Kino

Jan Krüger zu Port au Prince Pictures: "Die Mischung macht's"

Port au Prince Pictures feiert zehnjähriges Jubiläum beim Filmfest München. Der Verleih von "Systemsprenger" ist mit drei Titeln im Programm. Wir sprachen mit Jan Krüger, CEO des Verleihs und der Produktion.

24.06.2022 13:04 • von Heike Angermaier
Jan Krüger zu zehn Jahre Port au Prince Pictures (Bild: Port au Prince)

Port au Prince Pictures feiert zehnjähriges Jubiläum beim Filmfest München. Der Verleih von Systemsprenger" ist mit drei Titeln im Programm. Wir sprachen mit Jan Krüger, CEO des Verleihs und der Produktion Port au Prince Film. Am 26. Juni feiert Servus Papa, See You in Hell", am 27. Die Magnetischen" und am 28. Der Russe ist einer, der Birken liebt" Premiere.

Sie feiern das Jubiläum ihres in Berlin gegründeten Verleihs Port au Prince Pictures in München. Was zog Sie zum Filmfest?

JAN KRÜGER: Wir haben den Verleih Port au Prince Pictures tatsächlich im Juni 2012 gegründet, nachdem wir 2008 mit unserer Produktion an den Start gegangen sind. Da uns das Filmfest München erfreulicherweise gleich mit drei Filmen eingeladen hat - mit "Die Magnetischen" von Vincent Mael Cardona sowie "Der Russe ist einer, der Birken liebt" von Pola Beck und "Servus Papa, See You in Hell" von Jeanne Tremsal und Christopher Roth -, fanden wir, dass es eine runde Sache sei, diesen Hattrick dort auch zu feiern. Wir sind große Fans vom Filmfest München! Es ist dort sehr entspannt und es findet Corona-konform viel draußen statt. Viele Kinobesitzer:innen werden dort sein für die Tradeshow unseres Booking & Billing-Partners 24 Bilder und vor allem viele Kolleg:innen, mit denen man sich endlich wieder austauschen kann. Deswegen freue ich mich ganz besonders auf das Filmfest, weil es der beste Ort für einen cineastischen Austausch ist und uns natürlich auch eine tolle Plattform für unsere Filme bietet.

Unsere Koproduktion "Die Magnetischen", bei der wir auf den spannenden Nachwuchsregisseur Vincent Maël Cardona setzten und der im Frühjahr bereits mit dem César ausgezeichnet wurde, startet Ende Juli in den Kinos. Thimotée Robart und Marie Colomb, die die Hauptrollen spielen, werden in München sein und später durch die deutschen Kinos touren. Der Start der Bestsellerverfilmung "Der Russe ist einer, der Birken liebt" ist für den 3. November vorgesehen.

Apropos Nachwuchs, der liegt Ihnen als Verleiher und Produzent sehr am Herzen, ebenso wie Arthouse-Stoffe und deutsche Projekte. Wo sehen Sie Ihren Fokus?

JAN KRÜGER: Die Mischung macht's, würde ich sagen. Wir sind wie viele andere Verleiher mit unserem eigenen Film gestartet: Mit der Komödie Dating Lanzelot" von Firmenmitgründer Oliver Rihs. Aber unsere Ansage war immer, mit tollen Kolleg:innen, egal welcher Nationalität, zusammenarbeiten zu wollen und deren Filme herauszubringen. Unser zweiter Film war damals der bulgarische Oscarbeitrag Tilt" von Viktor Chouchkov. Später brachten wir auch Die Nile Hilton Affäre" des schwedischen Filmemachers Tarik Saleh heraus, der damals gerade in Sundance gewonnen hatte. Wir arbeiten sehr gerne mit dem Nachwuchs zusammen - ich erwähne Nora Fingscheidt mit ihrem "Systemsprenger" vorneweg - aber genauso gerne mit gestandenen Filmemacher:innen wie aktuell als Produzent mit Edward Berger und Matthias Glasner. Nur mit spannenden Kreativen und Stoffen kann das Kino am Leben erhalten werden. Wir wollen - und müssen - Geschichten auch für ein junges Publikum erzählen. Das ist eine große Aufgabe. Deswegen haben wir im Hafen auch ein recht junges Team mit einem Durchschnittsalter um die 30 Jahre.

In diesem Jahr sind mit sechs Verleih/Vertriebs-Titeln ungewöhnlich viele Filme mit Termin und zwei weitere ohne im Lineup. Inwieweit ist das der Pandemie geschuldet?

