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REVIEW STREAMING: Die RTL+-Serie "Strafe" nach Ferdinand von Schirach

Mit der Anthologie-Serie "Strafe" nach Ferdinand von Schirach, die am 28. Juni startet, gelingt RTL+ und Moovie durch die unterschiedlichen Stile der Macher ein ziemlich großer Wurf. Lesen Sie in unserer Besprechung, wo die genauen Stärken liegen.

27.06.2022 11:07 • von Michael Müller
Elisa Hofmann in "Die Schöffin" (Bild: RTL/Moovie/Luis Zeno Kuhn)

Es ist eigentlich ein großes Glück, dass die Streaming-Plattform RTL+ noch ziemlich am Anfang der eigenen Fiction-Produktion steht. Denn der Anthologie-Serie "Strafe" nach der gleichnamigen Buchvorlage von Ferdinand von Schirach wohnt ein besonderer Zauber inne. Sechs unterschiedliche Regisseurinnen und Regisseure haben mit eigenen Stilen, Vorlieben, Schauspielpräferenzen und Sensibilitäten sechs Alltagsgeschichten über Mord, Totschlag, gesuchte Unfälle und Wahnsinn inszeniert. Bei den mittellangen Filmen von Hüseyin Tabak, Mia Spengler, David Wnendt, Oliver Hirschbiegel, Helene Hegemann und Patrick Vollrath ist nicht nur einfach eine Leistungsschau hochtalentierter Kreativer entstanden, sondern sehr kurzweilige und gekonnte kleine Kunstwerke, die miteinander kommunizieren und wie aus dem vollen Leben gegriffen scheinen.

Auf den ersten Blick ragt natürlich ein feines Meisterstück wie "Der Dorn" von Hüseyin Tabak heraus, weil hier schon die auf dem Papier so starke Vorlage die visuell erzählerische Entsprechung fand und auch ideal von der Lauflänge passt. Der introvertierte Museumswärter Feldmayer (Hans Löw) wird in seinem Job bei der Raumrotation vergessen. Was erst wie eine glückliche Fügung wirkt, entwickelt sich über die Jahre zu einer Manie des Museumswärters, der einerseits unsichtbar für den Rest der Welt wird und andererseits an dem einzigen Kunstwerk im Raum zu verzweifeln beginnt. Hans Löw spielt diesen Außenseiter nahezu stumm nur über die Körpersprache, während die zunehmend kafkaeske Situation auch visuell überzeugend eingefangen wird.

Ein anderes herausragendes Beispiel der von Moovie produzierten Anthologie-Serie ist die Geschichte "Ein hellblauer Tag" von David Wnendt, die sich, wie der wegkippende Vorspann schon andeutet, als Ausgangspunkt das narrative Konzept vom Skandalfilm "Irreversibel" zu eigen gemacht hat. Das heißt, die Tragödie der Angeklagten (Jule Böwe in einer Tour-de-Force-Performance), die wegen Mordverdachts am eigenen Kind ins Gefängnis muss, wird rückwärts erzählt. Es beginnt mit einem Gewaltexzess und endet in der scheinbaren Idylle, die aber dank der filmischen Mittel für das Publikum auch eine tröstliche Form von Realität darstellt.

Es werden hier traurige und harte Schicksale lakonisch und auf Augenhöhe nicht ohne Ironie erzählt, so dass der Blick auf die Gesellschaft mit Empathie für die Schwächen und Abgründe der Menschen geschärft wird. Weil die handwerklichen Fähigkeiten der Beteiligten so hoch sind, alles eine individuelle Handschrift trägt und jeder oder jede auch nochmal auf einen ganz anderen Pool an hochtalentierten Schauspielern zurückgreift, lassen sich die Geschichten in der Hinsicht fast wie - ein bisschen vergiftete - Pralinen genießen. Als frisches neues Gesicht sei mindestens einmal die stark aufspielende Elisa Hofmann in "Die Schöffin" hervorgehoben, von der man gerne noch viel mehr Szenen mit Kathrin Angerer gesehen hätte.

"Strafe" startet am 28. Juni auf der Streaming-Plattform RTL+. Am 27. Juni feiert das Format seine Premiere auf dem Filmfest München.

Michael Müller