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Ulrich Limmer nimmt uns mit auf einen nostalgischen ­Spaziergang durch die Filmstadt München

Der Produzent und Drehbuchautor Ulrich Limmer ist ein großerKenner der wichtigsten und interessantesten Filmorte in München. Pünktlich zum Filmfest München nimmt er Sie mit auf einen nostalgischen Spaziergang durch die Filmgeschichte.

27.06.2022 13:19 • von Barbara Schuster
Produzent und Drehbuchautor Ulrich Limmer (Bild: IMAGO / Future Image)

Der Produzent und Drehbuchautor Ulrich Limmer ist ein großerKenner der wichtigsten und interessantesten Filmorte in München. Pünktlich zum Filmfest München nimmt er Sie mit auf einen nostalgischen Spaziergang durch die Filmgeschichte.

Ziehen Sie gutes Schuhwerk an, wir haben eine kleine Wanderung vor uns. Wir besuchen diesmal nicht einige der neuen, aufstrebenden Produktionsfirmen wie die Neuesuper, die Trimafilm, die Nordpolaris, die Dreifilm und viele andere. Nein, wir machen uns auf den Weg, einige nostalgische Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.

Wir beginnen in der Elisabethstraße in Schwabing, wo sich früher das abendlich-nächtliche Zentrum des Bayerischen Filmes befand: das legendäre Romagna Antica, das Helmut Dietl in seinem Film "Rossini" verewigt hat. Beinahe allabendlich hielten hier Dietl und Bernd Eichinger an benachbarten Tischen Hof. Immer wenn Dietl und ich vom Schreiben des Drehbuches von "Schtonk!" zum Abendessen kamen, empfing uns Eichinger lauthals mit dem Spruch: "Ihr mit Eurem Hitler - des wird nix!". Als er das fertige Drehbuch las, ist er sofort mit eingestiegen. Für ihn war das Lokal - frei nach Clausewitz - die Fortsetzung des Büros mit anderen Mitteln. Das ursprüngliche Lokal hat seine Pforten schon lange geschlossen, die beiden Großmeister fehlen uns, fehlen München und dem deutschen Film.

Gehen wir weiter, damit uns die Melancholie nicht übermannt und streifen durch die Elisabeth- und die Franz-Joseph-Straße. Wir kommen an der ehemaligen Heimstätte der collinafilm vorbei, aber das ist eine andere Geschichte. An der Ecke zur Leopoldstraße passieren wir die dortige Steiner-Schule, auf der Martin Moszkowicz zehn Jahre Schüler war, oder, wie die Steinerskeptiker nicht müde werden zu sagen, seinen Namen getanzt hat. Wer jemals mit ihm Vertragsverhandlungen hatte, ahnt, dass das Vorurteil über die Weltentrücktheit der Steinerschüler nicht stimmen kann.

Wir nähern uns dem Siegestor, das, wie Karl Valentin sagte, nicht oft gebraucht wurde, biegen ab und stehen vor dem Ursprung der deutschen Filmtechnik. In der Türkenstraße hat ARRI seinen Sitz, von hier aus haben die ARRI Kameras ihren Siegeszug durch die ganze Welt angetreten. Auch wenn der inzwischen abgespaltene Teil von ARRI anders heißt: Für mich bleibt ARRI mit seinen großartigen Mitarbeiter:innen immer ARRI. Hier habe ich nach dem Abitur meine Filmlaufbahn begonnen: als Kartenabreißer. Und erlebte, wie August Arnold, der Firmengründer, im Blaumann in einem Container voller kaputter Glühbirnen noch einige intakte herausfischte und schrie, dass ihn wohl alle in den Ruin treiben wollen.

Wir marschieren in die Kaulbachstraße und werfen den Blick auf die Villa mit der Nummer 16, in der heute das ORFF Zentrum beheimatet ist. Zu meiner Zeit war hier der Sitz der HFF München. Ein kleines, verstecktes Paradies, in dem wir viele Jahre unsere filmischen Träume ausleben durften. Hier fuhr mein Kommilitone Roland Emmerich mit einem alten Opel Rekord vor, mit einem Schild auf dem Heck: "HFF - see you in Hollywood". Er hat sein Versprechen gehalten.

Zeit für ein kleines Erfrischungsgetränk in einem der schönsten Wirtsgärten Münchens: In der Schumanns Bar, einem der wenigen Orte, der noch immer regelmäßig von Filmleuten aufgesucht wird. Vielleicht haben wir Glück, und Charles gibt uns die Ehre eines kurzen Begrüßungslächelns. Sollten Sie nach dem Erfrischungsgetränk einen Rat in medienrechtlichen Fragen suchen: hier erreichen sie fußläufig die besten entsprechenden Rechtsanwaltskanzleien. Ebenso nahe ist das wunderbare Cuvilliés Theater, Deutschlands schönstes Rokoko Theater. Hier wurden früher die Bayerischen Filmpreise verliehen. Ich hatte zweimal die Ehre, auf der Bühne zu stehen. Den dritten haben Bully, Rosi und ich pandemiebedingt im TV-Studio überreicht bekommen. Auch schön, aber nicht Rokoko.

