Kino

UNIC sieht zweistelligen Milliardenschaden für Kinos

Auf Basis von Schätzungen der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle zu entgangenen "Nebenumsätzen" der Kinos kommt der europäische Dachverband zu dem Schluss, dass den Kinos auf dem Kontinent alleine 2020 und 2021 Einnahmen in Höhe von fast 19 Milliarden Euro entgingen. Im Zentrum des UNIC-Jahresberichts steht dennoch der optimistische Blick nach vorne.

22.06.2022 10:36 • von Marc Mensch
"Keine Zeit zu sterben" war in vielen UNIC-Territorien der unangefochtene Toptitel 2021 (Bild: 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED.)

2021 war sicherlich kein gutes Jahr für die europäischen Kinos. Für wie viele positive Schlagzeilen das zweite Pandemiejahr dennoch gut war, macht der anlässlich der CineEurope veröffentlichte Jahresbericht des europäischen Kino-Dachverbandes UNIC aber noch einmal überdeutlich. Um nur einige wenige der hier bereits mehrfach berichteten Kernzahlen zu wiederholen: Nachdem die UNIC-Territorien (zu denen Russland nicht länger zählt) 2020 im Zuge der Pandemie einen Einbruch der Ticketumsätze von durchschnittlich 70,4 Prozent hinnehmen mussten, stand im zweiten Pandemiejahr zumindest ein Zuwachs von 42,4 Prozent zu Buche. Dabei war es in vielen wichtigen Märkten vor allem das zweite Halbjahr, das dank diverser Blockbuster (und ein ums andere Mal trotz weiter bestehender Restriktionen) für einen massiven Aufschwung stand.

Der Jahresreport zum Download

Stellvertretend hierfür steht unter anderem Frankreich, das im Gesamtjahr zwar noch um 53,6 Prozent hinter 2019 herhinkte, den Abstand im zweiten Halbjahr aber bis auf 22 Prozent reduzieren konnte. In Deutschland, wo 2021 noch 63,6 Prozent zum letzten Jahr vor der Pandemie fehlten, lag das Umsatzminus im zweiten Halbjahr bei deutlich überschaubareren 34,9 Prozent.

Beispiele wie diese bietet der UNIC-Report einige. Und für den optimistischen Blick nach vorne wird nicht zuletzt eine Prognose von Gower Street von Mitte April herangezogen, die für die EMEA-Territorien (aber nicht etwa Europa, wie dies US-Medien falsch berichteten) Ticketumsätze in Höhe von 8,1 Mrd. Dollar für das Gesamtjahr 2022 voraussagte. Dieser Wert läge "nur" noch um knapp 21 Prozent unter dem Drei-Jahres-Durchschnitt vor der Pandemie von 10,2 Mrd. Dollar. Ein schöner Ausblick - wenngleich jener aus dem Dezember 2021 sogar noch positiver ausgefallen war, bevor Gower Street seine globale Prognose erst einmal nach unten anpasste (wir berichteten).

Das derzeitige Problem, das im UNIC-Jahresreport nicht angesprochen wird: Obwohl Kinos in großen UNIC-Märkten wie Deutschland im ersten Halbjahr 2022 erheblich weniger durch Auflagen belastet arbeiten konnten als im zweiten Halbjahr 2021, hat sich die Erholung keineswegs beschleunigt, aktuell liegen die Ticketumsätze beispielsweise in Deutschland um rund 40 Prozent hinter jenen aus dem Vergleichszeitraum 2019. Und auch wenn UNIC darauf verweist, dass zwischen Mai 2021 und Mai 2022 rund 153 Mio. Tickets in den französischen Kinos gelöst wurden, was immerhin 75 Prozent des durchschnittlichen Besucheraufkommens im Vergleichszeitraum der Jahre 2011 bis 2019 entspricht, profitiert dieser Vergleich leider von den deutlich besseren Zahlen aus 2021...

Um in Deutschland auf den prognostizierten EMEA-Schnitt von nur 21 Prozent unter den Resultaten von 2017 bis 2019 zu kommen, müssen jedenfalls gerade die Hits zum Jahresende wirklich zünden - und das im Umfeld einer Fußball-WM und möglicherweise wieder durch strengere Auflagen belastet. Aktuell machen einzelne Bundesländer (darunter Bayern und NRW) Druck auf den Bund, mit Blick auf den Herbst und Winter wieder den gesetzlichen Rahmen für 3G/2G-Regelungen, Kapazitätsbegrenzungen und ähnliche Belastungen zu schaffen.

