Kino

Kinoabo-Modell Cineville: Flix ohne Net

Dank Cineville erlebt die unabhängige Kinolandschaft in den Niederlanden eine regelrechte Blütezeit. Das unkomplizierte Abo-Angebot mit pfiffigen Marketingideen in coolem Design kommt vor allem bei den jungen Leuten gut an. In Österreich wird an der Adaption gearbeitet.

23.05.2022 10:51 • von Barbara Schuster
"All you can watch" dank Cineville (Bild: Cineville)

Dank Cineville erlebt die unabhängige Kinolandschaft in den Niederlanden eine regelrechte Blütezeit. Das unkomplizierte Abo-Angebot mit pfiffigen Marketingideen in coolem Design kommt vor allem bei den jungen Leuten gut an. In Österreich wird an der Adaption gearbeitet.

Nach den diversen Lockdowns ist das Kino auf einem guten Weg, sich zu erholen. Und doch macht man sich allerorts Gedanken, wie sich das Geschäft nach der Coronapandemie langfristig entwickeln wird. Die zwei Jahre, die die Menschen mehr oder weniger exklusiv auf dem Sofa mit Streaminganbietern und Mediatheken verbracht haben, werden ihre Spuren hinterlassen. Attraktive Ideen, die Menschen wieder verstärkt vor die große Leinwand zu locken, sind gefragt.

Einen Blick speziell auf das Arthouse-Segment warf man im Rahmen der Diagonale, im Branchenforum "Film Meeting". Dort berichtete der Niederländer Thomas Hosman vom landesweit gültigen Kinoabo Cineville: eine erstaunliche Erfolgsgeschichte, die dem Arthousebereich in seiner Heimat einen gewaltigen Push verpasst hat und in Amsterdam die Gründung von neuen Arthousekinos nach sich zieht. Das Angebot soll demnächst in Belgien zum Einsatz kommen und im Herbst auch in Österreich auf den Markt gebracht werden. An der Umsetzung dort arbeitet in enger Abstimmung mit den Kollegen von Cineville Wiktoria Pelzer und Martin Kitzberger vom Stadtkino & Filmverleih Wien als Initiatoren.

Hosman ist einer der Gründer von Cineville. Die ersten Ideen, das Image von Arthouse-Kinos zu ändern, kam ihm und seinen Freunden 2008 im Amsterdamer Kino Kriterion, das in allen Bereichen von Studenten geführt wird und in dem Hosman damals als Programmer arbeitete. Viele Einzelhäuser in Amsterdam haben beliebte Bars und Restaurants angeschlossen, so auch das Kriterion nahe der Uni. "Dort war es an Wochenenden und abends rappelvoll mit Studenten, die sich zum Trinken und Essen trafen, aber nicht um sich einen Film anzuschauen. Ins Kino gingen eher die älteren Menschen, das machte uns stutzig", so Hosman. Eine Umfrage unter Studenten ergab, dass sie zwar eigentlich schon die Art von (unabhängigen) Filmen mochten, die das Kriterion spielte, aber das Kino eher als Location für ihre Eltern wahrnahmen und selbst das Multiplex bevorzugten. "Das wollten wir ändern, gemeinsam mit den anderen unabhängigen Kinos in Amsterdam, die ähnliche Erfahrungen machten. Unser Publikum wurde älter und älter, zudem wuchs die Konkurrenz durch die Multiplexe und Hollywood. Wir wollten gegensteuern, uns für den Erhalt der ­lokalen Kinokultur einsetzen und jüngere Besucher (zurück)gewinnen", so Hosman. Das All-you-can-watch-Kinoabo Cineville wurde 2009 mit einer Kampagne gelauncht. Der Slogan lautete: "There's a New Town in Town". Hosman führt aus: "Wir wollten Cineville als neue Stadt von Kinos präsentieren, jedes Kino ist Teil der Stadt und die Cineville-Karte ist der Schlüssel, um in diese Stadt eingelassen zu werden."

