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Käßbohrer, Murmann & Bonny zu "King of Stonks": "Aufregend und Zumutung zugleich"

Am 25. Juni feiert die bissige Satire-Serie "King of Stonks" ihre Weltpremiere auf dem Filmfest München, ab 6. Juli startet sie auf Netflix. Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann von der btf und Regisseur Jan Bonny philosophieren über die eigenen Hochstapler-Protagonisten.

24.06.2022 14:13 • von Michael Müller
Thomas Schubert (l.) und Matthias Brandt in "King of Stonks" (Bild: Netflix)

Am 25. Juni feiert die bissige Satire-Serie "King of Stonks" ihre Weltpremiere auf dem Filmfest München, ab 6. Juli startet sie auf NetflixPhilipp Käßbohrer und Matthias Murmann von der btf und Regisseur Jan Bonny philosophieren über die Hochstapler-Protagonisten in der Fintech-Branche.

Was fasziniert Sie so an der Hochstapelei?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Wir interessieren uns einfach für Bösewichte und was sie antreibt, unmoralisch zu werden. Deswegen schaut oder liest man doch generell Geschichten: Weil man Figuren dabei zuschauen kann, wie sie Entscheidungen treffen, vor denen man selbst Angst gehabt hätte. Hochstapler-Figuren faszinieren die Menschen, weil sie so wahnsinnig mutig erscheinen. Sie behaupten, ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie die Größten sind. Für normale Menschen, die Selbstzweifel und Ängste haben, ist das sehr beeindruckend.

JAN BONNY: Der Hochstapler gerät immer in die Extremsituation, in den Moment von Alles oder Nichts. Weil die Bedrohung aufzufliegen, sofort die ganze Existenz bedroht. Es gibt auch kaum einen Hochstapler, der zurückhaltend hochstapelt. Im Gegenteil, es geht immer höher, dem Kipppunkt entgegen, an dem alles wieder in sich zusammenfallen muss. Die Reise an diesen Punkt aber ist ungeheuerlich. Der Hochstapler ist halt ein Spieler und als solcher von der Last der Authentizität befreit. Er fordert uns als Zuschauer heraus, die Kompromisse, auf denen wir unser Leben aufgebaut haben, zu hinterfragen. Als Figur ist er aufregend und Zumutung zugleich, in gleichen Teilen tragisch und komisch.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Außerdem ist das Thema auch ein bisschen autobiografisch, weil Filmemachen ja auch eine Art Hochstapelei ist. Wenn wir Netflix zum Beispiel Geschichten pitchen, behaupten wir auch, dass das die beste Geschichte sei, die jemals auf der Welt erzählt wurde. Dabei stimmt das ja vielleicht gar nicht.

Wie viel bildundtonfabrik steckt auf der Metaebene im Start-up Cable Cash von ,"King of Stonks", das über dubiose Digital-Geldgeschäfte den Aktienkurs in die Höhe treibt?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Hochstapler und Visionäre sind auf sehr interessante Weise miteinander verwandt. Auch die Großen wie Steve Jobs oder Elon Musk haben am Anfang nur behauptet, etwa die tollste Computerfirma des Universums aufzubauen, während sie im Hintergrund ihre Teams dahin gepusht haben, technologisch auch tatsächlich einen Unterschied zu machen. Hat geklappt, hätte aber auch genauso gut nicht klappen können. Es hinzubekommen, unterscheidet den Visionär vom Hochstapler. Meist sind sowohl die einen als auch die anderen sehr narzisstische Persönlichkeiten. Und solchen sind wir in der Medien- und Fernsehbranche natürlich auch schon oft begegnet. Menschen, die vor lauter Narzissmus irgendwann die Bodenhaftung verlieren. Da konnten wir uns ein bisschen was von der Seele schreiben.

Die Serie trug einmal den Arbeitstitel ,"Cable Cash" und heißt jetzt "King of Stonks". Steckt da auch ein bisschen Helmut Dietl mit drin?

MATTHIAS MURMANN: Der Begriff ,,Stonks" kommt aus der Meme Welt und ist eine absichtlich falsch geschriebene Variante des Wortes "Stocks". Im Netz steht er für private wie auch unternehmerische Fehlentscheidungen und lässt sich somit gut auf unsere Geschichte übertragen. Die ,,Stonks" spielen bei uns also die ganze Zeit eine kleine aber unterhaltsame Nebenrolle, da wir in unserer Geschichte das überbordende Aufmerksamkeitsverlangen von CEO Magnus Cramer mit dem Börsenwert unserer erdachten Cable Cash AG gleichsetzen. Wenn er zum Beispiel wie auch Elon Musk etwas auf einer Konferenz oder im Netz sagt, reagieren die Aktien sofort extrem darauf. Sein Kollege Felix Armand, der "COO" von Cable Cash, den Thomas Schubert spielt, sieht sich das mit den Händen über den Kopf geschlagen an und versucht irgendwie die meist katastrophale Situation noch irgendwie unter Kontrolle zu bekommen.

