Produktion

Black Forest Films feiert Cannes-Premiere

"Russendisko"-Produzent Christoph Hahnheiser feiert heute Nachmittag mit dem Debütdrama "Un varón" in der Quinzaine des Réalisateurs Weltpremiere. Mit Black Forest Films realisierte er außerdem den diesjährigen Rotterdam-Gewinner "Eami" und entwickelt deutsche und internationale Spielfilm- und Serienprojekte.

24.05.2022 10:47 • von Heike Angermaier
Christoph Hahnheiser stellt "Un varón" in der Quinzaine vor (Bild: Black Forest Films)

Produzent Christoph Hahnheiser feiert heute Nachmittag mit dem Debütdrama "Un varón" in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes Weltpremiere. Er realisierte zuletzt mit Black Forest Films drei weitere Titel aus Südamerika, u.a. den diesjährigen Rotterdam-Gewinner "Eami", und entwickelt spannende deutsche und internationale Spielfilm- und Serienprojekte.

Hahnheiser, der mit Schlemmer Film und CMW Films produzierte, bevor er 2002 mit seiner Frau Josune Hahnheiser Black Forest Films in Berlin gründete, hat sich dem internationalen Arthousefilm verschrieben und arbeitet gerne mit dem Nachwuchs. Mit dem von Oliver Ziegenbalg inszenierten und geschriebenen Russendisko" nach Wladimir Kaminer mit Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke und Christian Friedel realisierte er auch eine erfolgreiche deutsche Komödie, die 2012 auf über 650.000 Zuschauer kam. Als seine bis dato erfolgreichste Produktion beschreibt er En la cama" der Chilenen Matias Bize, Regisseur, und Julio Rojas, Drehbuchautor. Das Kammerspiel um einen One-Night-Stand ist mit einem Budget von rund 300.000 Euro auch das kostengünstigste. Es lief auf etlichen Festivals von 2005 bis 2007, wurde mit dem Goya nominiert und ist heute noch auf Plattformen zu sehen.

Sein neuestes Projekt, es entstand in kolumbianisch-französisch-niederländisch-deutscher Zusammenarbeit, feiert nun beim Festival de Cannes Weltpremiere. Der autobiografisch inspirierte "Un varón"/"A Male" von Fabian Hernández erzählt von einem 16-Jährigen in Bogotá, der in einem Heim und auf der Straße aufwächst und mit dem ihn umgebenden extremen Machismo ringt. Zu Weihnachten will er seine Mutter im Gefängnis besuchen. Hernandez, der bereits Kurzfilme realisierte und als Lehrer für Film mit Jugendlichen an öffentlichen Schulen arbeitete, gibt mit "Un varón" sein Langfilmdebüt. Er drehte das Coming-of-Age- und Selbstfindungsdrama, das sich intensiv mit Geschlechterrollen beschäftigt, mit jungen Leuten aus dem Heim, in dem er teils selbst aufgewachsen ist. Als heimischer Produktionspartner agiert Manuel Ruiz Montealegre von Medio de Contención Producciones aus Bogotá. Hahnheiser, der mit der Berliner Black Forest Films neben "En la cama" auch weitere Filme in Lateinamerika umsetzte, stieg in der Drehbuchphase mit seiner Frau Josune Hahnheiser ein. Niederländische Produktionspartnerin ist Ilse Hughan von der Amsterdamer Fortuna Films, die ihn auf das Projekt aufmerksam machte. Mit ihr hatte er beim Langfilmdebüt der paraguayischen Filmemacherin Paz Encina, "Hamaca Paraguaya - Eine Hängematte in Paraguay" , das 2006 in Cannes von der FIPRESCI-Jury gewürdigt wurde, und Lisandro Alonsos in Argentinien entstandenes Drama Liverpool", das 2008 in Cannes Premiere feierte, zusammengearbeitet. Von französischer Seite produzieren Louise Bellicaud und Claire Charles-Gervais von der wie Black Forest Films auf internationale Koproduktionen spezialisierten In Vivo Film aus La Rochelle. Hahnheiser holte den World Cinema Fund und private Investoren an Bord des mit rund 500.000 Euro budgetierten "Un varón". Weltvertrieb Cercamon stieg kurz vor der Weltpremiere ein.

