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Sophie Linnenbaum über "The Ordinaries": "Wir waren größenwahnsinnig!"

Vor wenigen Tagen hat Sophie Linnenbaum den Bunte New FacesAward Film gewonnen. Ihr Spielfilmdebüt "The Ordinaries" zählte zu den Höhepunkten beim Filmfest München, wo es heute für Produktion und Regie in der Reihe Neues Deutsches Kino abräumte.

01.07.2022 21:14 • von Barbara Schuster
Sophie Linnenbaum studierte an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und startet mit ihrem Spielfilmdebüt durch (Bild: Jonas Ludwig Walter)

Vor wenigen Tagen hat Sophie Linnenbaum den Bunte New FacesAward Film gewonnen. Ihr Spielfilmdebüt "The Ordinaries" zählte zu den Höhepunkten beim Filmfest München, wo es heute bei Produktion und Regie in der Reihe Neues Deutsches Kino abräumte.

Finden Sie, dass es zur Zeit gut läuft bei Ihnen?

Ach, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, das zu sagen, dazu muss der Film erst einmal vor Publikum gesehen und hoffentlich gemocht werden - und darauf bin ich natürlich gespannt. Was ich aber sagen kann: Ich bin dankbar, dass ich Filmprojekte umsetzen und mit großartigen Leuten zusammenarbeiten kann. So darf es auch gerne weitergehen.

Sie haben mit "The Ordinaries" gerade den Bunte New Faces Award Film gewonnen. Auch Ihre vorherigen Arbeiten, die Kurzfilme und Ihr Dokumentarfilm "Väter Unser", wurden bereits mit Auszeichnungen honoriert. Welche von Ihren tollen Leistungen sind Ihnen am wichtigsten?

Ich habe gerade eine Email von einer Zuschauerin meines Dokumentarfilms ­"Väter Unser" bekommen, die sich bedankt hat. Sie war mit einem Teil ihrer Familie Jahrelang zerstritten und durch die Doku hat sie sich einen Ruck gegeben und ist auf sie zu gegangen - und jetzt werden die Gräben überwunden, wie sie schreibt. Eine schönere Auszeichnung kann man als Filmemacherin eigentlich nicht bekommen, finde ich. Für mich sind Filme wie gute kluge Freunde, die mit einem kommunizieren und Fragen stellen und einem das Herz warm halten. Klassische Auszeichnungen sind natürlich auch wichtig, weil sie einem das Gefühl vermitteln, auf dem richtigen Weg zu sein, und einen bestätigen in einem Beruf, in dem viele, mich eingeschlossen, nicht an Selbstzweifeln sparen. Man muss viel kämpfen für seine Ideen und umso größer ist dann die Freude, wenn honoriert wird, was man gemacht hat. Zudem helfen die Auszeichnungen im Idealfall ein bisschen, dass man in der Branche weitermachen kann.

Ihr Langfilmdebüt läuft nicht nur auf dem Filmfest München, sondern darf auch nach Karlovy Vary reisen. Welchen Stellenwert haben Festivals für Sie als Filmemacherin?

Festivals sind eine großartige Chance, mit filminteressierten Menschen, ob Zuschauer:innen oder Kolleg:innen, in Austausch zu treten und um Sichtbarkeit für Filme zu schaffen. Das Labeling von Filmen durch Festivalauftritte als »sehenswert« ist zwar hilfreich um den Überblick zu behalten, aber auch nicht immer einfach, da die Geschmäcker der "Kunst" und des Publikums da ja nicht immer Hand in Hand gehen. Ein gewisses Lustprinzip bei einem Film kann manchmal regelrecht hinderlich sein für eine Festivalkarriere. Toubab, der letztes Jahr beim New Faces Award Film gewonnen hat, ist da ein gutes Beispiel. Ein sehr lustiger, pointierter Film, den ich wirklich außergewöhnlich gelungen finde, der aber gar keine so große Festivalkarriere hingelegt hat. Da wünschte ich mir manchmal eine größere Offenheit von Seiten der Festivals und auch mehr Wertschätzung für kluge gute Unterhaltung.

Ihr Film bewegt sich auf einer filmischen Metaebene und präsentiert eine klar aufgeteilte Gesellschaft. Die Umsetzung ist komplex und sprüht vor Ideen. Was war die Ausgangsidee?

