Kino

#metoo-Debatte in Österreichs Filmbranche: Aufbrechen einer Schweigekultur

In der österreichischen Filmbranche ist die #metoo-Debatte neu entfacht worden, nachdem Regisseurin und Produzentin Katharina Mückstein auf Instagram den Anstoß gab: Auf ihre Initiative, über sexualisierte Übergriffe und Gewalt in der Kulturbranche zu sprechen, meldeten sich zahlreiche Betroffene. Jetzt hat auch das Präsidentenduo der Akademie des Österreichischen Films ein Statement dazu abgegeben.

30.06.2022 14:06 • von Barbara Schuster
metoo beschäftigt die österreichische Filmbranche massiv (Bild: FC Gloria)

In der österreichischen Filmbranche ist die #metoo-Debatte neu entfacht worden, nachdem Regisseurin und Produzentin Katharina Mückstein auf Instagram den Anstoß gab: Auf ihre Initiative, über sexualisierte Übergriffe und Gewalt in der Kulturbranche zu sprechen, meldeten sich zahlreiche Betroffene. Die Debatte weitet sich aus. Nicht nur der Vorstand von FC Gloria - Frauen, Vernetzung, Film hat sich in einer Sitzung letzte Woche dazu entschlossen, seine Tätigkeiten in dieser Sache, wie auch bisher, auf nachhaltige Veränderung der vorherrschenden Strukturen zu konzentrieren. Auch das Präsidentenduo der Akademie des Österreichischen Films meldet sich mit einem Statement zu Wort. Verena Altenberger und Arash T Riahi sagen im Wortlaut:

"Sexualisierter Machtmissbrauch ist nicht nur Problem unserer Branche. Sexualisierter Machtmissbrauch ist ein Problem unserer Gesellschaft. Solange die übliche Reaktion auf Erzählungen von sexuellen Übergriffen ist "es zwingt sie ja niemand, diesen Beruf zu wollen; vielleicht übertreiben sie ja, wer weiß, ob es überhaupt stimmt", haben wir als Gesellschaft ein Problem. Solange die Erzählung von Gewalt im Zweifel strenger geahndet wird, als der Übergriff an sich, haben wir als Gesellschaft ein Problem.

Unsere Arbeit im künstlerischen Betrieb bringt allerdings besonders häufig Situationen mit sich, die Machtmissbrauch begünstigen. Hierarchien, Abhängigkeiten, sensible Szenen und Situationen, arbeiten unter Druck, das - zumeist durchaus erwünschte - zutiefst persönliche Arbeiten. Die besondere Verletzlichkeit, die Arbeiten an Filmproduktionen innewohnt, zwingt uns deshalb als Branche, noch viel sensibler mit diesem Thema umzugehen. Es gibt Möglichkeiten, wie wir die Bedingungen für alle verbessern können. Diverse Sets, Vertrauenspersonen, besondere Schulungen vor Drehbeginn, Aufklärungsarbeit schon in der Ausbildung, vertragliche Regelungen, die Mitarbeiter:innen auch in vulnerablen Situationen besser schützen, und und und. Diese Maßnahmen dürfen natürlich keine zahnlosen Tiger sein.

Der Arbeitsplatz Film und auch die Ausbildungsstätten müssen endlich für alle angstfrei werden. Nur gemeinsam können wir das Schweigen aufbrechen und Machtmissbrauch, Sexismus und Diskriminierung beenden. Dazu gehören auch, wenn es nötig ist, arbeitsrechtliche und juristische Schritte. Und vor allem, vor allem! muss Betroffenen zugehört und geglaubt werden.

Eine wichtige Maßnahme seitens der Akademie des Österreichischen Films war die Gründung einer ersten Vertrauensstelle 2017, als #metoo zum ersten Mal groß wurde. Diese Vertrauensstelle ist mittlerweile aufgegangen in we_do - der Vertrauensstelle gegen sexuellen Missbrauch, Machtmissbrauch und Diskriminierung. Ab Herbst wird es zusätzlich eine Anlaufstelle beim BMKOES geben. Es braucht diese institutionelle Hilfe, um gegen gewachsene Strukturen und Missstände anzukommen.

Es wäre wichtig und wünschenswert, wenn Betroffene sich verstärkt vertrauensvoll an diese Stellen wenden. Aber viel wichtiger, als Betroffene in die Verantwortung zu nehmen, ist, dass wir als Branche eine Kultur schaffen, in dem Betroffene ehrlich keine Konsequenzen zu fürchten haben, wenn sie den Mut fassen über Erlebtes zu sprechen."

Neben we_do des Dachverbands der Österreichischen Filmschaffenden soll ab Herbst 2022 eine unabhängige Vertrauensstelle gegen Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport die Arbeit aufnehmen. Geleitet wird sie von Sophie Rendl. Im Oktober will FC Gloria zudem zu einem Diskussionssalon laden, in dem Themen behandelt werden sollen wie Gerüchte in gesicherte Fackten umwandeln: Wann darf was gesagt werden? Wie können Regie, Produktion und Filmförderungen damit umgehen, wenn strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen ein Teammitglied öffentlich werden? Oder wie kann man die Durchlässigkeit der Kommunikation verbessern und eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, damit betroffene Menschen ermutigt werden über Übergriffe zu sprechen?

Laut we_do hat das Österreichische Filminstitutgestern beschlossen, dass der "Code of Ethics" Teil aller neuen Verträge ist - bei Verstößen können Förderverträge aufgelöst, Förderungen zurückverlangt werden.