Produktion

Birgit Oberkofler: "Ziel ist die Stärkung der unabhängigen Produktion"

Birgit Oberkofler, Leiterin der Südtiroler Filmförderung IDM, sprach mit uns übers Networken, die Zukunft der Förderung, Impulse für die Branche und neue Projekte, von großen Serien zu Nachwuchsfilmen.

27.05.2022 13:15 • von Heike Angermaier
Birgit Oberkofler, Head of Film Fund & Commission IDM (Bild: IDM/Armin Huber)

Birgit Oberkofler, Leiterin der Südtiroler Filmförderung IDM, sprach mit uns übers Networken, die Zukunft der Förderung, Impulse für die Branche und neue Projekte, von großen Serien zu Nachwuchsfilmen.

Die IDM Filmkonferenz "Incontri" konnte, nach zwei Jahren Pause, Ende April wieder in Präsenz in Meran stattfinden. Wie hat sich das angefühlt?

BIRGIT OBERKOFLER: Ganz ehrlich, der Druck war groß nach zwei Jahren. Das Feedback war dann aber doch überwältigend. Alle haben sich gefreut, sich zu treffen, und obwohl die Programm-Organisation kniffelig war, hat alles sehr gut geklappt.

Was waren die Schwerpunkte der dreitägigen Konferenz?

BIRGIT OBERKOFLER: Es gab mehrere. Die Autorensicht stellte Nicola Guaglianone dar, der Drehbuchautor des Amazon-Originals "Vita da Carlo" sowie von "The Legend of the Christmas Witch", der 2018 gänzlich in Südtirol gedreht wurde. Er sagte den Produzent:innen im Saal, er erwarte sich wirklich kreative Partner an seiner Seite. Auch die angemessene Bezahlung von Autor:innen war ihm ein Anliegen. Als Case Study hatten wir dieses Mal die neue Serie Davos", die die Schweizer Contrast Film zusammen mit Letterbox/Studio Hamburg produziert. Das ist das größte Schweizer Serienprojekt aller Zeiten, der SRF ist an Bord. Ivan Madeo, CEO von Contrast Film, und Bettina Alber vom SRF haben mit beeindruckenden Mood-Trailern Lust auf die Serie gemacht, die sich aktuell in Entwicklung befindet und vielleicht auch in Südtirol gedreht wird.

Präsentiert wurden auch die Ergebnisse des inzwischen 10. IDM Script Lab "Racconti".

BIRGIT OBERKOFLER: Am Nachmittag des ersten Tages wurden drei Spielfilmprojekte frisch aus dem Script Lab gepitcht. Wir haben übrigens die Bewerbungsfirst für die Einreichungen von "Racconti #11" bis zum 20. Juni verlängert, Interessent/-innen können sich noch bewerben!

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Pitching gemacht?

BIRGIT OBERKOFLER: Die Pitches haben gutes Feedback und großes Interesse ausgelöst. Beispielsweise der Erstlingsfilm von Lorenz Tröbinger, Advent". Der Regisseur arbeitet sein eigenes homosexuelles Comingout filmisch auf. Der Stoff ist genial umgesetzt, der Regisseur hat eine junge engagierte Produzentin, Klara Pollak, an seiner Seite sowie Oliver Neumann von der Wiener Freibeuterfilm. Autor und Regisseur Ben von Grafenstein und Produzentin Iris Sommerlatte pitchten die Komödie "We don't Need Another Hero" um ein konservatives schwäbisches Dorf, dessen brachliegende Textilindustrie ausgerechnet von Asylsuchenden aus Gambia gerettet wird. Und schließlich das Schweizer Projekt "Lizard Boy" mit Dschoint Ventschr als Produktionsfirma. Es ist die bewegende Geschichte von italienischen Saisonarbeitern in der Schweiz der 60er Jahre, die ihre Kinder nicht mitbringen durften. Deswegen gab es 10.000 versteckte Kinder. Der Regisseur Daniel von Aarburg kennt das Milieu genau, seine Frau hat italienische Wurzeln. Das Projekt bietet sich als schweizer-italienische Koproduktion an.

Wie gestaltet sich die Entwicklung dieser Projekte?

BIRGIT OBERKOFLER: Wir investieren Ressourcen und Engagement in das Script-Development-Programm, für das sich eine Autor:in oder eine Regisseur:in und eine Produzent:in im Team bewerben und den Stoff weiterentwickeln. Dadurch, dass nur drei Projekte ausgewählt werden, können wir ein maßgeschneidertes Programm bieten. Die Teams bekommen Unterstützung in unterschiedlichen Bereichen, von Audience zu Sound Design bis zum Szenenbild. Drei einwöchige Workshops sind über ein Jahr verteilt. Am Ende kommt das Pitching Training. Bei "Incontri" wird das Ergebnis erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Welche Filme sind schon aus "Racconti" hervorgegangen?

