Festival

CANNES Tag 3: Be a Mensch!

Der erste Amerikaner im Wettbewerb des 75. Festival de Cannes, das seinen Groove noch nicht gefunden hat. In "Armageddon Time" gibt James Gray einen Einblick in seine eigene Jugend, Jerzy Skolimowski lässt in "Eo" einen Esel das moderne Europa erleiden..

20.05.2022 10:44 • von Thomas Schultze
StarkeJugenderinnerung: "Armageddon Time" (Bild: Universal)

Vielleicht ist es ein bisschen zu viel verlangt, dass ein Festival wie das Festival de Cannes seinen Groove am dritten Tag noch nicht richtig gefunden hat. Zu sehr hat der Auftritt von Tom Cruise am Vortag dominiert. Und ja, eigentlich gab es mit "Le otto montagne" auch schon einen richtig tollen Wettbewerbsfilm. Aber bisher dominieren eher okaye Werke das Geschehen. Der Eröffnungsfilm des Un Certain Regard zum Beispiel, Tirailleurs" / "Father and Soldier" von Mathieu Vadepied, mitgeschrieben und -produziert von seinem Star, Omar Sy, dem es offenkundig ein großes Anliegen war, die Geschichte aus dem Senegal und anderen schwarzafrikanischen Ländern entführter Männer zu erzählen, die gezwungen wurden, im Ersten Weltkrieg für Frankreich zu kämpfen. Es ist ein solider Film, aber immer auch ein bisschen dominiert von der guten Absicht, der am Ende gar nicht anders kann, als eine Heldengeschichte zu erzählen aus dem "Großen Krieg", in dem es an der Front keine Helden geben konnte.

Der Eröffnungsfilm der Quinzaine des Réalisateurs zum Beispiel, der mit Spannung erwartete neue Film von Pietro Marcello, der in Venedig vor drei Jahren mit Martin Eden" eine kleine Sensation abgeliefert hatte. Unverkennbar ist "L'envol" die Arbeit desselben Regisseurs, und doch fehlt der Geschichte eines Kriegsheimkehrers nach dem Ersten Weltkrieg, der seine Tochter als Außenseiter aufziehen muss, die Dringlichkeit, zu sehr verliert sie sich in märchenhaften Anspielungen und müht sich um eine Poesie der Bilder, wirkt aber eben genauso: etwas bemüht. Ein schöner Film, gewiss, ich habe ihn gern gesehen. Aber nach "Martin Eden" eben doch eine leichte Enttäuschung. So geht einem das bislang mit fast allen Filmen: Gut, solide, interessant. Aber eben nicht soooo gut, solide und interessant, dass sie eine Strahlkraft entwickeln, die nachwirken würde.

Die Amerikaner sind immer willkommen in Cannes als Lokomotiven, als Zugpferde, als Markierungen auf dem Weg des Festivals, die für Orientierung sorgen. Armageddon Time" sollte ein solcher Film sein, der erste Amerikaner im Wettbewerb, die Rückkehr des verlorenen Sohnes James Gray, den sie lieben in Cannes für Filme wie Two Lovers" oder Helden der Nacht - We Own the Night", der aber nach der indifferenten Reaktion auf The Immigrant" zwischenzeitlich geschworen hatte, dem französischen A-Festival den Rücken zu kehren. "Die verlorene Stadt Z" lief dann auf keinem großen A-Festival, Ad Astra" wurde vor drei Jahren in den Wettbewerb von Venedig geladen. Und nun ist Gray zurück an der Croisette, mit seinem persönlichsten Film, der bei der Premiere Begeisterungsstürme auslöste.

Viele Menschen, singen die Clash 1979 in ihrer Coverversion des Dub-Reggae-Songs "Armagideon Time" des jamaikanischen Sängers Willie Williams, würden heute Nacht keine Gerechtigkeit bekommen. Das kann man als Leitmotiv sehen für den neuen Film von James Gray, der nach dem ambitionierten Science-Fiction-Opus "Ad Astra" offenbar eine kleine, ganz persönliche Geschichte nötig gehabt hat, um neue kreative Energie zu tanken und die nicht ganz einfache Produktionsgeschichte des Vorgängers zu verdauen. Es ist seine Jugend in einem jüdischen Haushalt in einem Außenbezirk von New York im Jahr 1980, die er da ausbreitet, seine eigenen Ängste und Wünsche, Erfahrungen und Erlebnisse. Und vor allem seine ganz eigene Schuld, die er so lange mit sich herumgetragen hat und nicht abschütteln konnte, dass er sie nun in einem Film verarbeiten musste, der so persönlich und intim ist, wie es "Sie küssten und sie schlugen" und Fanny und Alexander" waren - oder unlängst Roma" und Belfast" und bald Steven Spielbergs The Fabelmans".

Grays Alter ego ist ein etwa zwölfjähriger Junge namens Paul Graff, der 1980 als Teil einer jüdischen Familie in einem Außenbezirk von New York wohnt, die Beatles hört und davon träumt, als Erwachsener ein berühmter Künstler zu werden. Wie das Jungs in diesem Alter nun einmal tun, wenn sich die Welt noch komplett um die eigene Wahrnehmung dreht und noch nicht in der Lage ist, die größeren äußeren Zusammenhänge zu erkennen. Gray zeichnet das ungemein gut, diese Schwelle zum Erwachsenwerden. In Pauls Augen ist seine Familie superreich, tatsächlich kommen sein Vater und seine Mutter nur über die Runden, weil sie von ihren Eltern unterstützt werden. So kann sein älterer Bruder eine angesehene konservative Privatschule besuchen, auf die schon Donald Trump gegangen wird und deren einflussreichster Mentor dessen Vater Fred ist. Paul selbst geht auf eine öffentliche Schule. Er ist ein harmloser Junge, ein bisschen verträumt vielleicht. Ihm ist nicht bewusst, dass Schwierigkeiten auf ihn zukommen, weil sein Lehrer ihn für renitent und langsam hält und er sich mit einem der wenigen schwarzen Jungs in seiner Klasse anfreundet, Johnny, der jeden Tag aus einem der Problemviertel der Stadt angekarrt wird. Für Paul ist es schwer zu verstehen, dass die Welt mit zweierlei Maß urteilt, wenn er Blödsinn macht und wenn Johnny Blödsinn. Aber in diesem Jahr, das prägend sein wird für sein Leben, wird er es lernen.

"Armageddon Time" ist voller schöner und bittersüßer Momente, die wie Tagebucheinträge sind, sich echt anfühlen und erlebt anfühlen, als hätten sie all die Jahre darauf gewartet, endlich in Filmbilder gegossen zu werden. Der Kinobesuch mit der Familie (Schütze Benjamin"), die Kabbeleien mit dem Bruder, die Lebenslektionen, die ihm sein Großvater beizubringen versucht, die wichtigste Bezugsperson für Paul, der einfach ein gutes Händchen hat für den Jungen. Und dann kommen natürlich die Härten, die nicht spurlos vorbeigehen können an einem Zwölfjährigen und ihn zwingen, das Kindsein hinter sich zu lassen. Der Verlust eines geliebten Menschen, die Auseinandersetzungen mit dem schwachen Vater, die Versetzung an die Privatschule, die schon sein Bruder besucht, der Konflikt mit dem Gesetz. "Be a Mensch!", wurde Paul von seinem Großvater, wunderbar gespielt von %Anthony Hopkins%, mit auf den Weg gegeben. Nun muss er versuchen, das auch zu beherzigen, seinen Weg zu finden in einem Amerika, das sich gerade verändert, kurz vor der Wahl Reagans zum Präsidenten, kurz vor Beginn der Ich-Dekade. Das kann bei James Gray etwas akademisch wirken, wie das bei dem Regisseur von "Two Lovers" und "The Immigrant" nun einmal so ist - zumal die Eltern Pauls mit Anne Hathaway und Jeremy Strong zwar namhaft, aber nicht wirklich ideal besetzt sind: Wenn sie spielen, wirken sie, als würden sie versuchen, die Essenz des Klischees jüdischer Eltern einzufangen. Da erhält der Film Brüche, die nicht nötig gewesen wären, weil man sonst doch so gerne zusieht, wie dieser ungelenke Banks Repeta lernt, was es bedeutet, dass vielen Menschen heute Nacht keine Gerechtigkeit widerfahren in den "Armageddon Times".

Eine Welt am Rand des Untergangs skizziert auch der polnische Filmemacher Jerzy Skolimowski, der mit Eo" 33 Jahre nach seiner letzten Einladung nach Cannes zurückkehrt, wo der 84-jährige Pole 1982 mit dem Drehbuchpreis für "Schwarzarbeit" und 1978 für Der Todesschrei" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Der 18. Spielfilm Skolimowskis greift Bressons Klassiker Zum Beispiel Balthasar" auf, ist eine streng aus der Sicht eines Esels erzählte Vision eines Europa, das derb und krass ist, unmenschlich und gewaltsam, und wo der Weg der Hauptfigur von einem Zirkus in Polen über zahlreiche Umwege unweigerlich das enden muss, wo man es erwartet und wie es bereits von Bresson vorgegeben war. Skolimowski findet irre Bilder für den Leidensweg des Tieres, das immer unschuldig bleibt und unberührt, das ein Spiegel ist für die Menschen, denen es begegnet, ein Spielball ihrer Launen. Es ist keine schöne Vision, aber streckenweise gelingt Skolimowski eine sinfonische Arbeit von großer Originalität und Eindringlichkeit. Wie immer man zu "Eo" stehen mag, einen solchen Film hat man noch nicht gesehen.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.