Festival

CANNES Tag 11: Abschied nehmen

Der Wettbewerb des Festival de Cannes steht kurz vor dem Abschluss. Mit "Close" von Lukas Dhont und "Broker" von Hirokazu Kore-eda liefen noch einmal zwei Filme, denen man schon zu Beginn große Palmen-Chancen eingeräumt hatte. Allerdings wurde nur einer der beiden Titel den Erwartungen gerecht.

27.05.2022 10:05 • von Thomas Schultze
Lukas Dhont umringt von seinen wunderbaren Schauspielern vor der Premiere von "Close" (Bild: Imago / Independent Photo Agency Ltd)

Ohne mich wiederholen zu wollen: Einer der ganz großen Jahrgänge war die 75. Ausgabe des Festival de Cannes nicht. Daran ändert auch nichts, dass Lukas Dhont mit seinem zweiten Werk, Close", ein großer Wurf gelungen ist (heute folgt als letzter Wettbewerbstitel noch Showing Up", den ich nur zu gerne gesehen hätte, aber da befinde ich mich bereits wieder auf dem Heimweg). Schön ist aber allemal, wie sich zum Ende der Kreis schließt und noch einmal auf den Beginn des Festivals verwiesen wird, gerade einmal elf Tage her, aber gefühlt eine halbe Lebenszeit. Und nein, ich meine damit nicht den Eröffnungsfilm, "Coupez" von Michel Hazanavicius, sondern den ersten Wettbewerbstag, als "Le otto montagne" von dem Paar Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch auf wunderbar eindringliche Weise die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft aufblätterte - und damit zu den engeren Palmen-Kandidaten zählen dürfte.

Denn um eine innige Freundschaft zwischen zwei Jungs geht es auch in "Close", mit dem der Belgier Lukas Dhont, 31 Jahre jung, nun erstmals im Wettbewerb vertreten ist, nachdem sein Debüt, Girl", 2018 zu den Sensationen in Un Certain Regard gezählt hatte und die Camera d'or für das beste Erstlingswerk gewinnen konnte. Gleich die ersten, sonnendurchdrungenen Bilder etablieren das enge Band zwischen Leo und Remi, zwei zwölf- oder dreizehnjährige Jungs, noch vor dem Stimmbruch, aber doch schon so hoch aufgeschossen, dass sie ihre Mütter ein kleines bisschen überragen. Sie sind allemal noch Kind genug, um miteinander um die Wette zu tollen und sich ganz nah zu kommen, wie das beste Freunde nun einmal tun, die auf einer Wellenlänge zu liegen, ohne sich weiter etwas dabei zu denken. Für die Eltern ist es völlig selbstverständlich, dass der eine bei dem anderen übernachtet und sie dann auch ganz nah beieinander liegen. Es ist eine Enge und Vertrautheit, die man auch Liebe nennen kann, jedoch nicht gekennzeichnet sind von Begehren und Leidenschaft. Zumindest nicht für Leo, mit dessen großen wachen Augen man die Geschichte erlebt, ein sensibler, zarter Junge, der den Eltern auf ihren Blumenfeldern zur Hand geht - gespielt mit wunderbar sensibler Neugier von Eden Dambrine, eine echte Entdeckung. Der endlose Sommer mit den warmen Sonnenstrahlen in der Natur, das ist Normalzustand und Idealzustand.

Der sich zumindest für die beiden Jungen zunächst einmal nicht ändert, als ein neues Schuljahr auf einer neuen Schule beginnt. Ihre Verbundenheit zueinander bleibt indes nicht unbemerkt. Man sieht es erst an den Blicken der Mitschüler, dann fragen ein paar Mädchen, ob die beiden Freunde denn "zusammen" wären. Kein großes Ding, nur ein Gespräch. Und doch markiert dieser Moment das Ende der Unschuld. Erstmals sieht Leo seinen Freund nicht mehr als die natürliche Verlängerung seiner selbst. Er sucht Distanz, Entfremdung setzt ein, von beiden Seiten, will man meinen. Gezielt will Leo den Kontakt zu anderen Jungs in der Klasse, er beginnt sich für Eishockey zu interessieren. Wenn er mit Remi zusammen ist, bedeutet Sprachlosigkeit auf einmal etwas anderes. Vorher herrschte stillschweigendes Übereinkommen, man musste keine Worte verlieren. Jetzt ist da eine Mauer, ein Keil, ein Gift, wie es vermutlich jeder in seiner Kindheit erlebt hat. Freundschaften gehen auseinander, das ist Teil des Prozesses, den man Erwachsenwerden nennt.

Lukas Dhont fängt das mit ungewöhnlichem Feingefühl ein, diese leisen Veränderungen, als würden Wolken aufziehen, die sich schließlich in einem Regenguss entladen müssen, damit danach die Sonne wieder scheinen und ihr sanftes Licht über das belgische Land senden kann. Nur dass die Auswirkungen des Auseinanderdriftens hier verheerende Folgen haben und Normalität so weit entfernt scheint wie besagte Sonne, die zwar immer noch strahlt, weil jetzt für die Familien von Leo und Remi aber alles anders ist, nie mehr so sein kann wie davor. Ganz spät gibt es eine Szene in "Close", auf die bereits andere Kollegen hingewiesen haben. Sie ist emblematisch für die zärtliche Präzision des Films, für sein unendliches Verständnis für die Fragilität des Lebens, wenn man ein zwölf- oder dreizehnjähriger Junge ist. Zu Beginn des Films haben Leo und Remi Ritter gespielt, mit einem Stock als Schwert konnte man auch 800 Angreifer abwehren. Nun hebt Leo erneut einen Stock, und diese Geste ist so hilflos und erschütternd und traurig, weil man weiß: Das, von dem Leo gerade attackiert wird, kann man nicht abwehren. Es wird ihn immer begleiten, es wird künftig ein Teil von ihm sein. Und man weint mit ihm, weil jeder dieses Gefühl kennt, das Lukas Dhont eingefangen hat, mit viel Rohmer, ein bisschen Truffaut, aber vor allem unverkennbar eigener Handschrit: Nah kommt er mit seiner Handkamera nicht nur den Protagonisten. Nah kommt er auch dem Zuschauer, in einer Weise, wie es nur das Kino kann.

Wenn die Jury um Vincent Lindon jetzt also ab morgen ernsthaft über die Palmen nachdenkt, dann wird sie viel über "Close" sprechen. Ob der neue Film von Hirokazu Kore-eda, vormaliger Goldene-Palme-Gewinner mit Shoplifters - Familienbande" aus dem Jahr 2018, sowie Gewinner des Jurypreises 2013 für Vater und Sohn", ebenfalls Teil der Debatten sein wird, lässt sich natürlich schwer abzuschätzen. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass Broker", der erste Film des Japaners, der in Südkorea mit koreanischen Schauspielern etnstand, nachdem sein Venedig-Eröffnungsfilm von 2019, "Leben und lügen lassen", zuvor seine erste in Europa realisierte Arbeit war, zwar die vertrauten Themen des Regisseurs aufgreift, aber längst nicht in einer Liga mit seinen besten Filmen spielt. Nicht, dass er nicht versuchen würde, dieses besondere Außenseiterbande-Feeling wieder heraufzuschwören, das "Shoplifters" zu einem Ausnahmefilm machte. Und Song Kang-ho, der Held fast aller Filme von Bong joon-ho, zuletzt natürlich "Parasite", sieht man immer gerne, zumal in Rollen wie dieser, immer ein bisschen ungekämmt und hemdsärmelig, aber nahbar und nachvollziehbar, was man nicht spielen kann, sondern haben muss.

Und doch fühlt sich der Film über eine junge Frau, die ihr Baby bei einer Babyklappe ablegt, wo sich eine kleine Gruppe Hallodris darauf spezialisiert hat, diese Neugeborenen gegen einen guten Preis illegal weiterzuvermitteln, während ihnen zwei Ermittlerinnen der Polizei bereits auf der Spur sind, bemüht an, nicht so organisch und selbstverständlich, wie man es von Kore-eda gewohnt ist. Nach Renoir-Manier hat hier jeder seine Gründe, werden ungewöhnliche Allianzen eingegangen. Und ein längerer Abschnitt im Zentrum des Films, der als Roadmovie erzählt wird, entfaltet auch einen gewissen Charme. Aber insgesamt bleibt man distanziert, schaut von draußen rein, was nicht so gut ist bei den Arbeiten eines Filmemachers, dessen Qualitäten eher erzählerischer Natur sind und weniger mit der visuellen Gestaltung zu tun haben. Der Film sieht leider aus wie ein Fernsehfilm. Und die saccharinsüße Klavierbegleitung legt sich wie ein Sirup über die Geschehnisse, als würde sie gütig und bewegt zusehen. Mal sehen, wie die Jury das sieht.

Wer sind denn nun die Favoriten? "Close" wird gewiss der Film sein, den es zu schlagen gilt, wenn man zu Palmenehren kommen will. Er ist wohl auch der einzige Film, auf den sich die Kritik einigen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass "Leila's Brothers", der fast dreistündige iranische Beitrag von Saeed Roustayi Chancen hat auf einen der Hauptpreise. Ich würde gewiss auch Ruben Östlunds Triangle of Sadness" berücksichtigen und halte Holy Spider" für einen starken Kandidaten. James Grays Armageddon Time" hat leidenschaftliche Fürsprecher ebenso wie Park Chan-wook mit seinem Decision to Leave", die ich beide eher nur solide fand. Eine Außenseiterchance könnte "Las amandiers" von Valeria Bruni Tedeschi haben, den ich außergewöhnlich fand, sehr erwachsen, sehr französisch und unwiderstehlich, wie er einer Gruppe von Schauspielschülern durch ihre Ausbildung folgt und ihre Persönlichkeiten in ihre Arbeiten einfließen lassen, während ihre Arbeit für sie unbemerkt Teil ihrer Persönlichkeiten wird. Claire Denis hinterließ mit ihrem Stars at Noon" bei vielen Kritikern bestenfalls Stirnrunzeln (ich mocht ihn), aber warum nicht den Darstellerinnenpreis für Margaret Qualley? Auf ihren schmalen Schultern ruht der Film, und das macht sie schon ganz gut. Vielleicht hat die Jury es in sich, David Cronenberg auszuzeichnen, der mit knapp 80 Jahren zu alter Form aufläuft, oder Cristian Mungiu und Jerzy Skolimowski für ihre eindringlichen Filme über ein bedrohtes Europa. Und Albert Serra sollte man niemals unterschätzen, auch wenn man immer schwer beurteilen kann, wie ein so eigenwilliger Film wie "Pacifiction" auf ein Publikum wirkt. Am Ende gewinnen dann aber doch immer die Filme, die man verpasst hat. Mario Martone (ich habe es einfach nicht geschafft) und Kelly Reichardt wissen dann, bei wem sie sich bedanken müssen. Lassen wir uns überraschen, morgen Abend wissen wir mehr.

Bis dahin nehme auch ich Abschied aus Cannes nach elf harten Tagen, die aber dennoch die pure Freude waren. Danke, dass Sie mitgelesen haben.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.