Zu Beginn waren 13 Kinos im Aboverbund in Amsterdam beteiligt, heute sind es 55 Häuser in ganz Niederlande, von einem Kino in einem ehemaligen Gefängnis über das Lab111, das vormals ein Pathologie-Labor beherbergte, das älteste Lichtspieltheater Amsterdams, De Uitkijk, hin zum kleinsten Kino des Landes. "Was unsere Mitgliedskinos verbindet, ist die Liebe zum Film. Nicht alle sind reine Arthousekinos", so Hosman. Cineville verfügt über 54.000 zahlende Mitglieder und verbucht 1,5 Mio. Besuche im Jahr. Das Abo erfolgt auf monatlicher Basis, ist jederzeit kündbar und kostet 21 Euro, für Studenten 17,50 Euro. Ins Kino gehen darf man damit, so oft man möchte. "Wir wollten es so einfach wie möglich machen, keine Hürden in den Weg legen. Cineville-Mitglieder können direkt ins Kino, scannen ihre Karte an eigenen Automaten ein und erhalten somit ihr Ticket. Das ist alles", erzählt Hosman, der Cineville weiteres Wachstum bescheinigt und erzählt, dass in seiner Heimat jedes Jahr neue Kinos eröffnen. Die Mitgliederzahl sei heute höher als vor der Coronapandemie. Während der Kino-Lockdowns hatten die Cineville-Mitglieder die Möglichkeit, ihr Abo zu pausieren, was auch einige in Anspruch genommen hätten - 70 Prozent unterstützten das Angebot und damit indirekt auch die teilnehmenden Kinos jedoch auch während der Schließungsphasen. Nicht zuletzt deshalb, weil Cineville mit dem VoD-Service "Vitamine Cineville" an den Start ging, um seine Mitglieder auch in der sechsmonatigen Lockdownzeit mit Filmen versorgen zu können.

Die wichtigsten Marketingtools seien ein wiedererkennbares Brand, die Website und App und die Präsenz auf vielen Events, an denen sich junge Leute aufhalten, wie etwa Amsterdams wichtigstes Musikfestival Music on Festival Anfang Mai. Im Sommer wird auch mal gratis Eis angeboten, zudem gibt es eine eigene T-Shirt-Linie, Patches, Pins, Filmquiz-­Spiele und einen Podcast. Über Film wird bei Cineville via Social Media oder die Website in zahlreichen Interviews gesprochen, "aber eher so, wie wenn man sich selbst mit Freunden unterhält, was einem an einem Film gefallen hat, was nicht. Keine Diskurse mit hochgezogener Augenbraue", so Hosman. Cineville stellt die Menschen in den Mittelpunkt und ist mittlerweile eine richtige Community, mit Style, Pfiff und gutem Design. Dass das Angebot fruchtet, sieht man an den Altersgruppen der Mitglieder: Die größte Mitgliedsgruppe bilden die 20- bis 25-Jährigen, "also sehr junge Menschen, zwar keine Schüler, aber Studenten und Berufsanfänger. Das war auch von Anfang an unser Fokus", so Hosman. Bei der Altersgruppe der 35- bis 50-Jährigen stehe Kino nicht so im Vordergrund. "Die meisten sind in dieser Lebensphase mit Familie, Kindern beschäftigt. Da bleibt nicht so viel Zeit, um ins Kino zu gehen. Aber es ist nicht so, dass sie gar nicht ins Kino gehen. Sie kehren verstärkt zurück ab 50", so der Cineville-Mitbegründer weiter. Im Durchschnitt gehen die Cineville-Mitglieder 2,5 Mal pro Monat bzw. 30 Mal im Jahr ins Kino. Das Geschäftsmodell von Cineville basiert auf einem simplen Konzept: 90 Prozent der Mitgliedsbeiträge gehen an die teilnehmenden Kinos, 10 Prozent geht an Cineville.

Eine von Cineville durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass um die 80 Prozent der Mitglieder häufiger ins Kino gehen als vor dem Abschluss der Mitgliedschaft. Das Schöne sei, so Hosman, dass die Mitglieder nicht nur in Filme gehen, die sie ohnehin anschauen wollten, sondern wesentlich offener gegenüber anderen Titeln sind, die sie vielleicht nicht auf dem Schirm gehabt hätten. "Unsere Mitglieder werden abenteuerlustiger; der Eintritt ist ja umsonst." Zudem steht ihnen offen, auch mal in anderen Städten, in denen Cineville-Häuser sind, ins Kino zu gehen.

Raymond Walravens, Geschäftsführer des Rialto in Amsterdam, kann sich noch gut erinnern, als Thomas Hosman ihm 2008 von der Idee erzählte: "Ich habe lange darüber nachgedacht, ob unserem Kino damit geholfen wäre. Damals waren in Amsterdam 13 unabhängige Häuser, heute sind es um die 18. Und ich kann behaupten, dass diese Neueröffnungen dank Cineville erfolgt sind, dass ihnen der Markteintritt dank Cinevilles Existenz um ein Vielfaches erleichtert wurde." Walravens sah sich wie die anderen Kollegen unabhängiger Kinos mit einem immer älter werdenden Kundenstamm konfrontiert. "Wir hatten zwar als reines Arthouse mit Fokus auf World Cinema eine starke individuelle Position. Aber unsere Versuche, mit einer etwas anderen Programmierung, dem ein oder anderen Event jüngere Besucher anzulocken, fruchteten nicht wirklich. Die Cineviller kannten sich aus, sie waren 'die jungen Wilden'. Ich hatte Vertrauen, dass sie uns bei der Gewinnung von vermehrt jüngeren Zuschauern helfen könnten." Walravens wusste, dass er mit dem Cineville-Beitritt die hauseigene Loyalty-Card zerstören würde. "Dafür zahlte man 20 Euro im Jahr, erhielt ein paar Prozente auf den Eintritt und einen Newsletter. 400 oder 500 unserer Kunden hatten die", so der Kinobetreiber. Aber die Konkurrenz durch die Multiplexe war enorm: "In Amsterdam ist die französische Kinokette Pathé aktiv, mit damals drei, heute fünf Multiplexen. Die hatten zu jener Zeit bereits eine Kundenbindungskarte und begannen, mehr und mehr auch im Arthouse/Crossover-Bereich zu wildern. Das heißt, deren Abonnenten guckten sich nicht nur die Blockbuster an, sondern gingen verstärkt in Filme, die auch wir programmierten. Damit verloren wir Zuschauer." Nach dem Beitritt zu Cineville, gingen die Zahlen in Walravens' Kino spürbar nach oben. Zudem kamen in der Tat wesentlich jüngere Besucher: "Heute sind etwa ein Drittel meiner Gäste unter 30, das war vor Cineville nicht der Fall. Trotzdem habe ich meine älteren Gäste nicht verloren. Interessanterweise kaufen sich verstärkt Menschen im Rentenalter die Cineville-Card und gehen gerne in unsere Nachmittagsvorstellungen. Perfekt für uns." Walravens merkt an, dass die Abonnenten zudem alle rechnen können: »Wenn ich weiß, dass ich 21 Euro im Monat zahle, schicke ich mich auch an, zwei bis drei Mal ins Kino zu gehen, damit sich die Investition auszahlt. Wie Thomas sagte, ist der tolle Effekt, dass sich die Mitglieder meist den einen neuen, großen Arthouse-Titel anschauen, dann aber auch kleineren Filmen eine Chance geben. Das hilft allen in der Branche: Den Verleihern solcher Filme und uns, die wir dadurch auch Debütfilme oder Werke aus wenig bekannten Filmländern programmieren können. Zudem veranstalten wir unterm Jahr auch Special Screenings und kleinere Festivals - all diese Titel dieser Sonderreihen sind ebenfalls umsonst für Cineville-Abonennten. Ein echtes Incentive.« Apropos Verleiher: Deren Einnahmen sind Dank Cineville ebenfalls gestiegen, mit jedem verkauften Cineville-Ticket erhalten sie den üblichen Prozentanteil.

Barbara Schuster