Festival

CANNES Tag 0: 504 Gateway Time-out

Das 75. Festival de Cannes hat noch gar nicht begonnen, und schon hat Festivalchef Thierry Frémaux die Weltpresse gegen sich aufgebracht: Das anfällige Digitalticketsystem bringt die Journalisten gegen das Festival auf. Ab heute Abend gibt es dann aber auch Filme.

17.05.2022 16:15 • von Thomas Schultze

Seit diesem Jahr fängt das Festival de Cannes schon drei Tage früher an. Seit Sonntag kann man sich bereits auf digitalem Weg Tickets für die Pressevorführungen und alle anderen der Presse offenstehenden Screenings der Sélection officielle wie auch der Quinzaine des Réalisateurs sichern. Oder besser gesagt: Man muss, wenn man denn sicherstellen will, dass man vor Ort dann auch wirklich Zulass zu den Sälen bekommt. Was abgesehen von ein bisschen Disziplin auch kein Problem wäre, wann denn das Ticketsystem in Cannes mitgespielt hätte. Wie schon im Vorjahr hat es dann aber nur sporadisch getan. Immer wieder musste man sich neu einwählen, immer wieder stockte der Seitenaufbau, immer wieder musste man sich neu zu den gewählten Filmen vorkämpfen. Bis dann gestern das gesamte System zusammenbrach. "504 Gateway Time-out" oder "Service is temporarily unavailable" waren ständige Begleiter auf dem Weg zur Verzweiflung. In Cannes selber fiel wohl das komplette Computersystem auf, sodass zwischenzeitlich keinerlei Akkreditierungen ausgegeben werden konnten. Bei der traditionellen Pressekonferenz mit Thierry Frémaux am gestrigen Nachmittag geriet der Festivalleiter denn auch sichtlich in die Defensive, als er von aufgebrachten Journalisten konfrontiert wurde. Er erklärte, der Grund für die Ausfälle sei eine externe Attacke auf die Server, die das System zum Erlahmen gebracht habe. Und er gelobte Besserung. Am Abend schob die Presseabteilung einen neuen Zugang für Journalisten nach, der heute morgens tatsächlich auch reibungslos funktionierte.

Gerade rechtzeitig zum eigentlichen Auftakt des 75. Festival de Cannes mit der Zombie-Parodie Final Cut" von Michel Hazanavicius, der dann hoffentlich den holprigen Vorstart vergessen macht. Insgesamt ist die Anspannung vor diesem Film deutlich niedriger als im Vorjahr, als Cannes mit Annette" von Leos Carax eröffnete, dessen erster Satz "So may we start" dann auch den Ton vorgab für einen sehr starken Jahrgang, damals das erste große Festival nach dem langen Lockdown. Vielleicht will man sich zunächst aber auch nicht so recht erwärmen für Hazanavicius' Film, weil das Festival de Cannes erst vor drei Jahren schon einmal mit einer Zombieparodie startete, The Dead Don't Die" von Jim Jarmusch. Und der war ja auch nicht so richtig heiß. Aber geben wir Hazanavicius eine Chance. Und dann warten wir auf die vermeintlichen Schwergewichte und den wahren Filmtalk, auf die neuen Arbeiten von Weltklassefilmeachern wie David Cronenberg, Hirokazu Koreeda, Claire Denis, Kelly Reichardt oder Ruben Östlund, auf vermeintliche Aufreger wie Holy Spider" von Ali Abbasi oder Boy from Heaven" von Tarik Saleh, auf die neuen Filme von Emily Atef und Marie Kreutzer und auf die vielen Überraschungen und Entdeckungen, die das Festival gewiss bereithält. Denn darum soll es ja gehen. In Cannes. Und in unserem Tagebuch, das Sie in den kommenden zwölf Tagen zuverlässig durch das Festival begleiten wird.

So may we start...

Aus Cannes berichtet Thomas Schultze.