Kino

UPDATE: Disney streicht französischen Kino-Release wegen Kinofenster

Walt Disney hat die Ankündigung, auf die zwar reformierte, aber nach wie vor lange Sperrfrist für Kinostarts in Frankreich mit der Streichung zumindest einzelner Starts zu reagieren, wahr gemacht. So soll der Animationsfilm "Strange World" dort keinen Kinorelease erhalten. In einem Statement bezeichnete man die französische Regelung als "gegen die Konsumenten gerichtet". Der französische Kinoverband FNCF reagierte aufgebracht.

08.06.2022 09:18 • von Marc Mensch
"Strange World" überspringt in Frankreich das Kino - um zeitgleich zu anderen Märkten im Stream landen zu können (Bild: Walt Disney)

UPDATE:

Erwartungsgemäß hat sich der französische Kinoverband FNCF umgehend zu Wort gemeldet und das Vorgehen von Disney scharf kritisiert. Die Kinowirtschaft in dieser Form zu instrumentalisieren sei "absolut inakzeptabel und fürchterlich unfair", der eingeschlagene Weg sei zum "Schaden aller".

Der Verband hat Disney eingeladen, an von der staatlichen Filmbehörde CNC zu organisierenden Meetings teilzunehmen, um über die Möglichkeiten innerhalb des neu geschaffenen Rahmens zu sprechen. Gleichzeitig wurde die Politik angerufen, eine Lösung für das "enorme Problem" zu finden und eine Schlichtung zwischen den verschiedenen Parteien zu initiieren. Es gelte zu vermeiden, so der FNCF, dass Zuschauer und Kinos zum "Kollateralschaden" der Diskussion würden.

Die Debatte, die der FNCF anspricht, dreht sich nicht zuletzt darum, dass andere Auswertungsstufen wie Pay-TV gegenüber der SVoD-Auswertung hinsichtlich der Sperrfristen deutlich begünstigt sind.

URSPRÜNGLICHE MELDUNG: Während die Anfang des Jahres neue geregelte Medienchronologie in Frankreich nicht zuletzt vom dortigen Kinoverband FNCF gefeiert worden war, stieß sie durchaus nicht auf einhellige Begeisterung. Zu den Kritikern der Neuregelung zählte aus Reihen der Studios nicht zuletzt Walt Disney, die schon bei der Unterzeichnung des Abkommens - die Disney selbst nicht vornahm - unter anderem erklärt hatte: "Wir sind überzeugt, dass die neue Medienchronologie keinen fairen und verhältnismäßigen Rahmen für die Beziehungen zwischen den Akteuren im audiovisuellen Sektor schafft." Tatsächlich hatte Disney Brancheninsidern zufolge im Lauf der Verhandlungen durchblicken lassen, dass man ernsthaft erwägen würde, Kinostarts in Frankreich abzusagen, um so nicht den Fensterregelungen zu unterfallen (wir berichteten).

Denn auch wenn sich die bislang 36 Monate betragende Frist zwischen Kinostart und SVoD-Auswertung auf 17 Monate (bzw. 15 bei Unterzeichnung des Abkommens) verkürzt, stand Disney in klarer Opposition selbst zu dieser Zeitspanne. Der Knackpunkt an der französischen Branchenvereinbarung: Die vergleichsweise strengen Fensterregelungen gelten für sämtliche Filme mit Kinostart in Frankreich (hierzulande wird derzeit nur über Regeln für geförderte Filme verhandelt) - und auch für Unternehmen, die die Vereinbarung nicht unterzeichnet haben.

Der Animationsfilm Strange World", hierzulande für einen Start am 24. November vorgesehen, wird von Walt Disney in Frankreich nicht in die Kinos gebracht, sondern wird dort nur über Disney+ veröffentlicht - dann zeitgleich zum Streamingdebüt in anderen europäischen Märkten.

Gegenüber dem US-Branchenmagazin "Deadline" erklärte Disney: "Wir unterstützen das französische Kino zwar - wie wir es seit Jahrzehnten getan haben - aber die neue, sperrige Medienchronologie ist gegen die Konsumenten gerichtet; sie ignoriert, wie sich das Konsumverhalten in den letzten Jahren verändert hat und sie unterwirft uns einem erhöhten Piraterie-Risiko. Wir werden unsere Entscheidungen weiterhin von Film zu Film treffen - und das auf Basis der individuellen Rahmenbedingungen jedes Marktes."

Von der Absage weiterer Kinostarts in Frankreich durch Disney ist demnach beinahe auszugehen, fraglich ist jedoch, ob das Studio diesen Schritt tatsächlich auch bei einem größeren Blockbuster wagen könnte. Das zumindest scheint derzeit eher unwahrscheinlich.