Gemeinsam mit Ilse Hughan und Fortuna Films koproduzierte Black Forest Films auch Encinas dritten Langfilm "Eami", einen künstlerischen Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm und Essay über das indigene Volk der Ayoreo-Totobiegosode in Paraguay, deren Lebensgrundlage und Kultur durch massive Abholzung bedroht ist. Erzählt wird ihre Geschichte der Vertreibung durch ein Voice Over der wichtigsten Figur ihrer Mythologie, einen Vogelgott. Der Film wurde nach seiner Premiere in Rotterdam Anfang Februar mit dem Hauptpreis, dem Tiger Award, ausgezeichnet und wird in Deutschland beim Filmfest Hamburg zu sehen sein. Weitere Produktionspartner sind Gabriele Sabate aus Paraguay, die auch bei "Hamaca Paraguaya" dabei war, Julio Chavezmontes aus Mexiko, der mit seiner Piano Film auch Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" aus dem aktuellen Cannes-Wettbewerb koproduzierte, sowie Joslyn Barnes, die u.a. Apichatpong Weerasethakuls "Memoria" koproduzierte. Der mexikanische Autorenfilmer Carlos Reygadas ist mit seinem Studio Splendor Omnia beteiligt, das für die Soundmischung sorgte, die ein enorm wichtiges Element im Film sei, so Hahnheiser. Splendor Omnia arbeitete u.a. an "Sound of Metal", dessen Ton Oscar-prämiert wurde. Auch bei "Eami" holte Hahnheiser den WCF. Der Film, den Encina mit Hilfe eines Harvard-Stipendiums entwickeln und schreiben konnte, feierte vor kurzem Premiere in Paraguay. In Deutschland wird er bei Arte ausgestrahlt werden. Hahnheiser kann sich bei "Eami" oder auch "Un varón" gut einen Start bei einem Streamer vorstellen: "Gerade Nischenfilme können dort viel mehr Publikum erreichen. Auch wenn es nur kleine Zuschauergruppen sind, die sich dafür interessieren, in 200 Ländern kann eine große Zahl daraus werden." Die Themen Nachhaltigkeit bei "Eami" oder Rebellion gegen patriarchale Strukturen bei "Un varón" treffen den Nerv der Zeit.

Das Langfilmdebüt des aus Peru stammenden Victor Manuel Checa, "Tiempos Futuros", ist eine weitere südamerikanische Koproduktion von Black Forest Films. Das dystopische Vater-Sohn-Drama, das in Lima spielt, feierte im vergangenen November in Tallinn Premiere und entstand mit Partnern aus Mexiko, Ecuador und Spanien. Auch hier arbeitete Splendor Omnia am Ton. Checa hatte Hahnheiser 2016 via Mail direkt angesprochen und eine gute Präsentation vorgelegt, so Hahnheiser. Checa gehört auch zum Produktionsteam neben Bertha Navara, Sebastian Cordero, David Matamoros, Javier Salvador und den Hahnheisers. Mit dem brasilianischen Gesellschaftsdrama "Homem Onça"/"Jaguar Man" um einen Ingenieur, der seinen Job verliert, von Vinicius Reis präsentierte Black Forest Films eine weitere Koproduktion im vergangenen Jahr. Sie lief im Sommer 2021 in den brasilianischen Kinos.

In der fortgeschrittenen Entwicklung hat Black Forest Films aktuell zwei Serienprojekte und einen deutschen Spielfilm, alle drei nach Romanvorlagen. Die internationale Serie basiert auf dem bereits als TV Movie verfilmten Roman "Englischer Harem" des neuseeländischen Autor Anthony McCarten, der für seine Drehbücher zu "Die Entdeckung der Unendlichkeit" und "Die dunkelste Stunde" mit BAFTA Awards ausgezeichnet wurde. Ursprünglich war die schon seit über zehn Jahren geplante Verfilmung der Liebesgeschichte um eine junge Frau, die einen Mann aus einem anderen Kulturkreis heiraten will, obwohl er bereits zwei Frauen hat, als Kinoprojekt gedacht. Doug Mankoffs Echolake ist als US-Partner an Bord. "Mein bester, letzter Sommer" nach Anne Freytags 2016 veröffentlichten Roman ist als Spielfilm geplant. Regisseurin Charlotte Rolfes schreibt das Drehbuch, dessen Entwicklung von MOIN gefördert wurde. Erzählt wird von einer 17-Jährigen, die mit einer tödlichen Krankheit diagnostiziert wird und einen jungen Mann kennenlernt, mit dem sie ihren letzte, besten Sommer verbringt. Der Mix aus Coming-of-Age-Drama und Road Movie entsteht in Koproduktion mit der Deutschen Columbia Pictures Filmproduktion. Josune Hahnheiser, die sich in der Firma vor allem um die Buchentwicklung und Stoffsuche kümmert, fand am aktuellen Wohnort des Paares in Singapur, wo Christoph Hahnheiser seit drei Jahren an der Nanyang Technological University Film unterrichtet, den Roman "Impractical Uses of Cake" von Yeoh Jo-Ann, der im Herbst auch auf deutsch erscheinen soll. Er handelt von einem Lehrer in der Midlife Crisis, der auf eine Obdachlose trifft, mit dem er die Leidenschaft für Kuchen teilt und wirft einen humorvollen Blick auf Singapur und universelle Themen wie Liebe, Familie und was Glücklichsein und Erfolg in heutigen Leistungsgesellschaften bedeuten. Für das Projekt hat das Paar einen Partner vor Ort. "Die ganz andere Umgebung und Kultur sowie die Erfahrungen mit der Lehrtätigkeit hat inspiriert und die Arbeit an den neuen Projekten sehr befruchtet", sagt Christoph Hahnheiser, der mit seiner Frau noch drei weitere Jahre in Singapur bleiben wird. Er freut sich, nach drei Jahren Pandemie endlich wieder reisen zu können und in Cannes Hernández und sein Team zum ersten Mal in echt und Branchenkollegen wieder zu sehen. Im August besucht er mit seinen Schülern das Festival in Locarno.