Preis dem Film hilft, ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, vor allem für den Kinostart im Herbst diesen Jahres und dann hoffe ich natürlich, dass er uns hilft, unsere zukünftigen Projekte zu finanzieren, Förderungen zu bekommen und Unterstützer:innen zu finden.

Was inspirierte Sie zur Geschichte?

FP: Katharina und ich hatten vorher schon einen Kurzfilm zusammengemacht. Ebenfalls eine Familiengeschichte im weiteren Sinn. Daraus hat sich ein thematisches Interesse gegeben, das wir dann in einer längeren Entwicklungsarbeit weitergeführt haben. So eine richtig "unerhörte Geschichte" haben wir im Grunde nicht. Wir sind immer von Figuren ausgegangen.

KW: Für mich stand an erster Stelle, dass ich eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählen wollte, weil es davon im deutschen Kino meiner Meinung nach noch zu wenig gibt. Bei der Entwicklung der Figuren ist dann noch eine Generation dazugekommen und die Geschichte hat ein Eigenleben entwickelt.

Wie sah Ihre Zusammenarbeit beim Drehbuch aus?

FP: Wir führen viele lange Gespräche und formulieren dann aus. Dann sprechen wir wieder, verwerfen und formulieren neu usw. Das ist leider richtig Arbeit. Die Entwicklung machen wir immer zusammen, die szenische Übertragung ist meistens meine Aufgabe.

Was war Ihnen bei den Dialogen besonders wichtig? Sie wirken sehr wahrhaftig.

KW: Florian hat diese tollen, lebendigen Dialoge geschrieben und ich durfte sie dann mit Leben füllen, das hat großen Spaß gemacht.

FP: Wir haben ja einen sehr stark auf unsere Hauptfigur zentrieren Film - weshalb natürlich auch die Besetzung so wichtig war. Mein Anspruch war aber immer, keine der Figuren zu verraten. Klar, manche sind extremer als andere. Aber wenn alle geliebt werden wollen, sollte auch niemand wegen dieser zutiefst menschlichen Bedürftigkeit ausgestellt werden. Ich werde immer vom Verstehenwollen angetrieben.

Haben Sie das Drehbuch für Ihr starkes Ensemble ein bisschen angepasst bzw. auch später während des Drehs?

FP: Katharina hat sich sehr intensiv vor allem mit Anne Ratte-Polle auf den Dreh vorbereitet, Szene für Szene. Dabei haben wir einige Sachen angepasst. Aber am Ende ist beim Buch die Interpretation am wichtigsten. Ein Drehbuch sind ja auch nur circa 90 dürftig bedruckte Seiten mit Text.

KW: Ich hatte den Luxus, dass ich mit Anne und auch allen anderen Darsteller:innen sehr viel proben durfte. Wir haben eigentlich fast jede Szene aus dem Drehbuch angespielt und dabei auch mit dem Text gearbeitet. Beim Dreh selber haben wir gar nicht mehr so viel verändert, weil wir so gut vorbereitet waren. Im Schnitt sind allerdings noch einige Sätze rausgeflogen und die Dialoge haben sich nochmal verdichtet.

Gerade ist das Thema Therapie sehr präsent etwa mit der Serie "In Therapie". Warum ist das so, denken Sie? In ihrem Film steht es nicht im Vordergrund.

FP: Ich kann hier nur mutmaßen. Die therapeutische Arbeit spielt ja tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle in unserem Film. Für uns hat das Milieu zu den neurotischen Anwandlungen unserer Protagonistin Ina gepasst. Der Film ist ja sehr "talky" und die Figuren müssen ihre emotionalen Probleme ständig verbalisieren. Auf eine Art haben sie den Kontakt mit sich selber verloren. Das scheint dann wohl in unsere Zeit zu passen.

KW: Bei uns hat es wie Florian schon sagte, sehr gut zu unserer Hauptfigur gepasst, dass sie auch noch in ihrem Beruf einer Care-Arbeit nachgeht und sich um die Belange ihrer Patient:innen kümmert. Warum die Therapie in Filmen und Serien gerade so präsent ist, kann ich auch nur mutmaßen und denke, dass unsere Generation und Zeit damit weniger Berührungsängste hat und sich das wiederum in Filmen spiegelt.