Wir wollen einen kleinen Vergleich anstellen und machen einen kurzen Abstecher zur heutigen HFF. Die Größe des Gebäudes lässt ahnen, wie sehr sich in den letzten Jahren die Bedeutung der Film­ausbildung gewandelt hat. Wir freuen uns über den Freistaat Bayern, der sein Bekenntnis zum Filmstandort München in eine Menge Beton gegossen hat. Das spornt an, macht Hoffnung und lässt manch andere Filmschule vor Neid erblassen. Schön, dass ich lange Jahre Teil des Kollegiums sein durfte. Die HFF liegt übrigens am Bernd Eichinger Platz. Eine Adresse, die kaum ein Taxifahrer kennt. Was für eine Schande. Sagen Sie einfach: Zur HFF bitte!

Wir folgen den Trambahnschienen und kommen schließlich zum "Künstlerhaus", dem früheren zentralen Ort der Feiern des Münchner Filmfestes. Da wir als HFF-Studenten keine Einladungen bekamen, sind wir regelmäßig durchs Toilettenfenster eingestiegen und haben uns unter die Filmschaffenden gemischt, ganz so, als würden wir schon dazugehören. "HFF - see you im Künstlerhaus". Aber via Toilette. Ab jetzt steigen wir aufs Rad um, denn wir haben einen weiten Weg vor uns. Wir lassen das Mathäser-Kino rechts liegen und erinnern uns an die Zeiten, als sich dort der Mathäser Weißbierkeller befand. Die Lokalität öffnete um 4 Uhr früh, schlagkräftige Kellner und eine Damenkapelle erwarteten die Nachtschwärmer, unter denen sich zahlreiche Filmleute befanden, die sich in den hellen Morgen tranken.

Weiter geht es durch die Sonnenstraße, wir grüßen hinauf zu den Damen des FFF Bayern. Die wenigen Herrn dort grüßen wir auch. Unser Ziel ist die Bavaria Film, weit draußen vor den Toren Münchens. Ein wunderschöner Weg mit dem Rad, wenn man von der hinterhältigen Steigung des Harlachinger Bergs absieht. Vor dem Bavaria-Gelände passieren wir das ehemalige FWU Gebäude, in dem sich das Büro unserer Perathon Film befindet und wir gedenken dem Gründer der Firma, Joseph Vilsmaier. Noch einer, der uns fehlt! Wir schmuggeln uns durch die Einfahrtskontrolle (und verraten nicht, wie wir das gemacht haben) und nähern uns dem Verwaltungsgebäude. Dort im vierten Stock habe ich nach der HFF meine Arbeit in der Branche begonnen und mit wunderbaren Kollegen Serien geschrieben und produziert. Bis dann "Schtonk!" kam und der Traum vom Kino Wirklichkeit wurde.

Übrigens: Traum vom Kino. Wussten Sie, dass einer der Gründer der Bavaria, der Regisseur Franz Osten, im Jahre 1924 nach Indien geholt wurde, um dort den ersten großen indischen Kinofilm zu inszenieren? Die Leuchte Asiens, über das Leben Buddhas. Er hat dann noch 13 weitere Filme in Indien gedreht. Zusammen mit seinem indischen Produzenten Himanshu Rai gilt er als einer der Gründerväter von Bollywood. In Deutschland ist er fast vergessen, in der indischen Filmindustrie ist er Legende. Er kehrte irgendwann nach Bayern zurück und wurde dann Kurdirektor in Bad Aibling. Was für eine Karriere.

Noch eine spezielle Karriere hat die Bavaria zu bieten: Während der Nazizeit war ein gewisser Helmut Ewald Schreiber Studiochef der Bavaria und als versierter Hobby-Zauberkünstler gern gesehener Gast von Adolf Hitler auf dem Obersalzberg. Nach dem Krieg mit Berufsverbot im Filmgeschäft belegt, machte er seine Leidenschaft für die Zauberei zum Beruf und wurde unter seinem Bühnenamen "Kalanag" weltberühmt. Den Höhepunkt seiner Show bildete das Verschwinden eines Autos auf offener Bühne. Erstaunlich was Produzenten alles können. Wir machen uns auf den Rückweg, jetzt geht's noch schneller, weil Flussabwärts. Auf der Höhe vom Isartor biegen wir ab, grüßen das Valentin Musäum und zitieren den großen Komödianten nochmals mit seinem berühmten Satz: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit«. Wie recht er hat.

 Ulrich Limmer