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CANNES Tag 8: To be watched at maximum volume

Rock'n'Roll vertreibt den Festival-Blues: Die Bowie-Doku "Moonage Daydream" war so laut und mitreißend, dass man gestern in Cannes keinen Kaffee brauchte. Die Dardenne-Brüder kehren im Wettbewerb mit "Tori et Lokita" zu alter Form zurück.

25.05.2022 06:57 • von Thomas Schultze
So vertraut und doch ganz anders: David Bowie in "Moonage Daydream" (Bild: Neon)

Haben wir in diesem Jahr schon über die Cannes-Trailer gesprochen, die kleinen Erkennungssignets vor jedem Screening der Sélection officielle? Nichts ist schöner. Nichts macht mehr Lust aufs Kino, lässt einen das Wasser mehr im Munde zusammenlaufen, löst einen schöneren Pawlowschen Reflex aus. Jedes Jahr aufs Neue. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Vorspann in diesem Jahr noch etwas schöner ist. Nicht nur fährt die Kamera zu den Klängen von Camille Saint-Saens "Karneval der Tiere" an 24 Stufen vorbei vom Grund des Meeres bis hoch zum Olymp, wo die Goldene Palme wartet. Wie schon zum 70. Jubiläum ist in jede Stufe in Gold der Name eines ikonischen Filmemachers eingebrannt. Vier verschiedene Versionen gibt es in diesem Jahr zu sehen. Ganz oben warten, je nachdem, Federico Fellini, Jean-Luc Godard, Martin Scorsese und Agnès Varda. Am Schluss blitzt noch kurz eine "75" auf. Schön. Noch schöner ist indes der Vorspann der Quionzaine des Réalisateurs. Zu einer zarten, von Frédéric Fortuny am Klavier eingespielten Melodie des Filmkomponisten und Sounddesigners Cyril Moissy blättert sich der Vorspann durch ein Bilderbuch ikonischer Szenen aus Filmen, die in den letzten 54 Jahren in der Reihe gezeigt wurden, einzelne von ihnen bewegen sich kurz, bei anderen kann man passende Soundeffekte hören. Dazu werden Namen von Regisseuren eingeblendet, die die Quinzaine mit ihren Werken zu einem Magnet für Filmemacher haben werden lassen. Jedes Jahr wird der Trailer ein bisschen bearbeitet, neu angepasst. Eine wunderbare Entdeckungsreise.

Musik spielte ohnehin eine große Rolle am achten Tag des 75. Festival de Cannes. Nachdem er auf der CinemaCon im Rahmen der Präsentation von Focus Features bereits mit zwei längeren Szenen (der Anfang des Films, eine Konzertpassage mit "Heroes") Lust auf seine neue Doku machte, konnte Brett Morgen ("Cobain - Montage of Heck", The Kid Stays in the Picture") endlich seinen "Moonage Daydream" im Rahmen eines Mitternachtsscreenings außer Konkurrenz an der Croisette als Weltpremiere vom Stapel laufen lassen. Wobei Doku der falsche Ausdruck ist. Eine Liebeserklärung an David Bowie ist es geworden, der Versuch einer sinfonischen Annäherung an den Künstler und Menschen, an das berühmteste Chamäleon der Popgeschichte, der Ziggy Stardust war, Aladdin Sane, der Thin White Duke, der Mann, der vom Himmel fiel - der erste Rockstar, der die permanente Neuerfindung zum Prinzip erhob, zum Teil seines künstlerischen Werks. Was es nicht gibt: Jahreszahlen, Interviews mit Kritikern, Wegbegleitern, Musikern und Freunden, Einordnung, eine strenge Chronologie, Klatsch, Skandalgeschichten. Was es gibt: Aufnahmen aus dem privaten Nachlass Bowies, auf die Morgen freien Zugriff hatte, und aus denen er einen Film montierte, der das perfekte Begleitstück ist zu Velvet Goldmine", Todd Haynes' begnadeten Hommage an die Glamrock-Ära, in der Jonathan Rhys Meyers einen Sänger namens Brian Slade, unverkennbar angelehnt an Bowie, spielte.

Basierend auf dem Songtitel eines Popkonfekts aus Bowies wegweisendem Album "The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders of Mars" aus dem Jahr 1972, mit dem der Brite zum wichtigsten Künstler seiner Star aufstieg, ist es Bowie selbst, der anhand von Interviewaufnahmen als Erzähler durch den Film führt. Morgen will die Annäherung an das Genie, will ihn verstehen und will sein Schaffen dem Publikum nahebringen. Und er will Bowie feiern. In allen Facetten. In allen wichtigen Schaffensperioden, angefangen bei "Ziggy Stardust" über seine amerikanische Blue-Soul-Phase und die Berliner Zeit hin zu seinem Comeback nach mehrjähriger musikalischer Pause im Jahr 1983. Man erlebt nicht nur den Kabuki-Bowie, den Meister der Masken, der immer wieder mit einem neuen Image auftritt, jeweils angepasst an den musikalischen Stil, den er gerade verfolgte, ein vollumfängliches, immersives Paket. Man erlebt auch einen Menschen, der sich wandelt mit dem Erfolg, mit dem jeweiligen Streben, den jeweiligen Zielen.

