Kino

Cinema Vision 2030: Zwischen Pre-School, Gaming, K-Pop - und Kaffee

Ob man es nun Event Cinema oder schlicht alternativen Content nennt - dass dieser Programmbereich vor der Pandemie auch in Deutschland von kontinuierlichem Wachstum geprägt war, ist bekannt. Bei der Cinema Vision 2030 wurden interessante Trends in diesem Segment beleuchtet, während direkt im Anschluss noch einmal die Bedeutung der Nachbereitung von Vorführungen jeglicher Art hervorgehoben wurde.

24.06.2022 14:20 • von Marc Mensch
Kinodvor - Ein Best-Practice-Beispiel für Kinobegeisterung zwischen Alt und Jung (Bild: BF)

Noch ein wenig stärker als den Zahlen für Filme hat die Pandemie in Deutschland (prozentual betrachtet) dem Geschäft mit dem sogenannten alternativen Content zugesetzt. Nachdem die Umsätze laut Angaben der Event Cinema Association (ECA) zwischen 2015 und 2019 von umgerechnet 10,5 auf rund 17,3 Mio. Dollar gestiegen waren, ging es 2020 auf 5,2 Mio.; 2021 sogar auf nur noch 1,6 Mio. Dollar zurück. Ganz ähnlich sieht die Situation im Vereinigten Königreich und Irland aus, wo es vom Rekordwert von knapp 71,3 Mio. aus 2019 auf 6,7 Mio. Dollar im vergangenen Jahr hinunter ging. Erst einmal keine schöne Nachricht. Die positive Seite ist jedoch: Gerade auch in diesem Bereich gibt es ganz offensichtlich wieder erhebliches Potenzial zu heben - wovon auch im laufenden Jahr schon diverse Erfolge Zeugnis abgelegt haben.

Während Opernübertragungen sowohl in Deutschland wie auch auf der Insel zu den etabliertesten und wichtigsten AC-Angeboten zählen (wobei Briten noch in ganz besonderem Maße Übertragungen aus Theatern schätzen, während Rock-Konzerte diesen hierzulande den Rang ablaufen), benannte ECA-Geschäftsführerin Grainne Clarke explizit vier Wachstumssegmente: Animé, mit dem gerade auch sporadische Kinobesucher erreicht werden könnten; eSports, das großes Potenzial besitze, junge Besucherschichten vor die Leinwand zu holen und das Vorschulsegment, das sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Bereiche gemausert habe. Als "ganz besonderes Phänomen" bezeichnete Clarke K-Pop, wovon sich auch deutsche Kinobetreiber im März anhand von "BTS - Permission to Dance on Stage" (rund 45.000 Besucher und knapp 1,1 Mio. Euro Umsatz mit einem einzigen Einsatztag) überzeugen konnten.

Anhand dieses Phänomens gab Clarke auch gleich ein Beispiel für zeitgemäßes Marketing - denn ähnlich wie es Lumière-Pavilions-CEO Jimmy Wu schon am Vortag zur Nutzung von NFTs geschildert hatte, konnten sich Kinobesucher:innen von "BTS - Permission to Dance on Stage" einen digitalen Besucherpass herunterladen. Vier Mio. Downloads wurden verzeichnet, im Schnitt wurde jeder digitale Pass 8,5 Mal geteilt.

Die unvermeidliche Frage aus dem Publikum, wo und wie man Zielpublikum für derartige Veranstaltungen erreicht, ließ sich natürlich nicht allgemeingültig beantworten. Während ältere Besucherschichten laut Clarke nach wie vor gut über Facebook zu erreichen seien (und über TV-Werbung, sollte das Budget dafür vorhanden sein), sei der Social-Media-Mix bei der Jugend ungleich komplexer. TikTok sei aber in jedem Fall ein massiver Faktor, natürlich insbesondere dann, wenn es um Content wie Konzertübertragungen geht. In jedem Fall bedürfe es einer Mischung aus Online-Ansprache und der klassischen Bewerbung vor Ort im Kino. Hier unterscheidet sich AC kaum von regulären Filmen: Das Marketing auf der Leinwand ist unverzichtbar.