Dafür, dass sich die Erholung nicht beschleunigt hat, gibt es unterdessen natürlich viele mögliche Gründe, von denen zwei der offensichtlichsten die globale wirtschaftliche Lage und die Auswirkungen des Überfalls Russlands auf die Ukraine (der in diesem Jahresreport auch so benannt wird, die irritierend weichen Worte im Redemanuskript von Phil Clapp und Laura Houlgatte zur Eröffnung der CineEurope scheinen da eher den Befindlichkeiten des Hauptveranstalters geschuldet gewesen zu sein) sind. Darüber hinaus haben Umfragen mehrfach gezeigt, dass der Wegfall von Sicherheitsmaßnahmen zwar viele Besucher zur Rückkehr in die Kinos motiviert, auf der anderen Seite aber mit dem individuellen Sicherheitsempfinden anderer Besucherschichten kollidieren kann.

Mit anderen Worten: Alte und neue Herausforderungen geben sich gerade die Klinke in die Hand, wechseln sich ab, laufen parallel - und verhindern so selbstverständlich, dass sich der eingeschlagene Erholungskurs nahtlos fortsetzen kann. Das macht langfristige Erholungsaussichten nicht per se obsolet, dürfte aber zumindest deutlich am Zeitplan kratzen. Ob 2022 tatsächlich das "Schlüsseljahr" sein kann und ob man spätestens 2023 mit kompletter Erholung rechnen darf, wie es UNIC in seinem Report wiederholt, wird sich jedenfalls zeigen müssen.

Welche immensen Belastungen Kinos schon in den ersten beiden Pandemiejahren schultern mussten, macht der Report jedenfalls so deutlich wie nie zuvor. Denn auf Basis von Schätzungen der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle zu den entgangenen "Nebenumsätzen" (Concessions, Vermietungen, Werbung, etc...) berechnet UNIC den Umsatzausfall für die europäischen Kinos in den Jahren 2020 und 2021 auf fast 19 Mrd. Euro (Aber nicht "mindestens", wie dies der "Hollywood Reporter" schrieb, der der von UNIC zumindest angedeuteten Milchmädchenrechnung folgte, wonach diverse Kosten "noch nicht einmal" in dieser Summe berücksichtigt seien, obwohl das natürlich zwei völlig unterschiedliche Paar Stiefel sind). Insgesamt beziffert UNIC die Umsatzverluste der Kultur- und Kreativindustrie in 2020 auf rund 199 Mrd. Euro...

Ein wichtiger Punkt, den dieser Report (erneut) macht: Die Pandemie hat nicht etwa einen Sektor in der Krise getroffen. Zwischen 2000 und 2019 stiegen die Besucherzahlen in Europa um 34 Prozent, 2019 wurde der bisherige Höchstwert von 1,347 Mrd. erreicht. In der EU wurde erstmals seit 2004 die Besuchermilliarde wieder überschritten. In der letzten Dekade erlebten diverse Märkt Zuwachsraten im hohen zweistelligen bis hin zum dreistelligen Prozentbereich, Rumänien etwa konnte seine Besucherzahlen zwischen 2009 und 2019 um 163 Prozent steigern, Polen um 57 Prozent und Finnland (eigentlich ein sogenannter "mature market") immerhin noch um 25 Prozent.

Und immerhin: Eine Analyse von Gower Street, die zu spät für den UNIC-Jahresbericht kam, ist durchaus in der Lage, weiteren Optimismus zu schüren. Denn nach Angaben der Zahlenexperten lag das Boxoffice im Mai 2022 in den internationalen Märkten außerhalb der USA (und ohne China) mit 2,3 Mrd. Dollar nur um 15 Prozent hinter dem Schnitt der Jahre 2017 bis 2019, in den USA wurde der zweitbeste Monat seit Januar 2020 verzeichnet, der Abstand zum Drei-Jahres-Schnitt betrug 19 Prozent. Trotzdem: Ende Mai lagen die globalen Ticketumsätze im laufenden Jahr noch um 39 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2017 bis 2019, dabei standen die USA mit 41 Prozent tatsächlich noch ein wenig schlechter da als China mit 40 Prozent. Es liegt also noch ein gutes Stück Weg vor den Kinos - der leider noch etwas steiniger ausfallen könnte, als es der UNIC-Report darstellt.