Festival

CANNES Tag 10: A Wop Bop A Loo-Bop A Lop Cannes Boom

Fast bis zum Schluss des Festivals musste man warten, und die Presse wurde mit der Sichtung auf den Tag nach der Abendpremiere vertröstet. Aber: "Elvis" has entered the building. Gloriose 160 Minuten lang, in prächtigem Baz-O-Rama und in gleißender Luhrmann-Vision.

26.05.2022 13:19 • von Thomas Schultze
Die Helden von "Elvis" lassen sich feiern auf dem roten Teppich (Bild: Imago / PA Images)

Dass Thierry Frémaux nicht der größte Freund des alljährlich anreisenden Pressetrosses ist, erkennt auch ein blinder Journalist mit Krückstock. Er weiß um die Bedeutung der Kritik für die anhaltend große Außenwirkung des Festival de Cannes als größtes und wichtigstes A-Festival der Welt, und lässt die Berichterstatter deshalb gewähren. Aber die eine oder andere Gemeinheit kann er sich dann doch nicht verkneifen, um sich insgeheim dafür zu rächen, dass ihm die schreibende Zunft in früheren Tagen einmal die eine oder andere Weltpremiere verhagelte, weil der entsprechende Film bereits am Morgen der Presse gezeigt und dann, wenn er doch nicht so gut war wie erhofft, durchaus auch schon so böse verrissen wurde, dass die Macher am Abend schon gar keine große Lust mehr hatten, über den roten Teppich zu laufen. Gus Van Sants The Sea of Trees" im Jahr 2015 und Sean Penns The Last Face" im Jahr darauf, die beide besonders schlecht waren und besonders hämisch verlacht wurden, waren dann die beiden Tropfen, die das Fass zum Überlaufen brachten und Frémaux zur Tat schreiten ließen.

Fortan sollten keine Besprechungen mehr vor dem Ende der jeweiligen Premieren erscheinen dürfen. Anstatt es allerdings so zu machen wie Berlin und Venedig und einfach klare Embargo-Regeln aufzustellen, nutzte die Festivalleitung die Gunst der Stunde, um dem Pressekorps ein neues Strafexerzitium aufzubürden: Die klassische Pressevorführungsregelung wurde aufgehoben, ab 2019 gab es dann die Vorführungen nur noch in einer Abend/Spätabend-Schiene, was bedeutet, dass man nicht nur jeden Tag mindestens bis Mitternacht im Kino sitzt und danach eigentlich noch schreiben müsste, sondern dass es Journalisten seither im Grunde keine Chance mehr haben, ein normales Abendessen einzunehmen. Was noch akzeptabel wäre, wenn diese Regelung für alle Filmkritiker gelten würde. Nun gibt es aber eine handverlesene Anzahl von Kollegen, die die Filme weiterhin morgens sehen und dann tagsüber schreiben kann, um sie dann zum Ablauf des Embargos - das von Pressebüroseite angeblich nicht durchsetzbar ist - zu veröffentlichen - wenn die anderen gerade erst auf dem Kino kommen. Gerechtigkeit à la Cannes.

Und jetzt die gezielte Gemeinheit, die Pressevorführung von Claire Denis' Stars at Noon" auf 22 Uhr 30 anzusetzen - und "Elvis" der Presse gleich am nächsten Tag um 8 Uhr 30 zu zeigen, in der einzigen Pressevorführung in einem vergleichsweise kleinen Saal. Seufz. C'est la vie. Trotzdem schön hier in Cannes. Zumal der neue Baz Luhrmann tatsächlich hält, was die vorab bereits gezeigten Bilder und Ausschnitte versprochen haben. Sein Film ist eine Sensation, die Wucht in Tüten, ein filmisches Testament, das die Schlüsselereignisse des Lebens des größten Künstlers des 20. Jahrhunderts in elektrisierende, pulsierende Bilder fast, die erstmals in der Karriere Luhrmanns nicht größer sind als das Thema seiner Filme, die seine Hauptfigur nicht in den Schatten stellen. Erstmals wirkt Luhrmann, wie soll man es anders ausdrücken, bescheiden und demütig, als hätte es den Prunk und Protz von "William Shakespeares Romeo + Julia", "Moulin Rouge" und "Der große Gatsby" gebraucht, um hier sein Meisterwerk zu formen.

