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"Becoming Elizabeth"-Showrunnerin Anya Reiss: "Ich schaue eigentlich keine Kostümdramen"

Am 12. Juni ist auf Starzplay die Kostümserie "Becoming Elizabeth" gestartet. Die britische Showrunnerin Anya Reiss spricht mit Blickpunkt:Film über Alicia von Rittbergs Qualitäten in der Hauptrolle und wie sie den Stoff über die legendäre Königin modernisierte.

13.06.2022 13:09 • von Michael Müller
Theaterwunderkind und Stückeschreiberin Anya Reiss am Set ihrer ersten Serie als Showrunnerin (Bild: Starzplay)

Am 12. Juni ist auf Starzplay die Kostümserie "Becoming Elizabeth" gestartet. Die britische Showrunnerin Anya Reiss spricht mit Blickpunkt:Film über Alicia von Rittbergs Qualitäten in der Hauptrolle und wie sie den Stoff über die legendäre Königin modernisierte.

Es gibt so viele filmische Bearbeitungen von der Biografie der britischen Königin Elizabeth, die im 16. Jahrhundert eine Ära prägte. Was interessierte Sie als Showrunnerin an einer Serie über deren frühen Jahre?

ANYA REISS: Ich selbst dachte ursprünglich, dass diese Zeitepoche durch und bereits alles bekannt über sie sei, was es zu wissen gibt. Aber als ich mich mit George Ormond traf, der ein weiterer Executive Producer unserer Serie "Becoming Elizabeth" ist, merkte ich, dass ich gar nicht so viel wusste. Vor allem wusste ich noch wenig darüber, dass es bei der Thronnachfolge nach dem Tod von Heinrich VIII. so ein großes und auch langes Hin-und-Her zwischen Protestanten und Katholiken gab. Und genau das waren Elizabeths prägende Jahre. Ich wusste auch nicht um die Geschichte mit Thomas Seymour, was mich dann an dem Projekt besonders reizte. Alles was ich Neues über Elizabeth lernte, ließ ihre Biografie plötzlich so logisch erscheinen. Das fand ich einen spannenden Startpunkt für meine Drehbucharbeit an dem Projekt.

Als Sie dann weiter zu recherchieren begannen, fanden Sie da noch wenig bekannte Aspekte heraus, die es in die Drehbücher schafften?

ANYA REISS: Ja, sehr viele sogar. Unsere Serie basiert sehr stark auf Fakten. Ich habe viele Nachforschungen angestellt, um herauszubekommen, wer diese Charaktere genau sind. Es gibt Begebenheiten, besonders im Hinblick auf die Figur Thomas Seymour, die historisch verbürgt sind ...

Thomas Seymour, der in der Serie ziemlich kongenial und auch sinnlich von Tom Cullen gespielt wird und ein eigentlich verheirateter Edelmann war, der um die junge Prinzessin Elizabeth warb.

ANYA REISS: Genau. Und dann gibt es natürlich nicht ganz klare Angelegenheiten, bei denen das eigene Urteil gefragt war. Aber mein Gefühl war: So lange wir wahrheitsgemäß bei dem bleiben, was wir historisch über diese Figuren wissen, was wir auch penibel über Briefe und Quellen recherchiert hatten, werden wir auch den tatsächlichen Menschen gerecht werden. Ich habe wirklich viele Briefe und niedergeschriebene Reden gelesen, um zum Wesen der Persönlichkeiten vorzustoßen. Wir haben auch viele spaßige Wissen-Nuggets in der Serie untergebracht.

"Becoming Elizabeth" fühlt sich als Serie jung, modern und sexy an. Wie haben Sie das erreicht, wo Sie doch mit Geschichte arbeiten, die viele hundert Jahre her ist?

ANYA REISS: Meine Herangehensweise war, dass ich persönlich eigentlich keine Kostümdramen schaue. Der Produzent George Ormond sagte zu mir: Dann schreib doch die Kostümserie so, dass du sie dir anschauen würdest. Das hat sehr beim Prozess geholfen, auch was die Regie, die Kamera oder unser Casting anging. Es ging nicht darum, in einen Pantheon an bestehenden Werken zu Elizabeth zu passen, sondern wie wir das Ganze gerne erzählen wollen. Dieser Ansatz gab uns die Lizenz, es wie ein modernes Drama zu erzählen.

Sie haben die deutsche Schauspielerin Alicia von Rittberg als Ihre Protagonistin gecastet. Hatten Sie vorher Filme oder Serien mit ihr gesehen?

