Kino

Cinema Vision 2030: Leidenschaft zählt!

Ein möglichst breites Spektrum an Anregungen und einen möglichst weiten Blick über den Tellerrand zu gewähren, war Ziel der Cinema Vision 2030. Und schon das erste Panel erfüllte diesen Anspruch geradezu mustergültig. Auch wenn schon die allererste Präsentation weit von der hiesigen Realität entfernt scheinen mochte, warf sie doch ein Schlaglicht auf ein ganz zentrales Element, das alle Kinotypen einen sollte.

23.06.2022 00:36 • von Marc Mensch
Das ganz besondere Screening von "Der weiße Hai" (rechts im Bild) stieß auf hörbare Begeisterung beim Fachpublikum. Und falls Sie sich das fragen: Ja, das ist der echte "Devil's Tower", vor dem ein Jubiläums-Screening von "Unheimliche Begegnung der dritten Art" stattfand. Den Backdrop für "Titanic" musste allerdings (natürlich) die Queen Mary liefern... (Bild: BF)

Sicher. Das Timing, parallel zur CineEurope (und dem Filmfest München) war unglücklich - und tatsächlich verlor Christian Bräuer als Gastgeber im Kino International in seiner Begrüßungsrede keine Zeit, diesen Umstand, den die Organisatoren der Cinema Vision 2030 gerne vermieden hätten, zu adressieren. Wie viele Gäste dennoch (und vor allem trotz astronomischer Hotelpreise) den Weg nach Berlin fanden, ist erfreulich. Wie viele Branchenexpert:innen man für den Austausch gewinnen konnte, ist beeindruckend. Und tatsächlich hätte man schon mit dem ersten Panel gut und gerne einen ganzen Kongresstag verbringen mögen. Denn das Versprechen, ein möglichst breites Spektrum an Anregungen und einen möglichst weiten Blick über den Tellerrand zu gewähren, wurde schon damit erfüllt.

Wobei es gleich zu Beginn erst einmal in eine Welt ging, in der sich die meisten deutschen Betreiber:innen zunächst einmal nur bedingt aufgehoben fühlen mögen. Denn Jimmy Wu durfte als CEO von Lumière Pavilions eingangs über sein - so wörtlich - "sehr kleines" Unternehmen berichten: eine Kette mit gerade einmal 45 Kinos, 356 Leinwänden und weit über 50.000 Sitzen. Falls Sie es noch nicht erraten haben sollten: Wir sprechen von chinesischen Dimensionen. Doch auch wenn Lumière Pavilions im Reich der Mitte beileibe nicht zu den Großen zählt - zu den Vorreitern tut man dies allemal. So gehen auf ihr Konto laut Wu unter anderem die weltweit ersten Installationen von Dolby Atmos und des RealD Ultimate Screen, für Alita: Battle Angel" holte man in enger Kooperation mit James Cameron eine spezielle Fassung für 10+ Footlambert nach China, die nicht einmal in den USA zum Einsatz kam - und zur Premiere von Monster Hunter" (der nach dem Start wegen einer Kontroverse allerdings umgehend aus den chinesischen Kinos verschwinden musste), kamen laut Wu in einer "Mittelstadt" 18.000 Zaungäste.

"Läuft", könnte man erst einmal sagen, wüsste man nicht um die aktuellen Probleme im chinesischen Markt. Diesbezüglich gab sich Wu (der in den USA lebt) ausgesprochen offen. So seien die Probleme derzeit größer denn je. Denn während man in den ersten Phasen der Pandemie Arbeitskräfte haben abbauen bzw. nur einen Bruchteil (20 bis 30 Prozent) des üblichen Lohnes habe zahlen können, sei man nun von der Führung angehalten, Beschäftigung zu vollem Lohn aufrecht zu erhalten... Man kämpfe derzeit mit allen Mitteln, um die Betriebe am Laufen zu halten, so Wu. Dazu zählten auch Kampagnen mit Stars und Influencern, um nicht nur den Verkauf von Tickets, sondern auch von Merchandising-Artikeln zu befördern.

Was aber macht die Arbeit eines solchen "Mittelständlers" üblicherweise aus? Zum einen ein absolutes Bekenntnis, stets die modernste Technik zu haben. Zum anderen aber vor allem auch die Programmarbeit. Denn Lumière Pavilions hat sich in ganz besonderer Weise auch dem verschrieben, was man hierzulande "Arthouse" nennen würde - und man legt einen ganz besonderen Fokus auf alternativen Content bzw. Event-Kino. Weswegen man, auch das verriet Wu im persönlichen Gespräch, erst einmal kein Problem damit habe, dass China zuletzt immer weniger US-Blockbuster ins Land gelassen habe.

