Kino

KINO 2022: Mangelerscheinungen Made in Germany

Woran hakt es beim deutschen Film - und wie sehr hakt es überhaupt? Die beim Filmtheaterkongress gegebenen Antworten auf derlei Fragen lieferten ordentlichen Diskussionsstoff.

20.05.2022 09:41 • von Marc Mensch
Louis Klamroth, Mariette Rissenbeek, Peter Dinges, Björn Böhning, Torsten Koch und Christine Berg diskutierten über die Rahmenbedingungen für den deutschen Film (Bild: Denis Kotscherow)

Eine Berlinale mit nur zwei deutschen Filmen im Wettbewerb - reicht das? Schon mit dieser provokanten Frage an Berlinale-ChefinMariette Rissenbeek stieg Moderator Louis Klamroth beim Filmtheaterkongress in eine Paneldiskussion ein, die durchaus noch nachhallen könnte. Denn die eine oder andere Institution sah sich relativ unverblümter Kritik ausgesetzt. Und das in Baden-Baden nicht nur bei dieser Gelegenheit.

Zunächst einmal zur Antwort auf diese Frage: "Wir hatten im Jahr zuvor vier deutsche Filme, auch zwei sind bei einem international aufgestellten Festival normal - und im Prinzip musste man einen dritten mitzählen." Punkt. Aber redet man den deutschen Film ausgerechnet im Heimatland tendenziell eher schlecht, wie es Christine Berg schon jüngst im Interview mit Blickpunkt: Film und nun auch auf der Bühne in Baden-Baden beklagte? Verkürzt würde die Antwort von FFA-Vorstand Peter Dinges schlicht "Leider schon" lauten, unter anderem verwies er darauf, dass das Ansehen im Ausland höher sei, als hierzulande wiederholt kolportiert. Wir hoch jenes im Inland im Prinzip sei, habe wiederum eine (vor der Pandemie durchgeführte) Image-Studie ergeben. Wobei man durchaus anmerken darf, dass der Unterschied von satten zehn Prozentpunkten zwischen der Comscore-Zählung und Dinges' Angabe für den deutschen Marktanteil im ersten Quartal 2022 daher rührt, dass die FFA minoritär deutsche Koproduktionen wie Uncharted" mitzählt - so kommt man dann auch auf 26, statt der miserablen 16 Prozent, die Comscore bilanziert hatte.

Ein wenig auf den Boden holte Dinges die Produktionsbranche mit dem nüchternen Blick auf die Erfolgsaussichten für eine gesetzliche Investitionsverpflichtung für Streamer, deren Prüfung im Koalitionsvertrag versprochen wurde. Er habe den Eindruck, dass diesbezüglich das Momentum gerade etwas verloren gegangen sei - und er verwies darauf, dass eine solche Verpflichtung hierzulande wegen der föderalen Strukturen sehr viel schwerer durchzusetzen sei, als im Rest Europas. Dass Deutschland in dieser Frage weiter eine Insel bleibe (gerade erst wurde in der Schweiz eine solche Verpflichtung per Volksabstimmung durchgesetzt), könne er sich aber nicht vorstellen. Zu entscheiden habe dies jedoch die Politik.

Von dieser erwartet Björn Böhning nicht zuletzt auch eine Vorbereitung auf eine mögliche Verschlechterung der pandemischen Situation im Herbst - eine Verlängerung der beiden Ausfallfonds sei in diesem Kontext entscheidend. Doch währen die Sender dabei wären, sieht die Politik den Ball im Feld der Versicherungswirtschaft - die jedoch schlicht abwinke. "Das ist unredlich, wenn nicht gar unmoralisch", so Böhning, der im Zusammenhang mit der Forderung nach einer verlässlichen Fördergrundlage (die auch Krisen wie Pandemie und Krieg abzufedern in der Lage sei) auch noch die Frage nach einem Ausgleich der Teuerungsrate in den Raum stellte. Denn bei der Produktion spreche man aktuell von Kostensteigerungen (bedingt auch durch technische Umstellungen) von rund 20 Prozent aus.

Auch wenn Geld an vielen Stellen dringend eingefordert wird - jedes Problem lasse sich damit nicht ad hoc lösen, wie Dinge feststellte. So mag an Anteil von 1,6 Prozent der FFA-Förderung für Drehbuch- und Projektentwicklungsförderung erst einmal (zu) wenig klingen, wie Klamroth es in den Raum stellte. Laut Dinges reiche das aktuell aber "dicke" für das, was man im Kinosegment hereinbekomme. Andere Player schöpften den Talentpool gerade massiv aus, es herrsche ein richtiger Mangel. Björn Böhning, der neue Geschäftsführer der Produzentenallianz, beklagte, dass es gerade beim Drehbuch an einer "Breite der Landschaft" fehle, dass man Kreative durchaus dazu auffordern könne, auch einmal jenseits der "klassischen Bildungswege" zu schreiben. Dinges wurde an dieser Stelle sogar noch deutlicher: Ein Auge auf das Hochschulsystem zu werfen sei sicherlich angezeigt. Aber wenn man dort anrege, den Markt etwas mehr in den Fokus zu nehmen, werde das nicht angenommen. Unverblümte Kritik - die in Baden-Baden von anderer sogar noch eine ganze Spur gepfefferter formuliert wurde. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

Von den 35 Mio. Besuchern für deutsche Filme, die beim Kongress mehrfach als Ziel ausgegeben wurden, ist man aktuell jedenfalls sehr weit entfernt - und mehrfach wurde auf und abseits der Bühne der Wunsch laut, den deutschen Kinofilm nicht zuletzt um Genrestoffe zu bereichern. Punktuell geschehe das zwar (über das Label Alpenrot sei gerade ein One-Shot-Horrorfilm realisiert worden, wie Constantin-Geschäftsführer Torsten Koch erklärte, ohne dabei aber schon Details zu verraten), aber nicht in ausreichendem Maße. Eine Marktlücke, die Streamer erkannt zu haben scheinen, wie man unter Verweis auf Projekte wie "Dark" oder "Blood Red Sky" hätte anmerken können.

Christine Berg jedenfalls pochte grundsätzlich auf die Erfüllung der Versprechen im Koalitionsvertrag, warf sich aber explizit noch einmal für die auch von Torsten Koch geforderte Unterstützung von Verleih & Vertrieb ins Zeug. Was das Kino brauche, seien Filme, die ihr Publikum erreichten - und das bedeute gute herausgebrachte Filme. Dabei könne man die Verleiher gerade in pandemischen Zeiten nicht mit dem hohen Risiko alleine lassen - Beispiele für aufgrund plötzlicher Lockdowns verbrannter Marketinggelder gab es in den vergangenen Jahren schließlich leider zuhauf. Koch verwies auf die Worte von Martin Moszkowicz, wonach ein voller Kinosaal das beste "Crowdfunding" überhaupt sei - aber auch darauf, dass man aktuell nur bei etwa 60 Prozent des Marktes rangiere.

Letztlich - und das war absoluter Konsens auf dem Panel - müsse es um die Besucher:innen gehen - und in der aktuellen Situation nicht zuletzt darum, gerade auch jene wieder abzuholen, die noch nicht vor die Leinwände zurückgefunden haben. Nicht nur Torsten Koch beklagte, wie viel zerredet werde, wie schwer es sei, gemeinsame Initiativen und neue Ideen umzusetzen, wie oft Dinge (beispielhaft nannte er das Aus für deinkinoticket.de) daran scheiterten, dass sich einzelne Player der Gefahr einer Übervorteilung ausgesetzt sähen. "Manchmal fühlt es sich an, als säße man in einem Boot mit nur einem Ruder", so Koch.

Was Böhning direkt aufgreifen konnte - denn er habe über die vergangenen zehn Jahre hinweg hautnah miterlebt, wie die Politik oftmals handle: "Die Branche ist sich nicht einig? Dann machen wir auch nichts!". Das war zwar natürlich etwas überspitzt ausgedrückt - aber nicht fern von der Realität.