Kino

KOMMENTAR: Aufbruch in Baden-Baden

Kino 2022 als erstes Treffen der Kinobranche von Angesicht zu Angesicht nach der Pandemie war der Startschuss: Die Kinos stellen sich den neuen Herausforderungen und suchen den Schulterschluss mit den Verleihern. Die Unterstützung von Förderern und Politik ist dabei dringend erforderlich.

19.05.2022 07:24 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Kino 2022 als erstes Treffen der Kinobranche von Angesicht zu Angesicht nach der Pandemie war der Startschuss: Die Kinos stellen sich den neuen Herausforderungen und suchen den Schulterschluss mit den Verleihern. Die Unterstützung von Förderern und Politik ist dabei dringend erforderlich. Damit sich das Kino in der neuen Situation nach dem (vorübergehenden) Ende der Corona-Krise behauptet, ist eine gemeinsame Kraftanstrengung von Verleihern und Kinobetreibern die Grundbedingung. Dass das Publikum nach dem Ende der Corona-Auflagen vor die Leinwand zurückkehrt, wird von allen erfreut konstatiert, auch wenn die älteren Zielgruppen noch zögern. Der Abgesang auf die Magie des Kinos in den Feuilletons war ganz offensichtlich verfrüht. Die Streamer haben mit eigenen Problemen zu kämpfen. Und wirkliche Kraft und Nachhall in der öffentlichen Wahrnehmung entfalten doch nur die Filme, die glanzvolle Premieren auf dem roten Teppich feiern, begleitet von großen Marketingkampagnen. Im Algorithmus der Plattformen verliert sich noch der schönste Film.

Deswegen war der Einstand zur Eröffnung des Filmtheaterkongresses, den Christine Berg als HDF-Vorsitzende mit zweijähriger Verspätung vor vollem Haus gab, selbstbewusst und nachdenklich zugleich. So emphatisch und empathisch wurden die Kongressteilnehmer noch selten begrüßt. Die Besinnung auf die eigenen Stärken als "Goldstandard" in der Filmauswertung, das Ringen um Vielfalt und Nachhaltigkeit gerade auch im Kinomarkt bestimmten die einführenden Worte genauso wie der klare Appell an Förderer und Politik, das Kino im Bemühen, in der Bedeutung für die Filmfans wieder die Pole Position einzunehmen, durch eine nachhaltige und dauerhafte Förderung zu unterstützen. Das forderte auch der neue Geschäftsführer des Verleiherverbands, dessen Mitglieder auf eine gesunde Kinolandschaft angewiesen sind. Im Gegenzug brachen die Kinovertreter eine Lanze für ihre Verleihpartner, die von der Politik während der Pandemie gänzlich im Regen stehen gelassen wurden und keinerlei Hilfen bekamen, obwohl ihr Absatzmarkt einfach per Dekret geschlossen wurde.

Viel hat man sich jetzt vorgenommen. Eine Kinokampagne wird lokal und übergreifend für neue Aufmerksamkeit sorgen. Das lange geplante Kinofest soll endlich stattfinden. Mehr große deutsche Filme sollen die Zuschauer anlocken, und eine dauerhafte Förderung den Investitionsstau auflösen. Selbst den Filmen der Streamer will man sich öffnen, allerdings nur zu fairen Bedingungen. Dass ein "neues Normal" nur bei 80 Prozent des Besucherzuspruchs vor der Pandemie liegen könnte, will man jedenfalls nicht akzeptieren. Mehr Flexibilität in der Programmierung soll im Schulterschluss mit den Verleihern 2023 einen neuen Höhenflug bringen. Die Weichen dafür wurden in Baden-Baden gestellt.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur