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CANNES Tag 6: Aufreger mit Substanz

Das Festival de Cannes hat seinen ersten großen Aufreger: Ali Abbasis elektrisierender Serienkillerfilm "Holy Spider" legt es auf einen Frontalzusammenstoß mit den Machthabern in Iran an. Und auch "Boy from Heaven" ist ein kritischer Thriller mit brisantem Inhalt.

22.05.2022 19:09 • von Thomas Schultze
Journalistin vs Frauenmörder: "Holy Spider" (Bild: Profile Pictures / One Two Films)

Immer wieder ist man verblüfft, wie sehr harmlose Aussagen in Interviews in der amerikanischen Presse aufgeblasen werden zu vermeintlich skandalösen Statements. Vor Cannes hatte David Cronenberg, bekannt für seinen sehr trockenen sardonischen Humor, in einem ersten Interview zu seinem Wettbewerbstitel Crimes of the Future" (Weltpremiere morgen Abend) dem Branchendienst Deadline auf direkte Frage eher beiläufig angemerkt, er könne sich gut vorstellen, dass an der Croisette schon in den ersten fünf Minuten Zuschauer die Vorführungen verlassen könnten. Gewiss spricht der wichtigste Regisseur des Body-Horror aus Erfahrung: Er weiß um die extreme Natur mancher seiner Bilder. Aber es war auch eine augenzwinkernde Anmerkung in einem ausführlichen und höchst interessanten Gespräch über seine künstlerischen Absichten und seine Arbeitsweise. Viral ging, wie man so schön sagt, aber die Aussage über die Aussicht darauf, dass Menschen zu schockiert sein könnten von den Bildern, die Cronenberg für seinen Film gefunden hat. Schon wird ausgerechnet ihm vorgeworfen, sein neuer Film sei Effekthascherei, er mache Schockkino nur um des Schocks und der Aufmerksamkeit Willen. Und schon gilt "Crimes of the Future" als der potenzielle Aufreger des 75. Festival de Cannes, der eine Skandalfilm, an dem sich die Geister scheiden würden. Dabei ist anzunehmen, dass Holy Spider" dem neuen Cronenberg zuvorkommt - ein Film, der wirklich Sprengkraft besitzt, allerdings auf ganz andere Art, als man es vermuten würde.

Ali Abbasi hat einen neuen Film gemacht, und der ist lauter als eine Bombe. Was grundsätzlich erst einmal keine Überraschung ist, wenn man vor vier Jahren dabei war, als an der Croisette sein im Un Certain Regard gezeigter Vorgänger Border" wie ein Lauffeuer die Runde machte: Was für ein merkwürdiger, magischer, radikaler und konsequenter Film das doch war, die Geschichte einer ungeschlachten schwedischen Zollbeamtin, die ihre wahre Bestimmung erfährt, als sie herausfindet, dass sie tatsächlich ein Troll ist. Überraschend ist, dass "Holy Spider" nichts gemein hat mit dem Vorgänger, außer dass die Vision des seit 20 Jahren in Skandinavien lebenden Filmemachers aus Iran unverändert radikal und konsequent ist, mehr vermutlich noch als zuvor, denn dieser filmischen Nacherzählung der grundsätzlich wahren Geschichte eines als "Spinnenmörder" bekannt gewordenen Prostituiertenmörders in der Pilgerstätte Machhad wohnt eine Sprengkraft von nicht ganz abzusehenden Ausmaßen inne - ein mutiger, gewagter, zorniger Film, der hohe Wellen schlagen dürfte.

Wenn Abbasi seinen Film exakt so gedreht, ihn aber in einer beliebigen Kleinstadt in Texas angesiedelt hätte, würde man von einem intensiven Serienkiller-Thriller sprechen: Eine Journalistin kommt in die Stadt, wird dort misstrauisch beäugt und herablassend behandelt, lässt sich aber nicht einschüchtern und begibt sich als Köder selbst in Lebensgefahr, bis die Behörden zum Handelns gezwungen werden und den Mörder festnehmen, der während des Prozesses von der Öffentlichkeit als Held gefeiert wird: Endlich einer, der aufräumt mit dem Schmutz auf den Straßen. Klingt gut, oder? "Holy Spider", entstanden als dänisch-deutsch-schwedisch-französische Produktion mit Sol Bondy und seiner One Two Films als Produktionspartner, spielt indes nicht in Texas, sondern dort, wo der wahre Spinnenmörder Jagd auf Frauen machte, sie in sein Zuhause lockte, wenn seine Frau und Kinder nicht da waren, und erwürgte, um sich der Leichen nachts auf einer entlegenen Straße zu entledigen. Der Film spielt in Iran (er wurde in Jordanien gedreht).

Wer in den letzten zwei Jahrzehnten mitverfolgt hat, wie die dortigen Behörden mit Filmemachern umgehen, die auch nur die leise Kritik an dem Land und seinem System üben, und sei sie noch so verklausuliert und verhalten geäußert, der weiß, dass "Holy Spider" eine Bombe mit Zeitzünder ist. Jedes Bild des Films ist mit zusätzlicher Spannung aufgeladen, trägt einerseits die Handlung voran, übermittelt aber auch die Botschaft des Filmemachers, der in einem Regie-Statement sagt, er habe keinen Film über einen Serienmörder machen wollen, sondern einen Film über eine Serienmördergesellschaft. So unverblümt ist noch kein Film eines von dort stammenden Filmemachers mit Iran ins Gericht gegangen. Die ersten Minuten zeigen verzweifelte Frauen auf dem Straßenstrich, die sich und ihre Familien durchbringen müssen oder ihre Drogenabhängigkeit finanzieren. Sie zeigen Frauen, die Opium rauchen. Sie zeigen Oralverkehr. Und sie zeigen den Killer auf seinem Motorrad, wie er sich seine Opfer aussucht.

Als er die erste Leiche ablegt und davonfährt, erhebt sich die Kamera und zeigt das nächtlich erhellte Gitternetz der Stadt. Wie Spinnenweben legt sich der Titel des Films darüber: Hier hängt alles zusammen, hier sind alle schuldig, hier halten alle zusammen, hier herrscht ein brutales patriarchalisches System, das sich von innen heraus stützt. Das bekommt auch die Journalistin Rahimi zu spüren, gespielt mit entschlossener Intelligenz von Zar Amir-Ebrahimi, die von ihrer Zeitung nach Machhad geschickt wird, um dem Fall auf die Spur zu kommen, eine moderne junge Frau, die abends allein im Hotelzimmer ein Iron-Maiden-T-Shirt trägt und es nun mit Männern zu tun bekommt, die sie müde belächeln, gönnerhaft behandeln oder für jedes Entgegenkommen wie selbstverständlich Sex einfordern wollen. Fruchtbarer Boden für den Mörder, der ein unauffälliger Jedermann ist, ein Bauingenieur und liebevoller Familienvater, aber angetrieben wird von einem tiefen Hass auf Frauen, den er sich selbst als Teil seiner religiösen Pflicht schönredet. Als er gefasst wird, nach 16 Opfern und nur, weil Rahimi ihr Leben aufs Spiel setzt, wird der Mörder bejubelt: Hat er nicht Recht, müssen die Straßen nicht gesäubert werden? Und dann setzt der Film noch einmal zu einer Volte an, die einmal mehr ätzend hinterfragt, wer die Täter sind oder wer die Opfer - und die wahren Machtstrukturen aufzeigt. Der Mörder ist bestraft, aber geändert hat sich nichts.

Ein perfekte Begleitfilm dazu ist Boy from Heaven", der bereits am Freitag im Wettbewerb Premiere gefeiert hatte, der neue Thriller von Tarik Saleh, gemeinsam realisiert mit seinem Star und Produktionspartner Fares Fares, in derselben Konstellation wie ihr beachtlicher Krimi Die Nile Hilton Affäre" vor fünf Jahren. Wie Ali Abbasi ist auch Saleh ein Mann mit Wurzeln in Nahost, der in Skandinavien lebt, ein in Stockholm geborener Schwede mit ägyptischen Eltern. Und wie Abbasi nutzt er die Mittel des Genrekinos, um Machtstrukturen in seinem Heimatland zu hinterfragen und kritisch zu betrachten. Er macht es indes mit einer besonneneren Herangehensweise, sein Blick ist nüchterner und weniger emotional aufgeladen, seine Erzählung ist methodischer. Man mag seine Filme sofort, "Die Nile Hilton Affäre" sowieso mit ihrer coolen Noir-Anmutung, aber auch den gerade erst in den Kinos gestarteten Politthriller The Contractor", seine erste englischsprachige Arbeit mit Chris Pine in der Hauptrolle, sehr geradlinig und unaufdringlich, aber gespeist von der Absicht, auch politisch Akzente zu setzen.

"Boy from Heaven" ist atmosphärisch dichter, lebt stark von dem Innenblick auf die Al-Azhar Universität in Kairo, eine sunnitisch-islamische Bildungseinrichtung, die zu den wichtigsten Akzentgebern für die islamische Welt gilt. Der einfache Fischerssohn Adam hat seine kleine Heimatgemeinde noch nie verlassen, macht sich aber auf in eine ihm unbekannte Welt, als er ein Stipendium für Al-Azhar erhält. Mit ihm betritt man die buchstäblich heiligen Hallen, und es tut sich eine Welt auf, die für ihn erst einmal genauso schwierig zu manövrieren ist wie für den Zuschauer. Viel Zeit zum Staunen und Lernen bleibt ihm allerdings nicht, weil kurz nach seiner Ankunft der Großmufti stirbt und ein erbitterter Machtkampf über seine Nachfolge ausbricht. Die ägyptische Regierung will nichts dem Zufall überlassen und lässt den militärischen Geheimdienst seinen besten Mann losschicken. Er soll dafür sorgen, dass der Favorit der Machthaber installiert wird, der von den drei Kandidaten allerdings die geringsten Chancen hat. Adam wird zum Spielball unterschiedlicher Interessen, ist zunächst eine Schachfigur, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass er als Werkzeug missbraucht wird. Erst als durch seine Schuld sein bester Freund ums Leben kommt, realisiert er, dass er handeln muss, wenn er nicht selbst zermahlen werden will.

Das Taktieren und Intrigieren würde natürlich in jedem anderen Machtzusammenhang ebenso funktionieren, erhält in diesem Zusammenhang aber eine besondere Dringlichkeit. Die Kulisse spielt zudem Salehs ausgeprägt visuellem Stil in die Hände. Vor seiner Zeit als Filmemacher und seinem Kunststudium in Kairo einer der bekanntesten Graffitikünstler Nordeuropas. Das sieht man den Bildern an. Wie man auch spürt, dass diese Geschichte seiner persönlichen Aussöhnung mit einem modernen westlichen Leben und großem Respekt vor den Traditionen seiner Heimat entspricht. Es ist interessant, dass sowohl für "Boy from Heaven" wie auch "Holy Spider" Heavy Metal der Inbegriff westlicher moderner Lebenswerte zu sein scheint. In dem einen Film trägt die Hauptfigur, wie bereits erwähnt, ein T-Shirt von Iron Maiden; bei Tarik Saleh hört der beste Freund Adams in seiner freien Zeit über Kopfhörer brutalen Death Metal. Ausgerechnet eine Musikrichtung, die im Westen außerhalb der großen Fangemeinde belächelt wird.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.