Und sonst? Betreibt Lumière Pavilions ein eigenes VoD-Portal, persönlich entworfen von Wu. Ist man regelmäßiger Gastgeber von Premieren und Events mit Stars, für die man auch "deutlich erhöhte Ticketpreise" verlangen könne. Setzt man auf Blockchain-Technologie und bietet (wie auch Kinoprimus AMC) längst NFTs als exklusive - und offenbar enorm nachgefragte - Anreize an, bis hin zur Möglichkeit, aus erworbenen Online-Tickets eigene NFTs als Erinnerungsstücke zu "fertigen". Etwas, das gerade zu besonderen Anlässen wie dem Valentinstag populär sei. Gleichzeitig dienen (und hier muss man unweigerlich an das neue Kundenbindungsprogramm von Cineplex denken) solche NFTs auch als digitale Abzeichen bzw. Trophäen in sozialen Medien.

Der wirklich erstaunliche Teil der Präsentation folgte allerdings, als es um die Mitarbeiter:innen, den direkten Draht zu den Besucher:innen ging. Dass erstere ein "intensives Training unter anderem zum Customer Service" durchlaufen, überrascht nun eher nicht. Dass Teil dieses Trainings für jede(n) Einzelne(n) ein Screening von Cinema Paradiso" ist, dann doch. "Wir wollen jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin ein Gefühl dafür geben, wie ein Kinofilm Leben berühren kann", so Wu. Denn - und auch an dieser Stelle war er erneut bestechend ehrlich: Bezahlt werde man auch in seinen Kinos ja nun nicht übermäßig gut, umso entscheidender sei die absolute Leidenschaft für das Metier. Die man übrigens auch mit internen Events wie Besuchen in der Postproduktion von Filmen schüre. Auch dank solcher Anreize könne Lumière Pavilions auf die landesweit niedrigste Fluktuationsrate bei den Beschäftigten verweisen.

Absolute Leidenschaft für Film steht auch ganz im Zentrum der (unter US-Cineasten geradezu legendären) Kette Alamo Drafthouse. Ihre Geschichte begann 1997 als Nachspiel-Kino in Austin (Texas), heute hat das Unternehmen 36 Standorte und 319 Leinwände, darunter in Metropolen wie New York, Los Angeles, San Francisco und Washington D.C. - was umso erstaunlicher ist, als die Pandemie Alamo Drafthouse erst einmal in die Insolvenz gezwungen hatte, aus der man sich aber retten konnte. "Von Filmliebhabern für Filmliebhaber" ist das Motto eines Unternehmens, das seine Mitarbeiter gezielt dazu anhält, auf Gäste zuzugehen, insbesondere mit Stammgästen in Interaktion zu treten, ihnen das Gefühl zu geben, wichtig genommen zu werden.

Dabei verfolgte Alamo Drafthouse von Anbeginn eine Politik, die ein absolutes Alleinstellungsmerkmal darstellt und in der Vergangenheit schon für Schlagzeilen gut war, die es (2013 im Fall von Madonna) schon auch einmal über den großen Teich schafften: Der Respekt vor den Filmen und denen, die sie genießen wollen, wird weltweit nirgends so konsequent durchgesetzt, wie dort. Wer in einem Alamo Drafthouse während des Films redet oder gar ein Handy zückt, fliegt raus. Konsequent. "Wir sind die Kathedrale des Films - der Respekt davor und vor den Gästen steht über allem", so Sarah Pitre, Senior Content Buyer. Allzu oft durchgreifen muss man nicht - denn abgesehen davon, dass Alamo Drafthouse diese Politik kar, spielerisch und auch humorvoll kommuniziert, eilt der Kette ihr Ruf natürlich voraus - im absolut positiven Sinn.

Ausnahmen gibt es allerdings - und das insbesondere bei Kultfilmen: "Rowdy Screenings" oder "Go Wild!"-Screenings animieren Besucher:innen zum Mitmachen und sorgen dabei für Szenen, wie sie in Deutschland kaum vorstellbar wären. Ohnehin spielen - Schweigen oder nicht - Events eine enorm wichtige Rolle. Und die Bandbreite reicht von Vorführungen von Es" mit komplett Clowns-gewandetem Publikum bis zu Open-Air-Vorführungen von "Der weiße Hai". Klingt so lange nicht spektakulär, bis man weiß, dass die Gäste auf Schwimmreifen in einem Teich sitzen - an Schlüsselstellen aufgeschreckt von eigens engagierten (!) Tauchern. Nun mögen solche Events (und schon die Liste der beispielhaft beleuchteten Highlights war lang) enormen Aufwand erfordern. Aber zu sehen, was Kino alles sein kann, war faszinierend. Und tatsächlich kratzte Pitre mit ihrem Vortrag (der hier ohnehin nur teilweise wiedergegeben ist) nur an der Oberfläche. Alamo Drafthouse betreibt an zwei Standorten kostenlosen VHS-Verleih für Filme, die anderweitig nicht verfügbar sind, veranstaltet Festivals, setzt auf hochwertiges Essen mit Bedienung am Platz, passt entsprechende Angebote regelmäßig passend zum Film an, ist häufig Gastgeber der Kreativen, hat ein Kino-Abo gelauncht (das laut Pitre selbst ein cinephiles Publikum noch zur Erweiterung des Horizonts animiert) und, und, und... Bei all dem betrachtet man sich übrigens ausdrücklich nicht als "Premiumkino", sondern setzt auf Durchschnittspreise. Was sich für die Kette übrigens auch auszahlt: Die Pflege unabhängigen Kinos (Everything Everywhere All at Once" war in 2022 mit elf Prozent Umsatzanteil der vierterfolgreichste Film dort) und von alternativem Content, dessen Resultate gebündelt für Platz 6 der Rangliste gut wären.

