Kino

Cinema Vision 2030: Interdisziplinär denken!

Eine Filmhochschule, die Schnittstellen zwischen "klassischen" Disziplinen wie Produktion oder Drehbuch und einer Ausbildung für Verleih und Kino schafft? Dieses Beispiel aus Paris sollte unbedingt auch hierzulande Schule machen.

27.06.2022 07:27 • von Marc Mensch
Die Kino-Verleih-Ausbildung von La Fémis stieß bei der Konferenz auf großes Interesse (Bild: BF)

Was bedeutet es, einen Film auf die Beine zu stellen, sich teils jahrelang durch den Finanzierungs- und Förderdschungel zu kämpfen, um am Ende womöglich noch nicht einmal den kompletten Weg zum ursprünglichen Ziel zurückgelegt zu haben? Was heißt es, einen Film herauszubringen, ihm einem Publikum vermitteln zu müssen? Und welche Kunst steckt dahinter, den richtigen Film zur richtigen Zeit im Programm haben zu müssen, in der Disposition dabei aber oft durchaus engen Vorgaben folgen zu müssen? Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten, dass (leider nicht immer ganz unberechtigte) Klagen über Projekte, die ohne Sinn für eine Zielgruppe auf den in den Markt gedrückt wurden, über Perlen, die keine Chance zur Entfaltung bekamen oder über Verleihbedingungen, die unter dem Strich Potenzial auf beiden Seiten liegen lassen, eine Wurzel auch im mangelnden Verständnis für und in fehlender Kenntnis über Bereiche jenseits des eigenen beruflichen Tellerrands haben.

Tatsächlich ist interdisziplinäre Ausbildung auch in der Kinonation Frankreich keine Selbstverständlichkeit. Aber zumindest an der größten und bedeutendsten Filmhochschule Frankreichs, der Pariser La Fémis, pflegt man diesen Ansatz: Die Schaffung von Schnittstellen zwischen "klassischen" Disziplinen wie Produktion oder Drehbuch und einer Ausbildung für Verleih und Kino - mit Betonung auf dem "und", auch wenn im späteren Verlauf eine Spezialisierung stattfindet.

Kinobetreiber Eric Vicente schilderte bei Cinema Vision 2030 als einer der Dozenten den in jeder Hinsicht inklusiven Ansatz, der den Studierenden ein breites Fundament für die spätere Berufswahl geben soll. Ziel ist die Vermittlung von Wissen, das spätere Karrieren im Kino wie im Verleih, im Multiplex wie im Arthouse, bei einem Major wie bei einem Independent ermöglicht. Oder kurz gesagt: in allen möglichen Segmenten der Kinowirtschaft. Dabei werde weniger auf "Frontalunterricht", als vielmehr auf Seminare und Praktika mit Profis aus der Branche gesetzt. Wie praxisnah die Ausbildung ist? Nun, als Beispiel seien Rhetorikkurse für Moderationen im Saal oder die Simulation von Verkaufsverhandlungen und Dispo-Gesprächen genannt. Im Zentrum steht dabei laut Vicente die Schaffung des Bewusstseins, dass es nicht reicht, nur einen Film zu zeigen, erst recht nicht in einem Umfeld, das dem durch die Pandemie beschleunigten Wandel unterliege - und es gebe an dieser Stelle keinen Unterschied zwischen Blockbustern und Filmkunst. Eine zentrale Herausforderung nach seinen Worten: Die Vielfalt auch in einer Zeit nicht aufzugeben, in der sich die Besuche immer stärker auf einzelne Filme konzentrierten. Ein Schlüssel dazu, dem in der Ausbildung auch erhebliches Gewicht zukommt, ist die Arbeit mit Daten. Etwas, das laut Vicente erheblich intensiver - und vor allem im Zusammenspiel von Kino und Verleih - erfolgen müsse.

Laut Vicente gibt es durchaus Anfragen aus anderen Ländern (darunter nicht zuletzt Deutschland) wie sich das Modell möglicherweise adaptieren ließe. Tatsächlich hat man mit der HFF München zumindest schon einmal einen Austausch in die Wege geleitet. Zwar traf man bei den dortigen Studierenden natürlich auf niemanden, der eine Karriere als Verleiher oder Kinobetreiber anstrebte. Sie an die unterschiedlichen Felder heranzuführen, habe man dennoch für wichtig erachtet. Bei diesem Austausch stand nicht zuletzt die Frage der Rentabilität im Raum, jene, welche Summen bei wie vielen zu erwartenden Besuchern Sinn machen. Und welche schon evident nicht.

Während die kurz skizzierte Ausbildung an der La Fémis mit rund 500 Euro pro Jahr zu Buche schlägt, geht man beim niederländischen Filmmuseum Eye übrigens einen noch spezielleren Weg. Denn dort startet demnächst ein neues Intensivtraining für Programmgestaltung, für das man sich Förderung für einen Drei-Jahres-Zeitraum mit je drei Auszubildenden pro Jahr sichern konnte. Für die drei Plätze der ersten Runde habe man bereits rund 180 Bewerbungen, was auch damit zu tun haben dürfte, dass die Auszubildenden für ihre "extrem anspruchsvolle Tätigkeit" laut Head of Programming Mila Schlingemann bezahlt werden.