Baz-o-Rama. Luhrman-Vision. Es ist eine ganz besondere und besonders unverkennbare Form des Kinos, das der Australier Baz Luhrman alle paar Jahre wieder produziert. Oder provoziert? Bevor der Film beginnen kann, setzt er sich erst einmal selbst ein Denkmal, mit einem golden glänzenden Signet, umrahmt von seinem künstlerischen Glaubensbekenntnis: Truth. Beauty. Freedom. Love. Elvis Presley ist nun das Sujet, in denen jedes einzelne dieser Versprechen erstrahlt, weil egal, wie groß das Bild, wie wild die Montage, wir gigantisch die Szenerie, Elvis ist immer noch größer, hält dieses A-Wop-Bop-A-Loo-Bop-A-Lop-Bam-Boom des Kinos nicht nur aus, sondern verlangt danach, speist sich daraus, erhält die würdige Form für dieses Unterfangen. So ist es mehr als ein Rausch der Bilder, verschmelzen Form und Funktion zu einem modernen Epos, das nicht mehr und nicht weniger will, als im Spiegelbild von Elvis Aaron Presley die Geschichte Amerikas zu erzählen, den Finger in die Wunde dieses Landes zu legen, das vom Weg abgekommen ist und wenigstens diese 160 Minuten wiedervereint wird, wie die Musik von Elvis die Menschen vereint hat - ein Superheldenfilm mit Rock'n'Roll als seine geheime Superkraft. Manche Szene sind so schön und richtig, dass man weinen will.

"Elvis" ist drei Filme in einem, ein Triptychon der Rebellion, gestaltet als durch und durch körperliche Erfahrung. Jeder dieser Teile endet mit einem Akt des Widerstands, jeder Akt endet mit einem Triumph, einer stolz erkämpften Unabhängigkeit, wie kurz und flüchtig auch immer sie sein will. Es sind die drei Momente, in denen sich Elvis erhebt gegen seinen übermächtigen Manager, Col. Tom Parker, der von seinem Sterbebett aus als Erzähler durch den Film führt, um sich gegen die (nicht ganz unberechtigten) Anschuldigungen zu erwehren, er sei verantwortlich für den Tod seines Schützlings im Alter von nur 42 Jahren. 1956 ist Elvis nicht bereit, sich dem Diktat Parkers zu fügen, auf die anzüglichen Bewegungen zu verzichten, die ihn zum Star haben werden lassen, und antwortet mit einer Version von "Trouble", die purer Sex ist und zu einem Aufstand führt. 1968 ist Elvis nicht bereit, sich dem Diktat Parkers zu fügen, nach acht Jahren zunehmend jämmerlicher Filmauftritte auch noch in einem Fernsehspecial für NBC zu den Festtagen harmlose Weihnachtslieder zu singen, und antwortet mit einem Auftritt in schwarzem Leder, das in Presleys profundestem politischen Statement gipfelt, dem hymnischen Gospelsong "If I Can Dream" als Antwort auf die Ermordung von Martin Luther King und Robert F. Kennedy. 1977 hat Elvis nicht länger die Kraft, sich dem Diktat Parkers zu entziehen und leistet Widerstand mit dem radikalsten Akt seiner Karriere, seinem Tod am 16. August, ein fetter, lächerlicher, gebrochener Mann, dessen künstlerisches Erbe aber überdauert, bis heute strahlt.

