Kino

Positionsbestimmung bei der KINO 2022: "Die entscheidende Phase kommt jetzt!"

Der Politik vor Augen zu führen, wo die Kino- und Verleihbranche aktuell steht und wo Unterstützung notwendig bleibt, war Ziel der Abschlussdebatte zur KINO 2022. Wie lebhaft und nachhallend diese geriet, lag nicht zuletzt an zwei hervorragend gewählten Teilnehmer:innen.

23.05.2022 13:02 • von Marc Mensch
Carl Bergengruen, Moderator Louis Klamroth, Katharina Phebey, Frank Fischer und Christian Pfeil beim abschließenden Top-Thema der KINO 2022 (Bild: Denis Kotscherow)

Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass sie sich bei der abschließenden Paneldiskussion des Filmtheaterkongresses die Bälle ein ums andere Mal zuspielten: Katharina Phebey, die zum 1. März die Verantwortung als Head of Marketing & Content bei Kinopolis übernommen hat und dort auch ins Management-Board eingezogen ist sowie Christian Pfeil, der Kinos in München, Jena und Gera betreibt. Phebey, die zu Beginn ihrer Karriere u.a. als Theaterleiterin des Münchner Gloria Filmpalastes tätig war, kam von einer Tätigkeit bei Constantin Film, wo sie als Bereichsleiterin Trademarketing & Events fungierte - sie kennt also auch die Verleihseite gut. Und Pfeil mag engagiertes Vorstandsmitglied der AG Kino-Gilde sein, ließ aber auch in der Vergangenheit (unter anderem mit dem noch nicht aufgegebenen Versuch, das aufgegebene UCI-Multiplex in Gera zu retten) wiederholt erkennen, dass ihm der sogenannte Mainstream durchaus nicht fern ist.

Tatsächlich kam von Pfeil eine der vielleicht wichtigsten Aussagen dieses Kongresses, eine Feststellung, die in dieser Konsequenz auch anderen deutschen Branchentreffen äußerst gut zu Gesicht stünde: "Wir dürfen Kinotypen nicht gegeneinander ausspielen, schließlich greift alles ineinander! Ohne Multiplexe gäbe es eine Filmindustrie, wie sie auch das Arthouse zum Überleben braucht, nicht!"

Nicht gegeneinander ausspielen lassen sollten sich auch Kino und Verleih - und es kam nicht von ungefähr, dass Phebey, die das Geschäft von beiden Seiten erlebt hat, dazu aufrief, mehr und intensiver miteinander zu sprechen. Bei Pfeil rannte sie damit offene Türen ein, wobei vor allem sein nüchterner, realistischer Blick auf die Ausgangssituation bestach. Er jedenfalls wolle nicht in den Chor jener einstimmen, die sich nur mit Vorwürfen in Richtung der Verleiher bemerkbar machten. Denn das man sich bei aller Partnerschaft als Antagonisten bei gewissen Bestrebungen gegenüberstehe, liege nun einmal in der Natur der Sache. Problematisch werde dies indes nicht zuletzt dadurch, dass das (potenzielle) Publikum diverse Debatten - und damit auch manche es betreffende Entscheidung - schlicht nicht nachvollziehen könne.

Was die Zahlen diverser Filme ohnehin ahnen lassen - und was bei diesem Kongress bereits mehrfach kolportiert wurde - konnten Phebey und Pfeil aus eigener Erfahrung bestätigen: Während die vermeintlich so Streaming-affine Jugend am ehesten wieder in die Kinos zurückkehre, habe vor allem die zuletzt immer wichtiger gewordene Zielgruppe 40+ noch nicht wieder in annähernd gewohntem Maße zurückgefunden. Gerade diese Besucher seien online auch erheblich schwerer erreichbar, zudem sehe man sich im Arthouse mit dem Problem konfrontiert, dass die Filme dort mit deutlich weniger immanenter Aufmerksamkeit daherkämen, als die großen Marken, die aktuell den Mainstream-Markt stützen. Tatsächlich erklärte Pfeil, dass er in seinen Kinos bereits programmatische Anpassungen vorgenommen habe, um der aktuell "jüngeren" Besucherstruktur gerecht werden zu können.