JAN BONNY: Und stimmt schon, Helmut Dietl steckt auch mit drin. Das ist das doppelte Spiel mit dem Titel. Und Dietl hat sich ja schon bei ,"Schtonk!" auf Chaplin und "Der große Diktator" bezogen. "King of Stonks" selbst folgt mit dem erzählerischen Tempo eher angelsächsischen Vorbildern und ist zugleich eine total deutsche Erzählung. Sie ist in beiden Welt beheimatet. Das schimmert beides durch den Titel durch und die lautmalerische Qualität ist eh toll. Der King im Titel ist natürlich wieder eine Hochstapelei und Überhöhung für sich.

MATTHIAS MURMANN: Die Überhöhung, die wir in der Erzählung unseres Cable-Cash-Unternehmens machen, ist, wenn man anfängt zu recherchieren, eigentlich gar nicht sonderlich überhöht. Wie wir aus Berichten aus den großen Dax-Konzernen wissen, geht es da häufiger auch mal richtig zur Sache. Diesen Wahnsinn auf den obersten Konzernetagen wollten wir natürlich auch unterhaltsam und humorvoll in unserer Serie abbilden.

Aber welche Rolle spielte bei der Serie der Wirecard-Skandal? Gewisse Parallelen gibt es schon. Oder wollen Sie gar nicht großartig damit in Verbindung gebracht werden und erzählen Ihre ganz eigene Geschichte?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Cable Cash ist eine ganz eigene, fiktive Firma. Aber der Fall Wirecard war schon ein Anstoß der Inspiration. Deshalb sind uns die faktischen Details natürlich bekannt. Was uns jedoch mehr interessiert, sind die menschlichen Motivationen hinter so einem Skandal. Wie werden Menschen so? Was treibt sie an? Wie leben sie mit einem 1,9 Milliarden Euro Betrug? Man stellt schnell fest, dass hinter vielen Fehlentscheidungen ganz menschliche Grundbedürfnisse stehen. Von jemandem geliebt zu werden, jemanden zu hassen, jemanden begeistern oder sich an jemandem rächen zu wollen. Angestoßen davon haben wir unseren eigenen Kosmos erschaffen. Das war allerdings gar nicht so einfach wie gedacht, weil die Ermittlungen gegen Wirecard ja längst nicht abgeschlossen waren. Als wir uns im Writers Room überlegt haben, dass die italienische Mafia eine Rolle spielen soll, kam 14 Tage später ein Wirecard-Artikel über die Verbindungen zur Mafia heraus. Genauso war's beim österreichischen Geheimdienst.

JAN BONNY: Wir können ja nicht die Finanzwelt erklären, wie soll das auch gehen, sondern erzählen von diesen beiden Männer, Geschäftspartnern und Ganoven und von ihrem Ringen miteinander. Und wie sie von einer dritten Figur, der Shorttraderin Sheila, herausgefordert werden. Klassiker. Das ist unser Weg rein in diese Welt - die unsere Figuren ordentlich deformiert. Und wir sind dabei.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Die Serie ist mehr Sophokles als Pythagoras. Es geht mehr um Ödipus als um Zahlen.

MATTHIAS MURMANN: Das Thema Realität oder Nicht-Realität ist immer interessant, weil wir damit schon mehrfach konfrontiert waren. In Deutschland gibt es sehr häufig die exakt historisch nacherzählte Verfilmung. Wir lösen uns sehr gerne früh von der echten Basis und suchen den eigentlich Kern der Geschichte, allem voran die Motivation und die Abgründe unserer Figuren. Die Realität nehmen wir gerne als Sprungbrett und machen dann eine ganz eigenständige Erzählung daraus. In diesem Fall wäre eine faktenbasierte Nacherzählung nicht leistbar, da sich der Fall noch sehr in der Aufklärung befindet.

Herr Bonny, Sie sagten mir mal, dass Sie das Serienformat nur im absoluten Ausnahmefall interessieren würde, wenn alles passt. War das jetzt bei ,"King of Stonks" der Fall?

