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"Holy Spider" im Cannes-Wettbewerb: "Eine richtig heiße Nummer"

"Holy Spider" wird im Wettbewerb in Cannes nach seiner morgigen Weltpremiere für sichere Kontroversen sorgen. Ali Abbasis Thriller packt mit seiner Geschichte über einen Frauenmörder in Iran ein überaus heißes Eisen an. Sol Bondy, deutscher Produzent mit seiner One Two Films, erzählt von einem Filmprojekt voller Haken und Ösen.

21.05.2022 12:35 • von Thomas Schultze
Ein Film über eine "Serial Killer Society": "Holy Spider" (Bild: One Two Films)

Als sich Sol Bondy von der Berliner One Two Films 2018 während des Festival de Cannes zu einem Sondierungsgespräch über mögliche Kooperationen mit seinem dänischen Produzentenkollegen Jacob Jarek von Profile Pictures traf, hatte er Ali Abbasis Border" noch nicht gesehen, der gerade nach seiner Premiere in der Nebenreihe Un Certain Regard einer der meistdiskutierten Filme des Festivals war, eine regelrechte Sensation. Bondy hatte aber den Buzz längst mitbekommen, und er kannte Shelley", das Debüt des iranischen Regisseurs, der seit 20 Jahren im Westen lebt, zunächst in Schweden, danach in Dänemark, wo er an der Nationalen Filmschule Regie studierte. "Als Jacob mir von dem neuen Projekt erzählte, das er mit Ali anpacken wollte und für das er europäische Koproduktionspartner suchte, machte ich etwas, was ich so spontan eigentlich nie mache: Ich habe meine Beteiligung instinktiv zugesagt", erinnert sich Bondy. Es gab mehrere Querverbindungen: Jarek hatte bereits "Shelley" produziert, den Ali Abbasi 2016 mit zwei Kameramännern realisierte: Nadim Carlsen, der danach auch bei "Border" und nun auch wieder bei Holy Spider" das Licht setzte, und Sturla Brandth Grøvlen, der davor Sebastian Schippers "Victoria" und den von Bondy koproduzierten Um jeden Preis" von Anders Morgenthaler gedreht hatte.

"Holy Spider" erzählt eine wahre Geschichte in Form eines ungewöhnlichen Thrillers: In den Jahren 2000 und 2001 ermordete Saeed Hanaei, ein vermeintlich rechtschaffener Bauingenieur, im iranischen Mashhad 16 Prostituierte und verteidigte sich nach seiner Festnahme damit, er habe heilige Arbeit verrichtet und die Stadt vor moralischem Verfall bewahren wollen. Dafür erhielt Hanaei Beifall aus der Öffentlichkeit, wo er von Teilen der Bevölkerung als Held gefeiert wurde. Der Film hält sich sehr eng an die wahren Vorfälle, die damals von den Medien als "Spinnenmorde" bezeichnet wurden, weil der Mörder seine Opfer stets unter einem Vorwand nach Hause gelockt hatte, wenn seine Frau und seine Kinder gerade abwesend waren. Allerdings führt "Holy Spider" eine Journalistin als Hauptfigur ein, die die Mordserie recherchieren soll, bei Mashhad aber als Frau auf Ablehnung und eine Mauer des Schweigens stößt. "Eine richtig heiße Nummer ist das", merkt Sol Bondy bezüglich des brisanten Inhalts des Films an.

Als der Produzent ein paar Monate später beim Toronto International Film Festival Ali Abbasi schließlich endlich persönlich kennenlernte, hatte er für "Holy Spider" bereits das ZDF, Arte und das Medienboard Berlin-Brandenburg an Bord. "Wir wollten den Film auf die für uns gängige Art und Weise zu koproduzieren", meint er. Der Plan war, als Koproduzent für 15 bis 20 Prozent der Finanzierung aufzukommen. Doch dann folgte ein Regierungswechsel in Dänemark und damit eine neue Regelung, dass das Dänische Filminstitut ein Projekt einer gewissen Größe nur dann fördern kann, wenn es eine kulturelle Relevanz für Dänemark besitzt. "Jacob war immer davon ausgegangen, dass er für Alis nächsten Film nach dem durchschlagenden Erfolg von ,Border' eine Förderung von mehr als einer Mio. Euro bekommen würde; das wäre der Grundsockel der Finanzierung gewesen", erzählt Bondy. Nach der neuen Regel wurden indes nur 400.000 Euro bewilligt, was ihn als majoritären Produzenten massiv unter Druck setzte. Neben Schweden und Deutschland war nun eine beträchtliche Garantie des Weltvertriebs nötig, und Sol Bondy bot sich an zu versuchen, noch eine zweite Länderförderung für den Film zu gewinnen und den deutschen Finanzierungsanteil auf diese Weise zu erhöhen.

Im November 2019 stand das anvisierte Budget; 40 Prozent des Budgets wären aus Dänemark gekommen, 30 Prozent aus Deutschland, und die restlichen 30 Prozent hätten sich Schweden und Frankreich aufgeteilt. Dann kam Corona. "Wir wollten eigentlich im Mai 2020 drehen", erinnert sich Sol Bondy. "Ali konnte sich nach dem Hype um ,Border', speziell in der USA nach der Nominierung für einen Auslandsoscar und der Auszeichnung für das beste Make-up nicht vor Angeboten retten. Aber er sagte alles ab, weil er ,Holy Spider' machen wollte, seit 20 Jahren, seitdem er noch in Iran über den Spinnen-Serienmörder gelesen hatte, war es sein Traumprojekt. Er wollte diese Geschichte erzählen. Und war sich nach ,Border' sicher, dass die Zeit jetzt gekommen war." Die dänische Produktionsfirma Profile Pictures hatte mit dem Beginn der Pandemie mit Problemen zu kämpfen, weil man lange schon "Kamikaze" vorbereitet hatte, die erste HBO-Nordic-Serie, die wegen Corona in Schwierigkeiten geriet was zunächst ein tiefes Loch in deren Taschen riss, bis HBO sich bereiterklärte, die entstandenen Kosten zu schultern. Ein weiteres Filmprojekt von Profile, "Speak No Evil", musste in den Niederlanden abgebrochen werden und verursachte weitere immense Kosten. die diesmal von der Firma selbst getragen werden mussten. Und nun erwies sich auch noch "Holy Spider" als schwer absehbarer Unsicherheitsfaktor für die Produzenten.

Ganz ursprünglich war die Absicht im Raum gestanden, den Film tatsächlich auch in Iran zu drehen. Schnell war den Filmemachern aber bewusst geworden, dass ein solches Vorhaben mit riesigen Problemen behaftet sein würde. Als Ali Abbasi nach Teheran eingeladen wurde, um dort das Drehbuch zu besprechen, winkte der Filmemacher ab. Man orientierte sich um und entschied sich für Jordanien als geeigneten Drehort. "Dort war die Drehgenehmigung kein Problem", erzählt Bondy. "Als jedoch im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie ausbrach, ließ der König die Landesgrenzen kategorisch schließen, was das Filmen dort unmöglich machte." Die Produktion wich in die Türkei aus, wo man bereits mehrere Wochen mit Motivsuche und Vorbereitung verbrachte. Allerdings wartete man vergeblich auf die Drehgenehmigung. Als auch ein Vorsprechen bei den zuständigen Behörden erfolglos blieb, reifte die Erkenntnis, dass der Dreh des kontroversen Stoffes wohl auch der Türkei zu heiß war und das Land den Filmemachern verschlossen bleiben würde. Selbst der neu angestrebte Drehtermin im Herbst war in Gefahr, mit einem Regisseur, der über die Entwicklung alles andere als glücklich war und zusehends unruhig wurde.

"Uns war klar, dass wir ,Holy Spider' auf die Spur bringen mussten", merkt Sol Bondy an. "Wir sind eine kleine Firma und haben uns grundsätzlich das Ziel gesetzt, weniger Filme zu machen, uns dafür aber auf tendenziell etwas größere Projekte konzentrieren. Und zu diesem Zeitpunkt war klar: wenn dieses Projekt wegbricht, stehen wir erst einmal vor dem Nichts, gerade während Corona eine existenzbedrohende Situation." Um "Holy Spider" - und damit auch One Two Films - zu retten, schlug Bondy ein neues Arrangement vor. One Two Films würde die Verantwortung übernehmen und als Hauptproduzent auftreten und das Herstellungsrisiko schultern. So gelang es, die Arte-Beteiligung auf den Grand Accord zu hieven. Als französische Partner kamen Wild Bunch und Why Not? dazu. Zudem konnte noch eine Förderung der FFA gesichert werden, und Eurimages kamen an Bord. Unter Bondys Federführung stieg das Budget um über eine Million Euro an. Nach dem Wechsel schulterte One Two Films schließlich 40 Prozent des Budgets. 30 Prozent liegen nun bei Profile Pictures, der Rest teil sich weiterhin zwischen Frankreich und Schweden auf. "Ich möchte aber betonen, dass Jacob Jarek genauso Produzent des Films ist wie ich", betont Sol Bondy. "Wir teilen uns ,Holy Spider' im Grunde Fifty-Fifty. Nur so ist es fair. Er hat das Projekt entwickelt und auf die Beine gestellt. Wenn er nicht wäre, wären wir nicht mit dabei." Während des Drehs teilten sich die beiden Firmen dann auch das Risiko. Einstweilen hatte Jordanien seine Grenzen wieder geöffnet, und man ging zum dritten Mal in die Vorbereitung.

Ganz einfach war es dann auch dort nicht. Das reicht von (im Nachhinein) amüsanten Episoden, wie Bondy am Flughafen aufgehalten und in eine mehrstündige Debatte mit den Behörden verwickelt wurde, weil sich in seinem Koffer zwei Prothesen für den Dreh befanden, hin zu durchaus nachhaltigen Problemen, die die Fortführung des kompletten Projekts auf die Kippe stellten. Die Last-Minute Umbesetzung der weiblichen Hauptdarstellerin war eine dieser vielen "Lost in La Mancha - Momente": in Windeseile musste ein Ersatz gefunden werden. Zum Glück für die Filmemacher ließ sich kurzfristig Zar Amir Ebrahimi für den Part gewinnen, die zwei Jahre lang mit dem Team als Casting Direktorin gearbeitet hatte und eigentlich als Ehefrau des Mörder Saeed besetzt gewesen war. Als Ehefrau wurde eine neue Schauspielerin gefunden.

Wenn "Holy Spider" in der Außenwahrnehmung nicht so sehr als deutsche Produktion wahrgenommen wird, so hat das durchaus auch taktische Gründe. Weil sich die Produzenten durchaus Chancen auf eine Nominierung für einen Auslandsoscar ausrechnen, wird das nur möglich sein, wenn der Film für Dänemark an den Start geht. "Dort hat man schon im vergangenen Jahr mit ,Flee' Mut bewiesen - und wurde dafür belohnt", findet Bondy. "Ich kann mir also gut vorstellen, dass man nach dem Erfolg mit ,Border' durchaus wieder auf eine Arbeit von Ali Abbasi setzt. Von deutscher Seite ist es unvorstellbar, als deutscher Beitrag ausgewählt zu werden. German Films betrachtet uns nicht mal als majoritär deutsche Produktion, weil wir nicht über 50 Prozent Finanzierung aus Deutschland haben."

Und weil das Dänische Filminstitut der Förderer mit dem größten Finanzierungsanteil ist, geht man als dänisch-deutsch-schwedisch-französische Produktion an den Start. Bei den individuellen Produzentencredits ist es umgedreht, da wird Sol Bondy an erster und Jacob Jarek an zweiter Stelle genannt.

Aber die Oscars sind noch Zukunftsmusik. Der Fokus für "Holy Spider" liegt zunächst auf der Weltpremiere in Cannes am 22. Mai. "Wir erwarten ein heftiges Echo", kündigt Sol Bondy an. Und lehnt sich damit nicht allzu weit aus dem Fenster. Wie empfindlich die iranische Führung selbst auf die leiseste Andeutung von Systemkritik reagiert, haben in den letzten Jahren führende Filmemacher wie Jafar Panahi oder Mohammad Rasulof zu spüren bekommen. "Holy Spider" indes belässt es nicht bei Andeutungen. Ali Abbasi zeigt ein Iran, wie man es in dieser Form im Kino noch nicht zu sehen bekommt. Und er spart nicht an expliziter Kritik. Sol Bondy sagt: "Für mich gibt es einen zentralen Satz von Ali Abbasi, der es genau auf den Punkt bringt: I don't want to make a serial killer fillm, I want to make a film about a serial killer society." Nun muss man abwarten, wie hoch die Wellen sein werden, die der Film in Cannes schlägt. Die Produktion jedenfalls hat schon einmal Vorsorge getroffen und alles in die Wege geleitet, dass ihre Darsteller sich keine Sorge um mögliche Repressalien machen müssen. Sicher ist jedenfalls: Man wird über "Holy Spider" reden.

Thomas Schultze