Kino

ARD-Filmintendantin Karola Wille: "Sowohl als auch - das ist die große Herausforderung"

Seit zehn Jahren gibt es die Initiative "Der besondere Kinderfilm". Mitinitiatorin Karola Wille zieht im Interview mit Blickpunkt:Film Bilanz, blickt als Filmintendantin der ARD auf den Kinderfilm im allgemeinen, die Bedeutung von Kinokos und den Stellenwert des Kinos für die Sender. Natürlich äußert sie sich auch zur Rolle ihres "Heimatkanals" MDR.

27.05.2022 07:46 • von Frank Heine
Karola Wille (Bild: MDR/Kirsten Nijhof)

Seit zehn Jahren gibt es die Initiative "Der besondere Kinderfilm". Mitinitiatorin Karola Wille zieht im Interview mit Blickpunkt:Film Bilanz, blickt als Filmintendantin der ARD auf den Kinderfilm im allgemeinen, die Bedeutung von Kinokos und den Stellenwert des Kinos für die Sender. Natürlich äußert sie sich auch zur Rolle ihres "Heimatkanals" MDR.

Als Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks und Filmintendantin der ARD liegt Ihnen der Kinderfilm besonders am Herzen. Ihre Initiative "Der besondere Kinderfilm" besteht im zehnten Jahr. Wie beurteilen Sie ihren Erfolg?

KAROLA WILLE: Diese Initiative ist entstanden, weil wir erkannt hatten, dass in der Fülle von Kinderfilmen jene Filme mit originären Drehbuchstoffen, die nicht auf starken Marken beruhen, und die aus der tatsächlichen Lebenswelt von Kindern erzählen, unterrepräsentiert waren. Es gab zwar entsprechende Drehbücher, sie wurden aber zu wenig finanziert und produziert, weil sie im Kino nicht genug Erfolg versprachen. Ich sah es als eine Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an, Kinderfilme in der Vielfalt abzubilden, auch mit originären Drehbüchern, und meine Initiative stieß in der Branche auf großes Interesse. Wenn ich jetzt zurückblicke, ist daraus ein wunderbares breites Bündnis entstanden. Mittlerweile sind 27 Institutionen dabei, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit allen ARD-Landesrundfunkanstalten und ZDF über die Filmförderungen vom Bund und den Ländern bis hin zu Verleihern oder engagierten Produzentinnen und Produzenten. Und allein die Tatsache, dass die Initiative schon über zehn Jahre Bestand hat und die Zahl der Beteiligten noch größer geworden ist, werte ich als sehr gutes Zeichen. Mittlerweile wurden innerhalb der Initiative bereits zehn Filme produziert, von denen acht schon im Kino gelaufen und teilweise auch mit sehr guter Resonanz in Mediathek und Fernsehen gezeigt worden sind. Auf zwei Filme können wir uns 2022/23 noch freuen, weitere sind in Produktion.

Wie sieht hier das Engagement von MDR und ARD im Einzelnen aus?

KAROLA WILLE: Der "besondere Kinderfilm" ist ein Fördermodell mit einem gestuften Verfahren und regelmäßigen Treffen. Alle Partner der Initiative - insbesondere die Sender und Förderungen - arbeiten von Anfang an eng zusammen. Die Redakteurinnen und Redakteure der Häuser und des KiKA begleiten die Stoffe inhaltlich sehr intensiv. Der MDR ist fast in jeder Runde finanziell engagiert, nicht zuletzt, weil bei uns die Federführung für den KiKA von ARD und ZDF liegt. Insbesondere KiKA ist sehr stark engagiert und die erste Adresse für die Distribution von Kinderfilmen. Mittlerweile hat KiKA im Regelprogramm vier feste Spielfilmplätze und ein entsprechend qualitatives Angebot im KiKA-Player.

Besorgt es Sie, dass der Erfolg dieser Filme im Kino überschaubar ist? Fließt das in die Beurteilung neuer Stoffe ein, oder reicht Ihnen der Erfolg auf Festivals?

