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REVIEW KINO: "Freibad" von Doris Dörrie

Doris Dörrie feierte mit "Freibad" Weltpremiere beim Filmfest München. Die perfekte Kulisse und Temperatur für die ebenso diverse wie deftige Komödie über ein Frauenfreibad, in dem verschiedene Kulturen aufeinanderprallen.

28.06.2022 09:57 • von Heike Angermaier
Maria Happel und Andrea Sawatzki (v.l.) gehören zum glänzenden Ensemble von "Freibad" (Bild: Constantin)

Doris Dörrie feierte mit Freibad" Weltpremiere beim Filmfest München. Die perfekte Kulisse und Temperatur für die in der Nähe von München gedrehte ebenso diverse wie deftige Komödie über ein Frauenfreibad, in dem Andrea Sawatzki als einstige Uschi Obermaier von Giesing mit ihrer Freundin zu den Stammgästen zählt und über die anderen Besucherinnen lästert. Culture-Clash findet im wahrsten Sinne des Wortes statt. Herrlich bissige Frotzeleien arten in heftige Handgreiflichkeiten aus, die Männer in Kneipenschlägereien alt aussehen lässt. Denn Dörrie und ihr wunderbares Ensemble stürzen sich mit Lust und Unerschrockenheit nicht nur in pointierte Dialoge, sondern auch knalligen Slapstick. Sind Sawatzkis Evi und Maria Happels Gabi erst über eine türkischstämmige Großfamilie und den Burkini einer sportlichen Schwimmerin (Nilam Farooq) erbost, droht ihnen später gar eine Gruppe Frauen in Vollverschleiherung den Lieblingsplatz streitig zu machen.

Dörrie gelingt es, mit ihrem Film, höchst unterhaltsam fürs große Publikum, Vorurteile aufzugreifen und aufzubrechen. Und dabei geht es nicht nur um Vorurteile zwischen den Kulturen oder um die unterschiedliche Auslegung von Freiheit, sondern um das Bild von Frauen in einer nur vermeintlich modernen Gesellschaft, in deren Augen eine Frau ab einem gewissen Alter oder ab einer gewissen Körperfülle nicht mehr sexy sein darf oder sie nur für die Familie dasein zu hat. Zum Personal des burlesken, bisweilen auch besinnlichen Spaßes und Aufruf zur Toleranz gehört auch eine resolute Schweizer Bademeisterin, die vergebens versucht, den Damen Regeln beizubringen, gespielt von Melodie Wakivuamina, und ein selbst erklärter aquatischer Mann (Samuel Schneider), der wider Willen für sie einspringt und für eine weitere Eskalation sorgt.

Dörrie und ihre Mitautorinnen Karin Kaci und Madeleine Fricke schrieben markante, nicht immer sympathische Figuren für den Mikrokosmos in ihrem Ensemblestück, das fast ausschließlich im Bad spielt. Die Autorinnen strukturierten es locker in ein paar turbulente Tage eines besonders heißen Sommers, die jeweils mit stimmungsvollen Abendaufnahmen von Schwimmtieren auf dem Menschenleeren Wasser enden. Die Ausstattung demonstriert einen liebevollen Blick fürs Detail. So hängen in der persönlichen Umkleidekabine von Gabi Kreuz und Fotos und passen sich ein im fröhlich-bunten Look von "Freibad", an dessen versöhnlichem Ende ein trautes Miteinander herrscht, manche falsche Vorstellung überdacht wurde und eine jede ihre persönliche Freiheit ausleben darf.

Heike Angermaier