Produktion

Produzent Fabian Gasmia über "Harka": "Brutale Aktualität"

Einen abenteuerlichen Ritt hat Produzent Fabian Gasmia mit dem Un-Certain-Regard-Beitrag "Harka" erlebt, einer Geschichte aus Tunesien, die den Finger in die Wunde legt. Der Film von Lotfy Nathan feiert am 19. Mai seine Weltpremiere.

18.05.2022 08:05 • von Barbara Schuster
Fabian Gasmia ist Koproduzent von "Harka" (Bild: Seven Elephants)

Einen abenteuerlichen Ritt hat Produzent Fabian Gasmia mit dem Un-Certain-Regard-Beitrag "Harka" erlebt, einer Geschichte aus Tunesien, die den Finger in die Wunde legt. Der Film von Lotfy Nathan feiert am 19. Mai seine Weltpremiere.

Nach "Annette" 2021 sind Sie als Koproduzent von "Harka" gleich wieder in Cannes. Davor mit Julia von Heinz' "Und morgen die ganze Welt" in Venedig: Ist es dennoch weiterhin etwas Besonderes, auf diese ehrwürdigen A-Festivals eingeladen zu werden?

Fabian Gasmia: Es ist jedes Mal wieder unglaublich aufregend. Gerade bei einem Film wie "Harka", ein kleines ambitioniertes Spielfilmdebüt, ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht, ob man in Cannes in Un Certain Regard läuft oder bei einem kleinen regionalen Festival. Die Einladung nach Cannes ist eine wunderbare Würdigung, ein Ritterschlag - vor allem nach dieser extrem harten, quasi unbezahlten Arbeit mit vielen Überstunden und einem abenteuerlichen Pandemiedreh in Nordafrika.

Warum ist Cannes der passende Ort für diesen Film?

Fabian Gasmia: "Harka" ist ein hochpolitischer Stoff. Es geht um die Geschichte eines jungen Mannes, der in Tunesien lebt und sich mit den dortigen Missständen wie Korruption oder rasant steigende Lebensmittelpreise - was ja leider politischer geworden ist, als wir es damals hätten erahnen können - konfrontiert sieht. Ein Mann also, von dem man denkt, dass er die Reise über das Mittelmeer antreten wird, weil die Zustände in der Heimat unhaltbar geworden sind, der dann aber den Weg geht, den Mohamed Bouazizi vor zwölf Jahren gewählt hat, und sich selbst verbrennt. Bouazizis Selbstverbrennung im Dezember 2010 war Auslöser des Arabischen Frühlings. Es ist brutal, wie aktuell unser Stoff leider ist. Man kann die Uhr danach stellen, dass die stark steigenden Lebensmittelpreise für große Krisen in der Region sorgen werden, und nicht nur dort, sondern man denkt auch an Ägypten, Pakistan und andere Länder. Deswegen freut es mich so sehr, dass diese sehr emotionale, persönliche Geschichte unserer Hauptfigur an der Croisette auf großer Leinwand erzählt werden kann.

Sie sind deutscher Koproduzent: Wie kamen Sie an Bord? Und wer waren Ihre Mitstreiter?

Fabian Gasmia: Das Projekt hat eine verrückte Genese. Der Film wurde von Anonymous Content entwickelt, die hinter hochkarätigen Film- und Fernsehstoffen stecken wie "Babel", "The Revenant" oder "Winter's Bone". Anonymous Content ist eine reine Entwicklungsfirma, die mit den besten Autorinnen und Autoren zusammenarbeitet. Sie haben das Projekt damals in die Hände von Big Beach gelegt, deren größer Hit "Little Miss Sunshine" war und die zu einer der großen Independent-Produktionsfirmen in den USA zählen.

Wie ging es weiter?

Fabian Gasmia: Es war schon einmal sehr ungewöhnlich, dass die Geschichte eines nordafrikanischen Mannes, der Selbstmord begeht, von zwei amerikanischen Firmen aufgestellt wird. Der Filmchef von Big Beach, Michael Clark, ist über den Dreh von David Wnendts Film "The Sunlit Night" ein enger Freund von mir geworden. Er hat mich bei der "Sunlit Night"-Premiere in Sundance 2019 gefragt, ob ich bei "Harka" aus Deutschland heraus mit an Bord kommen möchte. Ich habe sofort ja gesagt. Ich bin Halb-Algerier und mein Vater hat selbst diese Reise übers Mittelmeer in den 1950er-Jahren angetreten. Ich fand spannend, dieses Thema filmisch zu beleuchten, einen Blick auf die Situation in Nordafrika zu werfen. Dann stieg Big Beach aus. Das Projekt stand ohne Hauptproduzent da, wobei ich eigentlich der geborene Hauptproduzent gewesen wäre, weil ich von den Leuten, die noch dabei waren, der Einzige war, der hands on schon Filme hergestellt hatte. Allerdings stand bei mir David Wnendts "Sonne und Beton" zum gleichen Drehzeitraum in der Mache. Also kam mir in den Sinn, dass "Harka" auch mit Frankreich aufgrund seiner Kolonialvergangenheit Sinn machen würde. Somit habe ich die tolle Nachwuchskollegin Julie Viez an Bord geholt, die es geschafft hat, dieses wirklich schwer zu finanzierende Projekt mit viel Private-Equity-Partnern und einigen wenigen Förderungen als fünf Länder-Koproduktion aufzustellen. Ich habe mich freiwillig und gerne in die Koproduzentenrolle zurückgezogen - mehr hätte ich nicht machen können.

ZDFund Arte sind aber auch beteiligt?

Fabian Gasmia: Jörg Schneider vom ZDF/Kleines Fernsehspiel war von Anfang an mit dabei. Ihm ist es zu verdanken, dass Arte/ZDF eingestiegen ist mit Doris Hepp und Claudia Tronnier. Sie haben einen substanziellen Beitrag geleistet und es ermöglicht, dass das Projekt von deutscher Seite mitfinanziert werden konnte.

Lotfy Nathan studierte in den USA Malerei. Als Filmemacher legte er sein Debüt mit dem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm "12 O'Clock Boys" vor. Was ist er für ein Mensch? Wie arbeitet er?

Fabian Gasmia: Er ist im besten Sinne des Wortes stur, folgt seiner Vision, ist aber nicht beratungsresistent. Wenn man mit guten Ratschlägen kommt, nimmt er sie dankend an. Wir hatten am Anfang ein Problem mit dem Drehbuch. Gemeinsam mit einer Skriptdoktorin aus England, mit der ich an fast allen meinen Projekten arbeite, haben wir das Buch, das auf Englisch entwickelt wurde (und später auf Arabisch gedreht wurde), noch mal komplett auf den Kopf gestellt. Anfangs sollte es ein historischer Film über Bouazizi werden, wofür wir auch die Rechte hatten. Dann fanden wir es aber irgendwann aus der Zeit gefallen, weil leider Gottes das Thema so aktuell ist, dass wir das unbedingte Gefühl hatten, die Geschichte ins heute und jetzt holen zu müssen. Diesen Impuls ist der Regisseur mitgegangen. Sonst hat er seine Vision aber stets gegen die zwölf Produzenten, die oft mit zwölf Meinungen dastanden, verteidigt, wo es notwendig war. Lotfy ist sehr visuell und arbeitete mit dem deutschen Kameramann Maximilian Pittner zusammen, der mit "Harka" sein Kinodebüt ablegt. Pittner ist sonst ein großer Star im Bereich Werbung. Verrückterweise hatten wir nicht nur die Coronapandemie und einen abenteuerlichen Dreh in Nordafrika, sondern uns sogar getraut, den Film auf 35 Millimeter zu drehen.

War das im Budget drin?

Fabian Gasmia: Ohne die beherzte Hilfe von Arri hätten wir das nicht stemmen können. Das Budget von ¿Harka¿ lag unter eine Mio. Euro. Es war alles andere als einfach. Der Dreh auf 35 Millimeter war eine der sturen Ideen des Regisseurs. Ich bin froh, dass er sich durchgesetzt hat, weil ich ehrlich gesagt auch dafür war. Dadurch, dass wir es im sogenannten Zwei-Perf-Verfahren bzw. Techniscope gedreht haben, war es bezahlbar.

Ist das Aufstellen internationaler Koproduktionen in den letzten Jahren leichter oder schwieriger geworden?

Fabian Gasmia: Es gibt definitv weniger Möglichkeiten, internationale Koproduktionen auf den klassischen Wegen zu finanzieren. Aber absurderweise, möchte ich fast sagen, war es möglich, bei einem arabischsprachigen Debüt am Ende sechs verschiedenen Private-Equity-Partner zu involvieren. Das hat mich selbst überrascht. Draußen in der Welt gibt es also einiges an Geld und Menschen, die in gut entwickelte Drehbücher und vielversprechende Talente investieren wollen.

Dennoch war es kein leichter Ritt.

