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CANNES TAG 4: Kaiserin (40), unglücklich, sucht

Marie Kreutzer hat ihren neuen Film, "Corsage", im Un Certain Regard vorgestellt, einer von acht Filmen in dieser Reihe von einer Regisseurin. Eine echte Wucht!

20.05.2022 13:12 • von Thomas Schultze
Vicky Krieps ist gigantisch in "Corsage" (Bild: Robert Brandstätter / Alamode)

Wenn ein Film Corsage" betitelt wird und von einer Frauenfigur der Weltgeschichte erzählt, dann erwartet man sie förmlich, die eine Szene... Sie wissen schon... in der das Korsett, hauteng geschnürt, der Hauptfigur die Luft abschneidet und sie ohnmächtig werden lässt - der Preis des goldenen Käfigs, komprimiert auf ein griffiges Bild. Marie Kreutzer weiß, was sie dem Publikum schuldig ist. Besagte Szene gibt es gleich in den ersten Minuten des neuen Films der Österreicherin, die nach ihrem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Der Boden unter den Füßen" erstmals nach Cannes eingeladen wurde, in die Nebenreihe Un Certain Regard, wo im vergangenen Jahr schon Große Freiheit" Weltpremiere gefeiert hatte, ebenfalls eine österreichische Produktion mit deutscher Beteiligung ("Corsage" ist eine Produktion der Film AG Produktions GmbH mit deutscher Beteiligung der Cannes-Regulars Komplizen Film): Kaiserin Elisabeth trifft ein zu einem offiziellen Termin, wird von zwei hohen Herren in Empfang genommen, die ihr Komplimente voller wenig verstecktem Gift machen, und sie sinkt dahin. Nur dass die Szene eine Pointe hat, einen Dreh, den man nicht erwartet: Sisi, so gesteht sie im Anschluss ihrem Vetter, König Ludwig II von Bayern, hat die Ohnmacht nur vorgetäuscht, wie sie es gerne macht, wenn sie das dumme, anzügliche Gewäsch der Honoratioren, selbstgefällige Gecken allesamt, nicht mehr ertragen kann. Lachend rollen die beiden am Boden und spielen sich gegenseitig vor, wie man am theatralischsten zu Boden geht.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn dieser Moment nicht so charakteristisch wäre für "Corsage", diese kluge, gewagte und bewegende Dekonstruktion, eine Entblätterung, Lage um Lage, die den Zuschauer eintauchen lässt in den süffigen Prunk des Wiener Hofstaats im Jahr 1878, dabei aber immer gegen den Strich bürstet, nicht vor historischer Authentizität in die Knie geht. Die Haltung ist modern und feministisch, weil der Film nie vergessen lässt, aus welcher Warte, aus welcher Zeit er erzählt wird. Es ist ein Blick zurück, der nicht abbildet, sondern die Bilder mit dem Blick aus der Jetztzeit kontrolliert und kommentiert. Ein Kellner trägt eine moderne Brille, ein Zug fährt an einem Traktor vorbei, und zum Schluss kann es sich die Regisseurin nicht verkneifen, Sisi der gesamten Männerwelt den ausgestreckten Mittelfinger zeigen zu lassen. Wiederholt flieht der Film mit stimmungsvollen Bildern von Judith Kaufmann aus seiner Realität, zeigt verlangsamte Aufnahmen, begleitet von fragilem Acid-Folk von Camille Dalmais aus dem Off, die als Stimme von Nouvelle Vague bekannt wurde und danach als Camille eine Solokarriere einschlug. Verfremdete, der Erzählzeit angepasste Versionen von "Help Me Make It Through the Night" von Kris Kristofferson und "As Tear Go By" von den Stones spiegeln den Seelenzustand von Marie Kreutzers Elisabeth. Eine Frau zwischen den Welten und selbst den Sprachen ist diese komplizierte Figur, die mit 40 nichts von der unbeschwerten Sisi der Filme mit Romy Schneider hat. Ihre Ehe mit Franz-Joseph, den sie mit leichtem Spott "Effjott" nennt, ist eine Farce wie sein legendärer Backenbart, den er hier nach getaner Arbeit privat abnimmt, weil er zwar gut ist zum Repräsentieren, sonst aber eher stört. Die Tochter entgleitet ihr, erhoffte Eskapaden mit ihrem Reitlehrer bei einem Besuch in England sind zum Scheitern verurteilt. Seelenverwandtschaft empfindet sie bei Besuchen in einer Irrenanstalt mit ans Bett gefesselten Frauen, die an ihren Käfigstäben rütteln. Vertraute sind die Hofdamen, die ihr treu ergeben sind und Teil eines verwegenen Plans werden. So sehr die Sisi des Films leiden mag, sie klagt nicht. "Keine Sorge, ich ertränke mich nicht im See", sagt sie zu Ludwig II bei einem Besuch am Starnberger See, ausgerechnet. "Das mache ich wenn überhaupt im Meer." Elisabeth sucht einen Ausweg, der sich schließlich radikal von der historischen Überlieferung abwendet, aber perfekt im Einklang mit dem Film steht, schlüssig und zwingend und filmisch atemberaubend realisiert ist.

Nie ist "Corsage" eine süße Nichtigkeit wie "Marie-Antoinette" von Sofia Coppola, der auch schon die Moderne in seine historische Betrachtung fließen ließ, aber nicht richtig viel zu erzählen wusste. Spencer" und Porträt einer jungen Frau in Flammen" sind da schon die besseren Referenzfilme, die auf ihre Weise historisch verbürgte Tatsachen als Spielfläche für eine freie Erzählung nehmen, ihnen einen eigenen Blick geben, einen eigenen Dreh, ohne sich in das Korsett historischer Authentizität zwängen zu lassen. Ich musste aber vor allem an "Tunic" denken, einen Song von Sonic Youth auf ihrem Album "Goo" von 1990, in dem Karen Carpenter besungen wird, die tragische Popsängerin der Siebzigerjahre, die mit ihrem Bruder Richard als The Carpenters federleichte Popkonfekte konzipierte, aber innerlich an dem öffentlichen Druck zerbrach und sich sukzessive zu Tode hungerte. Sonic Youth finden dafür eine musikalische Entsprechung, indem sie den Song zum Schluss hin ausfransen lassen, die Melodie in sirrenden Gitarrengeräuschen ertränken, als würde sich das Lied buchstäblich auflösen. "I feel like I'm disappearing, getting smaller every day/But I look in the mirror, I'm bigger in every way", heißt es da. Und könnte auch von der großartigen Vicky Krieps, Europas Meryl Streep. in "Corsage" erzählen, die hier in diesem wunderbaren Film so vieles ist, Frau, Mutter, Pionierin, Unterstützerin der Künste, eine widersprüchliche, kantige, nicht immer sympathische Gestalt, die es einem nicht immer leicht macht, sie zu mögen. Was sie auch nicht wollen würde. Weil sie eines nicht ist und nicht sein will: ein Opfer. Wie schon "Große Freiheit" ist auch Marie Kreutzers neuer Film ein Juwel im Un Certain Regard, der den Wettbewerb unbedingt verdient gehabt hätte. Die große Klasse hat auch das Filmfest München erkannt: Dort wurde "Corsage" als Eröffnungsfilm ausgewählt. Gut so.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.