Produktion

Sebastian Werninger über das Kino-Engagement der UFA Fiction: "Sehnsucht nach Lebensfreude und Entertainment"

Als GF der UFA Fiction ist Sebastian Werninger auch für die Kino-Aktivitäten des Konzerns verantwortlich. Ein Gespräch über Perspektiven und Herausforderungen - und den Gewinn des Bayerischen Filmpreises für "Leander Haußmanns Stasikomödie".

20.05.2022 22:13 • von Thomas Schultze
Sebastian Werninger mit Jonas Nay am Set von "Tausend Zeilen" (Bild: 2022 UFA Fiction GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Marco Nagel)

Als GF der UFA Fiction ist Sebastian Werninger auch für die Kino-Aktivitäten des Konzerns verantwortlich. Aktuell hat man mit Leander Haußmanns Stasikomödie" und Tausend Zeilen" zwei heiße Eisen im Feuer. Ein Gespräch über Perspektiven und Herausforderungen - und den Gewinn des Bayerischen Filmpreises für "Leander Haußmanns Stasikomödie".

Herzlichen Glückwunsch zum Produzentenpreis beim Bayerischen Filmpreis, den Sie, Herman Weigel und Christoph Müller entgegennehmen durften. Eine Bestätigung?

SEBASTIAN WERNINGER: Als wir den Anruf erhielten, waren wir zunächst völlig überrascht: Weder hat unser Film inhaltlich etwas mit Bayern zu tun, noch hatten wir Förderung aus Bayern beantragt. Das einzig bayerische an "Leander Haußmanns Stasikomödie" ist die Beteiligung der Constantin. Gerade unter dieser Voraussetzung ziehe ich meinen Hut vor der Entscheidung. Der Bayerische Filmpreis hat schon oft Mut bewiesen und wegweisende Entscheidungen getroffen. Beispielsweise hat die damals unerwartete Auszeichnung von Florian Henckel von Donnersmarcks Debüt Das Leben der Anderen" dem Film den nötigen Kick gegeben. Oder kurz gesagt: Es ist eine schöne Auszeichnung, über die wir uns sehr freuen.

Ein Beweis dafür, dass Leander Haußmann dann seine besten Filmarbeiten abliefert, wenn er starke Produzenten hat, die ihm immer den Rücken stärken, aber auch Kontra geben, wenn es geboten ist.

SEBASTIAN WERNINGER: Es war eine intensive Zusammenarbeit, das kann man sagen. Und ist es auch weiterhin. Aber es ist auch eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Wir denken bereits über weitere gemeinsame Projekte nach.

"Leander Haußmanns Stasikomödie" sollte ursprünglich bereits 2020 in die Kinos kommen, wurde dann aufgrund von Corona für September 2021 geplant und kommt nun nach einer weiteren Verschiebung im Mai 2022 endlich ins Kino. Wie haben Sie das Gerangel um die Termine erlebt? Macht so etwas unruhig? Wie geht man mit einer solchen Situation um?

SEBASTIAN WERNINGER: Beim Dreh waren wir von der Pandemie noch verschont geblieben, aber die dann folgende Postproduktion zu Coronazeiten war für uns alle sehr zermürbend. Wir hatten zwei Testscreenings, die jeweils kurz vor einem Lockdown stattfanden. Es war eigentlich gar nicht das richtige Umfeld gegeben, in dem Menschen bereit gewesen wären, sich auf unseren Film einzulassen - uns selbst eingeschlossen. Von daher war eine Standortbestimmung schwierig. Wir haben sehr lange am Schnitt gearbeitet. Das wiederum war aber auch eine Chance und einzigartig, weil wir unter normalen Umständen die Zeit für so eine lange Befassung mit dem Film im Schneideraum nicht gehabt hätten. Die Planung der Starttermine hat sich durch die pandemiebedingte Gesamtsituation grundlegend verändert. Erfahrungsgemäß gute Starttermine sind entweder ausgefallen oder zu eher nachteiligen Slots geworden. Filme haben sich immer und immer wieder verschoben. Wir sind Constantin sehr dankbar, dass sie hier geduldig geblieben sind und für den Film, wie wir hoffen, einen guten Starttermin ohne große Beschränkungen gefunden haben. Kritisch könnte dann wieder der Herbst/Winter werden, wenn sich die Filme stapeln, gegebenenfalls neue Coronathemen sowie auch noch eine Winter-Fußball-WM auf uns zukommen. Und wie sich der Ukraine-Konflikt entwickelt, lässt sich ebenfalls nicht absehen.

Nachdem UFA Fiction gerade erst bei "Eldorado KaDeWe - Jetzt ist unsere Zeit" mit der Constantin zusammengearbeitet hat, markiert "Leander Haußmanns Stasikomödie" nun die erste Kinoproduktion der beiden Konzerne. Wie kam es zu dieser Kooperation, was macht sie besonders?

SEBASTIAN WERNINGER: Die Gründe dafür liegen schon etwas länger zurück. 2016 kamen Leander Haußmann und Herman Weigel mit ihrer Idee auf %Nico Hofmann% und mich zu. Mit Leander wollten wir schon immer mal arbeiten und waren sofort begeistert. Die Rechte an dem Projekt lagen damals bei der Constantin und sie hatten sich ein Vorrecht auf den Verleih gesichert. Nachdem wir das Buch entwickelt sowie Finanzierung und Package zusammengestellt hatten, stieg die Constantin als Verleih und Koproduzent ein. Christoph Müller und ich haben schon gerne und erfolgreich bei Der Medicus" und Ich war noch niemals in New York" zusammengearbeitet, so dass das für uns eine eingespielte Kombination war. An der Entwicklung und Produktion haben aber auch Steffi Ackermann als Associate Producer und der ausführende Produzent Tobias Timme großen Anteil.

Was macht "Leander Haußmanns Stasikomödie" zu einem Kinostoff, der für UFA Fiction in Frage kommt? Oder kann man sagen, dass dieser Stoff aus dem Rahmen fällt?

SEBASTIAN WERNINGER: Nein, der Film fällt nicht aus dem Rahmen für die UFA. Unser Credo ist es, anspruchsvolle Filme mit kommerziellem Potential zu produzieren. Das deckt sich vollständig mit Leanders Vorstellungen und bisherigen Filmen. Was den Film besonders macht ist, dass "Leander Haußmanns Stasikomödie" viele autobiographische Aspekte beinhaltet und dementsprechend die Auseinandersetzung mit dem Stoff für Leander über alle kreativen und wirtschaftlichen Aspekte des Projekts verständlicherweise geradezu existentiell war und ist. Dies führte zu einer besonders intensiven Arbeit mit teilweise sehr leidenschaftlichen Diskussionen, die letztlich qualitätssteigernd waren und den Film in meinen Augen zu einem ganz besonderen Werk machen.

Der nächste große Kinofilm der UFA Fiction kündigt sich bereits an: Im September soll "Tausend Zeilen" starten, mit Warner Bros. als Filmverleih und Feine Filme als weiteren Produzenten, wie schon bei Der Junge muss an die frische Luft" und Ich bin dann mal weg". Was können Sie jetzt schon erzählen? Was ist das Alleinstellungsmerkmal des Projekts?

SEBASTIAN WERNINGER: "Tausend Zeilen" startet am 29. September. Auch hier sind wir extrem dankbar, dass uns unser Verleihpartner Warner Bros. in diesem heiß umkämpften Zeitfenster einen so attraktiven Starttermin zur Verfügung stellt. Ein erster Teaser ist bereits veröffentlicht. Es war eine Freude, wieder in der ausnahmslos erfolgreichen Konstellation mit Warner Bros. und Hermann Florins Feine Filme arbeiten zu können. Nachdem ich Juan Moreno überzeugen konnte, uns die Rechte anzuvertrauen, hat Hermann diesmal auch das Drehbuch geschrieben. Wir konnten Bully sehr schnell für das Projekt begeistern und ein absolutes Starensemble zusammenstellen. Dieses Projekt hat alles, was einen großen Unterhaltungsfilm ausmacht: intelligent und humorvoll von einem außergewöhnlichen Regisseur erzählt, packend und voller Wendungen; ein Film, bei dem man sich köstlich amüsieren kann, der aber auch viel über unsere politische und mediale Realität erzählt. Das ist gewitzte und anspruchsvolle Unterhaltung, die ein breites Publikum finden wird.

Mit Hermann Florin haben Sie vor den oben erwähnten Hits "Ich bin dann mal weg" und "Der Junge muss an die frische Luft" davor bereits die Hanni & Nanni"-Filme gemacht. Was zeichnet diese Zusammenarbeit aus?

SEBASTIAN WERNINGER: "Tausend Zeilen" ist unser achter gemeinsamer Kinofilm, und wir haben einen Schnitt von deutlich über einer Million Zuschauer:innen pro Film. Hermann und ich ergänzen uns perfekt, wir verstehen uns mittlerweile fast blind. Aus der Partnerschaft ist eine Freundschaft entstanden. Wir können uns alles sagen und uns alles gegenseitig gönnen. Das ist eine große Qualität in der Zusammenarbeit, für die ich sehr dankbar bin.

Und als dritten bereits angekündigten Kinostoff ist noch "Das fliegende Klassenzimmer" zu nennen, der von Carolina Hellsgård inszeniert werden soll. Wie weit sind Sie mit diesem Projekt, was darf man erwarten, gibt es bereits Produktionspartner/Verleih? Und wird es weitere Kästner-Verfilmungen aus Ihrem Haus geben?

SEBASTIAN WERNINGER: Für diesen Film kämpfe ich sehr. Ich finde, dass es gerade in diesen Zeiten, in denen Kinder mit einem Krieg in Europa und einer Pandemie aufwachsen müssen, unglaublich wichtig ist, ihnen Werte wie Freundschaft und Zusammenhalt zu vermitteln. "Das fliegende Klassenzimmer" ist eines der absoluten Lieblingsbücher aus meiner Kindheit und hat diesen zeitlosen Kern. Das Buch und auch unser Film zeigen, dass alles möglich ist, wenn wir zusammenhalten und dass wir uns gegenseitig brauchen. In unserem digitalen Zeitalter wirkt das Leben manchmal unfassbar flüchtig, aber das, was am Ende zählt, sind die Beziehungen und Verbindungen zu den Menschen. Wir wollten eigentlich im letzten Frühjahr drehen und waren bereits kurz vor Produktionsbeginn. Dann wurde klar, dass es verantwortungslos gewesen wäre, einen Film mit so vielen Kinderdarsteller:innen in Coronazeiten zu drehen. Wir sind jetzt wieder in der Vorbereitung und wollen in den Sommerferien drehen. Als Koproduzent und Verleih ist Leonine Studios an Bord. Den Film produziere ich zusammen mit Benjamin Benedict und Tobias Timme.

Gibt es bereits weitere neue Kinostoffe, die Sie nennen können?

SEBASTIAN WERNINGER: Ja, Hermann Florin hatte die großartige Idee, die Remakerechte von "Le sens de la fête" der Autoren Eric Toledano und Olivier Nakache zu sichern, die die Macher von Ziemlich beste Freunde" sind und mit diesem witzigen Film sehr erfolgreich waren. Der Film erwies sich als Welterfolg und gerade in Deutschland als Überflieger. Unser Arbeitstitel ist "C'est la Vie". Feine Filme hatte das Projekt zunächst selbstständig entwickelt und kam dann zu uns, um es gemeinsam mit der UFA Fiction zu realisieren. Buch und Regie übernimmt Richard Huber, und die Hauptrolle wird Christoph Maria Herbst spielen. Verleih und Koproduzent ist neben Feine Filme wieder Warner Bros. Wir sind in der Finanzierungsphase und planen den Dreh für diesen Herbst.

Seit dem Ende der UFA Cinema hat sich die UFA nur noch punktuell und sehr gezielt im Kino engagiert. Wie waren Ihre Erfahrungen? Wird das auch künftig Ihre Strategie sein?

SEBASTIAN WERNINGER: Im Kino ist für uns mehr denn je das Motto "Qualität statt Quantität" gefragt. Seitdem mir seinerzeit Nico Hofmann und Wolf Bauer die Verantwortung für den Kinobereich bei der UFA übertragen haben, haben wir im Schnitt ein bis zwei Kinofilme im Jahr produziert. Diese Schlagzahl macht es möglich, die Stoffe handverlesen auszuwählen und sich mit der nötigen Geduld dem Development, der Talentsuche und der Finanzierung zu widmen. Wenn das gewährleistet ist, sind die Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Film aus meiner Sicht gegeben. Ob sich dann der Erfolg auch einstellt, hängt von vielen Faktoren ab und steht in diesem "hit driven business" auf einem anderen Blatt. Wir konnten aber zum Beispiel mit Caroline Link, Leander Haußmann, Michael Bully Herbig, Philipp Stölzl viele der erfolgreichsten Filmemacher:innen im Markt für diesen Weg begeistern und haben eine hohe Trefferquote. Diesen Weg möchte ich weiterverfolgen.

Was muss ein Stoff generell mitbringen, um für UFA Fiction als Kinoproduktion interessant zu sein? Welche Trends stellen Sie fest?

SEBASTIAN WERNINGER: Unser Ziel ist es, anspruchsvolle Filme für ein Millionenpublikum zu kreieren. Wenn eine Stoffidee diese Fantasie auslöst, interessiert uns grundsätzlich alles. Wenn man sich vor allem die deutschen Filme für dieses Jahr ansieht, geht der aktuelle Trend in Richtung Komödie und Satire. Nach zwei Jahren Pandemie sehnen sich die Leute nach Lebensfreude und Entertainment.

Wie hat sich Ihr Blick auf Ihr Kinoengagement im Verlauf der Coronapandemie entwickelt?

SEBASTIAN WERNINGER: Die Pandemie hat das Kinogeschäft in eine existenzielle Krise gestürzt. Es wird schwer werden, wieder an die Zahlen vor Corona anzuknüpfen. Ich hoffe aber sehr, dass es uns allen zusammen gelingt, die Menschen nach der Pandemie wieder zurück in die Kinos zu führen. Erfolge wie Wunderschön" freuen mich sehr und zeigen doch, dass das möglich ist. An unserer gerade beschriebenen Strategie ändert das nichts.

Was sind die entscheidenden Veränderungen, auf die man als Produktionshaus reagieren muss?

SEBASTIAN WERNINGER: Die großen Herausforderungen für das Produktionsgeschäft sind der Fachkräftemangel und die Inflation. Das gilt aber für alle Formen der Produktion. Wir sind bei den Themen Diversität und Green Production in einem längst überfälligen Wandel. Es wäre zu wünschen, dass die Verleiher, Sender, Plattformen und andere Finanzierungspartner diese Faktoren bei der Finanzierung und Budgetierung noch stärker berücksichtigen würden. Die Produktionsbudgets explodieren regelrecht und das kann die Produktionswirtschaft nicht dauerhaft schultern.

Gleichzeitig fahren die Streamer ihre Filmproduktion hoch: Für Netflix haben Sie bereits Betonrausch" realisiert, Prime will sich stärker engagieren, und jetzt steigt auch Apple in die deutsche Produktion ein. Welche Chancen entstehen für UFA Fiction? Wie wird die Entscheidung getroffen, ob eine Filmproduktion aus Ihrem Haus geeignet ist für das Kino oder eine Plattform - oder am besten als TV-Movie entsteht?

SEBASTIAN WERNINGER: Dieser Bereich wird in den nächsten Jahren massiv wachsen. Daran wollen wir natürlich partizipieren und tun dies auch bereits. Wir entwickeln für viele Partner verschiedene Projekte und werden zeitnah in die Produktion gehen. Das Spektrum an Filmen, die man als Originals für Plattformen produzieren kann, ist deutlich breiter als für das Kino. SVoD hat das weltweite Publikum näher zusammengeführt. Vieles, was für die große Leinwand aufgrund eines Genres zu speziell wirkt, hat gegebenenfalls Chancen, ein großer nationaler und internationaler Streaminghit zu werden.

Wie sehen Sie die Entwicklung in den kommenden Jahren? Welche Rolle wird UFA Fiction dabei spielen?

SEBASTIAN WERNINGER: Die nächsten Jahre werden weiter von dem Serienboom bestimmt werden. Allein die UFA Fiction produziert in diesem Jahr acht nationale und internationale High-End Serien mit einem Produktionsvolumen von über 100 Millionen Euro. Wir wollen auch insbesondere im Bereich "internationale Serie und Film" gemeinsam im Global Drama Verbund von Fremantle Media weiterwachsen. Persönlich freue ich mich sehr auf die baldigen Dreharbeiten von "Gute Freunde", eine Serie für RTL/RTL+ über die Anfänge und den kometenhaften Aufstieg des FC Bayern München in den 60er- und 70er-Jahren. Regie führt David Dietl. Als Headautor und Creative Producer hat Richard Kropf mit den HaRiBos (Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad) die Bücher entwickelt, der weltweite Verkauf der Serie liegt bei Fremantle. Aktuell drehen wir zudem die tolle Serie Sam - Ein Sachse" für Disney+. Zudem haben wir weitere spannende Projekte in der Pipeline und der unmittelbaren Vorbereitung, über die wir beim nächsten Mal sehr gerne sprechen können.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.