Bis sich die Dinge wieder einspielen, wird es - auch wegen der nun durch den Krieg zusätzlich stark belasteten Rahmenbedingungen - noch eine ganze Weile dauern. Was diesen Appell so wichtig macht: "Es ist absolut angekommen, dass wir stark unterstützt wurden, und dass die Frage nach Hilfsleistungen komplex ist", so Pfeil, "aber die entscheidende Phase kommt jetzt!" Die Phase, in der sich auch entscheidet, ob bisherige Hilfen vergeblich waren - denn wie unmittelbar zuvor vorgestellte Ergebnisse der Betroffenheitsstudie zeigten, hat sich die Investitionsfähigkeit der Branche durch (trotz der Hilfen) geschrumpfte Eigenkapitaldecken in den vergangenen Jahren erheblich verschlechtert. "Bleiben Sie dran!", so die Bitte von Pfeil, die von MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen mit deutlichen Worten unterstützt wurde: "Die Kinos werden uns weiter brauchen! Denn sie haben durch die Pandemie Probleme, die andere Unternehmen in dieser Größenordnung nicht haben. Wir brauchen sie als Gemeinschafts- und Kulturorte - und sie brauchen ein Sonderprogramm!"

Direkter Adressat auf dem Panel war Ministerialrat Frank Fischer, Leiter des Referats Kultur und Kreativwirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium. Er verwies darauf, dass man nicht nur über das beim Ministerium angesiedelte Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft die Lage für die Branche sichtbar gemacht habe, sondern dass man ebendiese Wirtschaft in der Pandemie mit über 4,5 Mrd. Euro unterstützt habe. Geld, das auch dazu beigetragen habe, dass die Kinostruktur seit 2020 im positiven Sinne weitgehend unverändert geblieben sei. Und nicht nur das: Fischer erklärte, dass auch er es als notwendig erachte, dass die Politik den Weg aus der Pandemie weiter begleite, Lehren aus dem ziehe, was bisher funktioniert habe. Konkret prüfe sein Ministerium eine Aufstockung des (ausgeschöpften) Förderprogramms "Digital jetzt!", das auch von Kinos gut angenommen worden sei.

Ein sehr zentrales Instrument war zuletzt natürlich das "Zukunftsprogramm Kino", dass 2022 allerdings binnen weniger Stunden überzeichnet war. Die erfreulich Nachricht, dass es noch in diesem Jahr wenigstens um zehn Mio. Euro aufgestockt wird, kam knapp zwei Stunden nach Ende der Veranstaltung...

Dort machte man sich unterdessen auch Gedanken darüber, wo sich die Filmbranche als Ganzes selbst Steine in den Weg legt - und wo schon am Vortag Kritik an einer beharrlich den Markt ignorierenden Ausbildung aufbrandete, wurde in dieser Runde noch nachgelegt. Laut Bergengruen landeten zu viele Drehbücher auf seinem Tisch, die zu weit weg davon seien, was die Menschen sehen wollten. Pfeil empfahl dringend, Kreative schon im Studium mit Praktikern aus dem Kino- und Verleihbereich zusammen zu bringen, wie es etwa in Frankreich mit großem Erfolg praktiziert werde. Dann bestehe die Hoffnung, dass man weniger darüber rede, wie man sich am besten selbst verwirkliche - und mehr über die Menschen, die man erreichen solle.

Auch Katharina Phebey sieht klare Mängel in der Ausbildung, wollte den Blick aber noch auf eine andere Herausforderung lenken: "Es gibt gerade in dieser Situation nichts Schlimmeres als ein schlechtes Kino. Denn wer den Besucher jetzt enttäuscht, vergrault ihn langfristig!" Klare Zustimmung von Pfeil, der im selben Atemzug auch Dumpingpreisen eine klare Absage erteilte. Seine provokante Frage: "Warum haben wir eigentlich nur einen Mindest- und keinen Höchstabrechnungspreis? Mit dem würden sich die Preise nämlich im oberen, im gesunden Bereich clustern!"

Und eine Debatte um die Zukunft des Kinos wäre vermutlich nicht komplett ohne wenigstens einen kleinen Exkurs zu den Sperrfristen. Der jenseits der Forderung des MFG-Geschäftsführers, diese als Förderer wieder stärker zu verteidigen und der "fatalen Entwicklung" während der Pandemie entgegen zu treten, in diesem Fall aber eher kurz ausfiel. Auch weil die HDF-Vorstandsvorsitzende Christine Berg etwas ganz grundsätzliches aus dem Publikum einwarf: "Jedem geht es um Exklusivität, gerade auch den Streamern!" Was sie an diesem Thema nerve: "Nur das Kino muss sich für ein selbstverständliches Ansinnen rechtfertigen..."