KAROLA WILLE: Akzeptanz und Relevanz gehören zur Analyse natürlich dazu und bestimmen den Erfolg mit. Den Besuchermillionär haben wir bisher leider noch nicht geschafft. Aber wir reflektieren natürlich, wie die Filme bei den Kindern und ihren Eltern ankommen. Erfolg ist nicht nur, wie viele Menschen wir in Kino, Mediathek oder Fernsehen erreichen. Es geht auch darum, was die Filme mit den Zuschauerinnen und Zuschauern machen, welche Impulse und Denkanstöße sie geben. Bei Kinderfilmen hat man es ja mit einem ganz besonderen Publikum zu tun: Gerade junge Menschen für Kino und gute Inhalte zu begeistern, sie kulturell und gesellschaftlich mit in die Diskussion einzubinden, ist auch eine langfristige Investition in die Filmfans von morgen. Und Filmpreise gehören sicher auch dazu, wenn man über Erfolg spricht. Wir verstehen uns dabei als lernende Einheit. Dass beispielsweise für die Drehbuchentwicklung mehr Zeit nötig ist, war eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre, und dass der Kinderfilm sich insgesamt noch breiter darstellen sollte. Wir berücksichtigen jetzt erste Dokumentarfilme für Kinder und fördern auch Animationsfilme. Selbstverständlich haben wir uns gefragt, ob man im Kino nicht noch mehr erreichen kann. Dabei diskutieren wir beispielsweise, wie Distribution und Marketing auch für den Kinofilm zeitgemäß gedacht werden müssen. Der Erfolg des deutschen Kinofilms ist ja ein die ganze Branche bewegendes Thema, dass wir unter anderem auch im Rahmen der anstehenden FFG-Novelle intensiv diskutieren.

Was passiert denn mit den Filmen nach der Kinoauswertung?

KAROLA WILLE: Jeder "besondere Kinderfilm" hat seine TV-Premiere bei KiKA. Zudem werden die Filme natürlich auch in den Mediatheken von ARD und ZDF und im KiKA-Player sehr erfolgreich platziert. Das Kinder- und Familien-Widget in der ARD-Mediathek enthält alle verfügbaren Filme und wird sehr gut abgerufen. Das heißt, die Rubrik ist die zweiterfolgreichste in der ARD-Mediathek. Wir strahlen die Filme außerdem im Ersten aus und natürlich auch in den dritten Programmen aus, so auch bei uns im MDR. Denn das besondere an unseren "besonderen Kinderfilmen" ist ihre Qualität und Repertoirefähigkeit. Fakt ist, betrachtet man Kino, Fernsehen und Mediatheken zusammen, erreichen die "besonderen Kinderfilme" ein breites Publikum. Gleichwohl müssen wir darüber nachdenken, was zu tun ist, damit wir im Kino mit "besonderen Kinderfilmen" mehr erreichen. Ich finde allerdings, dass es eine stolze und motivierende Bilanz ist, dass unsere zehn Filme in zehn Jahren über 100 Preise bekommen haben. Allein Auf Augenhöhe" hat 44 Auszeichnungen erhalten. Erst in dieser Woche wurde Träume sind wie wilde Tiger" mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Das zeigt, dass es wirklich ganz besondere Kinderfilme sind.

Gleichzeitig beklagen Produzent:innen höher budgetierter Kinderfilme, die auf Marken beruhen, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr in dem Maße wie früher daran beteiligen. Sehen Sie diese Entwicklung?

KAROLA WILLE: Nein, für den MDR kann ich das ausschließen. Wir sind nach wie vor auch in höher budgetierten Kinderfilmen, die nicht zum "besonderen Kinderfilm" zählen, involviert. Zum Beispiel haben wir gemeinsam mit allen ARD-Häusern und KiKA' "Alfons Zitterbacke I" und II koproduziert. Teil zwei hat in Kürze in Gera im Rahmen des deutschen Kindermedienfestivals Goldener Spatz Weltpremiere. Ich kann nicht erkennen, dass wir uns aus diesem Bereich zurückgezogen haben. Allerdings ist richtig, dass wir auch im Kinderfilm auf Vielfalt setzen. Deswegen sind ja gerade diese "besonderen" Kinderfilme in den Fokus genommen worden. Beim Blick in die Mediathek findet man in dem eben angesprochenen wunderbar kuratierten Kinder- und Familienbereich auch Filme, die auf starken Marken beruhen. Die ganze Fülle an Kinderfilmen bildet sich dort und natürlich im Angebot von KiKA ab. Diese Vielfalt im Angebot für Kinder gilt es zu stärken, wenngleich es natürlich auch stimmt, dass man Geld nur einmal ausgeben kann.