JAN KRÜGER: Wir wollten immer und wollen ja auch weiterhin eine kleine Boutique bleiben, damit wir uns wie bei "Systemsprenger" Zeit für jeden einzelnen Film nehmen können, um ihn zu betreuen und ihn passend zu positionieren. Die Pandemie hat natürlich auch bei uns einen Filmstau verursacht. Es ist aber nicht so, dass wir "aufräumen" müssen. Wir haben unser Team vergrößert, um den Titeln gerecht zu werden. Wie viele Filme wir im nächsten Jahr starten werden, kann ich noch nicht sagen, mir wären fünf auf jeden Fall lieber als acht. Dessen ungeachtet werden wir aber natürlich auch im nächsten Jahr mit fantastischen Filmen an den Start gehen haben, unter denen auch ein paar größere Projekte sein werden

Wie lief die Zusammenarbeit mit Mubi bei Memoria", bei dem Port au Prince Pictures als Verleihpartner wirkte? Ist eine Fortsetzung geplant?

JAN KRÜGER: Wir haben uns mit Mubi und Match Factory bereits vor einem Jahr zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, wie man das hervorragende Kuratierungs-Konzept von Mubi in die deutschen Kinos bringen kann. Unsere Kooperation bei "Memoria" von Apichatpong Weerasethakul - einem großartigen, aber anspruchsvollen, sehr künstlerischen Film - betrachte ich mit über 10.000 verkauften Tickets als einen großen Erfolg. Zum Vergleich: Weerasethakuls Goldene Palme-Gewinner Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" war vor zwölf Jahren - zu normalen Zeiten - insgesamt auf rund 11.500 gekommen. Wir treffen uns bald wieder und ich kann mir eine weitere Zusammenarbeit gut vorstellen. Das Team von Mubi schaut sich genau wie wir jeden Film ganz genau an, um ihn passend herauszubringen.

Aktuell haben wir mit AEIOU - Das schnelle Alphabet der Liebe" von Nicolette Krebitz wieder einen größeren Start, bei dem wir als Verleih auftreten. Einige Zuschauer:innen hatten bereits im Frühjahr das Vergnügen, den Film im Wettbewerb der Berlinale zu sehen, wo er seine Weltpremiere feierte.

Wie wählen Sie ihre Projekte aus?

JAN KRÜGER: Wir fällen die Entscheidung im Team, das ist mir sehr wichtig! Wenn wir nicht selbst auf die Projekte stoßen, werden wir von bekannten Autor:innen, Regisseur:innen oder Produzent:innen angesprochen ebenso wie von noch unbekannten, die über unsere Filme auf uns aufmerksam wurden. Mit Weydemann Bros, die bei "Systemsprenger" dabei waren, arbeiten wir aktuell erneut bei Falling Into Place" zusammen, hier mit Yvonne Wellie. Das Regiedebüt von Aylin Tezel, eine Liebesgeschichte, wurde kürzlich abgedreht. Aylin kannten wir aus "Der Russe ist einer, der Birken liebt", in dem sie die Hauptrolle spielt.

Zurück zur Pandemie. Port au Prince Pictures als kleiner unabhängiger Verleih und Port au Prince Film als kleine, unabhängige Produktion wurden von ihr stärker getroffen als größere Unternehmen mit Konzernhintergrund. Wie kamen und kommen Sie zurecht? Was muss getan werden?

JAN KRÜGER: Natürlich gab es zu Hochzeiten der Pandemie harte Momente. Wir haben diese Zeit genutzt und versucht, gemeinsam mit unseren Partner:innen auch alternative Distributionswege zu entdecken, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Viele Unternehmungen dieser Zeit waren praktisch Testballons. Besonders gefreut haben wir uns aber über den großen Zuspruch und Erfolg, den unsere Digitalauswertung von Milo Raus Das neue Evangelium" im Winter 2020/21 erfahren hat. Aber auch abgesehen von der Pandemie werden die Dinge in dieser Welt nicht leichter. Und jetzt gibt es auch noch einen Krieg. Von der andauernden Klimakrise will ich gar nicht reden. Den Kopf in den Sand zu stecken, egal bei welchen Problemen, geht entgegen meiner Natur. Es gibt große, filmpolitische Herausforderungen, die sowohl von AG Verleih, AG Kino, Produzentenverband und Co. in Angriff genommen werden. Wir müssen uns jetzt noch viel intensiver mit der Frage auseinandersetzen, was ist Kino bzw. was bietet ein Kinoerlebnis? Und das fängt bei der Produktion, bei der Stoffentwicklung an. Es braucht mehr Developmentförderung gerade für unabhängige Produzent:innen und größere Produktionsbudgets - alles wird teurer - und natürlich braucht es auch größere Budgets für das Marketing. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Startmodalitäten benötigen Filme vor allem Sichtbarkeit. Alle drei Bereiche müssen gleichwertig in Betracht gezogen werden.

Welche Projekte werden gerade bei Port au Prince Film produziert und entwickelt?

