Kino

Produzenten-Roundtable: "Jeder Kinofilm ist ein Kraftakt"

Die deutschen Filmproduzenten glauben an das Kino und stellen sich der Herausforderung. In Berlin trafen sich die für den Deutschen Filmpreis Nominierten zum exklusiven Roundtable mit Blickpunkt:Film. Gemeinsam ist ihnen die Sorge um die Finanzierung von Arthousefilmen, und sie fordern die Verantwortung der Sender ein.

24.06.2022 07:25 • von Jochen Müller
Die für den Deutschen Filmpreis nominierten Produzent:innen (Bild: Florian Liedel / Deutsche Filmakademie)

Erst einmal Glückwunsch zur Nominierung. Die sechs nominierten Produk­tionen stehen für die Vielfalt des deutschen Films und für herausragende produzentische Leistungen. Zeitsprung hat sich vor allem einen Namen mit Eventfilmen und Mehrteilern fürs Fernsehen gemacht, wie fühlt es sich an, mit zwölf Nominierungen für Lieber Thomas" als Favorit ins Rennen um den Deutschen Filmpreis zu gehen?

MICHAEL SOUVIGNIER: Das ist ein sehr schönes Gefühl, aber wir werden sehen. Ich bin jedenfalls gespannt.

Wie einfach waren Produktion und Finanzierung des Films?

MICHAEL SOUVIGNIER: Einfach ist ein gutes Wort. Wir haben zwölf Jahre mit diesem Film verbracht und, wenn man so will, für jedes Jahr jetzt eine Nominierung bekommen.

TILL DERENBACH: Es war wirklich eine lange Strecke. Natürlich gehen die Entwicklungszeit und die Hürden, die wir nehmen mussten, auch in Ordnung, denn letztlich sind wir mit Thomas Wendrich und Andreas Kleinert, die beide aus ihren eigenen Biographien heraus für die Geschichte hervorragend passten, da gelandet, wo wir hin wollten. Besser hätte es nicht kommen können. Aber die Finanzierung war nicht einfach, wir haben jede Förderung zweimal beantragt, und am Ende ist es auch kein großes Budget geworden.

Zehn Nominierungen für Rabiye Kurnaz gegen George W Bush", so viele wie 2019 für Gundermann". Wie stark hofft man auf die Nominierung zum Deutschen Filmpreis vor dem Hintergrund, dass sich Kinofilme immer schwieriger finanzieren lassen?

CLAUDIA STEFFEN: Das Wichtigste ist immer der Film. Und wenn es dafür Preise gibt, freuen wir uns natürlich. Dass die Nominierung als Bester Spielfilm mit einer Prämie verbunden ist, ist toll und für uns auch wichtig. Schließlich ist es Fördergeld, mit dem man einen neuen Film machen kann, kein unwichtiger Aspekt, aber wirklich nur die "cherry on top". Diese Nominierungen sind auch mit Zufällen verbunden und damit, ob man einen deutschen Film macht. Anders als in diesem Jahr wurden Koproduktionen früher seltener berücksichtigt. Die 17 Jahre vor "Gundermann" waren wir jedenfalls nie nominiert.

CHRISTOPH FRIEDEL: Ja, wir haben lange gebraucht, seit Bella Martha".

Wie darf man den Dank am Ende des Films an Christian Granderath vom NDR verstehen, ohne den es den Film nicht gäbe, wie es da heißt?

CHRISTOPH FRIEDEL: Das ist ein Dank von Andreas Dresen, natürlich auch von uns, weil die Geschichte des Films länger ist als unsere Arbeit an dem Film. Christian Granderath, damals noch Produzent bei der UFA, hat die Rechte an den Erinnerungen von Murat Kurnaz akquiriert. Danach war es ein langer Weg bis zum jetzigen Film, der nicht Murat Kurnaz sondern seine Mutter im Zentrum hat, den Film den Andreas Dresen machen wollte, der auch Hoffnung gibt, wenn die Leute ihn sehen.

CLAUDIA STEFFEN: Und Christian Granderath ist auch in den schwierigen Zeiten dabei geblieben. Es ist für uns alle noch wichtiger geworden, Kino-Koproduktionen mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen machen zu können, was leider immer schwieriger wird. Der NDR hält innerhalb der ARD neben ein paar anderen ARD-Anstalten, wie dem RBB, BR, SWR, auch dem ZDF und natürlich Arte noch daran fest. Das war bei "Lieber Thomas" auch so, oder?

MICHAEL SOUVIGNIER: Das war bei uns dasselbe. Christian war von Anfang an dabei. Er kannte Thomas Brasch noch persönlich und ist mit der Idee auf mich zugekommen. Dass es eine so lange Reise werden würde, war uns damals noch nicht klar. Wir hatten viele Partner und mussten viele kleinteilige Förderungen zusammentragen. Es war ein langer Weg, und er war immer dabei.

Große Freiheit" hat nach dem Preis der Jury im Un Certain Regard in Cannes eine große Reise gemacht, wird überall gelobt und ist ein eindrucksvoller Film. Wie wichtig ist der Deutsche Filmpreis für Sie als österreichischer Produzent?

OLIVER NEUMANN: Leider ist unser deutscher Partner, Benny Drechsel, heute nicht bei uns, weil er eine Grippe hat. Ich bin ja auch Deutscher, aber trotzdem sind wir als österreichische Produzenten ein wenig wie Zaungäste bei dieser Veranstaltung. Es ist für uns eine besondere Ehre, für den Deutschen Filmpreis nominiert zu sein. "Große Freiheit" ist ja eine paritätische deutsch-österreichische Koproduktion, dadurch ist er majoritär sowohl eine deutsche als auch österreichische Produktion. Wir haben uns sehr über die Nominierung gefreut, vor allem weil der Film ein Kapitel deutscher Geschichte behandelt, insofern ist es toll, dass er hier Anerkennung findet.

