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Halbzeit in Cannes: Was war top, was eher Flop?

Der Scheitelpunkt des 75. Festival de Cannes ist knapp überschritten. Ein kurzer Blick darauf, was in den ersten sieben Tagen alles vorgefallen ist und ob es bereits Palmen-Favoriten gibt.

23.05.2022 17:05 • von Barbara Schuster
Triangle of Craziness: Ruben Östlund und Cast beim Photocall voN "Triangle of Sadness" in Cannes (Bild: Imago Images/Future Image)

Der Scheitelpunkt des 75. Festival de Cannes ist knapp überschritten. Ein kurzer Blick darauf, was in den ersten sieben Tagen alles vorgefallen ist und ob es bereits Palmen-Favoriten gibt.

Zur Halbzeit in Cannes kann ich konstatieren: Ein gutes Jahr bislang! Ich habe nichts verloren, keine Jacke oder Hut liegenlassen, weder Akkreditierungs-Badge noch Zimmerschlüssel ist mir abhandengekommen, ich wurde nicht bestohlen, das Wetter ist strahlend. Das ist doch eine gute Zwischenbilanz! Klopfen wir auf Holz! Sonst noch was? Das Festival, der Markt, die Filme, der Buzz? Richtig. Auch das ein solides bis gutes Jahr bislang. Nicht herausragend wie 2019, nicht so emotional und bewegend wie 2021, aber effektiv im Vermitteln der Botschaft, dass die Dinge langsam wieder so werden, wie man es einmal gekannt hatte vor dem März 2020. Covid ist hier jedenfalls kein Thema, sieht man einmal davon ab, dass noch vor jeder Vorführung durchgesagt wird, es werde angeraten, eine Maske zu tragen. Aber weder wurde zu Festivalbeginn ein Impfstatus abgefragt, noch gibt es ein Testprotokoll wie noch im vergangenen Jahr, was das 74. Festival de Cannes überhaupt erst möglich gemacht hatte, als vielleicht ein Drittel der Angereisten geimpft war. Beibehalten hat man nur das idiotische Ticketbuchungssystem, das keinen weiteren Zweck erfüllt, außer dass man sich nun auch für Pressevorführungen vier Tage im voraus Reservierungen sichern muss. Wozu das gut sein soll, weiß nur die Festivalleitung. Weder lässt sich nachvollziehen, wer wann wo gesessen haben könnte, weil in den meisten Fällen freie Platzwahl herrscht, noch werden genau deshalb Schlangen vor den Kinos vermieden: Sie sind genauso lang, wenn nicht noch länger als zuvor, weil nur der, der zuerst kommt, sicherstellen kann, Zugriff auf die begehrtesten Sitze zu haben. Völlig irrwitzig ist die Situation beim Anstellen auf dem engen Raum vor dem Salle Bunuel, wo social distancing allein schon deshalb unmöglich ist, weil man von den Ordnern aufgereiht wird wie die Sardinen in der Dose. Seufz. Es ist, was es ist.

Sprechen wir von den Filmen. Aktuell ist der Wettbewerb, nun ja, ordentlich. Ich persönlich bin ein großer Fan von Ruben Östlunds Triangle of Sadness", ein Film, an dem sich allerdings die Geister scheiden, weil Östlund in der Wahl der Mittel gewiss nicht subtil, aber zumindest in meinen Augen ungemein effektiv ist. Und sein Film ist eine Seltenheit in Cannes. Er ist nämlich richtig lustig. Am anderen Ende des filmischen Spektrums ist die neue Arbeit eines vormaligen Goldene-Palme-Gewinners angesiedelt, Cristian Mungius "RMN", ein Film, der zu jedem Zeitpunkt volle Aufmerksamkeit verlangt und es dem Zuschauer nicht leicht macht, weil nichts in leicht verdaulichen Happen serviert wird. Aber wenn man die volle Strecke mitgeht, wird man belohnt mit einem beachtlichen Werk, das in einer meisterhaften 17-minütigen ungeschnittenen Sequenz allen Beteiligten die Gelegenheit gibt, unterschiedlichste Meinungen zu vertreten und in dem babylonischen Sprachengewirr in Transsilvanien den Finger in die Wunde zu legen, warum die Globalisierung der Idee der Europäischen Gemeinschaft ihre Grenzen aufzeigt. Ein verzweifelter Film, der sich in der letzten Szene nicht mehr anders zu helfen weiß, als sich ins Fantastische zu retten. Der aktuell wahrscheinlichste Kandidat auf Palmen-Ehren ist indes Holy Spider", der seine explizit ausgebreitete Serienmördergeschichte in Iran auf den letzten Schritten zur Grundsatzdiskussion über Moral und Ethik werden lässt. Und zumindest in Cannes weder Kritik noch Publikum kalt ließ. Die professionellen Applaus-Erbsenzähler der amerikanischen Branchenmagazine maßen siebenminütige Standing-Ovations. Länger als bei Top Gun: Maverick" (fünf Minuten), ebenso lang wie Three Thousand Years of Longing" und Armageddon Time"! Letzterer - das neue Werk von James Gray - wurde ebenfalls sehr wohlwollend aufgenommen. Gut denkbar, dass auch er bei der Preisvergabe der Jury um Jurypräsident Vincent Lindon eine Rolle spielen könnte. Aber was weiß man zum jetzigen Zeitpunkt schon. Einige der wichtigsten Filme kommen noch. Und wenn man den traditionell immer "gutinformierten Kreisen" Glauben schenken darf, dann sollte man unbedingt Broker" von Hirokazu Kore-eda und "Close" von Lukas Dhont in den Favoritenkreis aufnehmen. Beide Filme laufen fast ganz zum Schluss, am Donnerstag, danach folgt nur noch Showing Up" von Kelly Reichardt. Aber was wissen die "gutunterrichteten Kreise" schon? Die hatten auch wissen lassen, dass "Triangle of Sadness" ein Reinfall sein soll. Und das kann ich nun überhaupt nicht unterschreiben.

Die meistgelobten Filme bislang liefen nicht im Wettbewerb. Im Fall von Corsage" von Marie Kreutzer war von vielen Seiten - und ich gebe ihnen Recht - regelrechte Ungläubigkeit zu hören/lesen, warum dieser großartige Neulesung des Sisi-Mythos nur für Un Certain Regard ausgewählt worden war - während man offenkundig schwache Titel wie Frère et soeur" von Arnaud Desplechin im Selbstparodiemodus in den Palmenkampf einlud. Schwaches Bild. Einhellige Begeisterung löste überdies "Aftersun" in der Semaine de la Critique aus, den ich leider nicht sehen konnte (you can't win 'em all). Sehr gefallen haben mir überdies Un beau matin" von Mia Hansen-Løve in der Quinzaine, "La nuit de 12" von Dominik Moll (ein sehr gelungenes Comeback des Regisseurs, der vor zwei Jahrzehnten einmal als große Hoffnung gegolten hatte) und Boy from Heaven", ein sehr kluger Thriller von Tarik Saleh. Ganz frisch kommt auch noch Les Amandiers" dazu, ein sehr autobiographischer Blick von Valeria Bruni-Tedeschiüber ihre Zeit an der Schauspielschule von Patrice Chereau in den Achtzigerjahren.

Und jetzt Vorhang auf zur zweiten Hälfte. Park Chan-Wook und David Cronenberg warten bereits.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze