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CANNES Tag 9: Unheimliche Be(r)gegnungen

Während Thierry Frémaux anlässlich der Feierlichkeiten zum 75. Festivaljubiläum die Zukunft des Kinos beschwört und ein rauschendes Fest mit zahlreichen vormaligen Palmengewinnern feiert, geht das Fußvolk brav weiter ins Kino. Und macht außerhalb des Wettbewerbs schöne Entdeckungen.

25.05.2022 18:49 • von Thomas Schultze
Muss man gesehen haben, um es zu glauben: "La montagne" (Bild: Quinzaine des Réalisateurs)

Auch für einen akkreditierten Journalist ist es nicht so, dass er mitbekommt, was sich im strahlenden Rampenlicht des Festivals abspielt, auf dem Roten Teppich und im Salle Lumière, vor, während und nach den großen Premieren. Meistens sitzt man - teilweise nur ein paar Meter entfernt - in irgendeinem anderen Kino des Palais-de-Festival-Komplexes. Oder man schreibt gerade in einer der diversen Pressebutzen oder im Hotelzimmer. Vielleicht gönnt man sich auch den Luxus, mal einen Happen zu essen. Man lebt nicht nur von Luft und Kino allein. Leider. Oft erfährt man von den definierenden Ereignissen des Festivals selbst erst aus der Berichterstattung der amerikanischen Trades. Die Feierlichkeiten zum 75. Jubiläum des Festival de Cannes hätten also gut und gerne komplett an einem vorbeigehen können, wenn man nicht gerade in einem Café gesessen wäre und einen Bus vorbeifahren gesehen hätte, aus dem Wim Wenders und Paolo Sorrentino blickten, als würden sie geradewegs in ein Gefängnis überführt werden und nicht zum Galadiner in der Markthalle von Cannes, wo man sich das Jubiläum ordentlich etwas kosten ließ. Zuvor hatte Thierry Frémaux auf den Stufen zum Palais seine Ehrengäste willkommen geheißen und proklamiert, dass das Kino niemals sterben werde.

Ich möchte das eindringlich unterstreichen, auch wenn es aktuell nicht so aussieht, als würde der Jahrgang 2022 als einer der großen Cannes-Jahrgänge in die Annalen des Festival eingehen. Aber ein paar vielversprechende Titel kommen ja noch - manchmal reicht eine fulminante Entdeckung, um den Gesamteindruck zu verändern. Und auch wenn in der Endabrechnung kein 2004 (mit Jurypräsident Quentin Tarantino und Fahrenheit 9/11" als Gewinner), 2013 (mit Jurypräsident Steven Spielberg und Blau ist eine warme Farbe" als Gewinner) oder 2019 (mit Jurypräsident Pedro Almodóvar und "Parasite" als Gewinner) zu erwarten ist, um das mal so lässig Insider-mäßig hinzuschlenzen, ist es auch ohne möglicherweise noch kommenden Knüller auf jeden Fall ein solides Jahr (mit nur wenigen Ausreißern nach unten - hier würde ich kurz einmal "War Pony" und "The Silent Twins" nennen, beide im Un Certain Regard - und beide übrigens auch mit leidenschaftlichen Fürsprechern). Es überwiegen die positiven Filmerlebnisse. Schöne Entdeckungen ließen sich abseits des Wettbewerbs machen.

In der Quinzaine des Réalisateurs war beispielsweise "La montagne" eine unerwartete Filmerfahrung, nicht zuletzt weil man nach den ersten zehn Minuten überzeugt ist, genau zu wissen, welche Richtung der zweite Spielfilm des Schauspielers Thomas Salvador, der hier auch die Hauptrolle spielt, einschlagen wird. Bei einer Produktpräsentation eines neuen Roboterarms in Chamonix zu Fuße des Mont Blanc lobt Pierre, ein alleinstehender Ingenieur aus Paris, die Vorzüge des Geräts: Wenn man ihm einmal eine Bewegung zeige, könne er sie sich merken und ad infinitum exakt so wiederholen. Womit er wohl auch sein eigenes Leben beschreiben könnte, man sich aber auch des Gefühls nicht erwehren kann, dass dies auch dem Film gerecht wird. Bei einem Blick aus dem Fenster auf das Bergmassiv hält Pierre inne, und man spürt, dass in diesem Moment ein Schalter umgelegt wird, der Anblick eine so unwiderstehliche Wirkung hat, dass er sein bisheriges Leben hinter sich lassen und dem Ruf des Berges folgen wird.