Die österreichische Produktionslandschaft ist besonders lebendig, wird häufig zu großen Festivals eingeladen - anders als der deutsche Film. Was macht den Unterschied?

SABINE MOSER: Hm, das ist eine schwierige Einstiegsfrage. In Österreich gibt es das klare Bekenntnis und die Investitionsbereitschaft in den Aufbau von Regiestimmen und Regietalenten. Das ist durch die gesamte Förderlandschaft hindurch spürbar. Wir haben mit dem ORF zwar nur einen TV-Partner, aber dafür einen starken, der auch die rechtliche Verpflichtung hat, in den Kinofilm zu investieren. Dieser politische Auftrag ist ein wichtiger Standortfaktor. Bei uns geht man auch zuerst zur nationalen Filmförderung und dann an zweiter Stelle zum Fernsehen. Das sind schon starke Komponenten. Mit Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Jessica Hausner ergibt sich außerdem aus der Geschichte heraus in Österreich ein hoher Stellenwert für den künstlerisch anspruchsvollen Film - zum Glück.

Nun wird "Große Freiheit" weithin gelobt bis hin zu Traumnoten in der IMDb, trotzdem hat er sich in den deutschen Kinos relativ schwergetan. Haben Sie eine Erklärung?

OLIVER NEUMANN: Natürlich kann man nur mutmaßen, wie der Film ohne Corona gelaufen wäre. In Österreich hatten wir am Freitag den Kinostart, und am Sonntag begann dann ein neuer Lockdown, der kurzfristig entschieden wurde. Trotzdem hat sich der Film in österreichischen Kinos ganz ehrenwert geschlagen, wenn auch nicht so, wie wir es uns erwartet hätten. Auch in Deutschland hat er sich trotz toller Arbeit des Verleihs schwergetan, was für uns auch traurig war, weil der Film doch ein relevantes, gewichtiges Thema behandelt. Ich glaube, in der Zeit, in der wir alle durch die Pandemie verängstigt waren, gab es prinzipiell die Tendenz zum Eskapismus. Man wollte sich dann nicht unbedingt mit schwierigen Themen beschäftigen und ging eher ins Kino, um sich abzulenken.

SABINE MOSER: In Österreich wie in Deutschland waren sowohl die Mundpropaganda als auch die Presse sehr positiv. Das erste Wochenende in Österreich war sehr vielversprechend - und dann gab es drei Wochen geschlossene Kinos. Den Film kurz vor Weihnachten noch einmal ins Kino zu bringen, fiel dann in ein Vakuum. Es ist leider eine Gemeinsamkeit von uns allen, dass es schwierig ist, das Publikum für den ­anspruchsvollen Arthousefilm zu erreichen. Das Sehverhalten und die Häufigkeit der Kinobesuche haben sich auch durch die Pandemie verschoben. Es ist jetzt Normalität und natürlich auch gemütlich, auf unterschiedlichen Streamingplattformen eine sehr große Bandbreite an Filmen sehen zu können.

Dass eine Komödie von Constantin Film für den Filmpreis nominiert wird, geschieht auch nicht alle Tage. Habt Ihr Euch erschreckt?

CHRISTOPH MÜLLER: Ja, und Contra" hat als einziger Film nur eine einzige Nominierung erhalten, nämlich die für den besten Spielfilm. Sonst ist der Film nicht weiter bewertet worden. Als "Contra" alphabetisch als erster Nominierter genannt wurde, habe ich mich kurz erschreckt und dann riesig gefreut.

Und wie erklären Sie sich die Nominierung?

CHRISTOPH MÜLLER: Das ist eine gute Frage, wenn man in allen anderen künstlerischen Gewerken überhaupt nicht bewertet oder gesehen wird. Vielleicht weil Contra mit seinem sehr ­relevanten Thema doch eine emotionale Wirkung bei den Akademiemitgliedern erzielen konnte.

Sönke Wortmann wurde gerade beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet, jetzt hier die produzentische Leistung bei seinem Film "Contra". Wie haben Sie die Nominierung aufgenommen?

TOM SPIESS: Ich habe mich nicht so erschreckt, ich freue mich darüber. Der Film ist ja keine klassische Komödie. Am Ende erkennen sich zwei und wissen, wer sie sind, ohne ihre kulturelle oder sprachliche Identität aufzugeben. Wir wollten auch keinen Thesen- oder Themenfilm machen. Insofern passt er in keine Schublade. Es kommt nicht in jedem Jahr vor, dass ein Film der Constantin unter der Regie von Sönke Wortmann für den Deutschen Filmpreis nominiert ist. Das gibt mir Mut für die Zukunft.

Auch Wunderschön" ist eine große Publikumskomödie mit einem Thema, das viele angesprochen hat und von Karoline Herfurth großartig umgesetzt wurde. Kam die Nominierung überraschend?

CHRISTOPHER DOLL: Wir haben uns wahnsinnig gefreut, aber wir waren tatsächlich auch ein wenig überrascht. Dass man mit einer "Komödie", noch dazu mit einer von einem Major koproduzierten, nominiert wird, kommt nicht oft vor. Das ist ein großer Glücksfall, und nach der langen Zeit, die Wunderschön durch die Pandemie in der Warteschleife festhing, auch eine wahnsinnige Erleichterung. Wir haben den Kinostart viermal verschoben, und waren immer kurz vor der Herausbringung, wenn erneut verschoben werden musste. Das war ein Riesenkraftakt. Als wir schließlich im Februar gestartet sind, am Höhepunkt der Corona­zahlen, wussten wir auch nicht so genau, wie optimistisch wir da sein sollten. Aber Warner hat mit seiner Verleiharbeit den Film immer wieder präsent gehalten. Alle im Team wussten genau, was zu tun war und haben immer wieder einen neuen Plan entwickelt, und das hat sich dann glücklich bewährt.

Auch Komplizen Film hat beim Filmpreis schon Triumphe gefeiert. "Spencer" wurde schon auf vielen Festivals gezeigt und ausgezeichnet. Haben Sie damit gerechnet, mit dieser Koproduktion als bester deutscher Film nominiert zu werden?

JANINE JACKOWSKI: Es ist eine 80:20-Koproduktion, aber deutlich mehr deutsch finanziert. Natürlich gab es eine Diskussion, weil der Film nicht deutschsprachig ist, und auch der Regisseur nicht deutsch ist. Aber im Endeffekt haben wir ihn majoritär aus Deutschland heraus finanziert, zu 90 Prozent in Deutschland gedreht, und das Team war majoritär deutsch. Wir waren von der ­allerersten Idee bis zum letzten Auswertungsschritt dabei und freuen uns wahnsinnig über diese Nominierung.

Das internationale Thema hilft, dass der Film in vielen Ländern wahrgenommen wird. Was hilft hier der Deutsche Filmpreis?

JONAS DORNBACH: Erst einmal ist es eine tolle Anerkennung. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht gedacht, dass der Film hier eine Nominierung bekommt. Dass die Branche die Leistung sieht, das hat uns alle unglaublich gefreut. Der Film hat Preise gewonnen, war in Venedig im Wettbewerb, und Kristen Stewart war für den Oscar nominiert. Aber in England bei den BAFTA Awards war er noch nicht einmal nominiert. Ich finde, dass er dem Bouquet an nominierten Filmen nochmal eine eigene Farbe hinzufügt.

Die große Bandbreite zeichnet die Stärke des diesjährigen Preisverfahrens aus. Beim Blick auf die nominierten Filme - spiegeln sie die Höhepunkte des letzten Jahres?

TILL DERENBACH: Sie spiegeln vor allem das zweite Pandemiejahr. Nach der ersten Welle der Pandemie ist ja eine gewisse Verunsicherung eingetreten. Die Frage ist: Wie mutig sind die Produzenten, die Förderer, die Sender und vor allem die Verleiher noch, die es am allerhärtesten getroffen hat und die immer noch ihre Schwierigkeiten haben. Die Gespräche mit ihnen haben sich spürbar verändert. Das ist eine dramatische Situation, für alle, die wie wir ganz frei produzieren und einen starken Verleihpartner brauchen. Wir sind jedenfalls mit "Lieber Thomas" gut gestartet, hatten gigantische Presse und eine tolle Herausbringungsarbeit und sind dann in der x-ten Welle - ich weiß gar nicht mehr, welche! - abgeschmiert. Nach dem erneuten Lockdown war keine Stimmung fürs Kino mehr vorhanden. Der Kinoraum wurde als möglicher Ansteckungsort wahrgenommen, obwohl er das nie war. Trotzdem fühlte es sich so an. Und das lastet auf uns allen wie Beton.

TOM SPIESS: Man kann diesen Jahrgang unter den gegebenen Umständen kaum bewerten und muss sehen, welche Filme wann gestartet sind. Wenn wir mit "Contra" regulär gestartet wären, hätten wir deutlich mehr Zuschauer erreichen können und schon 2021 zur Auswahl gestanden. Auch wir mussten verschieben. Es gibt keinen Film, der nicht von diesem Thema beeinträchtigt wurde, in der Planung, im Marketing und in der Herausbringung. Und das wird uns im kommenden Jahr auch noch so gehen.

JANINE JACKOWSKI: Was mir im Moment wirklich Sorgen macht, ist die Finanzierung. Spencer" haben wir noch vor Pandemiezeiten finanziert bzw. damit angefangen. Und natürlich arbeiten wir an Projekten, aber das sind alles Filme, die wir bereits finanziert bekommen haben oder die ausgewertet werden. Was uns hier alle beschäftigt, ist der Ausblick. Wie finanzieren wir weiterhin Kinofilme, denn jetzt sind die Kassen wirklich leer.

Wie sehr hat Corona die Produzenten geschwächt?

JANINE JACKOWSKI: Wir hatten alle wahnsinnig mit den erhöhten Kosten zu kämpfen und damit, dass Team- oder Cast-Mitglieder ausgefallen sind und es zu Verzögerungen gekommen ist. Diese Mehrkosten wurden nur zum Bruchteil durch Ausfallfonds oder die Sender aufgefangen. Im Endeffekt gab es Budget-Umschichtungen, und die Budgets sind ja in den letzten Jahren nicht besonders gestiegen, während die Gagen der Crew- und Castmitglieder explodiert sind...

MICHAEL SOUVIGNIER: ...und weiter explodieren.

JANINE JACKOWKSI: Das bedeutet, dass es bei den Budgets Kosten­steigerungen gibt, die wir gar nicht finanzieren können.

TOM SPIESS: Vor allem sieht man sie nicht auf der Leinwand. Was wir an höheren Kosten finanzieren müssen, kommt nicht auf die Leinwand, weil es vom Thema Fachkräfte, den erhöhten Gagen und Covid aufgezehrt wird. Und jeder Film steht unter dem erhöhten ­Risiko der Herstellung. Wenn man einen Corona-Fall im Team hat, steht der ganze Film auf der Kippe.