Diese Filme erreichen ihr Publikum im Kino im In- und Ausland, scheinen aber nicht mehr Teil von Outputdeals zu sein und müssen sich mit einer geringeren Beteiligung der Sender begnügen. Müsste man hier gegensteuern?

KAROLA WILLE: Natürlich gehen Marktveränderungen auch an diesem Bereich nicht vorbei. Und wenn Sie sagen, dass Kinderfilme nicht mehr Teil von Outputdeals sind, zeigt das ja, dass sich im Markt etwas grundsätzlich verändert hat. Unsere Beteiligungen an Filmen wie z.B. "Alfons Zitterbacke" bleiben aber bestehen. Wir müssen genau abwägen, wo wir unsere Mittel einsetzen, wenn wir zugleich wegen des geänderten Mediennutzungsverhaltens auch stark in die ARD-Mediathek investieren müssen. Sowohl als auch - das ist die große Herausforderung. Dabei sind Qualität und Kalkulationsrealismus unser Anspruch, und wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass die Produktionen teurer werden. Neben einer aktuellen Inflationsrate in Deutschland von 7,4 Prozent, die sämtliche Lebensbereiche betrifft, so auch die Filmbranche, haben wir es zusätzlich mit einem Fachkräftemangel zu tun, der gerade in dem vorhandenen Konkurrenzumfeld mit international agierenden Streaminganbietern, zu weiteren Verteuerungen der Produktionskosten beiträgt.

Wie sehen Sie generell die Bedeutung des Kinofilms im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender?

KAROLA WILLE: Der Kinofilm ist Bestandteil der Kultur unseres Landes. Große Kinofilme können große gesellschaftliche Gespräche anregen und sind Spiegel ihrer Zeit. Weil der Kinofilm Teil der Kultur ist, ist er auch Teil unseres gesellschaftspolitischen Auftrags. Deswegen werden wir uns auch weiter für den Kinofilm engagieren, weiterhin Kinofilme koproduzieren und dafür beste Sendeplätze zur Verfügung stellen, so wie zum Beispiel die ARD Degeto das Sommerkino im Ersten verantwortet. Und für uns als ARD gehören beim Engagement für den Kinofilm ebenso die Nachwuchsförderung und die Pflege des Filmerbes dazu. Dabei darf man den Blick nicht auf Das Erste verengen, denn auch in den einzelnen Häusern und ihren dritten Programmen passiert in dieser Breite und mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen ganz viel. Und die Mediathek eröffnet außerdem noch eine ganz neue Welt.

In der Zeit, in der Sie sich diesem Thema widmen, sehen Sie die Präsenz des Kinofilms in den Sendern eher zu- oder abnehmen?

KAROLA WILLE: Die Debatte um den Stellenwert des Kinofilms gibt es sowohl in der ganzen Branche als auch in den Häusern. Es geht darum, was und wie viel wir machen können und sollten, und was es zu ändern gilt, um unseren Auftrag, Angebote für alle in der Gesellschaft zu machen, auch bei sich stark ausdifferenzierendem Nutzungsverhalten, zu erfüllen. Allein mit unserem Engagement bei der Berlinale haben wir als ARD ein starkes Zeichen gesetzt. Wir waren in drei Wettbewerben vertreten und mit 17 Kinokoproduktionen vor Ort. Ich finde, das ist ein starkes Bekenntnis zum deutschen Kinofilm. Uns war auch wichtig, in der Coronazeit ein klares Signal zu setzen. In dieser Zeit ist uns der Kinofilm nicht verloren gegangen, sondern im Gegenteil. Die Degeto und wir diskutieren, wie wir Vielfalt in Themen, in Genres, in Lebenswirklichkeiten noch stärker abbilden können.

Trotz ARD-Sommerkino beklagt die Branche, es gäbe zu wenig Sendeplätze zu attraktiven Zeiten, nicht nur für den deutschen, sondern auch für den europäischen Kinofilm. Sehen Sie ein Defizit?

KAROLA WILLE: Als leidenschaftliche Filmliebhaberin kann man sicher nicht genug Sendeplätze haben. Allerdings erreichen wir mit dem Kinofilm in der Mediathek noch mehr Reichweite. Mit dem Sommerkino haben wir linear ein deutliches Zeichen gesetzt, und nun setzen wir es in der Mediathek. Das Engagement für den Kinofilm ist im Übrigen noch breiter. Wir tun auch eine Menge im Debütfilmbereich. Seit April gibt es beispielsweise jeden ersten Sonntagabend im Monat einen Sendeplatz im Ersten und prominent in der ARD-Mediathek. Wir wollen den Debütfilm nach vorne stellen, auch in den dritten Programmen, und zwar über alle Genres hinweg. Gerade jetzt mehr für den Nachwuchs zu tun, ist auch ein klares Signal für den Kinofilm.

