Kino

Cinema Vision 2030: Den Raum öffnen!

Wie sieht die Kinoumgebung der Zukunft aus? Und wie lässt sich das Kerngeschäft befruchten? Bei der Innovationskonferenz Cinema Vision 2030 gab es spannende Anregungen aus der Praxis.

23.06.2022 09:34 • von Marc Mensch
Die Geschichte der Umgestaltung eines brach liegenden Kinos in Kabul war hochinteressant - hatte aber leider kein Happy End... (Bild: BF)

Die Gestaltung urbaner Orte, an denen sich Menschen treffen, steht im Fokus des Atelier d'Architecture Lalo. Und dessen Gründer Jean-Marc Lalo skizzierte zur Innovationskonferenz Cinema Vision 2030 diverse spannende Beispiele, wie alten Kinostätten neues Leben eingehaucht werden konnte. Die Wahl der präsentierten Orte mochte dabei erst einmal exotisch erscheinen, umfasste Sie doch unter anderem Kabul oder Tanger - aber gerade diese Auswahl war Ausdruck des universellen Alleinstellungsmerkmals des Kinos als kulturellem Versammlungsort, der auch politisches Gewicht haben kann - wovon gerade die hochinteressanten Ausführungen zum Kabuler Kino (das mit der erneuten Machtübernahme durch die Taliban leider wieder Geschichte ist) eindrucksvoll Zeugnis ablegten.

Und egal ob Mittlerer Osten, Afrika oder Europa: Für Lalo gelten für urbane Orte wie Kinos Prämissen, die nicht an den Grenzen von Ländern oder Kontinenten enden, sondern allgemeingültig sind - und die zuallererst mit der Präsenz im öffentlichen Raum zu tun haben. Einladend zu wirken, bedeute, den Raum nach außen zu öffnen. "Die Menschen auf der Straße müssen sehen können, was sich im Inneren abspielt", so Lalo, der indes nicht nur für Fensterfronten und den Blick auf das Geschehen eintrat. Sondern vor allem dafür, auch der Versammlungsfunktion von Kinos mit entsprechend großzügigen Räumlichkeiten außerhalb der Säle Rechnung zu tragen. Bis zu 40 Prozent der Gesamtfläche sollten seiner Ansicht nach auf Versammlungsräume (also Foyers, Lounges, etc...) entfallen - nicht umsonst wählte er für seine Präsentation Beispiele, bei denen Säle im Zuge von Modernisierungen zugunsten ihrer Peripherie verkleinert wurden. In einem Fall sogar, um einen Garten im Innenhof anzulegen und so einen attraktiven Blickfang beim Verweilen im Foyer zu schaffen. Sein Credo: Egal, was Du vor Dir siehst - es lässt sich umgestalten.

Eine ganz besondere Erfolgsstory konnte unterdessen Valerio Carocci schildern. Eine, die man vielleicht nicht in allen Punkten zur Nachahmung empfehlen würde, da sie durchaus juristische Stolperschwellen aufweist. Aber eine, aus der ein hochinteressantes Konzept hervorging. Um kurz von Beginn an zu skizzieren: Carocci ist einer der Gründer von "Piccolo America", einer Vereinigung junger römischer Cineasten, die sich unter anderem der Rettung historischer Abspielstätten verschrieben haben - was ihnen mit einer Besetzung des zum Abriss vorgesehenen Cinema America im römischen Viertel Trastevere schlussendlich tatsächlich gelang. Ein Erfolg, der aber nur den Beginn ihrer Ambitionen markierte. Mit dem Open-Air-Festival "Il Cinema in Piazza" zog man zunächst einmal den Zorn der Branche (und rechtliche Auseinandersetzungen) auf sich - denn die Filme wurden dort kostenlos gezeigt. Was man aber auch auf sich zog, war massive mediale Präsenz und nicht weniger massive Unterstützung durch etablierte Stars weit über Italien hinaus.

Bei Caroccis Präsentation stach dabei nicht zuletzt die Professionalität heraus, mit der man sich dies in einer Kampagne (unter anderem mit bestechend mitreißenden Werbevideos) zunutze machte. Absolut kein Zufall. Denn wie Carocci feststellte: "Die Politik unterstützt Dich, wenn Du Einfluss hast! Und Kommunikation ist alles!" Was er damit explizit auch meinte: "Entscheidend ist die Story, die Du den Medien erzählen kannst!" Und über einen Mangel an medialer Aufmerksamkeit konnte sich "Piccolo America" (auch dank zugegebenermaßen illegaler Aktionen) nicht beklagen.

Lohn der Mühe? Die Verwirklichung eines Traums. Über eine Million Euro an Fördergeldern von Staat und Stadt ermöglichten im September 2021 die Eröffnung des ersten Kinos von "Piccolo America", dem Cinema Troisi in Rom. Womit wir wieder bei der Bedeutung des Raumes wären. Denn das Haus ist ganz gezielt als offener Raum konzipiert, als urbane Versammlungsstätte, die laut Carocci 24 Stunden täglich geöffnet hat - an 365 Tagen im Jahr. Nicht in Gänze. Aber in Teilen.

Denn das Konzept hinter Cinema Troisi ist ebenso einzigartig wie seine Entstehungsgeschichte: Das Haus ist im Prinzip zweigeteilt: In das eigentliche Kino (wo auch bis tief in die Nacht hinein noch gespielt wird) und in einen flankierenden Bereich, der sich - und das eben rund um die Uhr, kostenlos und frei zugänglich - der Filmerziehung widmet. Letzterer Teil baut auf Förderung, während das Kino sich bislang selbst trägt. Laut Carocci "bestens", wenngleich man sich nun erstmals der in Italien traditionell schwachen Sommersaison stellen müsse. Das Konzept, ein Gratis-Angebot als Anker, als Kommunikationsraum, als Förderempfänger und letztlich als bestes Marketinginstrument für das eigentliche Kino zu nutzen - das jedenfalls wurde bei der Cinema Vision 2030 begeistert diskutiert. Denn gerade dieses Konzept hat ernsthafte Chancen, adaptiert zu werden. Auch ohne Stress mit dem Gesetz.