"Ich liebe das Leben sehr", sagt er. Und so ist auch der Film eine Hymne an das Leben, an das lebendig Sein, eine Explosion der Lebenslust, voller Farben und Tönen, voller Sound + Vision, angetrieben von penibel ausgewählter Musik. Neben den unvermeidlichen Hits, die oftmals in Versionen anklingen, die man noch nicht kennt - eine "Space Oddity" nur mit Akkustikgitarrenbegleitung, ein entspannt groovendes "Heroes", ein superfunkiges "Let's Dance" -, hat Morgen auch überraschendes Material gefunden: eine Liveversion von "Love Me Do", das gut auf Bowies Coveralbum "Pinups" passen würde, zum Beispiel oder ein kurz angestimmtes "All the Young Dudes", das Bowie eigentlich für Mott the Hoople geschrieben hatte und von ihm erstmals auf dem Livealbum von 1974 zu hören gewesen war oder "Hallo Spaceboy" aus dem weniger bekannten Album "1. Outside" von 1995, mit dem der Film nach einem Nietzsche-Zitat eröffnet wird. "To be played at maximum volume" steht auf der Rückseite des Albumcovers von "Ziggy Stardust". Brett Morgen beherzigt diesen Ratschlag: Sein Film ist atemberaubend laut und entsprechend mitreißend. Nicht alles ist Gold, was glänzt. Sein offenbar dem experimentellen Kino von Stan Brakhage entlehnter Montagestil kann etwas ermüden bei der knapp 140-minütigen Laufzeit, allzu oft sieht man dieselben Bilderfolgen. Aber wenn dann Bowie selbst in den Mittelpunkt rückt, der Sänger, der Performer, der Raconteur, der Philosoph, der Erzähler, dann ist alles gut, dann schnellt "Moonage Daydream" vom Grund des Meers empor zu den Sternen, mitten hinein in den Olymp legendärer Musikfilme.

Wenn es nötig wäre, könnte man die Uhr stellen nach den Filmen der Dardenne-Brüder: Seit sie 1999 unter dem damaligen Jurypräsidenten David Cronenberg für Rosetta" ihre erste Goldene Palme erhielten, haben sie zuverlässig alle drei Jahre einen neuen Film im Wettbewerb vorgestellt - mit der Ausnahme von Das unbekannte Mädchen", der nur zwei Jahre nach Zwei Tage, eine Nacht" fertiggestellt wurde. 2005 gab es eine zweite Goldene Palme für Das Kind", ihr unerreichtes Meisterwerk, zuletzt konnten sie für Le jeune Ahmed" 2019 einen Regiepreis gewinnen, eine wie "Das unbekannte Mädchen" eher schwächere Arbeit. Tori et Lokita" ist nun nicht so gut wie die besten Dardenne-Filme, aber doch wieder eine deutliche Verbesserung, natürlich wieder in dem bekannten und bewährten naturalistischen Stil gedreht, oft mit handgehaltener Kamera, die entweder nah dran ist an den Protagonisten oder ihnen Schritt auf Tritt folgt und über die Schulter blickt. Aber die Erzählung hat eine knackige Knappheit, mit 88 Minuten Laufzeit ist es der kürzeste Wettbewerbstitel in diesem Jahr, und mit der Ökonomie der Erzählung kommt auch ein Bemühen um einen als solchen erkennbaren Spannungsaufbau, wenn die beiden Protagonisten in eine prekäre Situation geraten, aus die es keinen Ausweg zu geben scheint.

Tori ist ein zwölfjähriger Junge aus Kamerun, Lokita ein sechzehnjähriges Mädchen aus Benin. Ihre gemeinsame Überfahrt nach Europa schweißt sie zusammen, sie geben sich als Geschwisterpaar aus, um in Belgien besser Fuß fassen zu können. Aber sie schulden den Schleppern immer noch Geld, Lokita soll ihre Familie in der Heimat finanziell unterstützen, und weil die Behörden auf einen DNA-Test drängen, der beweisen soll, dass sie Bruder und Schwester sind, lassen sie sich in ihrer Notsituation mit einem Drogendealer ein, der von einer Pizzeria aus arbeitet. Am schlimmsten für Tori und Lokita ist es jedoch, dass sie getrennt werden, als sich Lokita bereit erklärt, drei Monate lang in einer heruntergekommenen Lagerhalle den Marihuana-Anbau zu überwachen, völlig allein in unhaltbaren Zuständen und brütender Hitze, ohne Handy, damit die Polizei sie nicht lokalisieren kann. Aber weil die beiden Kinder verbunden sind durch eine tiefere Beziehung, wie zwei Königskinder im Märchen, die nicht ohne einander nicht können, lassen sie jede Vernunft und Vorsicht sausen und besiegeln damit ihr Schicksal. Überhaupt Märchen: "Tori et Lokita" trägt die Züge von "Hänsel und Gretel", mit den Drogendealern als böse Hexe und dem Drogenlager als Hexenhaus. Nur dass die Luc und Jean-Pierre Dardenne keine Sentimentalität kennen. Ihr Kino steht in der Tradition von Bresson. Und auch dieser Film ist eine Variation von Mouchette" und Zum Beispiel Balthasar": Zwei unschuldige Kinder, die nur Gutes wollen, ein Leben in Würde, und Opfer der Umstände werden, außerhalb ihrer Kontrolle. Nimmt man "Tori et Lokita" zusammen mit den Wettbewerbsbeiträgen Eo" von Jerzy Skolimowski - ein ganz offensichtliches Remake von "Zum Beispiel Balthasar" - und "RMN" von Cristian Mungiu, dann werfen diese drei Filme ein zutiefst pessimistisches, unendlich trauriges Schlaglicht auf ein Europa, dessen hehres Ideal einer Gemeinschaft von Ländern zu Scheitern droht.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.