Kino

KOMMENTAR: Einmal Überblick, bitte!

Zu viel ist nicht genug. Mag ein guter Wahlspruch sein, wenn es um das Kino von Baz Luhrmann geht, der endlich mit "Elvis" antritt, damit im Kinosommer auch ein großer Film startet, der nicht auf einer eingeführten Marke basiert.

22.06.2022 12:08 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Zu viel ist nicht genug. Mag ein guter Wahlspruch sein, wenn es um das Kino von Baz Luhrmann geht, der endlich mit "Elvis" antritt, damit im Kinosommer auch ein großer Film startet, der nicht auf einer eingeführten Marke basiert. Auch wenn sich natürlich argumentieren lässt, dass es neben Coca-Cola kaum eine eingeführtere amerikanische Marke gibt als Elvis Presley - aber zumindest die Kinoherrschaft des Kings ist schon mehr als 50 Jahre vorbei und dürfte auf den Verkauf von Tickets im Jahr 2022 keinen großen Einfluss mehr haben. Zu viel ist nicht genug. Ist indes nicht der richtige Ansatz angesichts der unablässigen Contentflut, die selbst den aufgeschlossenen und an jeder Form von inszeniertem Bewegtbild interessierten Film-/Serienfan unweigerlich die Waffen strecken lässt. Oder auf gut deutsch: Hilfe! Ich habe den Überblick längst verloren. Ich komme nicht mehr hinterher. Es ist zu viel! Das gebe ich nicht gern zu. Die goldenen Tage der Direct-to-Video-Titel, die Anfang der Neunzigerjahre den Markt fluteten, mit mehr als einem Dutzend Videopremieren jede Woche? War zu verkraften. Das Zustopfen der Kinos mit teilweise um die 15 Neustarts am Donnerstag? Konnte man beherrschen. Aber die wachsende Anzahl von Streamingdiensten mit immer neuen Serien, fertiggestellt oder als Ankündigung, im Wochentakt? Die bloße Menge an neuem Produkt gekoppelt mit dem Zeitaufwand, um es zu goutieren, ist erdrückend.

Dabei ist die Frage weniger, wer sich das alles ansehen soll. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich der Markt selbst reguliert. Angebot und Nachfrage werden über kurz oder lang eine Balance finden. Aktuell herrscht Goldrausch. Freuen wir uns für die Produzenten und die Kreativen. Und natürlich auch für das Publikum, das eine größere Auswahl hat denn je, ob man nun den Überblick bewahren kann oder nicht. Aber was bedeutet es, wenn so viel Produkt entsteht, dass es unmöglich wird, den einzelnen Titeln gerecht zu werden? Und selbst, wenn man die verschiedenen Serien besprechen kann, liegt einem selten eine komplette Staffel vor. In einer zunehmend fragmentierten Welt nur noch fragmentarisch über Serien berichten zu können, kann nicht zielführend sein.

Was ist eine mögliche Antwort auf den schieren Überfluss an Content, in dem einzelne Titel in der unüberblickbaren Masse zwangsweise an Bedeutung verlieren müssen? Hoffen wir, dass es eine Rückbesinnung aufs Kino ist, mit seiner klar definierten Präsentation und einer mehr oder weniger klar definierten Länge der Filme, auch wenn es schon einmal Ausreißer geben kann - wie "Elvis" mit fast drei Stunden Laufzeit: Kino ist ein Format, das Ordnung schafft, auch im eigenen Kopf: Ein Film ist, was er ist. Und lässt sich entsprechend konsumieren und verarbeiten. So, dass es nicht zu viel ist. Sondern gerade genug.

Thomas Schultze, Chefredakteur