ANYA REISS: Alicia hat uns ein Casting Tape geschickt. Wir sahen uns Hunderte von Schauspielerinnen an. Sie hat diese unglaubliche Qualität, dass man ihr beim Denken zusehen kann, aber niemals weiß, was sie genau denkt. Das fühlte sich wahrheitsgetreu an, wenn ich das mit dem verglich, was ich über Elizabeth gelesen hatte und die Figur, die wir erschaffen wollten. Alicia fühlte sich einfach richtig für die Rolle an. Schon als wir sie das erste Mal sahen. Dann machte sie den Screen Test mit Tom Cullen. Es war auf eine verheerende Weise elektrisierend, als sie das Ende der ersten Episode uns vorspielten. Genau dieses Gefühl wollte ich auch erreichen. Alicia bekam also die Rolle einfach dadurch, dass sie sehr gut war.

Ist es für Sie eine Beleidigung, wenn ich Ihre Serie "Game of Thrones"-haft nenne?

ANYA REISS: Ich kann damit leben, mit einer der erfolgreichsten Serien aller Zeiten verglichen zu werden. Damit habe ich meinen Frieden gemacht. Ich hoffe nur, dass wir deutlich weniger nackte Haut zeigen.

Ja, aber es ergibt Sinn, weil sich der "Game of Thrones"-Autor George R.R. Martin stärker in der britischen Geschichte für seine Figuren bediente.

ANYA REISS: Ja, wir haben im Team schon über diesen Aspekt gesprochen. Vor allem, was die ersten Staffeln "Game of Thrones" angeht, in denen die Politik der unterschiedlichen Familien im Mittelpunkt steht. Das haben sie sehr unterhaltsam gestaltet, weil es nicht nur Menschen in Räume sind, die miteinander sprechen. Die Politik bestimmt das Handeln der Figuren und das Drama der Geschichte. Das ist ein Ansatz, mit dem ich mich auch gut bei "Becoming Elizabeth" identifizieren kann. Die Politik ist immer im Hintergrund. Gleichzeitig ist es aber auch die Welt, in der die Figuren leben, wo es ebenso um Liebesgeschichten und Schlachten geht. Die Dinge bedingen sich, wodurch sie noch interessanter werden.

Sie kommen ursprünglich vom Theater. In Deutschland würde man Sie ein Wunderkind nennen, weil sie als Stückeschreiberin sehr früh sehr viel Erfolg in Großbritannien hatten. Warum wollten Sie überhaupt eine Showrunnerin einer TV-Serie werden?

ANYA REISS: Ich mache weiterhin Theater, weil ich diese Kunstform auch liebe. Aber das Ausmaß, mit dem man bei einer TV-Serie eine Geschichte erzählen kann, ist deutlich größer. Es fühlte sich als Prozess aufregend an, das Ende der Geschichte zu kennen, aber die Schritte dahin neu nachzuvollziehen. Elizabeths junge Jahre sind keine Geschichte, die sich für das Theater besonders geeignet hätte. "Becoming Elizabeth" funktioniert sehr gut in seinem jetzigen Medium. Man könnte fast sagen, dass man als Showrunnerin totalitäre Macht über die Produktion hat, was schrecklich klingt, aber genau das ist, was es letztlich ist. Man schreibt die Geschichte von Anfang bis Ende. Das ist anders als im Theater, wo man eher nur denkt, dass man die Kontrolle hat. Aber "Becoming Elizabeth" ist ziemlich genau die Serie, die ich gerne machen wollte. Als Showrunnerin bekommt man diese Autorität - im Gegensatz zur Stückeschreiberin.

Was war für Sie bei der Produktion der Serie der schwierigste Teil?

ANYA REISS: Ich habe starke Haltungen zu allen Prozessen, die bei solch einer Serienproduktion ablaufen und wie die einzelnen Charaktere zu sein haben. Es ist wichtig, die Serie zu schreiben und dabei nicht die Gefühle des Publikums im Blick zu haben. Man muss die Figuren aus der psychologischen Sicht schreiben und so die Handlung erzählen. Da muss man sich ein bisschen beherrschen.

Sie kommen ja vom Schreiben her, das liegt Ihnen. Aber wie sah es auf der Produzenten-Seite aus?

ANYA REISS: Das war aufregend. Natürlich gab es Herausforderungen für mich, weil ich das Ganze auch zum ersten Mal getan habe. Ich arbeitete schon als Drehbuchschreiberin fürs Fernsehen, war aber noch nie nahezu täglich am Set dabei so wie hier. Ich bin Theater-Schauspieler gewöhnt, von denen wir auch viele in der Produktion dabei hatten. Aber mit Fernsehschauspielern ist der Prozess teils ruhiger und innerlicher. Da gab es eine gewisse Lernkurve für mich. Auch weil man vorab keine vierwöchige Probe hat, bei der man mit den Schauspielern an den Figuren arbeitet.

Was machen Sie als Nächstes?

ANYA REISS: Wieder Theater. Wenn "Becoming Elizabeth" ausgestrahlt wird, läuft von mir die Tschechow-Adaption "Die Möwe" im West End. Beides wurde durch die Pandemie gestoppt. Ich erlebe sowohl mit der Serie als auch dem Theaterstück nochmal das Jahr 2020, für das beides ursprünglich einmal geplant war.

Das Interview führte Michael Müller