Kino

KOMMENTAR: Mehr Ehrgeiz, bitte!

Jetzt freuen sich wieder alle. Die Förderer freuen sich über die vielen Lolas, die sie sich genauso zuschreiben, wie das die koproduzierenden Sender tun. Auch die Freude der Produzenten ist groß, aber die Strapazen sind ihnen anzumerken.

30.06.2022 07:30 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Jetzt freuen sich wieder alle. Die Förderer freuen sich über die vielen Lolas, die sie sich genauso zuschreiben, wie das die koproduzierenden Sender tun. Auch die Freude der Produzenten ist groß, aber die Strapazen sind ihnen anzumerken. Nach der Vergabe der Deutschen Filmpreise hatte der Erfolg sofort wieder viele Mütter und Väter. Das ist insofern okay, weil Ausnahmefilme fürs Kino nur produziert werden können, wenn alle Beteiligten ihrer Verantwortung nachkommen. Neun Lolas für Lieber Thomas" sind hoch verdient. Aber dass es zwölf Jahre dauerte, um dieses ambitionierte, geschichtsbewusste Werk zu schaffen, macht doch staunen. Die Förderungen sind längst nicht mehr alle bereit, ihr Geld für Filme, die auch eine Relevanz über den Tag hinaus haben, einzusetzen. Dass es den Film gibt, ist wohl der Hartnäckigkeit seiner Produzenten und der Kreativität seiner Filmemacher zu verdanken. Dass mit dem "sch...kleinen Budget" ein so vielschichtiger Film entstehen konnte, bleibt ein Wunder.

Rabiye Kurnaz gegen George W Bush" mag es da besser gehabt haben, vielleicht weil sein Thema eine größere gesellschaftspolitische Dringlichkeit besitzt. Und doch sind auch hier viele Jahre ins Land gegangen, bis er produziert werden konnte. Große Freiheit" hat den Vorzug, eine Koproduktion mit Österreich zu sein. Dort geht ein Produzent mit seinem Projekt zuerst zur Förderung und dann zum Sender, der zur Kofinanzierung verpflichtet ist. Diese Reihenfolge ist offenbar das große Problem des deutschen Arthousefilms.

Die öffentlich-rechtlichen Sender spüren hier keine Verantwortung und winken immer öfter ab. Und die Politik mag sie nicht dazu zwingen. Aber ohne koproduzierenden Sender oder solventen Verleih mit Outputdeal führt kaum ein Weg zu den Förderern. Was Regulativ sein sollte, damit auch Arthousefilme sich an ein Publikum richten, erschwert inzwischen die Entstehung von ambitionierten deutschen Filmen, die auch auf den großen Festivals wahrgenommen werden, wie es österreichischen Filmen wie Corsage" oder eben "Große Freiheit" gelingt. Öffentlich-rechtliche Programmverantwortliche geben in der Konkurrenz mit den Streamern ihr Geld lieber für den unübersehbaren Serienboom und die Befüllung ihrer Mediathek aus. Dabei ist es nicht nur ein Verdienst, Kinofilme zu ermöglichen, über die man noch in fünf oder zehn Jahren spricht, sondern auch Teil ihrer kulturellen Verantwortung. Für diese Lorbeeren lohnt es sich zu kämpfen, statt sie sich nach dem Filmpreis nur anzuheften.

Dort hat die BKM übrigens die "schöpferische Kraft der Filmkunst" beschworen, um den Problemen unserer Zeit "bildmächtige Antworten" entgegen zu setzen. Mit immer mehr Krimisendungen ist das - bei aller Wertschätzung - nicht zu schaffen. Mehr Ehrgeiz also, in den Senderredaktionen und Intendantenstuben! Sonst sollte die Politik an eine stärkere Verpflichtung denken.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur