Festival

KOMMENTAR: Graumalerei

Wenn in Cannes nicht gerade jeder zweite Film nach seinem Oscarpotenzial abgeklopft wird oder die immerwachen Investigativjournalisten der amerikanischen Branchenmagazine unerhörten Skandalen auf der Spur sind (ein Wandkarikatur-Wimmelbild im ersten Stockwerk einer Pizzeria einen halben Kilometer vom Festivalpalais entfernt zeigt unter anderem Woody Allen und Johnny Depp! Quelle horreur!), spricht man an der Croisette bisweilen sogar über Film.

27.05.2022 07:20 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn in Cannes nicht gerade jeder zweite Film nach seinem Oscarpotenzial abgeklopft wird oder die immerwachen Investigativjournalisten der amerikanischen Branchenmagazine unerhörten Skandalen auf der Spur sind (ein Wandkarikatur-Wimmelbild im ersten Stockwerk einer Pizzeria einen halben Kilometer vom Festivalpalais entfernt zeigt unter anderem Woody Allen und Johnny Depp! Quelle horreur!), spricht man an der Croisette bisweilen sogar über Film.

Mit besonders klaren Worten tat das der amerikanische Filmemacher James Gray, der mit seinen Jugenderinnerungen Armageddon Time" einen der bestbesprochenen Filme des Wettbewerbs gezeigt hatte. Besonders großen Widerhall in den Medien fand sein Appell an die Studios, künftig wieder eine größere Bandbreite von Filmen herzustellen, auch wenn man wisse, dass man mit den künstlerisch anspruchsvolleren Titeln Geld verlieren werde. Eine Forderung nach Mäzenatentum von einem Regisseur, der im letzten Vierteljahrhundert nicht einen Film gemacht hat, der an der Kinokasse schwarze Zahlen schreiben konnte, klingt erst einmal nach einem Freibrief zum Flops produzieren. Aber wenn man sich dann die Mühe macht, den ganzen Rant zur Überschrift zu lesen, ist Grays Argumentation zumindest bedenkenswert.

Sein Punkt ist, dass die Verengung des Fokusses der Studios auf nur noch eine Art von Film zu einer Ausdünnung des Publikums geführt hat: Die Konsequenz dieser wirtschaftlich grundsätzlich nachvollziehbaren Politik ist es, dass man heute eine deutlich kleinere Bevölkerungsschicht anspricht als zu Hochzeiten des Kinos, als auch die Studios alle Zielgruppen mit diverserem Produkt ansprachen - und nicht jeder Film immer alle Zuschauerschichten gefallen musste.

Grays Anliegen ist also nicht nur eigennütziger Natur. Besonders große Aussichten auf Erfolg werden ihm indes nicht beschieden sein. Aber vielleicht ist es gut, diese Diskussion ins Rollen zu bringen. In Cannes, wo in den letzten Tagen ein Symposium über die Zukunft des Kinos zusätzliche Impulse bringen soll. Und natürlich darüber hinaus. Mehr noch sollte aber überlegt werden, warum nach dem Neustart der Kinos zwar Blockbuster wieder ihr Publikum finden, aber genau die Filme, die in Cannes gefeiert werden, es schwer haben, ihre Zielgruppe wiederzufinden.

Nicht, dass es ein Cristian Mungiu jemals leicht gehabt hätte mit seinen prämierten Filmen - Bacalaureat fand trotz Regiepreis nicht einmal mehr einen Verleih. Aber elektrisierend sind seine Arbeiten doch nicht nur, wenn man sie in einem Festivalkino sieht. Hier muss man ansetzen. Und wenn die Studios dann mithelfen, wie James Gray es sich wünscht, kann man die ArmageddonTime vielleicht tatsächlich beenden.

Thomas Schultze, Chefredakteur