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Filmfest-Preise für Cannes-Hits (und mehr)

Am letzten Abend des 39. Filmfest München ging eine ganze Reihe von Preisen an Filme, die gerade schon beim Festival de Cannes für Furore gesorgt hatten. Der Publikumspreis ging an "Wann kommst du meine Wunden küssen" von Hanna Doose.

02.07.2022 20:09 • von Thomas Schultze
"Broker" war der Gewinner des Arri Award (Bild: Koch Media)

Am letzten Abend des 39. Filmfest München ging eine ganze Reihe von Preisen an Filme, die gerade schon beim Festival de Cannes für Furore gesorgt hatten, allen voran der Wettbewerbstitel Broker" von Hirokazu Kore-eda (der seinem Hauptdarsteller Song Kang-ho den Darstellerpreis beschert hatte) und der Hit der Semaine de la Critique, Aftersun" von Charlotte Wells.

"Broker" gewann den ARRI Award als bester internationaler Film. Die Jury begründete die Vergabe wie folgt: "'Danke, dass du geboren wurdest.' - Ein einziger Satz, der das Publikum auf eine Weise berührt, wie es ganze Filme nur selten können. Wenn jede noch so unbedeutende Figur vielschichtig, aber gleichzeitig zerrissen und letztendlich so liebevoll gestaltet ist, dann ist das Filmkunst. Großes Kino. Dieser Film ist eine Reise. Eine voller Sehnsüchte, voller Entscheidungen, voller Umwege. Manchmal sind es genau diese Umwege, die wir im Leben beschreiten müssen, um zu uns selbst und zueinander zu finden. Und in diesem Film haben wir ein Stück von uns selbst gefunden."

Eine lobende Erwähnung erhielt die iranische Produktion "Leila's Brothers" von Saeed Roustaee, der in Cannes ebenfalls im Wettbewerb zu sehen gewesen war. Hierzu schreibt die Jury: "Ein Film über die Last der Tradition und die unentbehrlichen Familienbande. Er beleuchtet auf wunderschöne Weise die Momente im Leben, die uns zusammenbringen, selbst wenn alles scheinbar versucht, uns auseinanderzureißen. Dieser Film zeigt auf bemerkenswerte Weise, wie Familie Fluch und Segen zugleich sein kann. Ein ständiges Hin und Her zwischen Eigennutz und Uneigennützigkeit. Er ist zu gleichen Teilen ein sozialer Kommentar, ein nuanciertes Drama und eine Komödie der Irrungen, und auf genauso widersprüchliche Weise haben wir oft unter Tränen gelacht."

Der CineVision Award ging an "Aftersun". Die Jury erklärt: : "Dieser Film ist eine wahre CineVision. Der Blick durch den Camcorder verbindet uns emotional sofort mit Vater und Tochter und ihrer liebevollen Beziehung. Dieser Film schafft es, uns in einen Urlaub mitzunehmen, mit dem wir uns alle identifizieren können. Wir riechen die Luft, schmecken das Meer, spüren die Hitze auf unserer Haut, spüren das Chlor in unseren Augen. Die Musik ist das Bindeglied zwischen Zukunft und Vergangenheit. Mit Humor, Liebe und Leichtigkeit werden wir von unseren Erinnerungen angezogen, auch wenn sie uns wie gelähmt zurücklassen. Ein Urlaub, der für Sophie so schön war - einer, der nie enden sollte, ihr aber für immer in schmerzlicher Erinnerung bleiben wird. Das brillante Schauspiel von Paul Mescal & Frankie Corio und der sehr warme menschliche Blick auf ein sehr schwieriges Thema zeigen uns eine großartige visionäre Leistung von Charlotte Wells. Das ist Kino! Und wir können es kaum erwarten, mehr von dieser talentierten Regisseurin zu sehen und übergeben mit größter Freude und Stolz den Preis an ,Aftersun'!"

Eine lobende Erwähnung der Jury erhielt War Pony" von Riley Keough und Gina Gammell, der in Cannes schon bei seiner Premiere in Un Certain Regard einen Preis erhalten hatte. Die Jury erklärt ihre Entscheidung: "Dieser kraftvolle, allegorische Film bietet eine dringend benötigte und zu selten erzählte Perspektive auf die Realitäten des zeitgenössischen Lebens in den Reservaten der amerikanischen Ureinwohner - mit Schwerpunkt auf den täglichen Kämpfen zweier Lakota-Jungen, die im Reservat Pine Ridge in South Dakota leben. Der Film holt mit Humor und Witz vor allem langjährige Symbole der nordamerikanischen Tradition zurück und erweckt die Lakota-Gemeinschaft zu lebendigem und fesselndem Leben. Unter aktiver Beteiligung und brillanten Darbietungen der Hauptdarsteller LaDainian Crazy Thunder und Jojo Pabteise Whiting haben die Regisseure Riley Keough und Gina Gammell einen ganz besonderen und wichtigen Coming-of-Age-Film über eine unterrepräsentierte Gemeinschaft geschaffen. Die CineVision-Jury ist stolz darauf, eine besondere Erwähnung an ,War Pony' zu vergeben."