CLAUDIA STEFFEN: Und dann musste man auch noch monatelang zittern, ob die Ausfallfonds verlängert werden, ohne dass es hier zu einer frühzeitigen Kommunikation gekommen wäre.

CHRISTOPH MÜLLER: Trotzdem muss man aber auch sagen, dass wir Voll­beschäftigung haben. Es wird so viel produziert wie nie. Wir verschieben Drehbeginne, weil wir keine Produktionsleiter oder Regieassistenten bekommen, weil sich auch hier die Streamer bemerkbar machen.

MICHAEL SOUVIGNIER: Das ist auch eine Gefahr für das Kino, weil Produzenten wie wir sich überlegen müssen, ob wir den Film ins Kino bringen oder an einen Streamer verkaufen.

CLAUDIA STEFFEN: Die Frage ist aber auch, wie lange diese Nachfrage anhält. Ich bin mir nicht sicher, wie das in zwei oder drei Jahren aussieht.

TILL DERENBACH: Trotzdem: Wie stark kommt der Kinomarkt jetzt zurück? Wo steht die Kinobranche an sich? Das hat für viele Produzenten in der Gesamtbranche eine enorme Bedeutung, und diese Position scheint mir extrem geschwächt. Das kann einem schon Sorgen bereiten.

Was ist also aus Sicht der Produzenten zu tun? Der Ausfallfonds I wurde verlängert. Die Streamer kaufen bestimmt den einen oder anderen Film vorab...

CLAUDIA STEFFEN: Nee, wer kauft denn da einen Kinofilm vorab?

JANINE JACKOWKSI: Vorab kauft so gut wie niemand, und wenn, dann nicht zu den erforderlichen Preisen. Wir sprechen jetzt über die künstlerisch hochwertigen Filme, die eine Festivalpremiere im Fokus haben. Da halten sich die Summen doch sehr in Grenzen.

TOM SPIESS: Trotzdem sind die Streamer hier gleichzeitig Chance. Wenn Ihr einen Film herstellt, wird der später auch an einen Streamer verkauft und dort gezeigt.

CLAUDIA STEFFEN: Dafür gibt es keine Garantie, und vor allem ist da ein Riesenunterschied zwischen letztem und vorletztem Jahr. Wenn man vor zwei Jahren einen Film ins Kino gebracht hat und war nur ein bisschen erfolgreich, kam das Angebot. Das ist jetzt viel schwieriger geworden.

OLIVER NEUMANN: Wir haben bei "Große Freiheit" auch mit einem Streamer gearbeitet: Mit Mubi - das war eine sehr erfreuliche Erfahrung. Wir hatten vorher schon einen Film an Netflix verkauft, insofern spüren wir durchaus auch als österreichische Produzenten den Einfluss der Streamer, in Deutschland bestimmt der Einfluss aber vermutlich deutlicher die Branche.

TOM SPIESS: Ich sage nur, dass wir alle hier am Tisch unsere Chancen bei den Kinos suchen wie auch bei den Streamingdiensten.

JONAS DORNBACH: Ein Film wie "Spencer", der in den Kinos halbwegs funktioniert hat - auch wenn wir und sicher auch DCM sich mehr gewünscht hätten - hat danach jetzt immerhin noch die Chance, auf Amazon Prime zu kommen. Wir haben eine Situation, in der die Verleiher immer noch stark verunsichert sind. Und wir wissen alle nicht, wohin die Reise geht. Das spiegelt sich dann in den Commitments der Verleiher. Da spüren wir eine große Zurückhaltung. Chancen ergeben sich bei Verleihern, die über einen Outputdeal verfügen, oder zumindest mit einer Zusammenarbeit in einem frühen Stadium das Risiko abfedern helfen, wenn man in der Finanzierung noch gegensteuern kann.

CHRISTOPH MÜLLER: Die Verunsicherung kommt auch daher, dass eigentlich nur noch Filmevents, die auf größeren Bestsellern basieren oder IPs haben, die über eine besondere Aufmerksamkeit verfügen, im Kino funktionieren. In diese Richtung wird es mit dem Kinofilm laufen, das mutmaßen wir bei der Constantin: eine Eventisierung des Kinos. Unsere Gegner in der Auswertung sind nicht Netflix oder Amazon, sondern das sind Musikkonzert-, Theater- und Opernbesuche, wenn man Unterhaltung außer Haus sucht. Und wir müssen die Leute mit unseren Filmen dazu bekommen, eben ins Kino zu gehen.

Sollten die Streamer nicht vor allem zusätzliche Auftraggeber und Abnehmer für die Produzenten sein?

CHRISTOPH FRIEDEL: Naja, wir konkurrieren auch um die Regisseure mit den Streamern. Über diese kleinteiligen Finanzierungen eines Kinofilms, wenn man bei jeder Förderung sogar mit einem Regisseur wie Andreas Kleinert zweimal vorsprechen muss, darüber kann ein Streamer nur lachen. Das Problem gibt es auch nicht bei einem Eventmovie fürs Fernsehen. Da überlegen sich Regisseure schon sehr gut, ob sie für das Kino arbeiten.

JANINE JACKOWSKI: Für die Finanzierung von Kinofilmen spielen die Streamer tatsächlich keine große Rolle. Aber wir brauchen die öffentlich-rechtlichen Sender. Es gibt zwei Wege, um Kinofilme zu finanzieren, den künstlerischen und den kommerziell orientierten Weg. Für den künstlerischen Weg brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Aber die ziehen sich immer stärker zurück...

