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Tim Tremper zum Interview mit Kristin Derfler und Annette Hess: "Dann gute Nacht"

Am 16. Mai veröffentlichte Blickpunkt:Film ein Interview mit den Drehbuchautorinnen Kristin Derfler und Annette Hess, in dem es um den Gender Gap im Bereich Creation/Drehbuch bei deutschen Serien ging. Die Autorinnen gaben dazu auch eine Studie in Auftrag. Nun erreichte Blickpunkt: Film eine Reaktion von Autor Tim Tremper auf das Interview.

20.05.2022 14:06 • von Frank Heine
Tim Tremper (Bild: Tim Tremper)

Am Montag erschien auf blickpunktfilm.de ein Interview mit den Drehbuchautorinnen Kristin Derfler und Annette Hess, in dem es um den Gender Gap im Bereich Creation/Drehbuch bei deutschen Serien ging. Die Autorinnen gaben dazu auch eine Studie in Auftrag. Nun erreichte Blickpunkt: Film eine Reaktion von Autor Tim Tremper auf das Interview, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

"Als Drehbuch-schreibender Mann fühlt man sich schon gedrängt, dem Interview von Kristin Derfler und Annette Hess zu antworten. Es geht den Damen nicht um ein "Männer Bashing" behaupten sie. Doch, genau darum geht es, so lese ich als Mann das Interview.

Fangen wir mit dem langweiligsten an: Drehbuchförderung. Mein Verständnis geht davon aus, dass eine Jury oder ein Gremium den bestmöglichen Stoff fördern sollte und nicht den Stoff eines Mannes oder einer Frau. Richtig? Kommen die Damen nun mit ihrer Forderung durch, dass 50 Prozent der Förderentscheidungen automatisch an weibliche Antragsteller fließen sollen, dann gute Nacht. Das will in meinen Kopf nicht rein, liebe Frau Derfler. Die Filmbranche per se ist doch eine der Gender-offensten Branchen, die ich in 20 Berufsjahren kennengelernt habe. Von Gleichberechtigung will ich gar nicht erst sprechen. (Dass es allerdings auch Idioten in der Branche gibt, bestreitet niemand. Die Kunst ist es schon, die Nicht-Idioten zu finden)

Frau Hess meint, Frauen würden vor einer "Wand an Anzügen" abgeschreckt werden. Also ehrlich, ich verstehe das nicht. Vielleicht sollen die Männer ab jetzt eher kurze Hosen tragen? Ich hab keine Angst vor der Wand an Röcken, wenn ich Netflix etwas verkaufen möchte. (Fünf Top-Frauen in den Top-Positionen)

Neun Monate auf eine Antwort von einem öffentlich-rechtlichen Sender warten, und das passiert (auch) Warner Brothers? Ich würde das eher der Inkompetenz einer Redaktion vorwerfen und nicht weil Frau Derfler eine Frau ist. Seit November warte ich auf eine Reaktion von Amazon Prime. Amazon kann vielleicht Fließbänder, aber eine Kommunikation mit Kreativen ist definitiv nicht da. Das war es nun auch mit einem eventuellen Amazon-Auftrag. Mir aber mittlerweile auch herzlich egal, vielleicht weil ich ein Mann bin? Ja, auch als Autorin muss man ein wenig Ellenbogen in der Branche zeigen.

Mit und ohne Ellenbogen, warum sollen 30 bis 40 Prozent der Serienaufträge automatisch an Frauen gehen? Soll es bedeuten, dass meine Serie, die ich einem Sender anbiete, nicht genommen wird, weil eine Gender-Quote erfüllt werden muss? Gender Gap beim "Tatort"? Wahrscheinlich gibt es den. Und es ist schon ein Skandal, wenn Autorinnen beim "Tatort" nicht wirklich weiterkommen. Aber was kann ich dafür? Ich, der kleine Mann, der gar keine Lust hat einen "Tatort" zu schreiben.

Der feministische Aufschrei, der ja seit Jahren durch die Branche hallt, äußert sich nun langsam dadurch, dass ein Streamer inoffiziell gar keine Bücher mehr von einem einzelnen männlichen Autoren annehmen will. Entweder in Zukunft mit Co-Autorin oder gar nicht. Eine Produzentin, die ein Script bei mir bestellt hat und ziemlich begeistert über das selbe war, meinte, dass wir nun noch eine Autorin ans Buch setzen. Wegen des weiblichen Blickes und weil es auf dem Deckblatt dann eben wie 2022 aussieht!

Ich würde gerne noch in zehn Jahren Geschichten schreiben, die ohne irgendeine Quotenregulierung entstehen. Was wird als nächstes gefordert oder gar verboten? Als weißer alter (55) Mann kann ich vor einer 50:50-Autoren-Quote nur warnen. Drehbuchschreiben ist eine Kunstform. Die Qualität des Buches hat doch am Ende zu entscheiden, ob der Film oder die Serie gefördert bzw. gedreht wird. Nicht, ob ein Mann oder eine Frau das Buch geschrieben hat."

Tim Tremper