BIRGIT OBERKOFLER: Zum Beispiel Zweitland" von Michael Kofler, den wir auch finanziert haben. Aus Deutschland ist Wasiliki Bleser von Starhaus Filmproduktion mit dabei. Die Finanzierung ist weit fortgeschritten. Der Spielfilm, der die Südtiroler Terrorwelle 1961 aufarbeitet und damit eine Radikalisierung, die jetzt wieder aktuell ist, geht demnächst in Dreh. Ein weiteres "Racconti"-Projekt ist die Serie "School of Champions", deren Idee von "Racconti"-Alumnus Clemens Aufderklamm stammt und die nun von der Wiener Superfilm in Koproduktion mit der Schweizer Catpics produziert wird. Sie handelt von einem Elite-Internat für künftige Spitzensportler und soll noch dieses Jahr gedreht werden.

Im Programm von "Incontri" findet sich auch der Vortrag eines Medienpsychologen. Wie kam der an?

BIRGIT OBERKOFLER: Zu unserem traditionellen "Kamingespräch", diesmal ohne Kamin, laden wir Personen ein, die nicht immer in der Filmindustrie tätig sind, wie in der Vergangenheit eine Astronautin oder einen Extrem-Bergsteiger. In diesem Jahr hielt der Hochschulprofessor Frank Schwab aus Würzburg einen Vortrag, der Diskussionen auslöste. Er analysiert evolutionspsychologisch unser Konsumverhalten und unsere Viewing-Habits, fragt, wie Streaming unser Verhalten beeinflusst oder sich auf unser Gedächtnis auswirkt. Es ist ernüchternd, aber wenn wir ehrlich sind - wir stammen von den Affen ab, und manche Dinge, etwa das Frauen-Männer-Bild, das er zeichnete, entspricht nicht unserem aktuellen humanistischen Empfinden.

Es ging auch um Streaming-Strategien, u.a. die von Paramount +, das unlängst neue Wachstumszahlen verkündet hat. Ergeben sich daraus neue Impulse für die Filmförderung und die Rolle lokaler Produktionen für globale Player?

BIRGIT OBERKOFLER: Sabine Anger von Paramount Global hielt live dazugeschaltet ihren Keynote-Talk und wurde von Moderator Torsten Zarges auch aus Sicht der Produzent:innen befragt. Auf einem Panel vertraten Benjamina Mirnik-Voges, verantwortlich für die Originalproduktionen bei Disney, und drei Produzenten ihre Ansichten. Die beiden italienischen Produzenten Nicola De Angelis, Fabula Pictures, und Gianluca Curti, Minerva Pictures, stellten die Rechtediskussion in den Mittelpunkt und betonten, dass sie als Produzenten das Paket am besten schnüren könnten und deshalb auch auf Augenhöhe mit den Plattformen diskutieren sollten. Der Österreicher Heinrich Ambrosch, Satel Film, betonte dagegen die vielen Möglichkeiten, die sich eröffneten. Den Standpunkt von Disney machte Mirnik-Voges klar: Man stehe für bestes Storytelling, die besten Leute und die besten Geschichten, künstlerische Freiheit und lokaler Content seien unabdingbar - allerdings solle das alles auch weltweit funktionieren. Ähnlich sieht es auch Paramount. Wir sind der Welt des Streamings gegenüber nicht verschlossen, im Gegenteil, aber wir müssen uns immer daran erinnern, was unser Ziel ist und was unser Auftrag. In diesem Zusammenhang halten wir es für notwendig zu prüfen, wer wirklich öffentliche Mittel benötigt und für welches Projekt. Es gibt viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Wir haben beschlossen, keine Mittel für Projekte bereitzustellen, für die der/die Produzent/-in keine Rechte besitzt. Das Ziel ist die Stärkung der unabhängigen Produktion.

Auch die öffentliche Filmförderung ist ein Thema, das immer wieder für Diskussionsstoff sorgt. Wie müssen sich Filmförderungen für die Zukunft aufstellen?

BIRGIT OBERKOFLER: Vorgestellt wurde dazu die Studie "Public Film Funding at the Crossroads". Thomas Eskilssen von Film i Väst hat für die Studie 700 Branchenleute interviewt und hält damit auch Filmförderern den Spiegel vor. Seine These: Auch die Förderer, auch die Fernsehsender, müssen sich verändern, weil die Plattformen bereits Möglichkeiten bieten wie One-Stop-Shop, Finanzierung aus einer Hand, künstlerische Freiheiten usw. Fragen wie 'Wo soll die Reise hingehen', 'Braucht es noch öffentliche Förderungen und was ist ihr Sinn' wurden mit Produzenten erörtert. Wobei immer wieder definiert werden muss, was öffentlich eigentlich heißt. Mache ich ein öffentliches Produkt? Wenn ein Stoff weltweit funktionieren soll, die Streamer aber alle Daten über die Zuschauer:innen haben, die sie nicht teilen, wie sollen die Produkte darauf zugeschnitten sein? Und wollen wir uns von Algorithmen leiten lassen? Was passiert, wenn die großen US-amerikanischen Firmen alles in der Hand haben, Europa keine Rolle mehr spielt?

