Kino

Cinema Vision 2030: Pilotprojekte auf dem Weg

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Während die CineEurope eher von Schönwetterberichten geprägt ist, wurde die derzeitige Situation schon zur Eröffnung der Berliner Innovationskonferenz keineswegs beschönigt. Was nicht gleichbedeutend mit Pessimismus war.

22.06.2022 22:33 • von Marc Mensch
Moderatorin Ute Soldierer, Gastgeber Christian Bräuer, Carolin Lindenmaier und Johannes Litschel bei der Eröffnung der Cinema Vision 2030 (Bild: BF)

Zumindest wenn es nach Stimmen aus dem Teilnehmerkreis der Innovationskonferenz Cinema Vision 2030 geht, spannt mancher aktuelle Schönwetterbericht aus Barcelona den Bogen zumindest arg weit. Und wie Christian Bräuer schon in seiner Eröffnungsrede zu der von der AG Kino-Gilde federführend betreuten Konferenz Cinema Vision 2030 im Kino International betonte: Die derzeitigen Rahmenbedingungen sind nicht nur von Herausforderungen, sondern von ernsthaften Krisen geprägt. Die Pandemie ist nicht vorbei, der russische Angriffskrieg hat die dank Corona ohnehin volatile Weltwirtschaft weiter in ein Chaos gestürzt, dessen Folgen noch gar nicht absehbar sind. Einflüsse, die on top zu von Bräuer kurz skizzierten Problemfeldern wie sich zunehmend konzentrierender Marktmacht und kollabierender Auswertungsfenster kommen. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf unser ausführliches Interview, das wir bereits im Vorfeld der Konferenz führten.

Probleme und Herausforderungen glasklar zu benennen, ist indes nicht gleichbedeutend mit Pessimismus - ganz im Gegenteil. Denn auch wenn der deutsche Markt noch um rund 40 Prozent hinter den Vor-Pandemie-Zahlen aus 2019 hinterher hinkt (wobei der Prozentsatz im Arthouse überproportional hoch sein dürfte), gibt es natürlich auch zahlreiche Belege für die Resilienz des Kinos, für seine Chance, selbst die immensen aktuellen Herausforderungen zu meistern - und sogar dafür, dass es gestärkt aus den Krisen hervorgehen könnte, wann und wie auch immer sie enden. Denn die Kraft des Geschichtenerzählens im öffentlichen Raum sei beständig, so Bräuer. Eventfilme funktionieren, Events um Filme funktionieren. Auch jetzt. Sogar hervorragend. Die Frage ist, wie man das Publikum auch darüber hinaus wieder erreicht, wie man Geschäftsmodelle weiterentwickelt, wie man auch veränderten Verhaltensweisen begegnen kann.

Ideen und Inspiration hierfür zu liefern, ist Ziel der Cinema Vision 2030, einem der Module der gemeinsam von den drei Kinoverbänden getragenen Initiativen, die die BKM im Rahmen von "Neustart Kino" fördert. Ideen, die eine möglichst große Bandbreite abdecken, die ganz unterschiedliche Herangehensweisen widerspiegeln. "Wir sind überzeugt, dass jedes Kino seinen Platz hat!", stellte Christian Bräuer fest. Und man muss klar feststellen, dass die Konferenz schon am ersten Tag das Versprechen eingelöst hat, den Blick möglichst weit schweifen zu lassen Vorbild war dabei unter anderem eine niederländische Konferenz - und deren Credo "Schaut mit den Augen Eures Publikums!" kann man getrost so stehen lassen.

Eher unter dem Reiter "Pflichtprogramm" muss man leider die (aufgezeichnete) Grußbotschaft von Kulturstaatsministerin Claudia Roth abheften: Freundliche Worte, der Verweis auf geleistete Hilfen und die Zusicherung, sich der aktuellen Herausforderungen bewusst zu sein. Mehr war es nicht, mehr war auch nicht zu erwarten. Natürlich betonte Roth einmal mehr, wie sehr sie den Fokus darauf legt, in den Kinos Nachhaltigkeit ähnlich zu forcieren, wie dies bereits in der Produktion geschieht - allerdings nicht ohne das Versprechen, an dieser Stelle unterstützend tätig zu werden. Schon bald würden hierzu Gespräche mit den Verbänden stattfinden.

Nicht, dass die Kinos nicht längst entschieden am Thema dran wären: Tatsächlich wurde bereits ein Pilotprojekt in 13 Kinos auf den Weg gebracht, dass der Entwicklung einheitlicher Branchenstandards dienen soll, wie Carolin Lindenmaier als HDF-Vertreterin in der Eröffnungsansprache berichtete. Und wie schon beim Filmtheaterkongress in Baden-Baden angedeutet, befindet sich tatsächlich ein weiteres Pilotprojekt in der Planungsphase. Ein ausgesprochen wichtiges: Jene, das den Rahmen für künftig flexiblere Auswertungsbedingungen abstecken soll.

Wie, wo und wann? Vielleicht gibt es in der Nachbereitung zu Cinema Vision 2030 schon Antworten. Denn auch dies konnte schon angekündigt werden: Die Konferenz endet nicht mit ihrem zweiten Tag, sondern sie soll im virtuellen Austausch (organisiert vom #zurückinskino-Team) schon in wenigen Wochen fortgesetzt und vertieft werden.

Dabei wird auch ein unverzichtbaren Schwerpunkt vertieft werden, den Johannes Litschel als Vertreter des Bundesverbands kommunale Filmarbeit hervorhob. Die Vernetzung untereinander und mit dem Publikum, wobei der Verband als sein Projekt im Rahmen von "Neustart Kino" eine Datenplattform zur Verbesserung des Wissenstandes anstrebt.

Letzteres lässt sich auch auf die Politik münzen: Denn ihren Vertreter:innen wieder und wieder klar zu machen, wo jenseits so wichtiger Themen wie der Nachhaltigkeit die Herausforderungen liegen, die Kinos durch die Pandemie schultern müssen, ist eine ganz entscheidende Aufgabe. Eine, die nicht zuletzt durch die Betroffenheitsstudie (ebenfalls im Rahmen von "Neustart Kino" gefördert) erfüllt, von der erste Ergebnisse im Rahmen der KINO 2022 präsentiert wurden (wir berichteten exklusiv). Die eine klare Sprache sprechen...