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CANNES Tag 5: Auf die Kacke hauen

Wer viel riskiert, der kann auch am meisten gewinnen. Ruben Östlunds unerhörter "Triangle of Sadness" war der nötige Funke, um das 75. Festival de Cannes endlich aus allen Rohren feuern zu lassen. Und George Millers "Three Thousand Years of Longing" war auch nicht von schlechten Eltern.

22.05.2022 10:31 • von Thomas Schultze
Gleich bricht die Hölle los: "Triangle of Sadness" (Bild: Alamode)

Ich wiederhole mich vermutlich (und schreibe es gefühlt zumindest jedes Jahr in meinem Cannes-Tagebuch), aber meist ist es dann ein Film, der das gesamte Festival so richtig in Fahrt bringt. In diesem Jahr musste man auf den fünften Tag warten, auf den ersten Wettbewerbsfilm in diesem Jahr eines vormaligen Goldene-Palme-Gewinners (Hirokazu Kore-eda und die Dardenne-Brüder kommen noch), aber nach Triangle of Sadness" von Ruben Östlund, von deutscher Seite wie schon "The Square" von Philippe Bober und seiner Essential Filmproduktion koproduziert, um dein Eindruck zu bekommen. Das 75. Festival de Cannes ist angekommen.

Seit 2014 hat Ruben Östland jeden seiner Filme in Cannes vorgestellt. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass es eine Szene aus seinem in Un Certain Regard gezeigten Höhere Gewalt" war, die ihn hat bekannt werden lassen: Eine schwedische Familie auf Urlaub in den französischen Alpen macht Zwischenstopp auf einer verschneiten Terrasse und wird Zeuge einer kontrollierten Lawine, die sich verdächtig in ihre Richtung wälzt. In der aufkommenden Panik ist es der Familienvater, der nicht einfach nur als erster vom Tisch flieht, sondern dabei auch noch seine Kinder beiseitestößt. Ausgangspunkt für die folgende satirische Untersuchung des männlichen Selbstverständnisses und Grundlage für alles, was Östlund seither gemacht hat, immer wieder Variationen dieser einen Szene, Kino, das erstaunt, hinterfragt und unerhört, unverschämt ist. Das ist bei "Triangle of Sadness" nicht anders. Aber war bei "Höhere Gewalt" und dem Goldene-Palme-Gewinner "The Square" noch das Skalpell die Waffe der Wahl, setzt der Schwede nun den Vorschlaghammer ein. Das ist ein weniger treffsicheres Instrument, das Risiko ist höher, dass man danebenschlägt. Aber wenn man damit den Nagel auf den Kopf trifft, dann ist die Wirkung verheerend. "Triangle of Sadness" trifft den Nagel auf den Kopf. Er haut auf die Kacke. Und lässt sie buchstäblich spritzen. Auf eine sehr komische, sehr bissige, betont unsubtile Weise. Aber sehr effektiv, als würde man Die 120 Tage von Sodom" als pechschwarze Komödie über Klasse, Privileg und die Grenzen des menschlichen Körpers neu erzählen.

Aber nicht so vorschnell. Bevor die Reise auf einer Edelyacht losgehen und der Film ans Eingemachte kann, lernt man im ersten Kapitel, "Carl and Yaya", ein attraktives, junges Pärchen, gespielt von Harris Dickinson und Charlbi Dean. Er ist ein mäßig erfolgreiches männliches Model, sie verdient zudem als Instagram-Influencerin Geld dazu. In einer typischen Östlund-Szene sieht man sie in einem teuren Restaurant, wie sie nach einem Abendessen in Streit darüber geraten, wer danach die Rechnung zahlen soll. Dass "Triangle of Sadness" aber keine Kritik an der Modeindustrie sein will, die sich über deren Oberflächlichkeit lustig macht - eine viel zu einfache und offensichtliche Zielscheibe, auch wenn der Regisseur Spaß daran hat -, wird schnell klar, wenn es im zweiten Kapitel, "Die Yacht", an Bord des Schiffs geht, wo Carl und Yaya eine ihr geschenkte Reise einlösen und wo sie sich in Gegenwart der wirklich reichen Menschen wiederfinden.

Es ist eine ganz schöne Galerie bedingt sympathischer Leute: das in die Jahre gekommene britische Pärchen, das mit Waffenhandel zu Reichtum gekommen ist, ein allein reisender, schüchterner Schwede, der anderen bei der Kontaktaufnahme versichert, er habe richtig viel Geld, der russische Emporkömmling, der es mit Dünger nach oben geschafft hat und freudestrahlend jedem erzählt: "Ich verkaufe Scheiße". Damit's auch wirklich jeder kapiert: Das Kapital ist in dieser Passage die Zielscheibe des heiligen Zorns von Östlunds Film, das liebe Geld, die immer weiter klaffende Sozialschere. Mit den bissigen Betrachtungen fühlt man sich ein bisschen an die HBO-Miniserie "White Lotus" erinnert. Bis sich der Ton beim Captain's Dinner wandelt, in dem Maße zur Raserei steigert, wie draußen sich ein Unwetter wie ein Gottesgericht über die Yacht ergießt und die feinen Gäste auf dem wankenden Schiff das Essen nicht länger bei sich behalten können, während der amerikanische Kapitän, gespielt von Woody Harrelson in einem Auftritt, der wenig mehr ist als ein Cameo, und der russische Düngermilliardär sich über die Sprechanlage ein verbales Duell mit mehr oder weniger berühmten anti- und pro-kapitalistischen Sinnsprüchen liefern. Während der Film explodiert in ein explizites Fanal der Kotze und des Durchfalls, die Gäste buchstäblich in ihrer Scheiße schwimmen - Respekt vor der unerschrockenen Sunnyi Melles -, läuft "New Noise" von der radikalen schwedischen Hardcore-Punkband The Refused. Kapiert? Nennen wir es einfach Marx Python, ein Mix aus dem Auftritt von Mister Creosote in "Der Sinn des Lebens", gepaart mit dem wütenden Humor von Richard Lester und Tony Richardson in deren Arbeiten in den späten Sechzigerjahren - the charge of the shit brigade.

Auf die Ruhe nach der Raserei wartet man vergebens: Nach einem Angriff von Piraten sinkt das Schiff, nur eine Handvoll Gäste und Bediensteten kann sich auf eine einsame Insel retten, darunter die wunderbare Iris Berben, die als deutsche Industriellengattin nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt hat und nur noch den Satz "In den Wolken" sagen kann, was in einem perfekt gesetzten Moment für einen der befreiendsten Lacher des Films sorgt. Im dritten Kapitel, "Die Insel", kehren sich die Vorzeichen nun um. Wo das Geld keine Bedeutung mehr hat, sind die Anführer, die für Nahrung und Sicherheit sorgen, und Östlund kurz die Utopie eines Matriarchats entstehen lässt, sich aber keinerlei Illusionen darüber macht, dass das des Menschen dafür sorgen wird, auch diese neue Hierarchie scheitern zu lassen. Wie das indes passiert, ist ebenso schlüssig wie aberkomisch. Wie es der Regisseur eben perfekt versteht, seinen wilden, ungezügelten Film immer dann am lustigsten sein zu lassen, wenn das, was er zeigt, am allerschrecklichsten ist.

Deutlich mehr Hoffnung für die Menschheit hat George Miller, der sieben Jahre nach seinem Mad Max: Fury Road" zurück ist in Cannes, mit Three Thousand Years of Longing", ein Stoff basierend auf einer Kurzgeschichte von A.S. Byatt, an dem er 20 Jahre gearbeiten hat. Mit Ruben Östlund eint Miller vielleicht nicht die Weltsicht, aber ganz gewiss das Bewusstsein, mit jedem neuen Film alles auf eine Karte setzen, alles in die Waagschale werfen zu müssen. Nur mit dem wirklich Außergewöhnlichen und Einzigartigen hinterlässt man Eindruck. Und warum würde man mit 77 Jahren seine Zeit verschwenden wollen mit dem Mittelmaß. Miller will die Quadratur des Kreises in diesem Märchen, das doch nur ein intimer Dialog ist, diesem Denkspiel, das in alle Farben und Formen der Welt explodiert, dieser Liebesgeschichte, die die Geschichte der Liebe und alles über die Liebe zum Geschichtenerzählen umfasst. Er ist erfolgreicher damit, als es ein so unmöglich erscheinendes Ansinnen sein dürfte. Und wenn er auch nicht ganz so erfolgreich ist, wie man sich das ihm und seinem Film wünschen würde, dann liegt das nicht an ihm und seinen Mitstreitern, allen voran seine großartigen Schauspieler Tilda Swinton und Idris Elba sowie sein vertrauter Kameramann John Seale, sondern an den Limitierungen des filmisch Umsetzbaren. Weil die Magie vollumfänglich sein müsste, die Illusion nahtlos, das Staunen grenzenlos, wenn "Three Thousand Years of Longing" wirklich so zupacken sollte, wie Miller es sich zweifellos als Ziel gesetzt hat.

Dabei weiß er, dass er erst einmal gegen den Widerstand des Publikums arbeiten muss, zumindest das so streng rationale Publikum der westlichen Welt, das sich sträubt, wenn die Gesetze der Physik und vermeintlichen Logik aufgehoben werden. Eine britische Sprachistorikerin, eine Frau der Wissenschaft, eine Zweiflerin findet bei einem beruflichen Aufenthalt in Istanbul eine bunt verzierte Flasche, aus der in ihrem Hotelzimmer ein Flaschengeist entströmt und ihr drei Wünsche anbietet. Wer soll das glauben? Miller weiß das und lässt den Zuschauer ganz behutsam eintauchen in die Lebens- und Liebesgeschichte des Dschinns. Und vertraut darauf, dass seine Magie sich entfalten, der Zauber funktionieren wird, wie er auch bei Alithea, die Wissenschaftlerin, wirken wird.

Von der ersten Szene an fühlt man sich in guten Händen. Nichts in diesem Film wirkt dem Zufall geschuldet, es ist eine in sich perfekte, in sich geschlossene Komposition: Jedes Bild ist ausgesucht, jede Bewegung erfüllt einen Zweck, eine sinfonische Erzählung, die in allen künstlerischen Ebenen gestaltet ist, die Emotionen zu berühren und zugleich den Kopf zu füttern. Michael Powell sprach einst vom "composed film", bei dem Licht, Ton und Bewegung im Einklang miteinander stehen. Das sei auch nur deshalb angemerkt, weil Powells "Der Dieb von Bagdad" und in gewisser Weise auch sein Die roten Schuhe" Vorbilder gewesen sein müssen: bewusst artifiziell wirkende Konfektionen, die eine genuine Reaktion beim Zuschauer auslösen sollen. Was behandelt wird, ist banal: die Liebe. Aber wie es behandelt wird, ist sublim und durchdacht. Am offenkundigsten sieht man das an dem ganz simplen musikalischen Motiv, das erstmals ertönt, als ein Verehrer der Königin von Sheba seine Aufwartung macht und sich dann so geschickt durch den Film zieht, dass man beim Verlassen des Kinos mehrere Kollegen hörte, die es vor sich hin pfiffen. Auch am Tag nach dem Screening hat man es nicht vergessen, ebenso wenig wie die Blicke von Tilda Swinton und Idris Elba, der beste Spezialeffekt, den sich kein CGI-Budget der Welt erkaufen könnte.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.