Kino

Schadens-Bilanzierung bei der KINO 2022

Mit einer vor wenigen Wochen kurzfristig angesetzten Studie wollten die drei Kinoverbände ein möglichst konkretes Bild dessen vorlegen, was die Pandemie bislang an Schäden hinterlassen hat. Erste Ergebnisse wurden nun in Baden-Baden vorgestellt - zusammen mit der Einschätzung, dass es "einfache Antworten" auf die derzeitigen Herausforderungen kaum geben dürfte.

23.05.2022 11:56 • von Marc Mensch
Thomas Pintzke stellte erste Resultate der Branchenumfrage zu den Pandemiefolgen vor (Bild: Denis Kotscherow)

So richtig wurde es noch nicht nach Außen kommuniziert - aber wie man in Baden-Baden erfahren konnte, hat die neue Nähe der drei Kinoverbände HDF, AG Kino-Gilde und Bundesverband kommunale Filmarbeit, die sich unter anderem in einem gemeinsamen Weiterbildungslehrgang und der Zukunftskonferenz Cine Vision 2030 ausdrückt, einen sehr konkreten Anlass: Unter dem Titel "Neustart Kino" wurden Fördermittel in Millionenhöhe für gemeinsame Projekte zur Verfügung gestellt.

Eines davon ist eine Betroffenheitsstudie, die auf Basis einer kürzlich kurzfristig in Kooperation mit rmc durchgeführten Umfrage erstellt wurde und die mit einem konkreteren Bild davon, wie der Kinomarkt aus betriebswirtschaftlicher Sicht durch die Pandemie gekommen ist, eine wichtige Basis für die filmpolitische Arbeit der Verbände liefern soll. Letztere wurde gerade erst mit der Aufstockung des Zukunftsprogramms belohnt.

Erste Ergebnisse der Studie stellte Thomas Pintzke von rmc bei der KINO 2022 vor - verbunden mit einem "Versuch eines Fazits", wie er es in diesem frühen Stadium nannte. Ganz grundsätzlich gelte, dass die Resultate die Wahrnehmung "Es hätte schlimmer kommen können", nicht so ganz tragen würden. Insbesondere habe ihn überrascht, in welchem Ausmaß sich das Eigenkapital reduziert habe - bei 17 Prozent der Betroffenen ging es demnach um mehr als 50 Prozent nach unten.

Investitionen konnten in der bisherigen Pandemiephase laut Pintzke bei 40 Prozent der Befragten gar nicht, bei 52 Prozent nur mit Hilfe von speziellen Förderprogrammen durchgeführt werden. Sein Schluss daraus: Neun von zehn Unternehmen waren in dieser Zeit nicht aus eigener Kraft heraus handlungsfähig.

Während schon der bislang entstandene Schaden erheblich ist, legt die Umfrage nicht zuletzt auch Zeugnis von erheblichen Zukunftssorgen ab. So erwarten gerade einmal noch sechs Prozent der Befragten eine zügige Erholung des Geschäfts, 61 Prozent gehen von einer weiteren schwierigen Phase mit hohem wirtschaftlichen Druck aus - was seine Ursache nicht zuletzt auch in den globalen Folgen des russischen Vernichtungsfeldzuges haben dürfte. Ein Drittel der Befragten ist sich hingegen gerade unsicher, was die Zukunft anbelangt. Ganze zwei Drittel der Befragten befürchten dauerhafte Verluste beim Publikum - und das innerhalb dieser Gruppe zu über 70 Prozent im Bereich von mehr als 15 Prozent...

Interessant ist der Blick auf die Einschätzung möglicher Handlungsoptionen. Denn während "Serviceverbesserung" und "Investition in die Ausstattung" in etwa gleich oft genannt wurden, hat der Wunsch nach einer "Akzeptanzsteigerung von Film und Kino in der öffentlichen Wahrnehmung" die Nase vorne - während bei acht möglichen Antworten "Höhere Marketingausgaben" abgeschlagen auf dem vorletzten Platz landete. Etwas, wovon sich Pintzke überrascht zeigte - und was zumindest er nicht komplett nachvollziehen kann.

Gerade bei diesem Punkt wäre eine Aufschlüsselung der Antworten nach Kinotyp übrigens hochinteressant - man darf hoffen, das sich eine solche in der kompletten Studie, die in wenigen Wochen veröffentlicht werden soll, findet. Was bereits grundsätzlich verraten wurde: Die Teilnehmer an der Umfrage repräsentieren (nach der FFA-Statistik für 2019) rund 42 Prozent der Leinwände und 49 Prozent der Sitzplätze und stehen für 53 Prozent der Besucher.

Für allzu großen Optimismus hatte Pintzke in seiner Präsentation jedenfalls keinen Platz. Vielmehr stellte er fest, dass die exogenen Rahmenbedingungen einfache Antworten auf aktuelle Herausforderungen kaum zulassen würden; diese aber zu allem Überfluss mit einer geschwächten Ausgangsposition zusammenträfen. Insbesondere warnte Pintzke vor möglichen Kollateralschäden durch Preisanpassungen (wie sie in etlichen Bereichen aber kaum vermeidbar sein werden, Anm.d.Red.).

Grundsätzlich habe man die Wahl zwischen einer defensiven Strategie (Kostenminderung und ansonsten abwarten und das Beste hoffen) und einem offensiven Ansatz mit Investitionen und einer Stärkung von Marketing & Kommunikation. Unternehmerisch gebe es indes keine ernsthafte Alternative zur offensiven Strategie, führte Pintzke aus - in die Defensive könnten Kinos seiner Einschätzung nach allerdings kommen, wenn begleitende Förderprogramme nicht ausgebaut bzw. verstetigt würden. Dann, so das Horrorszenario kurz vor Abschluss eines doch so belebenden Kongress - dann drohe womöglich doch noch das große Kinosterben.