Kino

Bayerischer Filmpreis 2022: "Man darf feiern!"

Nach zwei Jahren Corona-Pause wurde der Bayerische Filmpreis 2022 wieder mit einer Galaveranstaltung vor Publikum vergeben. Die Jury zeigte große Treffsicherheit mit ihren Entscheidungen und würdigte herausragende Leistungen quer durch alle Förderregionen.

23.05.2022 15:13 • von Jochen Müller
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im WM-Trikot von 1954 mit Ehrenpreisträger Sönke Wortmann bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises (Bild: IMAGO / Future Image)

Trotz schwieriger Weltlage und immer noch deutlich messbarer Inzidenzwerte wurde die Verleihung der Bayerischen Filmpreise in diesem Jahr nur vom Januar in den Mai geschoben und die hochverdienten Preisträger dann bei einer großen Gala im fast voll besetzten Münchner Prinzregententheater gewürdigt. "Yippie, man darf feiern", so begrüßte Dauermoderator Christoph Süß ein maskenfreies Publikum, das sich auf dieses Event nun mehr als zwei Jahre lang freuen durfte.

Seine letzten Preise musste er "im Späti abholen", weil sie ihm alle per Post zugestellt wurden, meinte auch Regisseur Lars Montag, der für seinen hinreißenden, deutschen "Bollywood"-Film Träume sind wie wilde Tiger", der wie so mancher Preisträger in den Coronamonaten im Kino unter Wert gelaufen ist, mit dem Preis für den besten Kinder- und Jugendfilm ausgezeichnet wurde. Um so schöner, dass es nun in München wieder ein festlicher, feierfreudiger Abend wurde, für den die Jury im Vorfeld lauter richtige Entscheidungen getroffen hatte und ohne Scheuklappen auch Leistungen auszeichnete, die keinen Bezug zum Filmstandort Bayern hatten.

Eine dieser Entscheidungen traf das Kinopublikum selbst mit dem Publikumspreis für Catweazle". An der Popularität von Otto Waalkes, der den Preis persönlich entgegennahm, führt auch nach 50 Jahren Karriere kein Weg vorbei. Auffallend richtig wurden die Entscheidungen im Nachwuchsbereich getroffen. Der Darstellerpreis ging hier an die beiden Hauptdarsteller der außergewöhnlich gelungenen Verfilmung von Finn Ole Heinrichs Roman Räuberhände". Emil von Schönfels und Mekyas Mulugeta wurden in unterhaltsamen Einspielern mit der Nachricht, dass sie ausgezeichnet wurden, genauso überrascht wie Nachwuchsdarstellerin Sara Fazilat für ihre Arbeit in dem authentischen Drama Nico" um eine deutsch-iranische Frau. Die beiden jungen Darsteller begeisterten das Auditorium mit einer berührenden Danksagung an ihren Regisseur Ìlker Çatak. Fazilat grüßte vom Filmfest in Cannes, wo sie sich für ihre vielversprechende Karriere weiteren Schub verspricht. Im Regiefach ging der Nachwuchspreis an York-Fabian Raabe für den inzwischen mehrfach ausgezeichneten deutsch-ghanaischen Film Borga", für den er "zehn Jahre lang Menschen überzeugen" musste.

Auch die Hauptpreisträger des Abends, die sich den mit 200.000 Euro dotierten Produzentenpreis teilen müssen, konnten auf eine lange Historie ihrer Produktionen zurückblicken. Weit über zehn Jahre Arbeit im Projektstadium liegen hinter den Autoren und Regisseuren der Culture-Clash-Komödie "Nicht ganz koscher" um die schicksalhafte Begegnung eines ultraorthodoxen Juden mit einem Beduinen in der Wüste. Hinter Produzent Fritjof Hohagen und seiner enigma film liegen sieben Jahre Finanzierung. Anfang August kommt er nun endlich ins Kino. Mindestens sieben Jahre liegen hinter Produzent Herman Weigel und der Entwicklung des Stoffs für Leander Haußmanns Stasikomödie", fünf Jahre war die UFA mit Sebastian Werninger dabei, vor mehr als zwei Jahren kam die Constantin Film mit Christoph Müller dazu. "UFA und Constantin Film zusammen, kann das gut gehen? Ja, kann es", meinte Werninger bei der Preisübergabe. Seit letzten Donnerstag läuft der Film im Kino und schreibt ermutigende Zahlen.

Mit den weiteren Preisen kommentierte oder korrigierte die Jury die Entscheidungen, die beim Deutschen Filmpreis im letzten Jahr gefallen sind. Für die beste Regie wurde in Bayern Dominik Graf ausgezeichnet, für seine bahnbrechend moderne Verfilmung/Interpretation von Erich Kästners Roman Fabian oder Der Gang vor die Hunde". "Ich bin sehr stolz auf diesen Preis. Ich bin auch sehr stolz auf diesen Film", meinte der Ausnahmeregisseur, der viel zu selten für die große Leinwand dreht. Im Gegenzug wurde Maria Schrader für die hinreißend vielschichtige Komödie Ich bin dein Mensch" zusammen mit Co-Autor und Lebenspartner Jan Schomburg für das beste Drehbuch geehrt. Sie zeigte sich "überwältigt von dem Abend" und von den "vielen Menschen, die wirklich was wollen". Dieser Film sei jedenfalls "die schönste Arbeitserfahrung" gewesen, die sie je hatte. Beste Hauptdarstellerin war Johanna Wokalek, die vor Freude über die Bühne sprang, weil ihr Klaus Maria Brandauer den Preis überreichte, für ihre Rolle in Beckenrand Sheriff". Bester Hauptdarsteller war Albrecht Schuch als Thomas Brasch in Lieber Thomas", der sich riesig darüber freute, dass ihm sein Pierrot von Tobias Moretti übergeben wurde. Diese überraschenden Paarungen oder Dream-Teams sind inzwischen die besondere Stärke des Bayerischen Filmpreis und schaffen emotionale Momente, die begeistern und unvergesslich bleiben. Auch der Preis für den besten Schnitt für Maria Speth und Herr Bachmann und seine Klasse", der drei lange Jahre währte, war ein solcher Moment, weil Herr Bachmann ihn persönlich und "Jolene" singend überreichte.

Emotionalster Moment aber war die Übergabe des Preises für den besten Dokumentarfilm an Michael Kranz für "Was tun" über seine spontane Reise nach Bangladesh, um etwas gegen die Zwangsprostitution dort zu tun. Den Preis überreichten ihm seine Mitstreiter, die extra angereist waren, und dieser Moment der Wiedersehensfreude als Ausdruck des gemeinsamen Engagements war so authentisch, dass das Publikum tief beeindruckt war. Überhaupt scheinen Vielfalt und Diversität im deutschen Film, aber auch beim Bayerischen Filmpreis angekommen zum sein. Das bleibt als nachhaltiger Eindruck der Veranstaltung. Dream-Team zum krönenden Abschluss waren Ministerpräsident Markus Söder als Laudator und der verdiente Ehrenpreisträger Sönke Wortmann. Söder ist ganz offensichtlich zu vielem bereit, wenn es um den deutschen Film geht, u.a. dazu, aus Begeisterung für Wortmanns Fußballfilme "Das Wunder von Bern" und Deutschland Ein Sommermärchen" bei dieser rundum gelungenen Feier für den deutschen Film im Fußballdress statt im Smoking aufzutreten. Das ließ sich dann nicht mehr toppen.

Ulrich Höcherl