Kino

"Wir brauchen eine nachhaltige Kinoförderung!"

Klare Worte aus Baden-Baden, die nachhallen müssen: Eine Aufstockung und ein Ausbau der Kinoförderung in Deutschland sind alternativlos in einer Situation, in der sich die Branche aus einer Pandemie herausarbeitet, um sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert zu sehen. Und dabei muss auch der Verleih in den Blick genommen werden.

17.05.2022 17:30 • von Marc Mensch
Die HDF-Vorstandsvorsitzende Christine Berg bei der offiziellen Eröffnung der KINO 2022 im Kongresshaus Baden-Baden (Bild: Denis Kotscherow)

Keine Frage. Die KINO 2022 steht im Zeichen eines Aufbruchs. Im Zeichen einer Zeit, in der Kinos endlich wieder Gäste ohne Restriktionen empfangen können, in der die Erfolgsmeldungen wieder häufiger werden, in der man lieber nach vorne als zurück blickt. Aber sie steht eben auch im Zeichen eines beschwerlichen Wegs aus der Pandemie, im Zeichen neuer Herausforderungen durch globale Verwerfungen der Wirtschaft, die mittlerweile leider weit über direkte Corona-Folgen hinausgehen - und deren Ausmaß und Dauer nicht einmal im Ansatz abgesehen werden kann. Oder anders gesagt: Sie steht auch im Zeichen einer Zeit, in der der Blick nach vorne auch kein sorgenfreier ist.

Und tatsächlich darf man der neuen Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die zwar leider nicht persönlich nach Baden-Baden kommen konnte, aber eine Videobotschaft schickte, wohl attestieren, dass sie ganz grundsätzliche Probleme nicht nur erkannt hat - sondern schon in der Vergangenheit klar benannt hat, zuletzt unter anderem beim Deutschen Produzententag. Die Herausforderungen der Pandemie haben sich nicht mit der Aufhebung von Maßnahmen erledigt, ein Neustart kostet extrem Kraft - und gerade auch der Staat muss besser auf Krisen vorbereitet sein. Was nicht zuletzt die unsichere Situation im Herbst/Winter einschließt.

Tatsächlich ging auch ihre Grußbotschaft zum Kongress zunächst in diese Richtung - doch was folgte, war vielleicht noch nicht ganz das, was man sich vielleicht hätte erhoffen mögen. Denn es war noch kein Hilfsversprechen, sondern erst einmal ein Arbeitsauftrag.

Denn, so Roth: "Die Kinos der Zukunft wünsche ich mir nicht nur moderner und attraktiver, sondern auch nachhaltiger. Die Weichen zu mehr Nachhaltigkeit in der Film- und Kinobranche können wir nur gemeinsam erfolgreich stellen. Die ab dem kommenden Jahr geltenden ökologischen Mindeststandards für Produktionen sind ein großer Erfolg und können auch für die Kinobranche Vorbild sein. So sollen auch Kinos nachhaltiger planen und arbeiten können."

Nun haben Kinos den Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit längst aufgegriffen und vielerorts engagierte Maßnahmen weit über das gesetzlich Geforderte hinaus umgesetzt - einige schöne Beispiele dafür finden Sie in unserem Kongress-Sonderheft "Fokus: Kino". Und Roth zeigte sich ausdrücklich erfreut darüber, dass man mit dem HDF bereits im Austausch zu den von ihr angesprochenen Standards stehe.

Dass man Kinos mit einer solchen Aufgabe finanziell nicht ganz alleine lassen kann, liegt eigentlich auf der Hand - und generell scheint das letzte Wort in Sachen Kinoförderung für dieses Jahr (und die Folgejahre...) durchaus noch nicht gesprochen zu sein. Aber selten zuvor wurde auf der Bühne eines Filmtheaterkongresses eine Forderung an die Politik so nachhaltig betont. Und das beileibe nicht nur von der HDF-Vorstandsvorsitzenden Christine Berg, sondern auch von VdF-Geschäftsführer Peter Schauerte, der ihre Worte in einem anschließenden Panel sekundierte - und sich dafür über Einsatz für Verleihhilfen durch Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile freuen durfte. Denn gefragt sind nicht nur große Filme, sondern vor allem auch Filme die mit entsprechendem Vermarktungsdruck ihr Publikum finden.

Kurz gesagt: Ein Investitionsprogramm, das nach zwei Stunden überzeichnet war, kann nicht die Antwort auf den Unterstützungsbedarf der Branche sein. Nun mag der Vergleich mit einer Anreizförderung ein wenig hinken - aber dass die großzügigen (und aus Sicht des Produktionsstandortes erst einmal absolut zu begrüßenden) Aufstockungen des GMPF nicht allseits sofort goutiert werden, muss man verstehen.

Nicht dass die Kinobranche - und da kann man Gregory Theile nur beipflichten - ihr Licht unter den Scheffel stellen sollte. Deutschlands Kinos konnten nicht zuletzt bereitgestellte Hilfen nutzen, um sich gerade auch während der Pandemie noch attraktiver als je zuvor aufzustellen. Aber es gibt zwei grundsätzliche Wahrheiten: Ohne Hilfsmaßnahmen hätte ein Kinosterben während der vergangenen zwei Jahre nicht vermieden werden können. Oder wie es Berg formulierte: "Ohne Hilfen hätten die Kinos nicht überlebt!" Und gerade die Unterstützung für Investitionen war höchst ungleich verteilt. Auch daher der klare, mehrfache und eindringliche Appell: Eine Aufstockung der Kino-Investitionsförderung und ein Ausbau (im Sinne eines Adressatenkreises, der die Branche in ihrer Gänze mitnimmt) ist alternativlos. Und zumindest an dieser Stelle machten die Worte von Roth ein wenig Hoffnung: Denn ihr ausdrücklicher Wunsch nach Vielfalt im Kino schloss alle Kinotypen, alle Formen dieses kulturellen Angebots ein - da hatte ihre Amtsvorgängerin durchaus einen engeren Blick.

Und sonst? Adressierte Christine Berg wie schon am Vorabend das nicht immer einfache, aber doch immer wieder zu konstruktiven Ergebnissen taugliche Verhältnis zu den Verleihpartnern - nicht umsonst wurden direkt im Anschluss die von SPD-Kulturexperte Martin Rabanus moderierten Verhandlungen über eine Branchenvereinbarung thematisiert. Die übrigens schon deshalb so komplex sind, weil sie sich nicht nur auf das Verhältnis Kino-Verleih erstrecken, sondern auch nachgelagerte Auswertungsstufen mit im Blick haben; so sitzen unter anderem auch Streamer und Sender mit am Tisch.

Zunächst aber ging es Christine Berg um die ganz grundsätzliche Aufgabe: Die Rückgewinnung des Publikums in seiner gesamten Breite - mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. In diesem Zusammenhang zeigte sie sich nicht nur erfreut, dass erneut eine gemeinsame Branchenkampagne auf den Weg gebracht wurde. Sondern sie ließ auch beim Thema "Kinofest" nicht locker - und betonte, dass sich eigentlich "alle dafür aussprechen", man aber nun das Ziel nicht aus den Augen verlieren dürfe.

Ihr klarer Appell: "Wir müssen unsere gemeinsame Kraft nutzen, um sichtbarer und stärker zu werden!" Die Tatsache, dass man während der Pandemie enger zusammengerückt sei, sollte dabei eigentlich Rückenwind geben...