Die Quoten im Sommerkino können kaum mit denen der TV-Movies mithalten. Ist das Publikum mit TV-Filmen und -Serien besser zu erreichen?

KAROLA WILLE: Großartige, gelungene Kinofilme finden auch ein großes Publikum im Fernsehen. Und natürlich ist unser Anspruch, auch für das Sommerkino tolle Kinoproduktionen zu erwerben oder zu produzieren. Was den Marktanteil von Kinofilmen anbelangt, haben wir uns im letzten Jahr sogar noch gesteigert und lagen im Durchschnitt bei 13,8 Prozent. Für den Kinofilm am Abend haben wir noch besser erkannt, was das Publikum schätzt, darunter solche tollen Geschichten wie Trautmann", der mehr als 15 Prozent Marktanteil erreichte.

Thema Kinokoproduktionen: Wie sehen Sie den Beitrag, den die ARD hier leistet?

KAROLA WILLE: Der Kinofilm und damit auch die Kinokoproduktion gehören zu unserem breit gefächerten Engagement. Entscheidend für uns ist die thematische Bandbreite, von Stefan Zweigs "Schachnovelle" bis zum Kaiserschmarrndrama", das letztes Jahr übrigens einer der Besuchermillionäre war. Wir haben den Anspruch, auch im Kino mit hochwertigen Inhalten vertreten zu sein. Gerade läuft dort unsere Koproduktion Eingeschlossene Gesellschaft" von Sönke Wortmann. Beim Mitteldeutschen Rundfunk haben wir mit Die Odyssee" eine starke Kinokoproduktion im Animationsfilmbereich mit produziert. Sie ist extrem innovativ und ganz emotional erzählt, beteiligt sind der MDR, Arte und das tschechische Fernsehen. Angesichts der Finanzsituation müssen wir über Koproduktionen mit starken Partnern und neue Allianzen nachdenken. "Die Odyssee" ist hier ein gutes Beispiel. Aber nicht nur beim MDR, auch in den anderen Häusern passiert sehr viel. Der BR ist gerade mit drei Filmen nach Cannes eingeladen worden. Es reicht nicht, den Blick nur aufs Erste zu richten. In der gesamten ARD arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen mit großer Kinoleidenschaft.

Den Abschluss des 13. Film-/Fernsehabkommens haben Sie als "Bekenntnis zum deutschen Kinofilm" bezeichnet. Natürlich fließen der FFA erhebliche Beträge zu. Und doch würde man sich im Vergleich mit dem gesamten Programmbudget einen stärkeren Beitrag der öffentlich-rechtlichen Sender wünschen. Ist das eine vergebliche Hoffnung der Kinofilmproduzent:innen?

KAROLA WILLE: Ich glaube, ich muss hier ein bisschen Aufklärung leisten. Das Abkommen, das wir im Rahmen des FFG schließen, ist nur ein finanzieller Baustein unseres Engagements. Es regelt unsere Abgabeverpflichtung. Seit Jahren zahlen wir freiwillig mehr Abgaben, als wir nach den gesetzlichen Bestimmungen des FFG müssten. Bestimmt erinnern Sie sich noch an die heftige Debatte um die letzte FFG-Novelle, an deren Ende sich herausstellte, dass wir weniger zahlen müssten als davor. Daher stammt die Beitragshöhe von 5,5 Mio. Euro. Zusätzlich verpflichten wir uns in den Abkommen mit der FFA, freiwillig Media-Leistungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro sowie 2,3 Millionen Euro für Gemeinschaftsproduktionen bereitzustellen. Hier ist der Eindruck entstanden, dass das unser gesamtes finanzielles Engagement für den Kinofilm sei. Das ist es natürlich nicht! Aus dem Produzentenbericht, den wir veröffentlichen, lässt sich dabei das finanzielle Kinoengagement der ARD nicht in Gänze ablesen, weil nur in zwei Genres Zahlen für Kinofilme separat ausgewiesen sind. Was in der Abbildung beispielsweise fehlt, sind die Kinokoproduktionen, die im Bereich Familie entstanden sind. Damit sind "besondere Kinderfilme" wie Mission Ulja Funk" oder Nachtwald" im Produzentenbericht gar nicht als Kinokoproduktion erkennbar. Was die Mittel betrifft, die in den Kinofilm fließen, sollten wir den Bericht noch aussagekräftiger machen. Die im 13. Film-/Fernsehabkommen genannten 2,3 Mio. Euro sind jedenfalls nur ein Mindestengagement. Im Übrigen gehört auch das Engagement der ARD-Häuser in den regionalen Film- und Medienförderungseinrichtungen in Höhe von rund 40 Millionen Euro zum Gesamtbild.