Ein außergewöhnlicher Player ist auch die französische Kette mk2 - insbesondere was Innovationen anbelangt. Auch Elisha Karmitz konnte in seinem Vortrag nur an der Oberfläche kratzen - dabei aber auf mehrere einzigartige Konzepte verweisen. Aktuell abgehakt (aber nicht notwendigerweise dauerhaft) ist VR. 2016 installierte mK2 erstmals aufwändige VR-Stationen in seinen Kinos - laut Karmitz absolut im Bewusstsein dessen, dass dies angesichts fallender Preise für Endkonsumenten ein temporärer Markt sei. 2019 wurde das Engagement erst einmal beendet. 2018 eröffnete man erstmals einen "Concept Store" in einem Kino. Einen Laden, in dem Artikel verkauft werden, die das Filmerlebnis ins heimische Wohnzimmer verlängern.

Im Frühjahr 2021, mitten in der Pandemie, eröffnete mk2 über einem seiner Kinos ein erstes "Hotel Paradiso", das in jedem der 34 Zimmer riesige Flatscreens und Filme auf Abruf bietet - in speziellen Räumen sogar aktuelle Kinofilme, die unterhalb des Hotels auf der Leinwand laufen. "Ein Kino in jedem Zimmer" lautet das Motto. Und möglich wird dies dadurch, dass der Abruf aktueller Kinofilme mit dem Segen des CNC in der Abrechnung wie ein ganz normaler Kinobesuch behandelt wird.

Damit nicht genug: Mit mk2 Curiosity betreibt das Unternehmen einen eigenen VoD-Dienst, der jede Woche rund ein halbes Dutzend Filme anbietet. Kostenlos. Natürlich handelt es sich hier nicht um Blockbuster, sondern vielmehr um "alte, vergessene Titel" - die flankiert werden von diversen Bonusinhalten und Promotions für aktuelle Filme.

Keine Scheu vor Streamern zeigt man auch bei "Cinema Paradiso", einer Open-Air-Event-Reihe, die Filme, Konzerte und Food-Festival kombiniert und die auch Netflix-Filme (abseits der in Frankreich eine lange Sperrfrist auslösenden regulären Kinoauswertung) auf die Leinwand (und das vor dem Louvre) holt

Und last but not least hält mk2 die Fahne des Kinos als Teil der öffentlichen Debatte und des politischen Lebens auch mit dem mk2 Institute hoch, unter dessen Banner Konferenzen und Masterclasses stattfinden, die sich nicht unbedingt um den Film, sondern vielmehr generell um die "Welt von morgen" drehen.

Aufzuzählen, auf welche Weise ein Filmmuseum - konkret das niederländische Eye - Teil des öffentlichen Lebens ist, würde jeden Rahmen sprengen. Aber unbedingt erwähnenswert sind die Anstrengungen, die dort laut Mila Schlingemann (Head of Programming) unternommen werden, um gerade die junge Generation an das Medium Film und das Kino heranzuführen - mit einem Angebot, das sich in keinerlei Genre-Schablone pressen ließe, das aber nicht zuletzt auch dazu dient, dem Filmnachwuchs eine prominente Bühne zu bieten. Teil des Angebots ist mit dem Eye Film Player auch hier eine flankierende VoD-Plattform, zudem widmet man sich auch ausdrücklich "neuen cineastischen Formen" wie VR-Filmen, als einzige Institution in den Niederlanden. Wichtig, so Schlingemann, sei nicht zuletzt die Orientierungsfunktion von Filmreihen.

Noch ein Wort zu Alamo Drafthouse: Die Insolvenz mag die Kette überstanden haben, allerdings ging sie insbesondere beim Personal nicht spurlos an ihr vorbei. So musste man dieses laut Pitre deutlich reduzieren, was nicht zuletzt auf Kosten der zuvor in jedem Kino vorhandenen "Creative Managers" ging, die sich insbesondere um Events in Kooperation mit den jeweiligen Kommunen kümmerten. Ein Zustand, der nicht dauerhaft bleiben soll. Denn nichts sei wichtiger als die Verwurzelung in der Gemeinschaft vor Ort.