Apropos lokaler und internationaler Content - wie sind die Kinozahlen in Südtirol?

BIRGIT OBERKOFLER: Nicht gut, das Kino scheint derzeit nicht mehr im Mindset der Menschen zu sein, das ist ein Problem. Beim Bolzano Film Festival war Bozen belebt, aber es muss mehr passieren. Das Blockbuster-Kino funktioniert einigermaßen, aber das Programmkino ist immer noch zu leer.

Ein Fokus bei IDM als Brücke zwischen den Filmmärkten Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz liegt naturgemäß auf Koproduktionen. Das Baltikum war diesmal Gastland. Ist es ein unterschätzter Produktionspartner? Kommt Bewegung in East meets West?

BIRGIT OBERKOFLER: Das Interesse war so groß, dass es in Cannes ein Folgeevent geben wird. Ursprünglich geplant war eine Zwei-Step-Partnerschaft: Südtiroler Produzent:innen und Kreative haben am "Meeting Point-Vilnius" teilgenommen, der im März stattfand. Dann kamen Produzent:innen aus Lettland, Estland und Litauen zu uns. Das italienische Kulturministerium MIC vergibt einen Co-Development-Award für Italien-Baltische Länder. In diesem Jahr gab es aber kein Event, um diesen zu promoten. Diese Lücke haben wir mit "Incontri" geschlossen. Gemeinsam mit Gianluca Curti von der Produzentenvereinigung CNA und Alessandro Amato von AGICI, der italienische Producer on the Move dieses Jahr in Cannes, sowie "Meeting Point-Vilnius" haben wir wärend des Festival de Cannes im italienischen Pavillion ein Networking-Event organisiert. Diese Partner-Initiativen mit dem Baltikum hatten nun also insgesamt drei Steps, was uns sehr freut. Den Länderschwerpunkt bei "Incontri" werden wir beibehalten, es macht Spaß und ist motivierend, das Netzwerk auszuweiten. Im letzten Jahr war es Osteuropa, hierbei war die Zusammenarbeit mit "When East Meets West" sehr wertvoll.

Ist IDM beim Festival in Cannes vertreten?

BIRGIT OBERKOFLER: Wir haben diesmal einen Film im Markt, "Sisters" von Linda Olte, eine Koproduktion zwischen der lettischen Fenixfilm und der italienischen Albolina Film aus Bozen. Außerdem haben wir uns anderen Förderinstitutionen angeschlossen und unterstützen im Rahmen der Initiative "Ukrainian Films Now" zusammen mit dem lokalen Postproduktions-Dienstleister Cine Chromatix Italy ein ausgewähltes ukrainisches Filmprojekt in der Postproduktion.

Wie sind die Produktionen in Südtirol nach der Corona-Zwangspause angelaufen?

BIRGIT OBERKOFLER: Vieles kommt gerade heraus, wie Herzogpark", und es wird viel gedreht. Hans Steinbichlers Dreharbeiten der Romanverfilmung von Robert Seethalers, "Ein ganzes Leben" nach einem Drehbuch von Ulrich Limmer, haben begonnen. Das fliegende Klassenzimmer, eine Produktion von UFA Fiction mit u. a. Tom Schilling, Trystan Pütter und Hannah Herzsprung, von uns unterstützt, ist in Vorbereitung. Die Außendrehs sind in Südtirol, die Innenaufnahmen in Berlin. Die Mysterie-Thriller-Serie "Schnee", hochkarätig besetzt mit u. a. Brigitte Hobmeier und Robert Stadlober, wird gerade abgedreht. Nach dem Tod der österreichischen Produzentin Ursula Wohlschlager ist X-Filme eingestiegen. Regie führen Esther Rauch und Catalina Molina. Das ist nur eine Auswahl, weitere Projekte sind in Arbeit.

Wie ist die staatliche Unterstützung inzwischen aufgestellt?

BIRGIT OBERKOFLER: Wir hatten in Italien ja keinen Ausfallfonds, aber der Tax Credit wurde von 30 auf 40 Prozent erhöht - 40 Prozent der Ausgaben in Italien sind steuerlich absetzbar.

Wie sind die Produzent:innen mit der Pandemie umgegangen?

BIRGIT OBERKOFLER: Durch die Krise der letzten zwei Jahre haben sich die Südtiroler Produzent:innen noch einmal organisiert, als Untergruppe im Handels- und Dienstleistungsverband (hds). Schon seit vielen Jahren gibt es die FAS Film Association Südtirol, die die Filmschaffenden mit den Produzent:innen unter einem Dach vereint. Ich finde es gut, dass die Produzent:innen sich jetzt verbündet haben. Um sich als neue Vereinigung vorzustellen, haben sie einen Abend gestaltet bei "Incontri", das kam sehr gut an.

Das Interview führte Marga Boehle