JANINE JACKOWSKI: Und das ist gerade ein riesengroßes Problem. Das ist der Flaschenhals, durch den alle diese Filme müssen, wenn es keinen starken Verleihpartner mit einem Outputdeal gibt.

CHRISTOPH FRIEDEL: Der WDR als größte deutsche ARD-Anstalt hat vor 2 1/2 Jahren gesagt, sie hätten überhaupt kein Geld mehr für Kino, weil es keine Gebührenerhöhung gebe. Dann gab es die Gebührenerhöhung, aber es hat sich bis jetzt nichts geändert. Es gibt weiterhin keinen Kinoetat, seit zwei Jahren nicht.

CLAUDIA STEFFEN: Wir finden, dass es im Unterschied zu kommerziell operierenden Unternehmen für öffentlich-rechtliche Institutionen, die sich aus Gebührengeldern finanzieren, eine Verantwortung für den Kinofilm gibt, auch eine kulturelle Verantwortung. Und da werden wir einfach ausgehungert.

CHRISTOPH FRIEDEL: Im Gegensatz zu Österreich, wo der ORF von der Politik in die Pflicht genommen wurde, gibt es in Deutschland 18 Rundfunkstaatsverträge, die alle wachsweich gehalten sind, und keine Hoffnung, dass der Gesetzgeber das ändert.

JONAS DORNBACH: Und man geht erst zur Förderung und dann zum Sender, was einen Riesenunterschied macht. Man braucht in Deutschland erst einen Sender, bevor man zur Förderung gehen kann.

TOM SPIESS: Wir sprechen nun seit 15 Jahren darüber, dass sich die Sender mehr und mehr aus dem Kino zurückziehen, und ich weiß nicht, wie wir diese Entwicklung umkehren können. Im Moment kann man mit den Öffentlich-rechtlichen nur noch mit den sogenannten Arthouse-Stars wie Dresen oder Schwochow Kino machen. Die anderen haben kaum noch eine Chance.

Karola Wille hat kürzlich im Interview mit Blickpunkt:Film gesagt, dass sie nicht feststellen könne, dass sich die ARD-Anstalten aus dem Kino zurückziehen.

JANINE JACKOWSKI: Dann sollten wir sie dabei auch beim Wort nehmen.

MICHAEL SOUVIGNIER: Christian Granderath wurde hier viel zitiert, aber der NDR gibt kaum mehr Geld für Kino aus. Das ist doch peinlich. In Frankreich müssen die Sender pro Jahr 1,5 Prozent ihres Bruttoumsatzes ins Kino investieren.

CHRISTOPH FRIEDEL: Aber wir müssen feststellen, dass seit 15 Jahren der Kuchen immer kleiner wird. Und wir kriegen es nicht hin, wirklich politischen Druck auf die Sender zu machen.

TILL DERENBACH: Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sich an einem ­Kinofilm beteiligt, sind wir alle glücklich. Aber wenn man sieht, wie die Rechte innerhalb des FFG verteilt werden, dann ist das einfach überholt. Das passt nicht zur neuen Refinanzierungswelt. Produzieren wird immer teurer, die Beteiligung des Senders bleibt dieselbe, und die Rechte, die man hat, um refinanzieren zu können, werden mit heftigsten Verhandlungen vielleicht ein wenig ausgeweitet. Da ist wenig Flexibilität zu sehen.

JANINE JACKOWSKI: Im Endeffekt gibt es zu wenig Transparenz. Wir merken alle, dass das Engagement der Sender abnimmt, besonders wenn man über höhere Budgets spricht. Aber es ist sehr schwer, das mit Zahlen zu belegen. Wir hören höchstens von unseren Redaktionspartnern, dass die Budgets halbiert wurden oder für das laufende Jahr erschöpft sind, weil mehr Programm für die Mediatheken benötigt wird. Es gibt dazu keine offiziellen Zahlen.

Das will die Filmintendantin der ARD im nächsten Produzentenbericht ändern. Treiben diese Probleme auch den Produzenten von "Wunderschön" um, der über 1,5 Mio. Zuschauer erreicht hat?

CHRISTOPHER DOLL: Natürlich. Für "Wunderschön" hatten wir vier Förderungen beantragt und nur zwei davon bekommen. Wir mussten den Film in der Vorbereitung deswegen zweimal verschieben und dafür Kapazitäten blocken. Schließlich hatten wir Drehbeginn im Juli, was für alle Gewerke schlecht ist, weil viele danach zeitlich keinen weiteren Film mehr machen können. Dass sie alle dabeigeblieben sind, rechnen wir jedem Einzelnen hoch an. In der Finanzierung haben wir mit Warner natürlich einen starken Partner. Das ist eine solide Ausgangslage. Aber trotzdem bringt eine bessere und schnellere Finanzierung die Zeit, den Schutzraum und die Ruhe, die man eigentlich bräuchte für einen solchen Film, der für die Kinowirtschaft in Deutschland eine wichtige, auch finanziell nicht unwichtige Farbe einbringt. Dass alles so gut ausging, ist eine Kombination: Karoline, die persönlich mit ins Risiko gegangen ist; der Film, der das Kinopublikum überzeugen konnte, Glück und - immer wieder betont - der starke Partner Warner, der eine heraus­ragende Kampagne gefahren hat. Das Problem ist doch auch, dass man bei vielen Filmen gar nicht merkt, dass sie schon angelaufen sind, weil es auch von der Kraft des Verleihpartners abhängt, wieviel sie hier investieren können. In der Auswertung kommt jetzt noch das Problem dazu, dass sich zu viele Filme stauen und dort auf doppelte Konkurrenz treffen. Erfolge im Kino zu kreieren, ist mittlerweile fast noch schwerer, als sie am Anfang überhaupt zu finanzieren.