Den Bayern-2- und SZ-Publikumspreis konnte der Film "Wann kommst du meine Wunden küssen" von Hanna Doose gewinnen.

Der in diesem Jahr zum ersten Mal verliehene CineRebels Award geht an "Cook F**k Kill" von Regisseurin Mira Fornay. Der Preis zeichnet besonders rebellisches Filmschaffen aus - die Formatsprenger und Filmabenteu(r)er des internationalen Films. Im Wettbewerb in der Reihe CineRebels konkurrierten zehn Filme um den von Hauptfestival-Partner Audi gesponsorten Preis in Höhe von 10.000 Euro. Die Jury sagte über den Wettbewerb und den Gewinnerfilm: "Cine Rebels sind radikal, experimentell, überraschend und gegen den Strich gebürstet. Wer dabei nur an ein visuelles Feuerwerk denkt, täuscht sich. Wir sind in dieser sehr internationalen Reihe auf eine große Themenvielfalt gestoßen und haben darin nach dramaturgischen, thematischen und inszenatorischen Rebell:innen gegraben. Regisseur:innen, die uns mehr als staunend zurücklassen. Die Preisträgerin Mira Fornay des Filmes "Cook F**k Kill" widmet sich einem schmerzhaft aktuellen Thema. Häusliche Gewalt. Der Film basiert auf sorgfältigen Recherchen und wurde von der Jury als hochgradig authentische Beschreibung toxischer Beziehungsstrukturen empfunden. Dieser Film ist ein Rebell. Er wechselt die Genres. Er begegnet uns als Groteske, die es vermag dennoch eine liebevolle Nähe zu den Figuren aufzubauen ohne die Brutalität des Themas zu leugnen. Die Jury ist sich bewusst, dass dieser Film das Potenzial hat Zuschauer:innen zu erzürnen, da er sich fortlaufend den Erwartungen entzieht. Eine experimentelle Position. Ein Wagnis."

Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen" von Claudia Müller gewann den FIPRESCI-Preis 2022. Die Jury sagt dazu: "Die FIPRESCI-Jury des 39. Filmfest München hat entschieden, einen Film für seine herausragende Schnitttechnik auszuzeichnen, die dem Kinopublikum die Empfindungen einer umstrittenen Künstlerin näherbringt. Die Regisseurin hat eine einzigartige künstlerische Vision, die mit der der Protagonistin harmoniert. Ihr Film ist ein Paradebeispiel für die Annäherung zweier unterschiedlicher Kunstdisziplinen: Film und Literatur. Der FIPRESCI-Preis geht an einen zeitgemäßen Dokumentarfilm: ,Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen' von Claudia Müller."

Der One-Future-Preis, verliehen von der Interfilm-Akademie, ging an den deutschen Film Nicht ganz koscher" von Stefan Sarazin und Peter Keller, der schon beim Bayerischen Filmpreis den Produzentenpreis (ex aequo mit Leander Haußmanns Stasikomödie") hatte gewinnen können. Eine lobende Erwähnung erhielt der brasilianische Film Paloma" von Marcelo Gomes, der Weltpremiere feiern konnte.

Und "Comedy Queen" von Sanna Lenken gewann schließlich den CineKindl Award für den besten Film beim Kinderfilmfest München 2022. Der erstmalig verliehene Preis ist mit 2500 Euro dotiert und wird von megaherz gestiftet. "Der Verlust eines Elternteils ist der wohl schlimmste Schmerz, den Kinder erleben können. Sich diesem Thema in einem Film für ein (wohl gemerkt nicht nur) junges Publikum zu widmen ist mutig, wichtig und hier herausragend umgesetzt. Denn Sanna Lenken gelingt es, den genau richtigen Ton zwischen Schwere und Leichtigkeit zu treffen. Die grandios spielende Sigrid Johnson nimmt uns mit in die Innenwelt der 13-jährigen Sasha, für die es nach dem Tod der Mutter zum wichtigsten Ziel geworden ist, ihren trauernden Vater endlich wieder zum Lachen zu bringen. Für eigene Tränen ist da kein Platz. Mit dieser schlichten Prämisse entfaltet sich eine gefühlsgewaltige Filmerfahrung, die bei ihrer Auflösung kein Auge trocken lässt", lautet die Begründung der Jury.

Eine lobende Erwähnung erhielt Joya Thomes Dokumentarfilm "One in a Million": "Durch den respektvollen Blick unter die Oberfläche werden in diesem Film zwei Lebensrealitäten erfahrbar, die - zumindest geografisch - nicht weiter auseinanderliegen könnten. Beiden Protagonistinnen gelingt es, sich in einer von Follower-Zahlen und Klicks bestimmten Teenagerwelt von den Erwartungen an sie zu lösen. Sie lernen ihre Körper, Ängste, Bedürfnisse und Grenzen kennen und lassen diese Erfahrungen zu einem neuen Lebenspfad werden. Durch ihr mutiges Forschen nach dem wahren Selbst entwickeln die beiden Mädchen Yara und Whitney eine enorme innere Kraft, die uns durch diesen so zarten und wichtigen Coming-of-Age-Dokumentarfilm trägt."