JAN KRÜGER: Wir haben diversifiziert und mit "" bereits vor ein paar Jahren eine erste Serie mit Lupa Film und Atlantique produziert und dafür einen Grimme-Preis bekommen. Es war eine tolle Erfahrung, wir haben Blut geleckt und stellen jetzt gerade unsere erste dokumentarische Serie fertig. Florian Opitz ist ihr Creator und Showrunner. Wir haben ja bereits Dokumentarfilme sowohl produziert als auch verliehen, darunter Opitz' System Error". Der Vierteiler Capital B", den wir mit Fruitmarket produzieren, erzählt von Bau- und Bankenskandalen von den Neunzigern bis heute in Berlin und entsteht für Arte, rbb und WDR. In Produktion befindet sich auch das szenische Debüt des First Steps-Gewinners Tim Ellrich: Das Familiendrama "Tal der Könige", das wir zusammen mit ZDF - Kleines Fernsehspiel und unserem deutschen Partner bei "Die Magnetischen", Elemag Pictures, produzieren. Und zum Ende des Jahres werden wir Matthias Glasners Sterben" (AT) in ganz Deutschland drehen. Im Ensembledrama werden u.a. Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Ronald Zehrfeld, Saskia Rosendahl, Lilith Stangenberg, Robert Gwisdek und Maryam Zaree mitspielen. Wir haben außerdem drei Writers' Rooms für neue Serien eröffnet und entwickeln weitere Kinostoffe, wie Edward Bergers historisches Drama Kindertransport".

Wir wollen uns wie bei unseren Verleihtiteln auch bei der Entwicklung unserer Drehbücher Zeit lassen und Sorgfalt walten lassen. Wenn man, um sich Produktionsfördergelder zu sichern, überhastet dreht, kann das für ein Projekt heute schnell einen Genickbruch bedeuten.

Was ist für Sie beim Rückblick auf die vergangenen zehn Verleih-Jahre der größte Erfolg und die bitterste Enttäuschung?

JAN KRÜGER: Der größte Erfolg war natürlich "Systemsprenger". Die bitterste Enttäuschung war Bis wir tot sind oder frei", gerade weil sie nichts mit der Qualität des Filmes zu tun hat. Ich meine auch weniger die Besucherzahlen in Deutschland, sondern vor allem die in der Schweiz, obwohl Ascot Elite sich dort sehr engagiert hat. Die Hauptfigur Walter Stürm ist ein großes Schweizer Thema und sein Darsteller Joel Basman ein Star dort. Oliver Rihs hat einen tollen Film gemacht, der vor zwei, drei Jahren noch gut gelaufen wäre, aber ein Opfer der Pandemie wurde. Wir haben den Start viermal verschieben müssen. Daraus lernen wir aber auch - wie schon gesagt - noch mehr darüber nachzudenken, wo und auch in welcher Zeit man einen Stoff platziert. Wichtig ist natürlich, nach vorne zu schauen und - Stichwort Koproduktionen - Partnerschaften nicht nur mit Firmen innerhalb des Landes, sondern auch außerhalb einzugehen - auch für einzelne Projekte. Wir führen auch Gespräche, um bereits bestehende Partnerschaften zu festigen. Um weiter für die unabhängigen Player zu sprechen: Die Zusammenarbeit muss auch zwischen den drei Disziplinen und ihren sechs Verbänden viel enger werden, zwischen AG Kino und HDF, Produzentenverband und Allianz, AG Verleih und VDF. Damit wären wir auch außerhalb Deutschlands stärker vertreten. Im Verleih gehen wir zum Beispiel eine Partnerschaft bei Glasners "Sterben" ein und werden den Film zusammen mit Wild Bunch herausbringen.

Wie stehen Sie zu Streaming und Modellen wie TVoD?

JAN KRÜGER: Viele unserer Titel sind in der weiteren Verwertung bei einem Streamer. Und natürlich verschließen wir uns auch nicht der Möglichkeit der frühzeitigeren Zusammenarbeit - im Gegenteil. Das einzigartige Erlebnis des Kinos, das gemeinsame Lachen und Weinen, muss geschützt werden aber auch im Streaming gibt es Projekte, speziell im seriellen Bereich, die exklusiv dort landen. Auch diese Projekte müssen, ebenso wie die Kinoprojekte, gut ausgestattet sein und benötigen die Mittel, die durch den Bund, die Länder und die Sender gesichert werden müssen. Damit wir nicht gezwungen sind, zehn Minuten pro Tag abzudrehen und Überstunden zu produzieren, die den Nachwuchsmangel in gewissen Bereichen weiter verstärken.

Mit unserem Hamburger Büro haben wir die VoD-Auswertung weiter vorangetrieben und arbeiten mit mehr oder weniger allen großen Streamern zusammen. Wir entwickeln dort mit Henriette Ahrens und Ole Hellwig von Not Sold zudem einen eigenen TVoD-Player. So kann man unter www.port-prince.de bereits eine große Auswahl unserer Filme direkt streamen. Mit Not Sold und weiteren ausländischen Partnern entwickeln wir zudem ein Tool, mit dem man in sozialen Medien AI-basiert Marketing betreiben kann.

Das Interview führte Heike Angermaier