Waren abgesehen von Constantin oder Warner kleinere Verleiher durch Corona zu geschwächt, um eine größere Reichweite für die nominierten Filme zu erzielen?

CLAUDIA STEFFEN: Mein Eindruck ist, dass die Verleiher der hier vertretenen Filme einen sehr guten Job gemacht haben. Da gibt es andere Beispiele, wo Produzenten enttäuscht sein können. Die nominierten Filme waren alle total präsent. Und trotzdem hatten die Leute Angst, ins Kino zu gehen. Wir haben lange überlegt, ob wir unseren Film nach der Euphorie auf der Berlinale gleich im April starten sollen. Im Nachhinein denken wir, dass wir doch bis Herbst hätten warten sollen. Aber wer weiß schon, was im Herbst ist.

CHRISTOPH MÜLLER: Es gibt auch eine weitere Analyse: Nachdem die Coronaregeln gefallen sind, hatte das ältere Publikum noch mehr Bedenken, ins Kino zu gehen. Dieses Publikum fehlt, weil hier viele Best-Ager-Filme machen.

TOM SPIESS: Dazu kommt, dass gerade das ältere Publikum sehr anspruchsvoll und wählerisch ist. Wir sprechen davon, dass wir Filme für ein "älteres" Publikum machen, aber wir machen eigentlich Filme für Leute in unserem Alter, Leute, die vor zwanzig Jahren für Arthousefilme noch sehr gerne in Arthousekinos gegangen sind. Vielleicht müssen wir uns auch fragen, ob wir zum Teil Filme für ein Publikum machen, das es für bestimmte Kinofilme so nicht mehr gibt.

CHRISTOPHER DOLL: Ich fand es jedenfalls sehr interessant, dass wir mit "Wunderschön" drei Wochen lang auf Platz eins der Boxoffice-Charts sowie der Arthouse-Charts lagen. Wann gibt es denn sowas? Das hat mich ehrlich gesagt fast noch mehr überrascht als die Nominierung zum Filmpreis. Und natürlich sehr gefreut.

Kann es auch daran liegen, dass Arthousefilme gar nicht immer Zugang zu den Arthousekinos haben, weil dort immer öfter große Hollywoodfilme in Originalfassung laufen?

OLIVER NEUMANN: Nach Corona waren viele Kinobetreiber ja ausgehungert und kamen gar nicht darum herum, in ihren großen Sälen James Bond zu spielen, selbst wenn es Arthousekinos waren. Das war in Österreich sicher nicht anders als in Deutschland. Aber ein Punkt ist mir schon sehr wichtig: Zuschauerzahlen sind nicht das einzige Kriterium, um einen Film zu bewerten. Das ist ein unscharfes Bewertungskriterium und ist zum Beispiel losgekoppelt davon, ob ein Film noch in fünf Jahren eine Gültigkeit, eine kulturelle Relevanz hat, dafür gibt es ja viele Beispiele. Wir reden immer noch von kultureller Identität, die wir durchs Filme produzieren schaffen.

TILL DERENBACH: Auch relevante Themen kann man sehr emotional an die Zuschauer bringen, Kultur genauso. Die Grenze ist immer da, wo man ins rein Kommerzielle kippt. Ich finde, diese Säule Kultur sollte und muss es auch im Kino geben.

CLAUDIA STEFFEN: Und auch die gesellschaftliche Diskussion darum. Hier sind einige Filme dabei, die auch soziale Milieus beleuchten und deswegen in der Presse breit diskutiert wurden. Wie oft schafft das ein Streamingfilm? Die Möglichkeit haben wir im Kino, dass Zuschauer hinterher intensiv diskutieren.

CHRISTOPH MÜLLER: Eine der schönsten Nebenwirkungen von "Contra" war, dass Schulen jetzt verstärkt Debattierwettbewerbe einführen wollen, weil Lehrer und Schüler diesen Film gesehen haben. Das ist ein schönes Kompliment und zeigt die Strahlkraft des Kinos.

MICHAEL SOUVIGNIER: Mit "Lieber Thomas" haben wir einen klassischen Arthousefilm gemacht, und nochmal in aller Deutlichkeit: Wir haben uns wahnsinnig über die vielen Nominierungen gefreut. Aber ich möchte doch noch anmerken, dass wir uns sehr gewundert haben, dass dieser Film bei der Berlinale gar nicht erst angenommen wurde und dort keine Rolle gespielt hat. Wenn es einen Berlin-Film gibt, dann ist es sicherlich "Lieber Thomas", der mit seiner Ost-West-, West-Ost-Geschichte eigentlich für die Berlinale prädestiniert gewesen wäre.

Wie seht Ihr bei all den skizzierten Problemen die Zukunft des deutschen Kinofilms? Nimmt das Kino in seiner Bedeutung für Euch ab?

JANINE JACKOWSKI: Wir haben uns bei Komplizen Film auf zwei Standbeine konzentriert, nämlich auf Serien und weiterhin auf den Kinofilm. Aber wir merken, dass die Anzahl der Projekte abnimmt, weil jeder Kinofilm ein solcher Kraftakt ist, der so viel länger dauert und innerhalb der Firma viel mehr Personal bindet. Wir müssen uns auf weniger Projekte fokussieren, um sie mit der gleichen Sorgfalt und Leidenschaft machen zu können.