JAN BONNY: Ach na klar, das war so gemeint. Wie wir das am Anfang zusammen gestartet haben - und dazu gehören ja noch viele sehr gute andere Leute, die wir da eingebracht haben -, das war aus meiner Sicht schon ziemlich ideal. Ich glaube, so habe ich mir den Ihnen gegenüber erwähnten Ausnahmefall damals vorgestellt. Wir haben Autoren, Schauspieler und andere zusammengebracht, die ich genau wie Matthias und Philipp jeweils aus früheren Zusammenarbeiten schätzen. Für jemanden wie Matthias Brandt beispielsweise ist aus unserer Dreier-Konstellation auch nochmal eine neue Figur entstanden, die ihm, glaube ich, Spaß gemacht hat. Er hat ja in seinem Leben auch schon das eine oder andere Vorbild für Magnus beobachten können und mit ein bisschen Höhensonne und einem Satz brandneuer Zähne hat er da einen ziemlich realistischen Widergänger deutscher Gegenwart raus verdichtet, einen Düsseldorfer Prometheus, wenn man so will. Für mich hat die Serie in der langen Form einen neuen Ton mitgebracht. Das fand ich gut. Ich hab vielleicht mal was gemacht, was nicht nur ich lustig finde.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Wobei ich sagen muss, dass ich Deine Sachen auch schon immer sehr lustig fand. Du bist also nicht allein.

JAN BONNY: Ja, wir haben bei der Serie alle unseren Teil eingebracht. Es hat einen interessanten gemeinsamen Charakter gefunden.

MATTHIAS MURMANN: Wir wollten vom Stil, der Erzählung, der Geschwindigkeit und den Figuren her etwas Neues schaffen, was so noch nicht da war.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Zur Entstehungsgeschichte der Serie gehört auch, dass das keine von langer Hand geplante Mount-Everest-Expedition war. Eher: Ein paar Freunde sitzen am Wochenende am Fuße der Alpen und sagen: "Was haltet ihr davon, wenn wir morgen da hoch laufen? Und alle bringen ihre Freund:innen mit!" Wenn man sowas machen möchte, muss man sich gegenseitig vertrauen. Und alle müssen ihre Stärken einbringen können, sonst klappt das nicht.

JAN BONNY: Es gab in unserer Konstellation zusammen mit Matthias Brandt einen kleinen Vorfilm, ein Musikvideo zu einem Lied von Olli Schulz, in dem Matthias eine Variante des jüngeren Magnus Cramer spielt. Matthias und ich haben uns auch mal eine Weile mit dem Kunstberater Helge Achenbach beschäftigt, der die Albrecht Familie ausgenommen hat. Vielleicht sind solche kleinen Ströme auch mit in die Serie geflossen.

MATTHIAS MURMANN: Es gibt Menschen, die im Leben sehr weit kommen, weil sie ihr Gegenüber wahnsinnig geschickt um den Finger wickeln können und dazu auch bereit sind, moralische Schwellen ohne schlechtes Gewissen zu überschreiten. Achenbach wirkt auf den ersten Blick auch wie ein wahnsinnig charmanter und souveräner Mann. Er hatte dann leider sein Ego nicht im Griff und hat dumme Fehler gemacht. Es braucht eine große Arschloch-Portion und Scheuklappen, dann kann man ganz nach oben kommen.

Wie war das Feedback von Netflix auf Ihre beiden Hauptdarsteller Matthias Brandt und Thomas Schubert, die perfekt auf die Rollen passen, die man jetzt aber nicht sofort auf der Netflix-Startseite erwarten würde?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Netflix wollte für die Rollen ursprünglich Mads Mikkelsen und Leonardo DiCaprio. Die hatten aber keine Zeit. Und wenn man so will, sind Matthias Brandt und Thomas Schubert die Deutschen Mads Mikkelsen und Leonardo DiCaprio.

JAN BONNY: Ein Selbstläufer also.

PHILIPP KÄSSBOHRER: Aber im Ernst: Wir hatten bei Netflix sofort riesige Fans. Allerspätestens als wir den Kolleginnen das erste Konstellations-Casting gezeigt haben. Es war direkt eine wahnsinnige Spannung zwischen den beiden zu sehen.

JAN BONNY: Wenn ich die beiden auf einem Plakat sehe, will ich wissen, was sie zusammen anstellen.

MATTHIAS MURMANN: In der Satire muss man sich von einer klaren Richtung auf ein Thema zu bewegen. Da braucht man Schauspieler:Innen die verstehen: Warum machen wir überhaupt eine Serie über diese Arschgeigen?

JAN BONNY: Es sind alles Kollegen und Kolleginnen, die auch den Humor der Texte verstehen und emotional und situativ klug und geschickt damit umgehen. Die alle eine große Spielfreude mitbringen; die Vergnügen haben an den Details. Daran, zusammen etwas Neues, immer etwas Spezifisches zu finden. Nicht allgemein zu sein, nicht flach. Die Serie lebt ja gleichermaßen von den unglaublichen Vorgängen und dem Tempo der Körper, wie von der Komik der herrlichen Dialoge.

Werden Sie in Zukunft wieder an einer Serie oder bei einem Film zusammenarbeiten?

PHILIPP KÄSSBOHRER: Wir können immer noch ein Bier trinken gehen, ohne über die Serie zu sprechen. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft.

Das Interview führte Michael Müller