Dazwischen spielen sich große und kleine Dramen ab, wird man mitgerissen von der Musik, für die Baz Luhrmann Bilder findet wie noch kein Regisseur vor ihm. Die Triebfeder ist immer das antagonistische Spannungsfeld zwischen Elvis und Col. Tom Parker, dem Showman und dem Snowman, der Künstler und der Verkäufer, THE NEW und THE SELL, in ständigem Ringen miteinander. Eine komplexe Beziehung, die psychologisch komplizierter ist, als einfach nur zu sagen, dass Elvis eine Marionette seines Managers war, der Geek in dessen brillant orchestrierter Sideshow. Aber "Elvis" ist noch so viel mehr. In dem Maße, wie dem auf den fahrenden Jahrmärkten des Landes und als Manager des Countrysängers Hank Snow in allen Businessfragen geschulten Parker, gespielt von Tom Hanks in einem Makeup, das ihn völlig unkenntlich macht und doch immer seine Persönlichkeit durchscheinen lässt, 1955 beim ersten Blick auf Elvis bewusst wird, dass seine Kombination aus weißer Hautfarbe und schwarzem Musikempfinden ein hochexplosiver Mix ist, mit dem sich das Land erobern und viel Geld machen lässt, weiß auch der Film um die Herkunft von Elvis Presleys Musik. Es ist die Musik der Schwarzen. Und während man in "Elvis" vergeblich auf Erwähnungen von Jerry Lee Lewis oder Eddie Cochran wartet, zieht eine regelrechte Ahnengalerie der schwarzen Populärkultur an Elvis' und unseren Augen vorbei: Big Mama Thornton, B.B. King, Rosetta Thorne, Arthur Crudup, Mahalia Jackson, Little Richard, Fats Domino. Immer wieder manipuliert Luhrmann die Songs, verlangsamt sie, unterlegt sie mit Hiphop-Beats, bringt dem Zuschauer nahe, wie revolutionär es war, was dieser einfache Lastwagenfahrer aus Tupelo, Mississippi, da machte, wie er die Musik als Kind in schwarzen Bars und bei Gottesdiensten erhaschte und in sich aufsog, um der Welt den Rock'n'Roll zu schenken. Über zwei Drittel der Laufzeit ist es der großartige Elvis-Film, den dieser Ausnahmekünstler immer schon verdient hat; im letzten Drittel wird es dann ein großartiger Film, eine griechische Tragödie, ein Morality-Play, in dem es dann tatsächlich um die Seele der Hauptfigur geht und in dem Baz Luhrmann endlich seine Bestimmung findet. Was nicht möglich wäre ohne Austin Butler in der Hauptrolle, den der Regisseur als Charles "Tex" Watson in Tarantinos "Once Upon a Time in... America" gesehen hatte und überzeugt war, seine Titelfigur gefunden zu haben: Butler verschmilzt mit seiner Rolle, die unverkennbaren Bewegungen von Elvis the Pelvis hat er sich nicht einfach nur angeeignet, er hat sie verinnerlicht, zu einem Teil seiner selbst gemacht, während es ihm in seiner beachtlichen Darstellung gelingt, den Menschen in Elvis zu finden wie auch den Superhelden, größer als das Leben, eine Projektionsfläche der Wünsche und Träume mehrere Generationen von Menschen, ein Sexsymbol für Frauen wie für Männer, ein androgyner Ikarus, dessen Talent ihn hoch fliegen und dessen Hybris ihn abstürzen lässt, in einem endlos erfindungsreichen Film, der allen Beteiligten das Beste abverlangt und immer wieder neue Wege findet, die zeitlose Musik anders und frisch erklingen zu lassen, to be viewed at maximum volume, THE NEW and THE SELL, fest umarmt und umschlungen.

Sich danach dem neuen Film von Claire Denis zuzuwenden, bedeutet die Quadratur des Kreises. Aber so ist das nun einmal in Cannes. "Stars at Noon" spielt in Nicaragua, aber man könnte seinen Schauplatz auch einfach Graham-Greene-Land nennen: Gestrandete aus Großbritannien und den USA sitzen herum, schwitzen, trinken zu viel Alkohol, rauchen zu viele Zigaretten, verplempern zu viel Zeit und warten darauf, dass etwas passiert, und merken nicht, dass sich die Zahnräder der Geschichte längst in Bewegung gesetzt haben. So weit so vertraut. Mit dem Unterschied, dass die Vorlage nicht von Graham Greene stammt, sondern von dem gefeierten amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson, dass "Stars at Noon" nicht Der stille Amerikaner" ist, der Film nicht von Phillip Noyce sondern Claire Denis ist und die Regisseurin kein erkennbar großes Interesse an Politik hat, sondern an dieser besonderen Atmosphäre, diesem ganz spezifischen Ennui: Leben auf dem Pulverfass, aber in der Warteschleife, ohne Regeln und Bedeutung. In diesem Sinne ist der neue Film der Französin, die mehr als 30 Jahre nach ihrem Debüt, "Chocolat", zwar als wichtigste Regisseurin ihres Landes gilt, aber trotzdem erst jetzt Zugang in den Wettbewerb in Cannes gefunden hat, als hätte sie selbst eine Karriere in Warteschleife gehabt, näher dran an Michel Francos "Sundown" als an, sagen wir mal, Ein Jahr in der Hölle" von Peter Weir. Ein Film, der eine Handlung hat, um sich für das interessieren zu können, was in den Ritzen und Spalten der Geschichte geschieht. Sogar die Ära ist egal. Der 1986 erschienene Roman spielt 1984 und bezieht seine Dringlichkeit aus der explosiven politischen Situation der Zeit, als Ronald Reagan die CIA instrumentalisierte, die Sandinisten zu stürzen, die 1979 den USA-nahen Diktator gestürzt hatten und an die Macht gekommen war. Aber der Film spielt im Hier und Jetzt: Covid ist allgegenwärtig, die Hauptfiguren tragen immer wieder Masken. Sonst ist die Zeit ausgesetzt. Selbst das Land befindet sich im Schwebezustand, im Limbo. Militärs patrouillieren die Straßen, Korruption und Willkür herrschen, CIA und andere Auslandsgeheimdienste ziehen die Strippen. Eine Wahl steht bevor. Wer die Kandidaten sind, um was es dabei geht? Egal. Die Geschichte wiederholt sich, ist doch immer dieselbe, ob sie nun 1984 spielt oder in der Gegenwart.