Ich glaube das sind zwei Fragen auf einmal, einerseits die Frage nach der Ausgangsidee, was man erzählen will, andererseits die Frage nach der dargestellten Welt. Die sind natürlich verwoben, aber betreffen trotzdem zwei verschiedene Bereiche. Hinter dem Film steht der Wunsch, der Drang, mich mit dieser Form von gesellschaftlichen Missständen zu beschäftigten. Die Ausdrucksform wiederum kommt über eine Spielerei, wo ich mir bei einem anderen Film die Frage gestellt hatte, wie man sich als Filmfigur wohl fühlt. Mir kam diese Überlegung, als ich mir "Vertigo" von Alfred Hitchcockangesehen habe, wo Kim Novak von einem grünen Licht umhüllt wird und ich dachte, wie sich das wohl gerade für die Filmfigur anfühlen mag, so grün ausgeleuchtet dazustehen. Eine banale Frage eigentlich, nicht besonders wichtig. Aber es hat mich beschäftigt, das war mein Ausgangspunkt und ich habe mir überlegt, wie es wohl ist, weggeschnitten zu werden, wie es ist, außerhalb des Bilds zu sein? Diese Fragen des Dysfunktional-Seins, nicht gesehen zu werden, die habe ich erst mal rein emotional betrachtet, um dann weiter zu denken und es von der individuellen Emotionalität zu lösen und es mehr ins Gesellschaftliche weiterzudenken. Das hat das Spielfeld für diesen Film geschaffen für eine Vielzahl von Themen, die wir aus der Vergangenheit kennen, die allgegenwärtig sind und es wohl noch eine Weile bleiben werden. Die erzählerische Grundidee habe ich mit meinem Ko-Autoren Michael Fetter Nathanskyentwickelt; hinter dem Reichtum, der später im Szenen- und Kostümbild, mit der Kamera, und den wunderbaren ­VFXen entstanden ist, steckt ein grandioses wundervolles Team.

Für einen Abschlussfilm ein sehr ambitioniertes Unterfangen. Der Kraftaufwand war sicherlich nicht ohne...

Oh ja, wir waren größenwahnsinnig und bekloppt. Zwischendurch haben meine Produzentinnen Britta Strampe und Laura Klippel von Bandenfilm und ich gedacht: Wir sind doch bescheuert! Wir waren kurz vor Dreh und dann kam auch noch Corona, und wir haben uns gefragt, wie wir das schaffen sollen. Aber wir wollten es einfach. Wir wollten diese Welt erschaffen. Und das war in allen Departments so, man sieht es ja auch an dieser unfassbaren szenographischen Arbeit von Fine Lindner und Max Joseph Schönborn und dem tollen Kostümbild von Sophie Peters. Bei einem solchen Projekt muss man einfach sagen: Es wäre nie und nimmer möglich und umsetzbar gewesen, wenn sich nicht alle mit vollem Herzen reingeschmissen hätten.

Ist das auch generell Ihr Ansatz: ­Entweder ganz oder gar nicht, mit Haut und Haar?

Unfreiwillig! Was meine eigenen Film­babys betrifft, ist es auf jeden Fall so - ­natürlich immer mit der Hoffnung verknüpft, dass man ein Team findet, das mitgeht. Ein Projekt sollte durch eine gemeinsame Leidenschaft und Vision entstehen, aber mir ist auch bewusst, dass ich damit Teil des Spagats zwischen Selbstausbeutung und Hingabe unserer Branche bin, gerade was die Umsetzung von nichtkommerziellen Herzensprojekten betrifft. Vielleicht auf eine Wertschätzende und achtsame Art am Set... aber trotzdem. Wir müssen einfach etwas an den Grundbedingungen in der Branche ändern. Ich selbst kann nicht anders, als alles zu wollen, aber ohne es anderen aufzwingen zu wollen. Wenn man die richtigen Leute findet und gemeinsam vom Gleichen träumt, schwimmt man gut zusammen. Davon bin ich überzeugt. Film bedeutet mir verdammt viel - ich leiste mir da nicht nur eine gewisse Naivität, ich zwinge mich fast zu einer Naivität, weil ich daran glauben möchte, dass Film etwas verändern kann. Unsere Welt besteht aus Narrativen und Geschichten, und es gibt unglaublich viele negative, dominante, weltverändernde Narrative. Und ich denke mir: Aber wir sind doch auch da, wir können auch Narrative erschaffen, lasst uns dem doch etwas entgegensetzen!

Wenn Sie einen Wunsch freihätten, was würden Sie sich von der Branche wünschen?

Ich freue mich über das Privileg, das wir in Deutschland mit der Förderlandschaft haben. Gleichzeitig wünsche ich mir manchmal einen etwas anderen Blick auf die Verteilungen. Ich will nicht sagen, uns geht es zu gut, denn viele Filmschaffende beuten sich selbst aus für die Geschichten, die sie in die Welt bringen müssen. Aber man muss schon auch stärker einen kritischen Blick darauf werfen, was die Notwendigkeiten sind, ob unsere Entwicklungsprozesse optimal gedacht sind, ob die Verteilungen "stimmen" und wer die Entscheidungen trifft... Was sind denn die Stoffe, die wir "brauchen"? Mit Blick auf das Fernsehen zum Beispiel frage ich mich nach der Wichtigkeit der 120.000. Episode der nächsten Krimiserie? Die ganze Zeit wird nach mutigen, neuen Formaten gerufen... und man fragt sich manchmal, wer hält hier eigentlich wen davon ab. Mein größtes Anliegen wäre, den Menschen besser zu kommunizieren, dass Kunst auch schön sein kann. Diese vermeintliche Lücke zwischen Arthouse und Unterhaltung finde ich schmerzhaft. Sowohl im Fernsehen als auch im Kino als auch bei den Streamern herrscht da so eine klaffende Trennung. Es muss uns gelingen, diese Spalte wieder mehr zu schließen.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster