Kino

Wohlfühl-Bilanzierung bei der KINO 2022

Eigentlich ist es Tradition, dass die FFA zum Filmtheaterkongress nicht nur Zahlen aus dem vergangenen, sondern gerade auch aus dem laufenden Jahr mitbringt. Dass dies nun unterblieb, fiel in Baden-Baden deutlich auf.

20.05.2022 14:21 • von Marc Mensch
Christine Berg verabschiedete Frank Völkert bei seinem letzten Filmtheaterkongress als stellvertretender FFA-Vorstand (Bild: BF)

Zugegeben: Wer möchte schon ausgerechnet auf der Zielgeraden eines Kongresses, der auch ein Signal des Aufbruchs setzen soll, mit schlechten Nachrichten aufwarten? Positive Aspekte hervorzuheben, ist ohnehin ebenso richtig wie wichtig. Aber der praktisch komplette Verzicht auf die Präsentation von Daten aus dem laufenden Jahr fiel bei der Präsentation von Frank Völkert (FFA) dann doch deutlich auf - schließlich ist gerade dies üblicherweise zentraler Bestandteil seiner Auftritte in Baden-Baden und Leipzig.

Eine einzige Ausnahme gab es - und es war eine positive Zahl, die sich Völkert herauspickte: Die Kino-Reichweite in der deutschen Bevölkerung stieg im Zeitraum Juli 2021 bis März 2022 gegenüber dem zweiten Halbjahr 2021 von 23 auf immerhin 26 Prozent (lag damit aber natürlich noch um 13 Punkte unter dem Wert für 2019). Leicht negative (zumal globale) Prognosen vermag das natürlich nicht zu relativieren, zumal zumindest die bekannten Comscore-Zahlen den Schluss nahe legen, dass die höhere Reichweite leider mit einer geringeren Besuchsintensität einher ging...

Obwohl es dem Vortrag damit leider an echter Aktualität mangelte, blieb der Blick auf das nun fast sechs Monate zurückliegende Jahr 2021 durchaus nicht ohne hochinteressante Details. Dass man zwischen Juli und Oktober (und damit vor der erneuten Verschärfung von Maßnahmen ab November) nach Umsatz bis auf 20 Prozent an 2019 heranrückte, ist so ein Detail - allerdings auch eines, das einen Vergleich wenigstens mit dem Zeitraum Januar bis März 2022 eigentlich zwingend gemacht hätte.

Interessant auch, wie sich die Verhältnisse im Verlauf des Jahres 2021 zugunsten der großen und zulasten der kleinen Kinos verändert haben. Vergleicht man 2021 mit 2019, fanden sich die höchsten Umsatzrückgänge (64 Prozent) bei Kinos mit drei, sechs bis sieben und acht (oder mehr) Sälen, während Ein-Saal-Häuser mit einem Minus von "nur" 61 Prozent noch am wenigsten schlecht dastanden. Was allerdings auch daher rührte, dass sie ihre Eintrittspreise im Schnitt um zehn Prozent erhöhten.

Gerade in einer Zeit, in der sich Kinobetreiber mit Preiserhöhungszwängen konfrontiert sehen, wäre an dieser Stelle eine ergänzende Interpretation der nackten Zahlen (oder die Möglichkeit zur direkten Nachfrage) wünschenswert gewesen. Denn tatsächlich könnten diese so gelesen werden, dass gerade die Preiserhöhungen mittelfristig enorm kontraproduktive Effekte hatten. Schließlich sind Ein-Saal-Häuser im Vergleich 2021/2020 plötzlich die großen - und einsamen - Verlierer. Während Kinos in sämtlichen anderen Größenklassen beim Umsatz (und bei den Ticketpreisen) zulegten - und das in einer Spanne von fünf (zwei Säle) bis zu ganzen 30 Prozent (acht und mehr Säle) - verloren Kinos mit nur einem Auditorium laut der Präsentation im zweiten Corona-Jahr satte 33 Prozent an Umsatz und senkten (als einzige!) ihre Preise wieder.

Der Hinweis, dass Keine Zeit zu sterben" innerhalb des vergangenen Jahrzehnts sämtliche Top-Filme der Jahre 2020, 2019, 2018, 2016, 2014 und 2013 schlug, trifft übrigens absolut zu - allerdings nur, wenn man auf das jeweilige Ergebnis im Jahr des Starts abstellt. Hier profitierte Bond dank des September-Termins davon, dass er fast alle seine Besucher 2021 machte, während mehrere Megahits der genannten Jahre ihre (insgesamt sogar noch höheren) Zahlen auf zwei Jahre verteilten.

Was schon im zweiten Halbjahr 2021 auffiel - und vor dem Hintergrund der gezielten Ansprache ausbleibender Zielgruppen nur umso interessanter ist: Erstmals seit 2003 gingen mehr Männer (51 Prozent) als Frauen (49 Prozent) ins Kino - und erstmals seit 2015 sank der Altersdurchschnitt der Besucher minimal, auf 38,9 Jahre. Hier konnte Völkert die naheliegende Erklärung liefern: Das überdurchschnittliche Zögern der älteren Kinogänger.

Eine erfreuliche (und neue) Statistik: Die Kino-Rückkehrer halfen ihren Häusern im zweiten Halbjahr 2021 auch mit erhöhtem Verzehr auf die Sprünge. Der Anteil der Besuche mit Kauf von Concessions stieg gegenüber dem Gesamtjahr 2019 von 61 auf 68 Prozent, die durchschnittlichen Concessions-Ausgaben legten von 7,99 auf 9,10 Euro zu, ihr Anteil an den Gesamtausgaben kletterte von 35 auf 39 Prozent.

Und abschließend noch ein schönes Signal für das Kino in der Fläche: Ganze vier der östlichen Bundesländer gewannen Standorte hinzu - und das auch in solchen 1200-Einwohner-Metropolen wie Treben oder Stechlin. Wobei man auch an dieser Stelle noch einmal wiederholen muss: Der Blick auf die Bestandsentwicklung in den ersten Monaten des laufenden Jahres, wie er seit vielen Jahren zum absoluten Standard zählte, fehlte diesmal leider.

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