Fabian Gasmia: Bei "Harka" war am Ende alles eine Herausforderung. Wir hatten einfach viel zu wenig Geld, einen Dreh auf 35 Millimeter in einem politisch sehr instabilen Land, reisten mit einem Team aus fünf oder sechs Ländern nach zwei Corona-Lockdowns an, mussten uns mit abenteuerlichen Corona-Bedingungen herumschlagen, sahen uns mit großen Schwierigkeiten mit Arbeitserlaubnissen konfrontiert. In viel zu wenig Drehtagen haben wir das Unmögliche geschafft. Ich kann es selbst immer noch nicht glauben. Julie Viez ist über sich hinausgewachsen.

Ist es Ihnen ein Anliegen, neue Stimmen wie die von Lotfy Nathan zu fördern?

Fabian Gasmia: Es ist wichtig, neue Stimmen an die Hand zu nehmen und über ihr Debüt in den Markt hineinzubegleiten. Ich schaue, dass ich zwei, drei Filme mit arrivierten Filmemacherinnen oder Filmemachern realisiere, dazwischen aber stets auch eine junge Stimme habe. "Harka" ist auch ein Abschied für mich, ein Abschied von meiner alten Firma Detailfilm, weil dieses Projekt - wie auch "Annette" - noch aus einer Zeit stammt, zu der Seven Elephants noch gar nicht existierte. Ich hatte die letzten drei Jahre eine unglaubliche Freude dabei, unsere Seven Elephants aufzubauen und die ersten beiden Filme, "Und morgen die ganze Welt" sowie "Sonne und Beton", zu drehen. Zudem stehen mit David Wnendt, Julia von Heinz und Erik Schmitt so viele unfassbar spannende Projekte, national wie international, an, dass es sicherlich nicht langweilig wird.

Wie ist Stand der Dinge bei "Sonne und Beton"?

Fabian Gasmia: Wir sind kurz vor dem Rohschnitt. Bei dem Projekt möchte ich die sensationelle Zusammenarbeit mit Constantin sowohl als Produzent als auch als Verleiher hervorheben. Es war wirklich spitze, was Christoph Müller und Franziska Suppee an Impulsen gesetzt haben und dass Torsten Koch und sein Team vom Verleih so früh miteinbezogen waren. Ich kann von ihnen viel lernen, verblüffe aber hin und wieder auch sie, wenn sie sehen, für wie wenig Geld wir den Film hinbekommen haben. Wir hatten ein Budget von 4,6 Mio. Euro und haben davon 60 Drehtage historisch gedreht. Es hat auch nur funktioniert, weil David und ich uns in jedem Arbeitsschritt festgelegt haben, was wir brauchen und worauf wir verzichten können. Wir hatten dann eben ganz grundsätzliche Dinge nicht, wie colorgegradete Muster, hatten jeweils nur einen kleinen Kostüm- und Make-up Wagen. Unser Fuhrpark war kleiner als bei einigen Debüts, die ich produziert habe. Ich bin jeden Tag mit der U-Bahn zum Set gefahren, habe kein Auto von der Produktion beansprucht, sondern wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Wir haben viele neue Dinge ausprobiert, die es uns am Ende erlaubt haben, mit geringem Budget einen ganz tollen, super ambitionierten, großen Film zu machen. Aktuell wird auch am Soundtrack mit einigen sehr bekannten Hiphop-Größen gefeilt.

Und wie steht es um "Iron Box", das englischsprachige Debüt von Julia von Heinz?

Fabian Gasmia: "Iron Box" mit Mandy Patinkin und Lena Dunham in den Hauptrollen befindet sich auf einem tollen Weg. Das Drehbuch zähle ich zu den drei besten, die ich von vielleicht gesamt 1000, die im Lauf meiner Karriere auf meinem Tisch gelandet sind, gelesen habe. Das hat sicherlich dabei geholfen, dass wir bereits viele Unterstützer und Partner an unserer Seite haben. Wir haben einen spannenden angelsächsischen Weltvertrieb an Bord, eine der besten Adresse der Welt, um Projekte breit zu platzieren. Bald gehen wir in die Vorproduktion, haben das Szenografen-Team von "Ida" und "Cold War" an unserer Seite, die uns das Polen von damals wieder auferstehen lassen. Wir planen, große Teile des Films in Deutschland zu drehen, unteranderem in Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt, weil wir dort die besseren Motive als in Polen gefunden haben und logistisch einfach dichter beieinander sein können. Grünes Produzieren ist bei uns in der Firma ein großes Thema, das wir sehr ernst nehmen. Auch zum Table Read, den wir in London abgehalten habe, weil dort alle Schauspieler waren, bin ich von Berlin aus mit dem Zug gefahren. Man kann in Europa auf diese umweltschonende Weise auch lange Strecken zurücklegen und sich die Zeit mit Drehbücherlesen und dem Schreiben von E-Mails vertreiben.

Das Gespräch führte Barbara Schuster