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CANNES Tag 1: Schnell, billig und ordentlich

Das 75. Festival de Cannes ist eröffnet. Mit einer Zeremonie, die zwei große Überraschungen bereithält. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde live zugeschaltet und hielt eine flammende Rede. Und Michel Hazanavicius' Komödie "Coupez!" erwies sich als mehr als würdiger Eröffnungsfilm.

17.05.2022 23:20 • von Thomas Schultze
Nach der starken Eröffnung mit "Coupez!" kann Cannes beginnen (Bild: Festival de Cannes)

Oscargewinnerin Julianne Moore hat das 75. Festival de Cannes für eröffnet erklärt. Die Zeremonie davor war so, wie sie oft ist in Cannes. Plänkelte vor sich hin. Virginie Efira war eine charmante, aber etwas farblose Moderatorin. Forest Whitaker erhielt die Goldene Ehrenpalme für sein Lebenswerk. Die Jury um den französischen Schauspieler Vincent Lindon wurde vorgestellt: Rebecca Hall, Deepika Padukone, Jasmine Trinca, Asghar Farhadi, Joachim Trier, Ladj Ly, Jeff Nichols. Lindon hielt eine eindringliche Ansprache.

Dann die Überraschung, eine Sensation: Aus der Ukraine wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj live zugeschaltet und richtete einen Appell an das Publikum. Er verwies auf Der große Diktator" von Charlie Chaplin und zog direkte Parallelen zu dem darin abgebildeten Diktator und dem russischen Präsidenten Putin: "Chaplins Film zerstörte nicht den wahren Diktator, aber dank dieses Films blieb das Kino nicht still." Und er sagte unter Applaus: "Ich sage zu allen, die mich hören: Verzweifelt nicht. Der Hass wird schließlich versiegen, die Diktatoren werden sterben. Wir müssen gewinnen. Und das Kino muss sicherstellen, dass das Ende immer auf der Seite der Freiheit sein wird."

Im Anschluss daran eine Komödie zu zeigen, mag grotesk erscheinen. Aber natürlich gibt es für "Coupez!" von Michel Hazanavicius längst einen Bezug zu dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine: Auf Drängen der Ukraine hatte der Regisseur den ursprünglichen Titel, "Z (comme Z)" zurückgenommen - "Z" als Buchstabe sei längst zu einem Propagandamittel Russlands geworden - und hatte dabei erklärt, wie wichtig ihm die Freiheit souveräner Länder sei. Und zudem unterstreicht die schiere Fabulierlust die Fähigkeit des Kinos, Menschen zu bewegen und zusammenzubringen. "Coupez!" jedenfalls entpuppte sich ein Jahr nach Annette" als abermals würdiger Eröffnungsfilm. Das Festival kann kommen. Ein Festival, das das Kino feiern und, das steht jetzt schon fest, politisch sein wird wie nie zuvor.

Hier unsere Besprechung von "Coupez!":

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Ein französisches Remake einer japanischen Zombiekomödie, ihrerseits basierend auf einem Theaterstück, über ein live und in einer Einstellung gedrehtes französisches Remake eines japanischen Horrorfilms über den Dreh eines Zombiefilms, in dem der Regisseur mit einem satanischen Fluch Untote heraufbeschwört, um aus seinen Schauspielern echtere Leistungen herauszuholen. Schnell, billig und ordentlich, wie der Auftrag lautet. Oder alles überall gleichzeitig. Oscargewinner Michel Hazanavicius (The Artist") hat sich der originellen japanischen Komödie "One Cut for the Dead" aus dem Jahr 2017 angenommen, für die sich Shin'ichir? Ueda von dem Theaterstück "Ghost in the Box" hatte inspirieren lassen, das der Regisseur fünf Jahre früher gesehen hatte. Und er hat es relativ stoffgetreu übernommen, allerdings für ein Budget, das wohl deutlich höher gewesen sein muss, als die 25.000 Dollar, die Ueda für seinen begnadeten Schnellschuss investiert hatte (der dann allein in Japan 27 Mio. Dollar einspielen konnte).

Natürlich ist man erst vor den Kopf gestoßen: Hektisch und überdreht, mit wilden Reißschwenke und Wackelkamera, farbübersättigt bis zum Grotesken sieht man erst einmal das Ergebnis der Dreharbeiten, den fertigen Film, den der Trupp um den von Romain Duris gespielten Regisseur Remi gedreht hat: eine wilde Zombieplotte, die Ed Wood aussehen lässt wie Orson Welles. Nichts will so richtig stimmen, mittendrin hält die Handlung mal an oder bleibt die Kamera am Boden liegen und filmt ins Leere. Und warum sprechen sich die offenkundig französischen Schauspieler mit japanischen Namen an? Aber dieser Film kommt nach einer halben Stunde doch zu einem Ende, mit einer Kranfahrt der Kamera in der Höhe, um die blutverschmierte Hauptdarstellerin zu zeigen, die in einem auf den Boden geschmierten Pentagramm steht. Nun erst wird offenbart, dass es nur ein Film im Film ist. In wie ein Countdown angelegten Rückblenden wird erzählt, wie es zu dieser Produktion kommen konnte, was die japanische Auftraggeberin will und wie der von Erfolglosigkeit geplagte und von seiner Familie zunehmend entfremdete Filmemacher Remi den Dreh auf die Beine stellt. Und vor allem, was alles auf dem Weg dahin, bis eine Minute vor Drehstart schiefgeht. Danach sieht man von der Außensicht, wie der Film gedreht wird.

Und man versteht auf einmal, warum das, was man am Anfang gesehen hat, so verdammt merkwürdig war. Mehr noch. Man findet es immer lustiger, und was anfangs so stümperhaft und überzogen wirkte, ist auf einmal grundsympathisch. Die ganze Crew wächst einem ans Herzen. Und wenn am Schluss gezeigt wird, dass die Kranbewegung nach oben gar keine Kranbewegung ist, ist man als Zuschauer emotional regelrecht angerührt. Und man versteht nunmehr auch, warum sich Thierry Frémaux dazu entschieden hat, das Festival de Cannes drei Jahre nach The Dead Don't Die" wieder mit einer Zombiekomödie zu eröffnen und Hazanavicius zum vierten Mal an die Croisette zuladen, auch wenn die letzten beiden Filme des Regisseurs im Wettbewerb, "The Search" und "Godard Mon Amour", nicht gerade das Gelbe vom Ei waren. Weil es ein Film ist, der das Kino feiert. Und mit ihm die Irren, die sich von keiner noch so großen Widrigkeit davon abhalten lassen, es zu machen. Man muss sie einfach lieben. Das Kino und seine Macher.

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.