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REVIEW KINO: "Leander Haußmanns Stasikomödie"

Am Donnerstag kommt endlich "Leander Haußmanns Stasikomödie" mit David Kross und Jörg Schüttauf in die deutschen Kinos. Was den Film zu einem anarchischen Kleinod macht, erfahren Sie in unserer Besprechung.

16.05.2022 11:03 • von Thomas Schultze
Vier junge Stasi-Agenten würden gerne rein in die Bohème-Szene in Prenzlauer Berg (Bild: Constantin)

Am Donnerstag kommt endlich Leander Haußmanns Stasikomödie" mit David Kross und Jörg Schüttauf in die deutschen Kinos. Was den Film zu einem anarchischen Kleinod macht, erfahren Sie in unserer Besprechung.

Viele Filmemacher in Deutschland können nicht von sich behaupten, eine visuell und erzählerisch so unverkennbar eigene Handschrift zu besitzen, dass man ihre Arbeit sofort identifizieren kann. Bei "Stasikomödie" müsste der Name Leander Haußmann nicht im Titel verzeichnet sein. Man sieht sofort, dass der erste Kinofilm des 62-jährigen Regisseurs seit fünf Jahren nur von ihm sein kann. Haußmanns Arbeiten torkeln immer so distinktiv mit Schlagseite vor sich hin, als hätten sie wochenlang ausschließlich die erste Seite von Tom Waits' Album "Rain Dogs" angehört, als hätten sie in einer der verbotenen Kaschemmen im Prenzlauer Berg der Achtzigerjahre wie das "Zum anderen Ufer", das einer der prägnanten Schauplätze des Films ist, ein Stamperl Kompassalkohol zu viel erwischt. Wenn Haußmann gut ist, dann sind seine traurigen Komödien anarchische Kabinettstücke, erfrischend undiszipliniert und wild, erfüllt von einem zutiefst menschlichen Spirit. Hier, im späten Abschluss seiner mit "Sonnenallee" und "NVA" begonnenen DDR-Trilogie, ist er sehr gut; ein milder und doch bissig-kritischer Blick auf die Versuche der Stasi, die Bohème in Ost-Berlin zu unterwandern.

Bei Haußmann ist klar, dass die Situation ausufert: Jeder bespitzelt jeden, jeder hat ungeahnte Seilschaften, jeder verfolgt eine Agenda, die nicht eindeutig mit dem Outfit mit West-Jeans und der trotzig zur Schau getragenen "Freak flag" (sprich: lange Hippiehaare) zu vereinbaren sind. So entsteht eine Komödie der Irrungen und Wirrungen, in der alle Beteiligten um ein Zipfelchen Freiheit kämpfen, ob sie denn nun genuin dem Untergrund angehören oder nur so tun und die Gelegenheit, als IM eingesetzt zu werden, nutzen, sich einen eigenen Freiraum zu schaffen, bis der Unterschied zwischen Freund und Feind nicht mehr auszumachen ist. Das ist eine wunderbare Grundlage für eine (Agenten-)Komödie: Das erstmalige Studium seiner Stasi-Akte vor versammelter Familie und ein paar peinliche Einblicke in die eigene Vergangenheit lassen Ludger Fuchs wieder eintauchen in die Zeit damals, als er als junger Stasimann an der Seite von ein paar Kollegen in Prenzlberg Jagd auf mögliche Staatsfeinde machen soll und sich alsbald in einem Labyrinth romantischer Erweckungserlebnisse in der Szene verliert. Aus Jörg Schüttauf wird im Gegenschnitt David Kross - beide brillant besetzt und absolut glaubhaft als ältere und junge Ausgabe des sympathischen Helden, dessen staatstragende Überzeugungen auf eine harte Probe gestellt werden.

Immer wieder droht der vor Schnurren und Anekdoten strotzende Film aus der Kurve getragen zu werden, weil es doch so viel zu fabulieren und doch nur so wenig Zeit dafür gibt. Den Produzenten ist es wohl zu verdanken, dass "Leander Haußmanns Stasikomödie" auf der Spur bleibt und mit viel Liebe einer Zeit und einem Ort ein Denkmal setzt, das nicht einfach nur abgebildet, sondern vielmehr am eigenen Leib ge- und erlebt wirkt: Wenn im "Zum anderen Ufer" der Barkeeper und eine Dragqueen (hinreißend: Karsten Speck und Alexander Scheer) ein Ständchen anstimmen und der gesamte Laden sich in den Armen liegt, ist das gelebte Diversität und wirkt allemal echter und eindringlicher als die vielen neuen Filme, bei denen im Sinne der politischen Korrektheit eine Checkliste abgehakt zu werden scheint. Seinen Spott und seine Verachtung hebt sich Leander Haußmann für die Strippenzieher auf: für den etwas grotesken Vorgesetzten, gespielt von Henry Hübchen, und vor allem für Stasi-Architekt Erich Mielke. Wenn der sich auf einem Fest als Sonnenkönig feiern lässt, dann hat das so viel Gift und Galle wie Helmut Dietl in seinen ätzendsten Momenten. Haußmann erzählt lieber vom Volk, von den Menschen, die sich das Leben und Lieben nicht verbieten lassen. Mit der Lakonie eines Jarmusch oder Kaurismäki ist das goldrichtig so.

Thomas Schultze