Dann bin ich ja beruhigt.

KAROLA WILLE: Und wenn Sie fragen, warum wir nicht noch mehr leisten, dann muss ich auf die gravierenden Veränderungen des Mediennutzungsverhaltens hinweisen. Bei den Unter-50jährigen spielt das Non-Lineare eine immer größere Rolle. Also müssen wir unbedingt die Mediatheken weiter stärken, da wir weiter den Auftrag erfüllen müssen, möglichst alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Auch für unser künftiges Engagement für den Kinofilm ist es wichtig, die Rahmenbedingungen zu diskutieren und den Entwicklungen für die Zukunft anzupassen. Aktuell stehen wir am Ende der Auswertungskette und können Inhalte, die wir mit erheblichem finanziellen Einsatz und inhaltlichem Engagement mitproduziert haben, oft erst dann einsetzen, wenn das Thema an Aktualität bereits deutlich verloren hat. Daher sind die Flexibilisierung und Verkürzung von Sperrfristen und die Betrachtung des konkreten Einzelfalls ein wichtiges Zukunftsthema. Wir freuen uns, dass die im Hinblick auf die Novellierung des Filmförderungsgesetzes derzeit geführten Debatten dieses Thema mit in den Blick nehmen. Es ist für uns alle wichtig, dass wir zu einer zeitgemäßen Entwicklung der FFA kommen, die insbesondere dem veränderten Nutzungsverhalten Rechnung trägt. Dazu gehört auch die Frage, warum der Bund nicht auch Serielles im Kino fördert. Das wäre ein zeitgemäßes Thema, das man sich für die FFG-Novelle vornehmen sollte und das uns beim Kino-Engagement helfen würde. Im Hinblick auf die Gewinnung neuer und vor allem jüngerer Zielgruppen ist das Thema "Serielles Erzählen" allgegenwärtig. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, das Kino zukunftsfest zu machen.

Wie schätzen Sie generell die Bedeutung des deutschen Kinofilms ein?

KAROLA WILLE: Wir bewegen uns immer im Spannungsfeld zwischen Kinofilm als Kultur- und als Wirtschaftsgut. Und natürlich gilt hier: sowohl als auch. Ich finde es gut, dass die FFG-Novelle die Debatte belebt, was wir eigentlich unter Erfolg verstehen. Was ist ein erfolgreicher Kinofilm, was sind Qualitätskriterien? Ich bin überzeugt, wir sind dann erfolgreich, wenn es uns gelingt, die Lebenswirklichkeit in Deutschland, die mittlerweile von der größten Vielfalt geprägt ist, die es je gab, tatsächlich auch ins Kino zu bringen und dabei die Geschichten so zu erzählen, dass wir die Menschen auch erreichen. Was für Fernsehen und Mediathek gilt, gilt fürs Kino ganz genauso. Unsere Gesellschaft hat sich immer stärker diversifiziert. Alle um das große Lagerfeuer zu versammeln, ist auch im Kino schwieriger geworden. Wir müssen diese gesellschaftlichen Veränderungen reflektieren und Antworten darauf finden.

Gerade der MDR hat im Serienbereich Marken gesetzt, die sich sowohl im linearen Fernsehen als auch non-linear behaupten. Werden dahin die Programmbudgets umgeschichtet?

KAROLA WILLE: Die große Herausforderung ist ein relevantes und hochwertiges Gesamtangebot. Lineares Fernsehen wird in den nächsten Jahren nicht verschwinden, und gleichzeitig erwarten die Unter-50jährigen von uns zunehmend non-lineare Angebote. Das ist eine extrem große Herausforderung für uns. Beim Mitteldeutschen Rundfunk haben wir inhaltliche Offensiven, u.a. für fiktionale digitale Produkte gestartet, um Menschen zu erreichen, die wir nicht oder zu wenig zu unserem Publikum zählen, und die den MDR noch nicht in ihrer Playlist haben. In diesem Zusammenhang müssen wir logischerweise Mittel umschichten, das ist richtig. Das bringt intensive Debatten mit sich, wie und wohin wir investieren. Serielles hat dabei einen hohen Stellenwert, das zeigen auch unsere Erfahrungen und Analysen der letzten Jahre.