Lassen sich über alternativen Content auch neue Gäste für das reguläre Angebot gewinnen? Clarkes klar Antwort lautete "Ja!", auch wenn die Zeit am Ende leider nicht mehr ausreichte, um zu konkretisieren, was genau sie mit einer typischen Cross-Over-Rate von 70 Prozent meint, die die Auswertung von Daten über drei Jahre hinweg gezeigt habe.

Apropos 70 Prozent: Von einem solchen Anteil an Nutzern eines Kinoabos (wenngleich primär in der Form einer vergünstigten "Zehnerkarte") berichtete bei der Cinema Visison 2030 auch Martin Bidou, Gründer von Haut et Court Cinémas, die fünf Häuser in Frankreich betreiben. Und er verwies auf eine gewisse Ironie: Während die Jugend sich vorwiegend teurere Kinos aussuche, zöge es das mit höherer Kaufkraft versehene ältere Publikum ins günstigere Arthouse. Wobei es gerade die reiferen Zielgruppen sind, mit deren zögerlicher Rückkehr auch die Kinos in Frankreich hadern - die Zielgruppe zwischen 15 und 25 Jahren habe hingegen bereits am ehesten wieder zurück vor die Leinwände gefunden, wie dies auch eine Untersuchung des CNC ergeben habe. Eines der interessantesten Resultate: Ein als zu hoch empfundener Preis wurde als Besuchshemmnis insbesondere in der Altersgruppe von 35 bis 49 Jahren genannt.

Unterdessen zeigt die CNC-Studie, wie massiv die Zwangsschließungen (oder andere überzogene Maßnahmen) nachwirken. Denn laut Bidou sei über alle Altersgruppen hinweg der Hauptgrund für ein im negativen Sinne verändertes Verhalten, dass man über die Pandemiejahre hinweg die Gewohnheit abgelegt habe. Ein Umstand, den die Politik klar im Auge haben sollte, bevor sie die Kultur im Herbst und Winter noch einmal zum Bauernopfer eines eher wahllos eingesetzten Instrumentenkastens macht...

Als wichtiger als außergewöhnlich bequeme Sitze (die allerdings auch nicht schadeten) erachtet Bidou übrigens die Verlängerung des Erlebnisses über den Film hinaus. Wichtiger denn je sei, was nach der Vorführung noch komme.

Eine Aussage, mit der er bei Metka Daris, CEO des kommunalen Kinos Kinodvor in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, quasi offene Türen einrannte. Denn aus den vielen Stichpunkten zur Arbeit von Kinodvor stach unter anderem hervor, dass kaum ein Event so sehr gefragt sei, wie die regelmäßigen Film-Meetings, bei denen sich das ältere Publikum im Anschluss an Vorführungen noch beim Kaffee (und mit Moderation) über den Film austausche - das sei jedes Mal ein "Riesenansturm", so Daris; die Plätze seien quasi im Nu vergeben.

Eine ganz besondere Leidenschaft gelte bei Kinodvor unterdessen der Sozialisierung mit dem Medium Kino in jungen Jahren, alleine hierfür habe man drei Vollzeit- und eine Teilzeitbeschäftige. Engagement, dass sich auch in der Tatsache ausdrückt, dass 30 Prozent der Besuche bei Kinodvor auf das Konto von Vorführungen für junge Kinogänger:innen mit begleitender Filmerziehung gehen. Was dem Haus dabei hilft, ist natürlich auch die entschiedene Unterstützung durch die Stadt, die ganze elf Prozent (!) ihres Budgets Kunst und Kultur widmet und damit nicht nur günstige Preise bei Kinodvor (5,30 Euro für ein reguläres Ticket ohne Rabatte) ermöglicht, sondern die über eine Sonderförderung dafür sorgt, damit auch Kinder aus einkommensschwachen Familien wenigstens drei Mal kostenlos eine Kinovorführung erleben können.