MICHAEL SOUVIGNIER: Die Frage ist, was für einen Film man für das Kino macht. Ihr seid bei Constantin Film megaerfolgreich mit Komödien. Das ist etwas ganz anderes als ein Arthousefilm. Das kann man kaum vergleichen. Kino wird immer Bestand haben, aber der Arthousefilm wird es immer schwerer haben, weil er viel mehr Risiken in der Herausbringung birgt.

CLAUDIA STEFFEN: Wir haben auch vor 20 Jahren schon gesagt, dass es schwer ist. Jede Zeit hat ihre Probleme. Aber der Film ist immer noch da, und die Künstler sind es auch. Ich lese in Blickpunkt:Film immer die letze Seite mit den sieben Fragen an Kreative: Jeder artikuliert dort den Traum von der großen Leinwand, und dass eine Premiere im Kino das Größte ist. Wir glauben daran, dass das auch weiter so sein wird. Man muss sich als Firma sicherlich anders aufstellen. Auch wir machen weniger Projekte und sind eher kleiner geworden, damit die Overheads nicht noch größer werden. Aber den Film wird es immer in den Kinos geben.

CHRISTOPH MÜLLER: Selbst Netflix und Amazon machen mittlerweile Premieren auf der großen Leinwand, damit sie ihren Kreativen auch das schöne Gefühl geben können. Aber ich ertappe mich schon dabei, dass ich mich bei Projekten im Entwicklungsstadium immer öfter frage, ob das jetzt Kino ist oder besser für Streaming, und wie lange ich für die Finanzierung brauchen werde. Dass ich immer den großen Kinofilm im Kopf habe, ist logisch, und es steht auch noch die Novellierung des FFG an, die uns bei den Sperrfristen und weiteren Finanzierungsbausteinen helfen könnte, wettbewerbsfähiger zu werden.

TOM SPIESS: Die Novellierung des FFG halte ich auch für einen wesentlichen Punkt. FFG und FFA sollten sich dabei auf Produktion und Verleih konzen­trieren. Viele andere Themen sind auch für uns relevant, gehören aber definitiv zu den Aufgaben des BKM. Die Kon­zentration auf Produktion und Verleih wird zeigen, wie wir in den nächsten Jahren mit diesem Tool und dem Kinofilm klarkommen.

Es ist sicher richtig, dass es bei der Bedeutung von Filmen nicht nur auf die Zahl der Kinozuschauer ankommt. Wieviel können Festivals leisten, um der Ort zu sein, wo Kinofilme ihr Publikum erreichen?

JANINE JACKOWSKI: Für eine bestimmte Art von Film ist ein großes Festival der Startpunkt, aber da geht es nicht in erster Linie um das Publikum. Cannes ist anders als die Berlinale ein reines Branchenfestival. Da geht es um den Aufschlag in der Presse, und die Möglichkeit, den Film zu verkaufen.

Aber es gibt fast 400 Publikumsfestivals in Deutschland...

CLAUDIA STEFFEN: Wir haben mit "Drii Winter" einen sehr künstlerischen Schweizer Film koproduziert, mit dem wir auch auf der Berlinale waren. So ein Film hat natürlich kulturell eine Berechtigung, tatsächlich lief er auf vielen kleinen Publikumsfestivals, die ganz oft - so viel zum Thema Event - ausverkauft sind. Und selbst jetzt, während und mit Corona, waren sie sehr kreativ. Da kommt auch ein Publikum zusammen. Auf der Berlinale sieht man, dass Leute in Filme gehen, über die sie nichts wissen oder gelesen haben, und meistens sind sie nicht enttäuscht. Das kann auch Teil einer Auswertungsstrategie sein.

CHRISTOPH FRIEDEL: Wir als Produzenten müssen Angebote schaffen. Wenn wir nur dem Publikumsgeschmack hinterher rennen, verlieren wir das Publikum irgendwann ganz. Es ist im Moment schwierig im Arthousebereich, aber wir müssen auch den Mut haben, etwas Neues zu probieren, selbst wenn wir ­damit erstmal auf die Schnauze fallen. Wenn wir immer nur dasselbe Koch­rezept verwenden, nivellieren wir unsere Kunstform.

TOM SPIESS: Aber es gibt doch eine große Vielfalt an deutschen Kinofilmen, es gibt sogar eine enorme Vielfalt.

JONAS DORNBACH: Ich glaube schon, dass es um mehr geht. Wo ist der nächste Christian Schwochow, die nächste Maren Ade oder der nächste Yorgos Lanthimos? Vielleicht werden die von Netflix entdeckt und kommen dann über die Streamer wieder zurück ins Kino. Kann sein, das glaube ich aber nicht. Es hilft nicht, sozusagen jeden Keim sofort auf seine Marktrelevanz zu prüfen. Das meine ich gar nicht negativ. Natürlich müssen sie da funktionieren, und in dem Punkt haben sich auch die Streamer verändert. Ein Baran bo Odar hatte sicherlich 2010 eine ganz andere Freiheit, als ein Baran bo Odar 2022 bei Netflix bekommt. Ein Debütfilm wie Le Prince" von Lisa Bierwirth braucht seinen Weg und ist sicher im Kino gescheitert. Aber er hatte viele Festivalpremieren, startet nächste Woche in Frankreich. Wenn man das nur an Zuschauerzahlen misst, ist das zu wenig. Der Film hat ein Eigenleben, und mal sehen, vielleicht ist er in fünf Jahren eine Perle. "Dogtooth" von Yorgos Lanthimos hat auch nur 4000 Zuschauer gemacht. Deswegen ist es schon wichtig, wenn wir über eine Vielfalt sprechen, dass wir dieses Ökosystem am Leben erhalten.