Wie haben Sie das Projekt auf die Beine gestellt? Sie sind auch Koproduzentin, Frau Woll.

KW: Das Drehbuch des Films hatte eine sehr lange Entwicklungsphase, aber als wir die erste Fassung hatten, ging es dann relativ schnell, den Film zu finanzieren. Wir hatten, da es mein Abschluss an der DFFB ist - die Zusage für die Leuchtstoffförderung von RBB und Medienboard. Kurz darauf ist ZDF Das kleine Fernsehspiel eingestiegen, was für uns ein großer Glücksfall war.

Wie geht es mit Ihrem Film weiter? Was erhoffen Sie sich? Mit Camino haben Sie bereits einen Verleih.

KW: Ich hoffe natürlich, dass wir noch auf einigen deutschen und internationalen Festivals laufen und im Herbst kommt unser Film ins Kino. Da hoffen wir natürlich, dass die Kinos weiter offen sind und die Leute auch bereit sind, ins Kino zu gehen.

Ihr Drehbuch zu Sterben lernen" wird/wurde gerade von Christoph Hochhäusler verfilmt, Herr Plumeyer. Wie kam es dazu?

FP: Im Rahmen meines Drehbuch-Studiums an der DFFB gab es für mich die Möglichkeit für einzelne Projekte, einen eigenen Mentor zu wählen. Gerade Christophs Unter dir die Stadt" war und ist für mich ein wichtiger Film. Deshalb hatte ich ihn damals einfach angefragt, eins meiner ersten Drehbuchprojekte zu betreuen. Daraus ist letztlich eine längere Zusammenarbeit entstanden, die schließlich in "Sterben lernen" gemündet ist. Tatsächlich hatte Christoph den letzten Drehtag am gleichen Samstag, an dem Katharina und ich mit "Alle wollen geliebt werden" in München Premiere hatten. Dass diese Kinoprojekte, an denen ich einige Zeit parallel gearbeitet habe, auf diese Art so nahtlos ineinandergreifen, freut mich sehr.

Wollen Sie, Frau Woll und Herr Plumeyer, wieder zusammenarbeiten? Haben Sie bereits ein neues gemeinsames oder auch eigenes Projekt?

FP: Wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Regie, Drehbuch und auch Produktion ist, wurde ja von der Jury schon bei der Verleihung thematisiert. Gemeinsam mit Markus Kaatsch als Produzent sind wir schon ein eingespieltes Team und wir alle wissen, was wir aneinander haben. Wir arbeiten also schon an neuen Projekten zusammen. Gleichzeitig arbeite ich etwa auch mit dem Regisseur und Autor Lauro Cress zusammen an einer Adaption von Stefan Zweigs "Ungeduld des Herzens", die im Rahmen des Leuchtstoff-Programms an der DFFB entsteht. Der Dreh startet Ende August und ich bin schon sehr gespannt.

KW: Wir wollen unsere jahrelange Zusammenarbeit auf jeden Fall fortsetzen und entwickeln schon einen neuen Kinofilm zusammen. Und ich entwickle und schreibe gerade ein mehrteiliges dokumentarisches Projekt für die ARD.

Wie sehen Sie Ihre Chancen als Nachwuchskreative?

FP: Jetzt, wo wir diesen schönen Preis bekommen haben, etwas entspannter. Tatsächlich muss man aber sagen, dass die Situation für den Nachwuchs vielfach prekär ist. Um überhaupt die Chance zu haben, mit diesem Film in München zu laufen, war - trotz aller toller Unterstützung, die wir bekommen haben - viel Vorschuss nötig in Form von jahrelanger Arbeit ohne angemessene Bezahlung. Für mich war alleine die tolle Premiere, zu sehen, wie der Film lebendig wird mit dem Publikum, schon genug, um mich dafür zu entlohnen. Wie die weiteren beruflichen Chancen aussehen, wird sich zeigen.

KW: Ich habe schon das Gefühl, dass sich gerade etwas tut und versucht wird, den jungen Kreativen Platz zu schaffen. Gerade das Münchner Filmfest war eine gute Plattform, sich zu präsentieren und wir sind gespannt, was sich daraus für Chancen ergeben.

Die Fragen stellte Heike Angermaier