Ein Aussteigerfilm also. Sein angespartes Geld investiert Pierre in eine Bergausrüstung, folgt anderen Bergwanderern ins Massiv, lässt sich dort in einem kleinen Lager mit seinem Zelt nieder, folgt seiner Muße, kostet jeden Moment aus, eine folie, eine Verrücktheit, Spinnerei. Die Familie versucht vergebens, ihn zur Besinnung zu bringen. Er lernt in der Bergstation eine Köchin kennen, zarte Flirts. Als er ungefähr zur Hälfte der Laufzeit Zeuge eines Felsabgangs bei einem nahe gelegenen Gletscher wird, wandert er dorthin, um mit eigenen Augen zu überprüfen, was der Grund gewesen sein könnte. Und dann passiert etwas, das man nicht verraten darf, weil man es selbst erlebt haben muss. Aber es ist so ungeheuerlich, so unerwartet, so anders als alles, was der ganz methodisch und aufgeräumt erzählte Film bisher gezeigt hat, und es ist so brillant umgesetzt, so konsequent weitergedacht und realisiert, dass man seinen Augen nicht glauben will. So ging es nicht nur mir: Das ganze Saal hielt spürbar kurz die Luft an, war völlig perplex. Es ist eine so ungewöhnliche Be(r)gegnung der, naja, wenn man nur definieren könnte, wievielten Art, dass als einzige probate Referenz - Achtung, Spoiler! - James Camerons Abyss" herhalten muss. Mehrere der folgenden Passagen sind magisch. Und auch wenn Salvador den Film dann zu einem überzeugenden Ende bringt, wäre die Wirkung noch intensiver, wenn er sich zu dem radikalen Schritt durchgerungen hätte, schon etwa 20 Minuten früher einfach auf Schwarz geblendet hätte. Dann würde man "La montagne" wohl in einem Atemzug nennen müssen mit ewigen Kinorätseln wie Picknick am Valentinstag" oder La vallée".

Noch eine Entdeckung, die ihre Wirkung erst im Verlauf der Handlung so richtig entfaltet: Novembre" von Cédric Jimenez, der Ehemann der letztjährigen Venedig-Gewinnerin Audrey Diwan, der erst im vergangenen Jahr in Cannes mit dem harten (und von Diwan mitgeschriebenen) Bandenthriller BAC Nord" vertreten war. Jimenez ist ein Vollblut-Genreregisseur, besonders liegen ihm Policiers, nur dass sie bei ihm nichts mit den wehmütig-romantischen Existenzialismus-Balladen eines Jean-Pierre Melville zu tun haben. Seine Filme sind hart, handfest, pulsierend, wenig zimperlich, frei von Melancholie und Gefühlsduselei. Wie die Cops in seinen Arbeiten erledigt der 45-Jährige seine Arbeit zielgerichtet und direkt, ein bisschen wie ein französischer Antoine Fuqua, außerdem fühlt man sich in einzelnen Passagen erinnert an Ridley Scotts unterschätzten Der Mann, der niemals lebte". "Novembre" ist eine Gratwanderung, weil Jimenez sich darin mit den islamistischen Terroranschlägen in Paris vom 13. November 2015 auseinandersetzt, ein schwieriges Thema, weil immer noch eine klaffende Wunde in der Seele Frankreichs: 130 Menschen starben an diesem Abend, 683 weitere wurden verletzt, Paris wurde in einen Lockdown versetzt, das Land hielt den Atem an.

Bereits 2018 wurde diese Nacht des Schreckens in dem Doku-Dreiteiler "13. November: Angriff auf Paris" thematisiert, der auf Netflix zu sehen ist. Während darin die Geschehnisse exakt rekapituliert werden, übt Jimenez ein für ihn doch ungewöhnliche Zurückhaltung. Keine der Attacken ist zu sehen: Sein Film ist angelegt als Procedural und verfolgt konsequent, immer auf die Fakten bedacht (wobei die handelnden Figuren fiktiv sind), wie die Polizei mit den Anschlägen umgeht. Man hört also nur im Polizeifunk von den Ereignissen, während man sieht, wie die Beamten zusammengezogen werden und an die Arbeit gehen. Im Hintergrund läuft David Bowies "Sorrow". Es ist der letzte Moment der Ruhe. Danach ist nur noch Spannung. Sozusagen live und unmittelbar erlebt man mit, wie die leitenden Beamten, gespielt von Jean Dujardin, der nach "Der Unbestechliche - Mörderisches Marseille" wieder die Hauptrolle in einem Film des Regisseurs übernimmt - und Sandrine Kiberlain, versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen, Übersicht zu bekommen und dann Verdächtige isolieren und ausfindig machen. Viel zu tun haben die beiden Stars nicht. Sie müssen Autorität und Entschlossenheit ausstrahlen und überzeugend Befehle erteilen. Das machen sie gut. Wie auch der Film seine Sache gut macht. Fortschritte und Rückschritte, Erfolge und Fehltritte halten sich die Waage, bis es schließlich ans Eingemachte geht mit der Erstürmung einer Wohnung und Jimenez eine Actionsequenz entfesselt, die es in sich hat. An Intensität ist das Feuergefecht zwischen der anrückenden Polizei und den verschanzten Terroristen kaum zu überbieten, ebenso wenig die Konsequenz, mit der die Aktion bis zum bittersten Ende durchgezogen wird, das man sich vorstellen kann. Wenn es eine einzige Parallele zu "Le montagne" gibt, dann ist es Folgende: So etwas hat man noch in keinem Thriller gesehen.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.