OLIVER NEUMANN: Bei den Festivals vergisst man immer, dass Filme dort nicht nur einen geschützten Rahmen im kulturellen Kontext finden, sondern dass es auch um relevante Zahlen geht. Wenn ein Film auf hunderten Festivals weltweit läuft, sind das sechsstellige Zuschauer weltweit. Ich bin es auch ein wenig leid, immer das Argument zu hören: Ihr müsst mal wieder Filme machen, die das Publikum erreichen. Zum Teil hat auch das Kino sein Publikum verloren, ein anspruchsvolles Kinopublikum findet Inhalte eher auf Festivals. Und die Kinos sollten auch wieder mehr auf Filmvermittlung setzen. Es gibt ja an kleinen Orten auch Arthousekinos, die es vormachen, die mit anspruchsvollem Programm seit Jahrzehnten ein Publikum erreichen, auch weil sie das Publikum über Filmvermittlung aufgebaut haben. Es reicht nicht, einfach nur einen Kinosaal in ein Shoppingcenter zu packen, wo der Film dann von alleine laufen muss.

CHRISTOPH FRIEDEL: Die Kinos haben viel Geld in der Pandemie bekommen. Manchmal würde man als Produzent den Wunsch haben, dass sie damit auch innovativ umgehen und ihre Kinos wirklich attraktiver machen und besser kuratieren.

Wenn Sie am Ende dieses Geprächs, die Gelegenheit hätten, Wünsche oder Forderungen zu formulieren, welche wären das?

CHRISTOPH FRIEDEL: Mich als Kinofilmproduzent ärgert es wahnsinnig, dass das BKM jetzt nochmal den German Motion Picture Fonds erhöht hat, ein Förderinstrument, das einem deutschen Produzenten noch nicht mal zu Rechten verhilft, und bei dem es nur darum geht, in einer Branche, in der Vollbeschäftigung herrscht, dafür zu sorgen, dass irgendeine amerikanische Serie hier gedreht wird und nicht in Prag. Aber bei einem hier nominierten Film wie "Lieber Thomas" müssen sich die Produzentenkollegen die Hacken ablaufen, um vergleichsweise bescheidene Förderbeträge bewilligt zu bekommen.

CLAUDIA STEFFEN: Dabei wäre es ganz einfach. Warum nicht stattdessen das Budget vom DFFF II, - auch ein Tool aus einer anderen Zeit, als es darum ging, hier Arbeitsplätze zu sichern, - für den DFFF I verwenden, und dann für alle Filme eine Förderung von erhöhten 25 Prozent zu gewähren. Das müsste man durchrechnen und würde jedem Kinofilm helfen. Die Erhöhung des GMPF hat uns persönlich sehr geärgert, und wir waren überrascht, dass das nicht höhere Wellen geschlagen hat.

TOM SPIESS: Es wäre sinnvoll, GMPF und DFFF für uns alle, die wir hier sitzen und Kinofilme als auch Serien produzieren, für die nächsten drei bis fünf Jahre planbar im Haushalt festzumachen.

JANINE JACKOWSKI: Ich habe eine ganze Liste von Wünschen. Das fängt an mit einer Erhöhung beim DFFF auf 25 Prozent, damit wir auch international konkurrenzfähig sind. Wenn man sich in anderen Ländern umschaut, ist der Satz noch höher, aber mindestens bei 25 Prozent. Ich würde mir auch wünschen, dass wir das Finanzierungssystem für einen Arthousekinofilm, der klassischerweise einen Sender, einen Verleiher und im Zweifelsfall noch einen Weltvertrieb braucht, bevor er bei den Förderungen eingereicht werden kann, ändern. Wir merken ja, dass das nicht funktioniert, und sollten uns als Branche überlegen, wie der richtige Weg ist, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender sich immer mehr zurückziehen. Die Kinos und die Verleiher brauchen deutsche Kinofilme, wir wollen sie produzieren, aber wir müssen auch die Möglichkeit dazu haben. Denn dieser Flaschenhals wird immer enger.

CHRISTOPH MÜLLER: Ich würde mir noch eine Flexibilisierung der Sperrfristen wünschen, damit Filme nach dem Kino schneller ausgewertet werden können.

Und wie lässt sich die Situation in Österreich noch verbessern?

SABINE MOSER: Da habe ich zwei Forderungen: Einerseits brauchen wir eine Streamerabgabe und andererseits eine Investitionsprämie, wie sie schon lange am Tisch liegt.

OLIVER NEUMANN: Ja, ein funktionierendes Tax Incentive, das international konkurrenzfähig ist und auch serielles Filmschaffen einbezieht.

JONAS DORNBACH: Ich habe davon ganz losgelöst einen Wunsch: Ich glaube, es ist wichtig, den Kinoort wieder attraktiver zu machen. Das hört sich jetzt banal an, aber es ist wichtig, dass man wirklich gerne hingeht, gute Getränke bekommt und danach noch die Chance hat zu essen, wie im Wolf Kino in Berlin. Im Vergleich zu manchen Kinos ist jetzt nach der Pandemie jedes Heimkino zuhause besser. Ich war gerade in New York, dort gibt es einen neuen Kinobau, in dem auch Events veranstaltet werden, mit zwei Top-Kinosälen, einer kleinen Bibliothek und einem wunderschönen Restaurant. Dort war es jeden Abend proppenvoll. Und das Kino war fantastisch kuratiert, von Seventies-Retrospektiven bis zu den zeitgenössischen Arthousefilmen. Wenn man da hinging, wusste man, man war im richtigen Kino und im richtigen Film.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl