Kino

Auswertungsdebatte bei der KINO 2022: Platzt ein Knoten?

Während sich die komplexen Verhandlungen über eine Branchenvereinbarung weiter hinziehen, wurde bei der KINO 2022 in großer Runde lebhaft über Rahmenbedingungen diskutiert. Einen Gutteil der Argumente kennt man gerade auch aus Baden-Baden seit Jahren - doch diesmal scheint minimaler Fortschritt am Horizont.

18.05.2022 19:57 • von Marc Mensch
Kim Ludolf Koch, Gregory Theile, Christine Berg, Oliver Koppert, Vincent Bresser und Peter Schauerte (Bild: BF)

Wieder in Baden-Baden beim Filmtheaterkongress zu sein, fühlt sich mitunter an, als sei man einer Zeitmaschine entstiegen. Nicht nur, weil das dortige Wiedersehen mit der Branche nach zweijähriger Zwangspause trotz mancher Neuerungen viel zu lange vermisstes Vertrautes ausstrahlt. Sondern auch, weil manches Thema schon in den Vorjahren mit nahezu exakt denselben Worten diskutiert wurde. Und das gilt in ganz besonderem Maße für die Debatte um künftige Auswertungsstrategien. Denn auch wenn die massiven Fensterverkürzungen während der Pandemie einen zumindest in dieser Ausprägung neuen Aspekt darstellen, ging es jetzt, in einer Zeit, in der sich die Strategien wieder zunehmend sortieren, ganz zentral um einen Punkt, der auch der Kurstadt im Grunde schon ad nauseam diskutiert wurde: die Frage nach flexibleren Einsatzbedingungen.

Wobei die Probleme, die insbesondere kleine Betreiber seit jeher beklagen, durch die Pandemie durchaus noch an Schärfe gewonnen haben, wie Vincent Bresser, geschäftsführender Gesellschafter des WOKI in Bonn schilderte. Ihm zufolge sei es alles andere als leicht, mit dem Druck der Bedingungen umzugehen. Was sich nicht zuletzt darauf bezog, nur schwerlich die gerade jetzt notwendige Vielfalt anbieten zu können, wenn einzelne Filme über Wochen Säle komplett belegen. Und schließlich geht es gerade jetzt um jeden Zuschauer. Abseits davon ist es aber ein altes, ein bekanntes Problem. Und was Constantin-Geschäftsführer Oliver Koppert seit Jahren predigt, stellte diesmal VdF-Geschäftsführer Peter Schauerte fest: "Wir müssen wissen, worüber wir uns unterhalten, wir müssen Informationen austauschen."

Immerhin wurde die Debatte an diesem neuralgischen Punkt diesmal tatsächlich um die Aussicht auf einen wichtigen Schritt bereichert. Denn laut Schauerte wolle man ein Pilotprojekt zur Release-Strategie aufsetzen, um auf diese Weise hoffentlich zu neuen Ansätzen zu gelangen, zu unterschiedlichen Ansätzen für unterschiedliche Filme. Die klare Ansage: "Wir müssen es ausprobieren!"

Und das nicht erst übermorgen, wie Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile unterstrich: "Wir dürfen dabei keine Zeit verlieren, wir müssen eine Taskforce bilden, damit wir 2023 erste Ergebnisse präsentieren können!" Dass von Oliver Koppert sofortige Zustimmung und die Zusage kam, die Constantin sei sofort dabei, überrascht natürlich nicht - schließlich hatte er sich schon in den Vorjahren für einen gegenseitigen Austausch zur Adaption flexiblerer Strategien ausgesprochen.

Unterdessen ist die Frage flexiblerer Disposition natürlich Teil der laufenden Verhandlungen über eine Branchenvereinbarung. Deren konkreter Stand wurde in Baden-Baden allerdings nicht thematisiert, die Beteiligten haben aufgrund der Sensibilität der Gespräche absolute Vertraulichkeit vereinbart. Wobei durchaus offenes Geheimnis ist, dass die ursprüngliche Idee einer Vereinbarung auch für nicht-geförderte internationale Filme (nach dem Vorbild Frankreichs) aktuell nicht zur Debatte steht.

Dass die Frage der Fenster(länge) in dieser Runde erneut recht prominent zur Sprache kam, liegt auf der Hand, allerdings tat sie dies ohne die Schärfe, die entsprechende Diskussionen in den vergangenen zwei Jahren mitunter geprägt hatten. Dies natürlich vor allem deshalb, weil US-Studios Fenster zwar massiv reduziert hätten, wie Theile monierte, sich aber zumindest wieder die Ansicht durchsetze, dass ein exklusives Kinofenster wohl doch der bessere Weg für alle Beteiligten sei. Grundsätzlich habe er nichts gegen kürzere Fenster, aber sie müssten so gewählt sein, dass sie der Bedeutung des Kinos für die Auswertungskaskade gerecht würden, das Kino nicht in seiner Existenz bedrohten. Für schlicht falsch halte er es, wenn ein Film ins Streaming geschickt werde, noch während er erfolgreich im Kino laufe. Gefragt sei letztlich auch hier: Flexibilität. Von beiden Seiten.

Kim Ludolf Koch erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass sich Cineplex gegenüber mancher Release-Strategie der vergangenen Jahre aufgeschlossener gezeigt hätte, wenn man mehr verlässlichere Fingerzeige hinsichtlich des "New Normal" nach der Pandemie erhalten hätte - dies sei allerdings nicht in allen Fällen geschehen. Oliver Koppert warb rückblickend für Verständnis für so manche Verleih- bzw. Studioentscheidung, die in der Notsituation gefallen sei. Schließlich stünden dahinter auch Unternehmen, die ordentlich weitergeführt werden mussten.

Unmittelbarer Konsens wurde in dieser Frage zwar erwartungsgemäß nicht hergestellt - dafür herrschte er aber bei einem anderen extrem wichtigen Punkt - der auch in diesem Kontext absolut mitentscheidend war: Denn wie Peter Schauerte noch einmal betonte, gab es kaum Hilfen für den Vertrieb, was das Problem, dass irgendwie Einnahmen erzielt werden mussten, nur verschärfte. Tatsächlich herrschte absolute Einigkeit hinsichtlich der Notwendigkeit nachhaltiger Förderung für Kino UND Verleih - insbesondere vor dem Hintergrund der unsicheren Situation im Herbst/Winter. Und wo sich Verleihvertreter Peter Schauerte für eine Kino-Investitionsförderung stark machte, forderte Gregory Theile entsprechende Hilfen für den Verleih ein. In einer Situation, in der 50 Prozent des Jahresumsatzes mit 20 (nicht etwa "Prozent") Filmen gemacht würden, brauche man dringend mehr Titel, die mit ernsthaftem Marketingdruck gestartet würden. Denn die richtig herausgebrachte Mittelware mache am Ende den Unterschied zwischen einem mauen und einem guten Ergebnis.

Am Ende stand über allem die gerade jetzt so wichtige Frage, wie man wieder mehr Besucher erreicht. Die Aufforderung von Oliver Koppert an die Kinos, Menschen womöglich auch mit eigenen digitalen Angeboten zu erreichen, konterte Kim Ludolf Koch mit Verweis auf das just zur Pandemie gestartete Angebot Cineplex@Home. Um den Deckungsbeitrag auch nur eines Besuchers zu erreichen, bedürfe es ganzer 40 Downloads - dass dies kein Geschäftsmodell sei, könne man sich leicht ausrechnen.

Mit Kochs Verweis auf den entscheidenden Faktor der Sozialisierung des Kinonachwuchses kamen dann auch wieder Themen wie die Kinokampagne, ein Kinofest und ein Jugendticket zur Sprache. Wozu Gregory Theile eine eindeutige Haltung hat: "Wir fragen uns immer: Was kann schief gehen?" Dabei müsse die Frage ganz anders lauten: "Was, wenn wir nichts unternehmen?"