Sehen Sie sich in Gesprächen mit Kollegen anderer Häuser als Ruferin in der Wüste für den Kinofilm?

KAROLA WILLE: Nein. Nehmen Sie das Film-/Fernsehabkommen. Wir zahlen mehr in einer schwierigen Situation, und es gab keine Stimme in der Debatte, die sich dagegen ausgesprochen hat. Alle in der ARD waren bereit, freiwillig mehr zu leisten.

Setzt denn der MDR stärker auf den Kinofilm als vergleichbare Sendeanstalten?

KAROLA WILLE: Wir fühlen uns auf alle Fälle dem Kinofilm verpflichtet. Wir suchen das Innovative und sehen uns dabei nach Kooperationspartnern um. Im Moment schauen wir zum Beispiel nach Tschechien. Vielleicht bieten sich hier interessante Ansätze. Von uns kommt immer wieder Neues, ob "Alfons Zitterbacke", Das Mädchen mit den goldenen Händen" oder ein Kinderfilm wie Coppelia". Der Kinofilm wird bei uns kein Nischendasein führen und hat bei uns auch in Zukunft ein Zuhause.

Deuten die personellen Veränderungen beim MDR darauf hin, dass Innovation die grundsätzliche Maßgabe ist?

KAROLA WILLE: Der Kern von Transformation ist Innovation. Wir erleben derzeit eine Blütezeit der Kreativität, die völlig neue Ideen freisetzt. Für mich ist immer wieder beeindruckend, welche innovativen Erzählweisen und Formate derzeit entstehen, die die Vielfalt in unserer Gesellschaft noch stärker ausleuchten. Neue technologische Möglichkeiten eröffnen hier ganz neue Horizonte. Wir wollen Vertrautes stärken und Neues wagen.

Sie haben für den MDR als "Stimme des Ostens" gleichzeitig das Motto "MDR für alle" ausgerufen. Wie lässt sich das vereinen?

KAROLA WILLE: Ich finde, das geht sehr gut! Das heißt auch, den Osten so darzustellen, wie er in seiner Verschiedenartigkeit in seiner Lebenswirklichkeit heute ist. Uns als modernem regional verankerten Medienhaus, das ausschließlich Bundesländer im Osten in seinem Sendegebiet repräsentiert, ist es sehr wichtig, den Osten noch stärker und vielfältiger bundesweit sichtbar zu machen. Nicht als Klischeeraum in Schwarzweiß, nicht als Abgrenzungskategorie, sondern als eine mediale Stimme, die Erfahrungen und Sichtweisen einer Region einbringt, die sich seit mehr als drei Jahrzehnten ständig im Wandel befindet. Dazu passt ein Satz unseres dritten "Leipziger Impulses", den wir mit anderen öffentlich-rechtlichen und weiteren Partnern gerade erst formuliert haben: "Verantwortungsvoll gelebte Vielfalt trägt zum Gemeinwohl bei, weil Menschen andere und anderes erst dann anerkennen, wenn sie selbst anerkannt werden."

Sie führen den MDR seit über zehn Jahren, in denen sich die Medienlandschaft stark verändert hat. Was sehen Sie als die Herausforderungen für die kommenden Jahre?

KAROLA WILLE: Wir haben uns beim MDR mit "MDR für alle" ein kraftvolles und selbstbewusstes Leitbild gegeben. Wir sehen uns - als gemeinwohlorientiertes Medienhaus - dem gesellschaftlichen Zusammenhalt verpflichtet und einem offenen demokratischen Prozess, der wohl noch nie so relevant war wie heute. Es geht tatsächlich um Demokratie und darum, wie sich eine Gesellschaft verständigen kann, um die immensen Zukunftsthemen gemeinsam zu bewältigen. Menschen brauchen Dialog, Menschen brauchen Anregungen, und Menschen müssen miteinander reden. Dabei spielen wir Medien - und auch der Kinofilm - eine maßgebliche Rolle.

Das Interview führte Ulrich Höcherl