"Du bist so weiß, es ist, als würde man von einer Wolke gefickt werden", sagt die Hauptfigur von "Stars at Noon", eine Amerikanerin namens Trish, als sie erstmals mit dem attraktiven Briten David ins Bett geht, den sie in einer Hotelbar aufgegabelt hat und mit dem sie Spaß hat, ohne zu vergessen, sich hinterher 50 Dollar für ihre Dienstleistung geben zu lassen. Sie war als Journalistin ins Land gekommen, aber ist nach einem kritischen Artikel in Ungnade gefallen und sucht nun, mit ihren wenigen verbliebenen Kontakten, wieder an ihren eingezogenen Ausweis zu kommen und das Land wieder verlassen zu können. Trish trinkt wie ein Fisch, raucht wie ein Schlot und flucht wie ein Kutscher, gleichermaßen in Englisch und auf Spanisch und manchmal mit einer schrillen Intensität, die einen daran erinnert, dass Margaret Qualley schon als Manson-Girl in Once Upon a Time in mit einem Fingerschnippen von Pussykätzchen zu Harpiye umschalten konnte. Ihre Krallen sind scharf, wovon man wenig hat, wenn man abhängig ist vom Wohlwollen irgendwelcher Typen, die wissen, dass sie leicht zu haben ist, auch wenn sie während des Sex mit einem Polizei-Offizier mit einem gelangweilten Blick auf ein Foto stolzer junger Sandinisten bei der Revolution anmerkt, Revoluzzer seien früher sexier gewesen. David könnte nun ein neuer Hebel sein, um wieder Bewegung in ihr auf Standby geschaltetes Leben zu bringen. Wobei unklar ist, was genau es ist, das ihn nach Nicaragua geführt hat und warum er eine Automatikpistole in seinem Necessaire-Täschchen mit sich führt.

Er wird gespielt von Joe Alwyn, der die Rolle übernahm, nachdem Robert Pattinson wegen Terminproblemen mit The Batman" absagen musste, und aussieht wie ein junger Charlie Hunnam. Während alle anderen schwitzen in der schwülen Hitze und den Eindruck, als könnten sie dringend eine Dusche vertragen, Trish inklusive, trägt er einen schmucken weißen Leinenanzug, am sich die komplette Rahmenhandlung des Films ablesen lässt, damit sich Denis nicht weiter darum kümmern muss. Zunächst ist er makellos, dann zerknittert er zusehends, er wird dreckig und schließlich klebt Blut an ihm. End of story. Und auch sonst ist die Figur so farblos und weiß, dass sie auch von einem Stück Toast gespielt hätte werden können. Das ist zunächst etwas irritierend, fügt sich aber blendend in das Konzept des Films, weil er eine Leerstelle bleibt, unmöglich zu lesen. Wer mag, kann ihn selbst ausmalen. Weil Claire Denis eben doch mehr an Trish interessiert ist, wie sie kratzt und beißt, kämpft und läuft und versucht, den Durchblick zu bewahren in einer Situation, die deutlich größer ist als sie selbst. Und die am Ende so ist wie die anderen auch: jemand, der alles unternimmt, um zu überleben. Weil es immer jemand gibt, der etwas zu verkaufen hat, und jemand, der etwas kaufen will.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.